Weinselig und weltoffen
Das slowenische Maribor als Europäische Kulturhauptstadt 2012
Text und Fotos: Robert B. Fishman

Das alte Rathaus am Hauptplatz
Ein altes Bauernhaus mit Blick in ein weites, grünes Tal: Hinter dem Haus wachsen in den Hügeln Tomaten, Zucchini, Paprika, Bohnen und anderes Gemüse, daneben Apfel- und Kirschbäume vor einem kleinen Weinberg, sattes Grün bis zum Horizont. Marica, die kräftige Bäuerin bringt frisches Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten, Wurst, Schinken und ihr noch warmes selbstgebackenes Brot. Ihr Mann Iwan schenkt aus einer 5-Liter-Flasche Rotwein nach. „Mein eigener“, sagt er und strahlt stolz.

Bäuerin Marica bringt selbstgebackenen Kuchen
Unten in Maribor kennt kaum jemand den Bauernhof von Iwan und Marica in Jurowski Dol, einem winzigen Dorf keine 20 Kilometer von Europas Kulturhauptstadt 2012 entfernt. Die Mariborer kaufen ihre Lebensmittel in den zahlreichen Filialen der großen Supermarktketten. Die importieren das billige, mit viel Chemie hergestellte Gemüse aus Andalusien und Süditalien. Im bergigen Osten Sloweniens müssen deshalb die kleinen Bauern aufgeben. Die in Westeuropa fast abgeschlossene Industrialisierung der Landwirtschaft hat nun auch die neuen EU-Länder im Griff.
„In meinem Heimatdorf gab es früher noch zehn Gemüsebauern“, erzählt Tomasch Gregortsch. „Jetzt ist keiner mehr da.“ Im Projekt Urban Furrows, städtische Furchen, der Europäischen Kulturhauptstadt 2012 will Gregortsch den Kleinbauern rund um Maribor neue Perspektiven schaffen und den Städtern mehr Lebensqualität bringen. Als Teil des Kulturhauptstadtprogramms entsteht in Maribor ein Selbsthilfezentrum. Die Projektmitarbeiter wollen dort frische Lebensmittel aus der Umgebung ohne Zwischenhandel direkt an die Städter verkaufen. Dazu soll es eine Beratungsstelle für Menschen in sozialen Schwierigkeiten geben. Projektleiterin Marta Gregorčič und ihren Kolleginnen und Kollegen geht es um mehr als ein Dorf und eine Stadt. Sie wollen „den Menschen helfen, ihre Interessen selbst in die Hand zu nehmen“. In Maribor planen sie zum Beispiel eine Schrebergartensiedlung mit Gemeinschaftshaus, die die Nutzer gemeinsam organisieren und verwalten. Vor allem Arbeitslosen und Benachteiligten wollen sie so „Alternativen zu Resignation und Vereinzelung“ bieten.

Natascha Kramberger
Die junge Schriftstellerin und Projektmitarbeiterin Natascha Kramberger ist in Jurovski Dol aufgewachsen. Über ihre Kontakte konnten die „Städtischen Furchen“ in dem Dorf Wurzeln schlagen. Acht Bauern machen schon mit, darunter Marica und Ivan. Ihre frischen Produkte wollen sie direkt an Schulen und Kindergärten verkaufen.
Natascha Kramberger, die 2010 mit ihrem ersten Roman „Brombeerhimmel“ den Literaturpreis der Europäischen Union gewonnen hat und inzwischen in Berlin lebt, kommt oft zurück in ihre Heimat. „Bags of Stories“, Taschen voller Geschichten nennt sie ihr ebenfalls in die Kulturhauptstadt integriertes Projekt: Sie sammelt alte Kleider, Hosen und Hemden. Gemeinsam mit deren Besitzerinnen näht sie die alten Stoffe zu Taschen um und lässt sich deren Geschichten erzählen. Diese legen sie auf Zetteln gedruckt in die Taschen, die sie auf Märkten und Messen für 10 Euro pro Stück verkaufen. „Es läuft gut“, freut sich die junge Schriftstellerin mit dem charmanten Lachen. Mit den vielen Ideen und der Unterstützung der Europäischen Kulturhauptstadt hat sie wieder Leben ins Dorf gebracht. Das alte, seit 40 Jahren verfallende Gasthaus wollen die Dorfbewohner zurückkaufen und renovieren.

