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Zwischen Klischee und Wirklichkeit

Wie könnte es anders sein, unser Bild von Andalusien und seinen Menschen ist von „Vor-Urteilen“ geprägt. Da ist dann Platz für die temperamentvolle, sinnliche und heißblütige Andalusierin, die ihrem Wesen im Flamenco Ausdruck gibt. Ein Bild, das zu einem nicht geringen Teil von Bizets und Merimées Carmen geprägt wurde, das von Carlos Saura filmisch meisterhaft umgesetzt wurde. Und da ist dann auch Platz für den Macho, den Don Juan der Gegenwart, der mit seinem Vorbild, dem jungen Adligen aus Sevilla, ein Auftreten als gutaussehender Draufgänger, Verführer und Frauenheld gemeinsam hat. Daß Tourismusindustrie und Medien dieses Bild mit Flamencoshows und Stierkampf gerne bedienen, versteht sich von selbst. Wie so oft, gibt es Berührungspunkte zwischen Realität und Klischee. Zwar sind die Flügel des selbstbewußten Don Juan im Andalusien der Gegenwart längst gestutzt, doch noch immer fallen nicht wenige Herren der Schöpfung durch betontes machismo-Gehabe in der Öffentlichkeit auf. Das ist durchaus vereinbar mit einer Betonung familiären Zusammenhalts, wie wir ihn von zuhause kaum noch kennen. Irgendwie hängen fast alle Aktivitäten mit der Familie zusammen, auf dem Lande natürlich stärker als in den großen Städten. Man besucht sich gegenseitig, tritt gemeinsam in der Öffenlichkeit auf und der Sonntagsspaziergang am Nachmittag, zu dem sich die Familie besonders schick herausputzt, ist von erstaunenswerter Bedeutung und weit verbreitet.

Plaza Bib-Rambla in Granada, Andalusien

Plaza Bib-Rambla in Granada


Zur Wirklichkeit andalusischen Lebens gehört auch ein spezifisches Verhältnis zu Lautstärke und Lärm, nicht immer zur Freude ruhesuchender Touristen. Kommunikation wird groß geschrieben im Süden Spaniens, lautstark wird auch in der Öffenlichkeit bis spät in die Nacht gestenreich diskutiert und palavert, ob über Familie, Sport oder Politik, von außen hat man bisweilen den Eindruck, Zeuge einer höchst emotionalen Situation zu sein. Doch bald gewöhnt man sich an diesen Gestus des Theatralischen als ganz normale Umgangsform. Die Lautstärke setzt sich in vielen Lokalen fort, wo der eingeschaltete Fernseher beständig eine lärmende Hintergrundkulisse bildet.


Einblick in andalusische Mentalität bekommt man am besten bei einem der zahlreichen Feste. Hier wird man gewahr, wie tief Tanz und Gesang in der andalusischen Seele verwurzelt sind, wie ansteckend ausgelassen und fröhlich die Menschen hier sein können, wie wenig sie aufgesetztes Spektakel benötigen.

 

 

 

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