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Košice

Die zweitgrößte Stadt der Slowakei ist Europäische Kulturhauptstadt 2013

 Text und Fotos: Winfried Dulisch

Die Slowakei war lange genug ein weißer Fleck auf der Tourismus-Landkarte. Das änderte sich, als die zweitgrößte Stadt des Landes zur europäischen Kulturhauptstadt 2013 gewählt wurde. Dabei hatte die ost-slowakische Metropole Košice solch eine Aufwertung überhaupt nicht benötigt.

Bürgerliches Wohnen im frühen 19. Jahrhundert: Ethnographisches Museum, Košice
Bürgerliches Wohnen im frühen 19. Jahrhundert:
Ethnographisches Museum, Košice

Ein slowakischer Tourismus-Manager bringt es auf den Punkt: „In Süd- und Ostdeutschland ist die Slowakei bestens bekannt. Aber für viele Norddeutsche hört Europa gleich hinter Prag auf.“ Und es kommt noch schlimmer: „Die Slowakei wird oft immer noch verwechselt mit Slowenien, dem nördlichsten Staat auf dem Gebiet von Ex-Jugoslawien.“

Friedlich

Die Entstehungs-Geschichte der Slowakei klingt im Vergleich zum übrigen Osteuropa dagegen kaum aufregend: Die Tschechoslowakei teilte sich 1992 friedlich in zwei Teile – der westliche wurde zu Tschechien, der östliche zur Slowakei. Jedoch ein touristisches Profil konnte erst einmal nur Tschechien – vor allem die tschechische Hauptstadt Prag – entwickeln.

Deutsche Wintersport-Fans kennen die „Hohe Tatra“ – und denken dabei fast immer nur an Polen; dabei liegen Zweidrittel dieser „kleinen Alpen“ in der Slowakei. Und kaum ein westeuropäischer Weinkenner fragt danach, ob sein Lieblings-Tokajer in Ungarn oder im slowakischen Vinohradnícka oblasť (deutsch: Weinbaugebiet) Tokaj angebaut worden ist.

Volkstanz in den Straßen von Košice
Volkstanz in den Straßen von Košice

Bratislava existiert in der Vorstellung einiger deutscher Touristen sogar nur als Vorort von Wien, seitdem einige Billig-Airlines ihre Fluggäste in die 50 km von der österreichischen Hauptstadt entfernte Hauptstadt der Slowakei verfrachten. Und noch weniger konnte sich das im Südosten der Slowakei liegende Košice – sprich: Kosietsche – profilieren. In alten deutschsprachigen Büchern trägt die Stadt auch den Ortsnamen „Kaschau“.

Kaiserliche und königliche Stadt

Literatur-Freunde kennen „Die Glut“. Dieser Bestseller (in Deutschland mehr als 200.000 Exemplare) wurde 1942 in Ungarisch geschrieben vom bedeutendsten Sohn der Stadt: Sándor Márai, geboren 1900 in Košice. Bis Ende des Ersten Weltkriegs gehörte die Slowakei zu Österreich-Ungarn, der später als „ungarischer Kafka“ verehrte Romancier war ein Slowake. Mit „Die jungen Rebellen“ setzte Sándor Márai seiner Geburtsstadt – und vor allem dem Staatstheater von Košice – sowie dem Ende der kaiserlichen und königlichen Habsburger-Epoche ein literarisches Denkmal.

Staatstheater in Kosice
Staatstheater

An die Blütezeit der k.u.k. Monarchie erinnert in Košice das Stadtpalais derer von Andrássy. Alle Verehrer von Romy Schneider kennen den bedeutendsten Spross dieser Adelsfamilie. Gyula Graf Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka wurde 1823 geboren in Kaschau – oder besser gesagt im ungarischen Kassa. Als einstiger Revoluzzer und späterer Diplomat schaffte Gyula Andrássy den Aufstieg in die ungarischen Geschichtsbücher, als Lover der Kaiserin Sissi sogar bis auf die Schnulzenfilm-Leinwand.

