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Košice

Kulturhauptstadt in der Slowakei

Text und Fotos: Robert B. Fishman

Zusammen mit Marseille ist Košice 2013 Europäische Kulturhauptstadt. Inmitten eines Meeres von Plattenbauten erwartet die Besucher eine Altstadt mit viel österreich-ungarischem Habsburger-Charme, alten Kaffeehäusern und der längsten Flaniermeile Osteuropas. Im Umland locken zehn Welterbestätten.

1,3 Kilometer lange Einkaufs- und Flaniermeile Hlavna Ulica (Hauptstrasse) in Kosice
1,3 Kilometer lange Einkaufs- und Flaniermeile
Hlavna Ulica (Hauptstrasse) in Kosice

Die Tschechoslowakische Sozialistische Republik liegt im alten jüdischen Viertel, gleich neben der „Stinkenden Katze“ schräg gegenüber der orthodoxen Synagoge. In dem jüdischen Gotteshaus stellt Viktor Sefcik seine Werke aus. Sefcik hat in New York gelebt, in Italien und an ein paar anderen Orten der weiten Welt, aber schließlich ist er doch zurückgekommen, ins heimische Košice. „Die Hauptstraße“ habe er in der Fremde am meisten vermisst, sagt er leise nach einigem Überlegen. Der 50jährige große kräftige Mann mit dem grau gewordenen Bart und der Halbglatze schlägt sich als freier Maler durchs Leben - bescheiden zwar, aber er findet doch immer wieder Käufer für seine leuchtend-bunten Bilder, die an die Werke Pablo Picassos und die Kunst der Expressionisten der 20er Jahre erinnern. In dieser Mischung hat er seinen eigenen Stil gefunden.

1,3 Kilometer lange Einkaufs- und Flaniermeile Hlavna Ulica (Hauptstrasse) in Kosice
„Die Hauptstraße“

Sefciks rebellische Zeit lag vor der „Wende“ 1989. Damals protestierte er gegen die realsozialistische Diktatur, die das Land nach dem Ende des „Prager Frühlings“ fest im Griff hatte. Mit einigen alten Künstler-Freunden hat er den Verein C+S Art gegründet. Ihr Ziel: Kunst, Kultur und die Wiedervereinigung mit Tschechien. Früher, sagt Sefcik, sei es für die Kunst besser gewesen.

Von den alten Zeiten träumen auch Gäste der Kneipe nebenan. Unter Plakaten aus der DDR, Lenin-, Marx und Dubcek-Porträts und tschechoslowakischen Fahnen spielen alte Herren Karten. Andere starren regungslos in ihre Biergläser oder unterhalten sich mit den wenigen jüngeren Gästen. „No Photo, not people“ schimpft die Wirtin, wenn ein Tourist mit der Kamera in der Hand ihren skurrilen Laden betritt.

mit tschechoslowakischen Fahnen und sozialistischen Plakaten dekorierte Ostalgie-Kneipe in Kosice
Mit tschechoslowakischen Fahnen und sozialistischen
Plakaten dekorierte Ostalgie-Kneipe

Bis 1918 war das damals habsburgische Kaschau eine reiche Bürger- und Handelsstadt am Nordrand des großen ungarischen Königreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg verteilten dann die Siegermächte den größten Teil Ungarns an die neuen Nachbarländer. Transsylvanien wurde rumänisch, weite Teile des Südens fielen an Jugoslawien und der Norden mit seinem Zentrum Košice gehörte von nun an zur Tschechoslowakei.

Lange hat es gedauert, bis die österreichisch-ungarische Bürgerstadt dort heimisch wurde. Noch heute ist Ungarisch neben Slowakisch Alltagssprache in Košice. In die slowakische Hauptstadt Bratislava ist es von hier fast doppelt so weit wie nach Budapest.

