Reisemagazin schwarzaufweiss

Es gibt noch Geheimtipps

Als wir von dem Spaziergang entlang des Hafens wieder zurückschlendern, folge ich einem inneren Gefühl und dränge Katharina förmlich, im nächsten offenen Geschäft nach Thermalquellen im Umkreis zu fragen. Der Eingang ist nur durch einen Moskitovorhang versperrt. Ein Mann sitzt in seinem Geschäft hinter der Kasse und hat gerade das Handy zur Seite gelegt. Von den Worten, die meine Frau mit ihm auf Italienisch wechselt, verstehe ich nur wenig, doch die Gestik unseres Gegenübers signalisierte mir, dass er verstanden hat, was wir uns wünschen. Er sieht gepflegt aus, mit einem eleganten Hemd und kräftigem schwarzem Haar. Trotz der Sonnenbrille kann ich sein Strahlen sehen, während er die Therme beschreibt. Sein Körper bewegte sich, als würde er in dem Becken sitzen und sich im warmen Wasser räkeln. Genau das wünsche ich mir für die Weihnachtstage. Wir holen die Straßenkarte aus dem Wohnmobil und bekommen präzise den Weg über Partanna nach Montevago beschrieben. In seinem Laden kaufen wir zum Abschluss noch einige Delikatessen aus der Region, die ansprechend in Regalen stehen und fahren bald durch eine abgelegene Landschaft, die von Oliven- und Orangenbäumen geprägt ist.

Sizilien - Therme „ Aqua Pia“  bei Montevago

Therme " Aqua Pia" bei Montevago

In einer Senke weist ein Hinweisschild auf die Abzweigung „Therme Aqua Pia“ hin. Nach wenigen Kilometern schon stehen wir auf einem Campingplatz im Orangenhain, wo wir uns wie im Paradies fühlen. „Die Orangen könnt ihr essen“, hat uns der Sizilianer am Empfang auf Deutsch hinterher gerufen, als wir uns den Platz ansehen. Jetzt schwelgen wir förmlich in dem süßen Saft frisch vom Baum. Nur wenige Schritte sind es bis zu den Thermalbecken, die noch uriger angelegt sind, als ich es mir vorstellen konnte. Das Wasser ist so warm, dass wir so schnell nicht wieder raus wollen. Es strömt im breiten Strahl aus der Wand, massiert mit seiner Wucht unsere Schultern und so die verspannten Muskeln. „Mit einhundert Litern pro Minute kommt das Wasser hier aus der Erde“, hatten wir bei der Anmeldung erfahren. „Die Preise haben wir etwas angehoben“, hatte der Mann fast entschuldigend gesagt, „da wir mit einem bestimmten Publikum schlechte Erfahrungen gemacht haben.“ Wir sind so begeistert von der Anlage, dass wir länger bleiben als geplant.

Sizilien - Stellplatz im Orangenhain in der Therme „ Aqua Pia“

Stellplatz im Orangenhain in der Therme " Aqua Pia"

Wir glaubten schon Weihnachten ganz alleine auf dem Campingplatz der Therme zu verbringen – doch weit gefehlt. Am ersten Feiertag, kurz nachdem wir von unserem Morgenbad kommen, unterbricht ein dumpfes Motorengeräusch die Stille. Ein weißer Alkoven lugte um die Ecke und steuert langsam auf den Platz neben uns zu. Da Italiener selten alleine unterwegs sind, taucht bald ein zweites Wohnmobil auf, dann noch eins und noch eins. Nun folgt das, was immer wieder in solch einer Situation zu beobachten ist: Die Männer unterstützen sich gegenseitig beim Einparken, die Fahrzeuge werden an die Steckdose geklemmt, Stühle und Tische auseinander gefaltet, der Grill angesteckt und die Tafel für das gemeinsame Abendesse gedeckt. Im Nu hat sich um uns eine fröhliche italienische Urlaubsatmosphäre ausgebreitet. In den Weihnachtsferien, die bis zum 6. Januar dauern, sind viele mit der ganzen Familie auf Tour.

Wir sind nun auf den Geschmack gekommen und wollen die Therme in Sciacca erkunden. Über den Bergrücken sind es weniger als 40 Kilometer. Es ist allerdings schon dunkel, als wir in der Küstenstadt einrollen. In Erwartung eines großen Parkplatzes steuern wir direkt den Hafen an. Die Fischkutter liegen hier dicht an dicht in mehreren Reihen vertäut. Alle scheinen Weihnachten daheim zu sein. Wir müssen gut und tief geschlafen haben, denn am nächsten Morgen sind fast alle Boote ausgelaufen, ohne dass wir es gehört hätten.