Palais Andraschy in Kosice
Palais Andraschy

Die Manager der Kulturhauptstadt Košice 2013 fühlen sich auch dem Andenken des Malers und Filmemachers Andrej Warhola verpflichtet. Diese Licht- und Dunkelgestalt der Pop-Art war ein Sprössling von Bauern aus dem slowakischen Karpaten-Dorf Miková, das eine knappe Autostunde nördlich von Košice liegt. .

Andrej Warhola wurde 1928 in Pittsburgh geboren. Weil Künstler mit osteuropäisch klingenden Namen bei New Yorker Werbeagenturen und Verlagen damals nicht in Mode waren, signierte er seine Arbeiten ab 1950 mit „Andy Warhol“. Mehrere Kulturhauptsstadt-Projekte in und außerhalb von Košice erinnern 2013 daran, dass die Pop-Art nicht nur osteuropäische Wurzeln hat, sondern auch osteuropäische Chancen für die Zukunft.

Der Klezmer-Saxophonist Paul Shapiro beim Festival of Jewish Culture 2012 in Kosice
Der Klezmer-Saxophonist Paul Shapiro beim
Festival of Jewish Culture 2012

Auch immer dann, wenn Košice kein Kulturhauptstadt-Jahr feiert, geht hier das „Festival of Jewish Culture“ über die Bühne gehen. Diese alljährliche Veranstaltungsreihe wendet sich weniger an die Klezmer-Nostalgiker. Die jüdischen Kultur-Festivals in Košice konzentrieren sich jedes Jahr im Sommer viel mehr auf die weltweit verzweigten Wurzeln der jüdischen Musik.

Gebrauchsmusik

Volksmusikant in KosiceSeit 2010 zeigt die „Kaschauer Klezmer Band“ – dem Vorbild der Budapest Klezmer Band und ähnlichen Projekten in Osteuropa folgend – auch außerhalb des Festival-Programms, wie eine Gebrauchsmusik für jüdische Festtage heute zu klingen hat. Die „Kaschauer“ Klezmer-Bandmitglieder kommen aus allen stilistischen Himmelsrichtungen – von der Sinfonik und Salonmusik bis hin zu Jazz und Rock.

Avantgarde-Volksmusikanten aus der ländlichen Umgebung spielen auf Instrumenten ihrer bäuerlichen Vorfahren aktuelle Sounds von Techno bis Heavy Metal. Eine weitere kulturell treibende Kraft in Košice sind die Roma, in deren Sprache heißt die Stadt: „Kasha“. Junge Jazz-Gitarristen kommen nach Kasha und nehmen hier Unterricht bei Musikern dieser Volksgruppe. Und Roma-Musiker sind immer noch die besten Lehrer für Grundlagen des Gypsy-Swing.

Eine weitere kulturpolitische Plattform für diese Minderheit (5.000 Einwohner der Viertelmillionen-Stadt Košice bezeichnen sich selbst als Roma) ist das „Romathan“ (deutsch: „Roma-Land“). Dieses erste professionell betriebene Roma-Theater in der Slowakei präsentiert seit 1992 klassische und zeitgenössische Bühnenstücke in Romani und in slowakischer Sprache.

Roma-Tanzgruppe in Kosice
Roma-Tanzgruppe

Der am besten klingende Konzertsaal der Stadt ist das „Haus der Künste“ („Dom umenia“). Hier residiert das Staatliche Philharmonische Orchester Košice. Jana Šargová, die das Musik-Programm für das Kulturhauptstadt-Jahr geplant hatte, freut sich vor allem darüber, „dass unser Orchester 2013 endlich einmal Werke von zeitgenössischen Komponisten aufführen.“

Kultur statt Event

Und können diese Impulse im Osten der Slowakei noch zu spüren sein, wenn 2014 der Kulturhauptstadt-Zirkus weiter nach Umeå (Schweden) und Riga (Lettland) gezogen sein wird? – Jana Šargová: „Wir Macher von Košice 2013 verstehen uns nicht als Event-Manager, die nach dem schnellen Erfolg schielen. Wir denken langfristig als Kulturarbeiter für unsere Region. Unsere Arbeit soll noch in 20 Jahren positiv nachwirken.“

Die meistfotografierte Sehenswürdigkeit in Košice: Wasserspiele vor dem Staatstheater
Die meistfotografierte Sehenswürdigkeit in Košice:
Wasserspiele vor dem Staatstheater

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