In seinen Romanen wie den „Bekenntnissen eines Bürgers“ beschreibt der im damaligen Kaschau 1900 geborene Schriftsteller Sándor Márai, wie die gut situierten Familien der Stadt Slowaken nur als Bauern oder Dienstboten erlebten. In den gehobenen Kreisen der Stadt sprach man Deutsch oder Ungarisch, orientierte sich nach Budapest und Wien. Zeit seines Lebens bezog Márai Inspiration aus seiner Heimatstadt, die er schon mit 15 verlassen hatte. Košice dankt ihm die Verbundenheit mit einem neuen Museum, das in einer stimmungsvollen, multimedial aufbereiteten Installation Filme, Manuskripte, Fotos und seinen original erhaltenen Schreibtisch mit Schreibmaschine zeigt. Im Sándor Márai Haus finden Lesungen und Literatur-Workshops statt.

Opernhaus an der Hlavna Ulica in Kosice
Opernhaus an der Hlavna Ulica

Zu spüren ist das Flair der untergegangenen K&K-Monarchie entlang der Hauptstraße mit ihrem großen reich verzierten Opernhaus, der östlichsten katholischen Kathedrale Europas, dem klassizistischen Bischofssitz, einigen Jugendstil-Bauten und den alten Kaffeehäusern. Über die gut einen Kilometer lange Hauptstraße Hlavna Ulica zogen einst Pferde die städtische Straßenbahn. Die Schienen liegen noch im Straßenpflaster, auf dem heute Touristen, Einkaufsbummler und die Studenten der drei Universitäten flanieren.

1,3 Kilometer lange Einkaufs- und Flaniermeile Hlavna Ulica (Hauptstrasse) in Kosice
Einkaufs- und Flaniermeile Hlavna Ulica

Der real existierende Sozialismus hat um die komplett erhaltene Košicer Altstadt einen dicken, schweren Ring aus Plattenbauten gelegt. Die Prager Planer verordneten der Stadt im fernen Osten - nahe der Grenze zum großen Bruder Sowjetunion - ein gigantisches Stahlwerk. Košice musste möglichst schnell Wohnraum für die Arbeiter und ihre Familien schaffen. So entstanden in wenigen Jahren Plattenbauten für 50.000 Menschen. Inzwischen gelten die renovierten Betonkästen als beliebte, innenstadtnahe Wohnquartiere. Auf Grünflächen zwischen den Wohnblöcken rosten abstrakte Skulpturen vor sich hin. In den frühen 70er Jahren verschönerten Künstler auch aus dem westlichen Ausland die Parks auf Einladung der Stadt mit ihren Werken.

sowjetisches Denkmal mit Hammer und Sichel erinnert in Kosice vor einem modernen Einkaufszentrum und einer Bankfiliale an die Opfer des Zweiten Weltkriegs
Sowjetisches Denkmal mit Hammer und Sichel erinnert vor einem
Einkaufszentrum und einer Bankfiliale an die Opfer des Zweiten Weltkriegs

Einzig das Neubauviertel Lunik IX verrottet undekoriert. Einst siedelten Stadt und Zentralregierung hier neben den sogenannten Zigeunern, den Roma, Polizisten und Mitarbeiter der Staatssicherheit an. Inzwischen wohnen in den verfallenden, rotbraunen Betonklötzen fast nur noch Roma. Wer es sich leisten konnte, ist längst weggezogen. Zurück bleiben Großfamilien mit zehn und mehr Mitgliedern, die in Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnungen hausen. Viele Fenster fehlen, Heizungen funktionieren längst nicht mehr. Von den Wänden bröckelt der morsche Beton. Kaum jemand hat das Geld, die Gebäude in Ordnung zu halten. „Die Stadt hat sich 20 Jahre lang um nichts gekümmert“, kritisert Blanka Berkyova, eine der wenigen Roma, die sich aus dem Teufelskreis von Armut, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und fehlender Bildung befreit hat.