Dampfsauna der besonderen Art

Sizilien - Therme in Sciacca

Therme in Sciacca

Die Thermalanlage entpuppt sich als ein klassischer Kurbetrieb in historischen Gebäuden aus dem vorletzten Jahrhundert. Eine hohe Empfangshalle mit Kronleuchter, großen Flügeltüren aus prächtigem Holz, moderne Bilder und Klubsessel. Das Schwimmbad mit Thermalwasser entdecken wir am Geruch nach Schwefel gleich hinter dem Grand Hotel. Alles ist an einer breiten Prachtstraße oberhalb des Meeres gelegen. In der Hochglanzbroschüre, die uns in der Rezeption überreicht wurde, werden wir auf eine besondere Grotte aufmerksam. Dort soll heißer Dampf direkt aus dem Erdinneren aufsteigen und gegen viele Erkrankungen helfen. Von der Stadt aus ist die Anlage hoch oben auf dem Berg neben dem Kloster schon zu sehen. Wir folgen der Ausschilderung und genießen am Ende der Straße einen grandiosen Rundblick, doch die Therme ist geschlossen. Im letzten Moment erwischen wir noch den Bademeister und erfahren, dass die Grotte nur am Vormittag geöffnet wird und hier ebenfalls eine ärztliche Verordnung erforderlich ist. Wir sind enttäuscht, lassen aber nicht locker. Schließlich sind wir in Italien und dann noch in Sizilien, da muss es doch auch anders möglich sein. Schließlich siegt die Überzeugungskraft meiner Frau und der Herr in Weiß rät uns, am nächsten Morgen gleich um acht Uhr zu kommen. Sein Blick verrät, dass er uns dann auch ohne die Bescheinigung mit reinnehmen kann. Für den Rest des Tages finden wir einen traumhaft schönen Stellplatz am Meer, unternehmen lange Strandspaziergänge und kochen ein leckeres Fischgericht in unserer Bordküche. Am nächsten Morgen wartet der gleiche Mann zusammen mit anderen Kurgästen auf uns, als wir zur vereinbarten Zeit vorfahren. Auf dem Weg durch die Flure zur Umkleidekabine drückt er uns ein weißes Leinentuch in die Hand fragt beiläufig: „Habt ihr Herzbeschwerden?“ „No, no!“ kommt schnell unsere Antwort und bald schon betreten wir die Grotte. Feuchter Dampf strömt uns schon im Vorraum entgegen. Die „Sitze“ sind vor langer Zeit in den ockerfarbenen Stein gehauen worden. Aus einer dunklen Öffnung kommt am Ende der kleinen Grotte ein warmer Wind unter pfeifenden Geräuschen heraus. Wir hatten inzwischen erfahren, dass die Höhlen im Berg schon vor 9000 Jahren bewohnt waren. Nach einem Erdbeben kam dann aus der Tiefe heißer Dampf empor, der das Wohnen unmöglich machte.

„20 Minuten sind für den Anfang genug“, hatte man uns erlaubt. Die anderen Gäste haben schon sechs Anwendungen hinter sich und dürfen länger bleiben. Wir drücken dem Italiener einen blauen Schein in die Hand, der schnell, wie nach einem krummen Geschäft, in seiner Hosentasche verschwindet. Im Wohnmobil trinken wir reichlich Quellwasser und ruhen noch etwas nach.

Sizilien - Gesichter in Stein sind in „Castello Incantato“ am Rande von Sciacca zu sehen

Gesichter in Stein sind in "Castello Incantato" am Rande von Sciacca zu sehen

Am Nachmittag machen wir uns auf die Suche nach dem „Castello Incantato“ am Fuße des Aussichtsberges. So nennt sich der Olivenhain, in dem 3000 Gesichter in Stein gemeißelt zu sehen sind. Die Fülle ist überwältigend, aber auch bedrückend, weil fast jedes Gesicht den gleichen ernsten, ja traurigen Ausdruck hat. „Der Mann muss besessen gewesen sein“, vermutet Katharina. Bei einem Café erfahren wir in der Bar, das der einfache Bauer an die 20.000 Gesichter in Stein gemeißelt hatte. Grund dafür war Liebeskummer. In den USA hatte der Auswanderer eine neue Existenz gründen wollen und wurde enttäuscht. Schließlich landete er wieder in seiner Heimat und schuf ein Gesicht nach dem anderen und konnte damit seinen Schmerz verarbeiten.

Sizilien - Sciacca  ist bekannt für seine Keramikarbeiten

Sciacca ist bekannt für seine Keramikarbeiten

Bekannter ist Sciacca für seine Keramik. In der Stadt entdecken wir immer wieder Schilder, Straßennamen an den Häuserecken, Vasen, Gefäße in bunten Farben. Heute noch gibt es Werkstätten, die nach den traditionellen Methoden arbeiten.

Sizilien - weiße Kreidefelsen bei Eraclea Miona

Weiße Kreidefelsen bei Eraclea Miona

Nur 30 Kilometer von der Küstenstadt entfernt ragt bei Eraclea Miona eine weiße Kreidewand majestätisch aus dem Meer heraus, die uns an die Normandie erinnert. Davor erstreckt sich ein feiner Sandstrand und angrenzend ein schmaler Piniengürtel, der selbst im Winter seinen speziellen Duft verbreitet. Die Ferienwohnungen in zweiter und dritter Reihe und die langen Parkstreifen verraten, dass im Sommer hier einiges los ist.