Das alte, seit 40 Jahren verfallende Gasthaus
„Wie wir wohnen, was wir essen und trinken und ob wir glücklich sind“ ist für Natascha Kramberger „die wichtigste Frage“. So zeigen die „Urban Furrows“, dass auch die Europäischen Kulturhauptstädte unter Kultur viel mehr verstehen, als große Operaufführungen, Konzerte und Theaterfestivals. Es geht auch um Alltagskultur, die die Identität der Menschen prägt.
„Wir sind sehr offen hier, man grüßt sich auf der Straße und fragt, wie es geht“, erzählt Marinka Kosar. In Maribor geboren und aufgewachsen hat sie „immer hier gelebt“ und wollte auch nie weg. Die fröhliche Fünfzigerin schwärmt von sozial gemischten Mariborer „Stammtischen, an denen jederzeit ein Arbeitsloser und ein Anwalt einträchtig gemeinsam Fußball schauen und über Politiker schimpfen“, vom exzellenten Orchester, der Oper, dem Theater, dem Profi-Ballett oder der Carmina Slovenica, „einem der besten Mädchenchöre der Welt“.
„Wir lassen uns in Maribor unseren Optimismus nicht nehmen“, versichert Marinka - trotz Wirtschaftskrise und auf zwanzig Prozent gestiegener Arbeitslosigkeit.

Schlossplatz mit Stadtschloss
Überall in Maribor finden sich noch die Spuren des real existierenden Sozialismus. Direkt vor dem Schloss erinnert ein wuchtiges Mahnmal an den Zweiten Weltkrieg und die Befreiung vom Nazi-Terror. „Kojak“ nennen die Einheimischen die von Bronzestreifen überzogene haushohe Weltkugel, die an eine Glatze erinnert.

"Kojak"
Im ärmeren Süden der Stadt, jenseits der Drava, hat die jugoslawische Armee ein riesiges Areal mit Schuppen und Hallen hinterlassen. Junge Leute besetzten 1994 die ehemalige Brotfabrik der Militärs. „Pekarna“, Bäckerei, heißt das autonome Kulturzentrum mit Kneipe, Büros, Club, Konzertsaal und Übungsräumen für Bands in den bunt besprühten ehemaligen Armeebauten. „Dead Brains“, Totes Hirn nennen sich die drei Raggaemusiker, die im winzigen, mit Graffitty bunt gesprühten Club auf dem Pekarna-Gelände nachmittags proben. Sänger Mitja Tradnik - in Jeans, gelbem T-Shirt und mit Rastafari-Mütze auf dem Kopf - lobt den kreativen Nährboden seiner Heimatstadt: „Wir haben hier eine gute Szene, mindestens 100 Bands.“ Bekannt würden aber nur wenige. Tradnik, mit Ende 30 deutlich älter als die meisten im Pekarna, kommt vom Radio und legt seit Jahren in Clubs als DJ auf. Da habe er so viel Musik im Kopf, dass er nun selbst Stücke schreibt und singt. Das Publikum allerdings bleibt überschaubar in der kleinen Stadt. „Zu wenig für die vielen Bands hier“, meint Mitja und hofft wie viele, dass das Kulturhauptstadtjahr 2012 neue Fans bringen wird.

Autonomes Kulturzentrum Pekarna in Maribor
Weitere Informationen und ein kleiner Ausblick auf das Programm
Seite 1 / 2 (Infos) / zur Startseite