Für die Europäische Kulturhauptstadt 2013 leitet die 37jährige Landschaftsarchitektin das Projekt „SPOTs“ für Bürgerbeteiligung und Stadtteilentwicklung. In den Umbau von sechs alten Heizkraftwerken zu Stadtteil- Kulturzentren haben Stadt und Europäische Union mehr als eine halbe Million Euro investiert.

Blick vom Turm der Sankt Elisabeth Kathedrale über die Altstadt von Kosice
Blick vom Turm der Sankt Elisabeth Kathedrale über
die Altstadt auf Plattenbausiedlungen

Nachbarn kommen zu Sportturnieren, Kuchenback-Wettbewerben, Theater-, Näh- und Malworkshops. Gruppen bauen aus alten Möbeln stylische neue Einrichtungsgegenstände. Lokale Künstler bemalen gemeinsam mit Anwohnern graue Fassaden und bestücken Kunstausstellungen in den Stadtteilzentren mit ihren Werken.

Anfangs hatten Blanka Berkyova und ihre Mitstreiter alle Mühe, die Anwohner für die neue Stadtteilkultur zu gewinnen. „Wir haben an den Wohnungstüren geklingelt und uns persönlich vorgestellt, Schulklassen zu Workshops eingeladen und unsere Kontakte in den Stadtteilen genutzt“, erzählt sie. Inzwischen sind die Veranstaltungen gut besucht.

Besonders stolz ist die umtriebige Kulturmanagerin auf ihr Projekt „Journey to the Unknown“, die Reise ins Unbekannte: Einheimische recherchieren mit Unterstützung des bekannten Magnum-Fotografen Antoine d’Agata die Lebensgeschichten von Flüchtlingen, die in Košice auf dem Weg nach Westeuropa gestrandet sind. „Die Leute“, sagt Blanka, „haben vor den Flüchtlingen Angst, weil sie sie nicht kennen. Das wollen wir ändern.“ Aus den Gesprächen und Bildern entstehen für das Kulturhauptstadtjahr 2013 Ausstellungen und ein Film.

Weitere Foto- und Kunstworkshops bietet SPOTs in Gefängnissen und in der völlig heruntergekommenen Roma-Siedlung Lunik IX an. „Dort haben wir Mütter gebeten, zusammen mit ihren Kindern den Alltag in ihrem Viertel zu fotografieren“, berichtet Barkyova. Aus den Bildern entsteht eine Ausstellung. Der Film „Ich bin in Lunik IX geboren“, den die Bewohner zusammen mit der Roma – Medienagentur MECEM gedreht haben, gewann 2011 den slowakischen Journalistenpreis. Wenn sich die eher nachdenkliche, ernste Projektmanagerin in Fahrt geredet hat, kennt ihre Begeisterung kein Halten mehr „Ich bin total glücklich über unsere Projekte“, sagt sie und strahlt. „Ich liebe diesen Job.“

Dennoch will sie irgendwann weg aus Košice, weg aus der Slowakei nach Westeuropa. Trotz guter Ausbildung, Studienabschluss und professionellem Auftreten fühlt sie sich als Roma diskriminiert. Hinter ihrem Rücken hörte sie einen Kollegen murmeln. „Schau an, das ist ja mal eine intelligente Romafrau.“ Das hat sie tief verletzt - ebenso wie die Eisverkäuferin, die sie in der Warteschlange bewusst übersehen hat, um sich der nächsten, „weißen“ Kundin zuzuwenden.

20 Jahre nach dem Ende des Ostblocks ist die Slowakei wie fast ganz Osteuropa tief gespalten. Die Wirtschaft lahmt, die Arbeitslosigkeit ist hier im strukturschwachen Osten des Landes auf offiziell fast 25 Prozent gestiegen. Jobs gab es früher vor allem in der Landwirtschaft und in der Schwerindustrie. Von beiden ist nicht viel übrig geblieben. Minderheiten wie die Roma werden so - wie im nahen Ungarn - schnell zu Sündenböcken. Rechte und nationalistische Politiker gießen im Wahlkampf gerne Öl ins Feuer.