Tempel über Tempel

Sizilien - Tempelreste in „Valle dei Tempi“ in Agrigento

Tempelreste in "Valle dei Tempi" in Agrigento

Wir haben auf unserer Reise schon einige Tempel und antike Ausgrabungen besucht und können uns kaum vorstellen, dass es noch Steigerungen gibt. Doch das „Valle dei Tempi“ unterhalb der modernen Stadt Agrigento stellt alles in den Schatten. Entlang einer Allee reihen sich die Ausgrabungen wie auf einer Perlenkette aneinander. In der Mitte befindet sich der kompletteste Tempel der Antike. Er wurde als Kirche verwendet und entging auf diese Weise den Zerstörungen. Am Ende der breiten Straße liegt eine kolossale Statue zwischen Steinhaufen, die einst das Dach getragen hat. Was uns noch mehr überrascht, sind die ersten Blüten der Mandelbäume, die in den letzten Dezembertagen schon ihren Duft verbreiten. Bei über 20 Grad erholen wir uns auf der Terrasse des Cafés und genießen ein Cannolo, das uns als sizilianische Spezialität empfohlen wurde. In einer hauchdünnen Waffel, die zu einer Rolle geformt ist, befindet sich leckerer Frischkäse, der mit Mandelsplitter und Zimt verfeinert wurde – einfach göttlich. Genau zum Dämmerlicht verlassen wir die Stadt und sehen die Anlage noch einmal bei der Weiterfahrt aus dem Wohnmobilfenster, prachtvoll angestrahlt mit dem Vollmond im Hintergrund. Schöner könnte der Abschied nicht inszeniert werden.

Sizilien - Mandelbäume blühen schon im Januar

Mandelbäume blühen schon im Januar

Wir sind geradezu verliebt in die Südseite der Insel, die weniger steil ist als der Norden. Ja, die kultivierte Hügellandschaft erinnert uns mit ihren Olivenplantagen stellenweise an den letzten Urlaub in der Toskana. Schmale Stichstraßen enden meist an feinen Sandstränden. Der südlichste Teil der Dreiecksinsel bietet Badestrände in großer Auswahl. Die Städte Ragusa, Modica und Noto liegen weiter abseits vom Meer an den Ausläufern des Gebirges. Alle drei zeichnen sich durch ihre prächtige Barockarchitektur aus. Das Ensemble in Noto gilt als der schönste Barockkern Siziliens und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Die ockergelben Fassaden der Kirchen stahlen im warmen Abendlicht, als wir über die Prachtstraße Vittorio Emanuele, wenige Minuten vom Parkplatz entfernt, durch die Innenstadt gehen. Wir genießen den Anblick der schmucken Kirche San Domenico, einen Eisbecher und das laue Lüftchen, umgeben von Sizilianern, die eine angenehme Ruhe ausstrahlen. Unser Navigator leitet uns noch am Abend sicher zum Lido die Noto, wo sich am Rande der Promenade schon ein Wohnmobil für die Nacht eingerichtet hat. Wir vertreten uns noch die Beine bei einem kurzen Spaziergang über den feinen Sand und freuen uns auf ein Bad am nächsten Morgen.

Sizilien - prächtige Barockarchitektur in Noto

Prächtige Barockarchitektur in Noto

Im Süden grenzt das Naturschutzgebiet an, in dem über 200 Vogelarten gezählt wurden. Sie nutzen die vielseitige Landschaft als Zwischenstopp auf der Durchreise oder bleiben als Dauergäste. Von einem Beobachtungshäuschen im Wasser sehen wir zu unserer Überraschung die Flamingos auf einem Bein im seichten Wasser stehen und Reiher am Rande stolzieren. Das Kreischen der Möwen werden wir vermissen, wenn es in den nächsten Tagen wieder heimwärts geht.

Sizilien - Altstadt in Syrakus

Altstadt in Syrakus

Den Jahreswechsel verbringen wir in Syrakus, dass mit seiner Lichterpracht alles in den Schatten stellt, was wir je gesehen haben. Überall in der historischen Stadt glitzert es. Auf dem Domplatz überrascht uns ein riesiger Weihnachtsbaum, der mit Hunderten weißen Weihnachtssternen geschmückt wurde und darin zahllose Lämpchen leuchten. Die Einkaufsstraße mit ihren modernen Geschäften und hochpreisigen Auslagen ist komplett mit einem Lichterbaldachin überspannt. Fast alle Geschäfte, Restaurants und Bars haben in dieser Nacht geöffnet. Menschen jeden Alters schlendern aus allen Seitengassen auf den Domplatz. Schon Stunden vor Mitternacht ist in den Cafés kein Stuhl mehr zu bekommen. Dann hören wir den Countdown durch die Lautsprecher – 9, 8, 7…. und ein Krachen, Pfeifen und Zischen hallt von den Hauswänden. Über unseren Köpfen formen sich gigantische Lichträder in glitzernden Farben, schießen in das Schwarz hinauf und fallen als Funkenregen wieder herab. Handys klingeln, Glückwünsche werden ausgetauscht, Küsschen verteilt.

Sizilien - Theater in Syrakus

Theater in Syrakus

 

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