Die Europäische Kulturhauptstadt will mit Projekten wie SPOTs in Košice auch wirtschaftlich neue Perspektiven schaffen. Junge, kreative Unternehmen sollen die alten Industriearbeitsplätze ersetzen. Aus einer ehemaligen Kaserne entsteht ein Kulturpark, aus dem verfallenden Hallenbad eine Kunsthalle.

Bürgermeister Richard Rasi nennt in einem Interview das Ruhrgebiet als Vorbild: „Wir wollen eine Umgebung schaffen die die Zusammenarbeit junger, kreativer Köpfe fördert“. Bisher ziehen die meisten Absolventen der drei Universitäten weg. Sie hoffen in der Hauptstadt Bratislava, in Wien oder noch weiter im Westen auf besser bezahlte Jobs.

Heute seien die Zeiten „schlecht für die Kunst“, klagt Maler Viktor Sefcik. Melancholisch dreinblickend nippt er an seinem Kaffee. Viele Künstler und andere Kreative sitzen gerne im „Smelly Cat“, der „stinkenden Katze“ unter Schwarz-Weiß-Fotos aus New York und Paris auf alten Sofas und Ohrensesseln. Man trinkt Latte Macchiato oder Milchkaffee. Dazu gibt es leckeren selbstgebackenen Kuchen und ausgefallene Musik von Jazz bis Rock.

Kaum jemand interessiere sich mehr für das, was die Künstler zu sagen hätten, sagt Sefcik. Die Medien berichteten lieber über die Intimitäten der Promis und anderen Unsinn. Die jüdische Gemeinde hat seinem Verein C+S Art ihre alte Synagoge für Ausstellungen überlassen. Durch die bemalten Fenster fällt weiches Licht auf die Bilder und Installationen. Von den Wänden blättert die Farbe der alten Fresken. Der Kies auf dem Boden knirscht unter jedem Schritt der Besucher

Freitag Abend und Samstag bleibt die Ausstellung geschlossen. Zumindest manchmal schafft es der Rabbiner, der extra aus Budapest angereist kommt, die für einen Gottesdienst nötigen zehn jüdischen Männer aufzutreiben. Bis 1944 war Košice ein Zentrum des jüdischen Lebens in der Region. Von den rund 12.000 Kaschauer Juden, die die Nazis mit ungarischer und slowakischer Hilfe in die Konzentrationslager deportiert und ermordet haben, kamen nach 1945 gerade einmal 200 zurück. Heute zählt die Gemeinde nur noch ein paar Dutzend Mitglieder. Von den einst sechs Košicer Synagogen haben drei den Krieg mehr oder weniger heil überstanden.

Die Stadt, sagt Sefcik, interessiere sich kaum für die alte orthodoxe Synagoge und für seinen Künstlerverein C+S Art. Aus dem Etat der Kulturhauptstadt bekomme er zumindest für sechs Ausstellungen jeweils 1000 Euro – wenig im Vergleich zu den 60.000, die allein die staatliche Galerie jedes Jahr erhalte.

70 Prozent des Kulturhauptstadt-Etats gibt Košice für die kulturelle Infrastruktur aus. Der Rest fließt in Programme wie das SPOTs oder KAIR, Košice Artists in Residence. Für das Kulturhauptstadtjahr bekommen Künstler aus verschiedenen Ländern Gastateliers in der zu Werkstätten und Kulturräumen umgebauten ehemaligen Tabakfabrik.

Blick vom Turm der Sankt Elisabeth Kathedrale über die Altstadt von Kosice

Das Geld, verspricht Košices stellvertretende Bürgermeisterin Renata Lenártvá „wird auf jeden Fall wieder hereinkommen.“ 2010 zählte die Stadt 260.000 Übernachtungen. Nächstes Jahr sollen es mindestens um ein Viertel mehr werden.

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