Vulkane und heiße Quellen
Sizilien im Winter
Text und Fotos: Dirk Schröder

Welch ein Luxus! Die Autobahn führt uns direkt zum Fähranleger nach Sizilien, wo wir schon nach kurzem Stopp and Go mit unserem Wohnmobil im Schiff verschwinden. Es ist bereits dunkel, als wir uns den Seewind an Deck um die Ohren blasen lassen. Dabei kommen die Lichter von Messina immer näher auf uns zu. Mit der langen Fahrt in den Süden möchten wir für einige Zeit dem Winter den Rücken kehren.
Die freundliche Stimme im Navi lotst uns schon bald nach der Ankunft sicher durch den Großstadtverkehr auf die Autobahn Richtung Palermo. Unser Ziel ist die Nordküste und unser Wunsch ein kleiner Ort, in dem wir für einige Tage ankommen und sein können. Einigen Hinweisen in Reiseführern und unserer Intuition folgend, landen wir in Oliveri am Strand direkt neben kleinen Fischerbooten. Da wir uns sicher sind, hier in dieser Jahreszeit keinen zu stören, stelle ich den Motor ab und bereite alles für die Nacht vor. Da klopft es an der Türe. Sofort taucht ein einziger Gedanke in meinem Kopf auf: „Carabinieri“! Ich atme zwei Mal tief durch und lege mir eine Erklärung zurecht, während ich die Türe in die Dunkelheit öffne. Die Gestalt mit Mütze und hellem Sweatshirt sieht mehr nach einem Fischer aus, als nach einem Polizisten. Er spricht mich auf Deutsch an und empfiehlt, unser Wohnmobil weiter abseits im Schutze der Gebäude zu parken, weil ein kräftiger Sturm für die Nacht angesagt ist. Der Mann heißt Thomas, kommt aus Franken und ist nun schon seit drei Wochen in dem kleinen Ort. Sein winziges Kuppelzelt hat er am Strand aufgebaut und kennt hier inzwischen jeden Fischer. Schnell sind wir im Gespräch und erhalten einen Tipp nach dem anderen. So erfahren wir bald, dass die Menschen in dieser Gegend ein enormes Vertrauen haben, keiner sein Auto abschließt, der Familienzusammenhalt an erster Stelle steht und vieles mehr. Zum Schluss warnt uns der Lebenskünstler noch vor dem lauten Motor, der am frühen Morgen das Fischerboot mit einer Seilwinde nach der Tour wieder auf den Strand zieht. Thomas fährt jeden Tag mit den Einheimischen vor die Küste und hilft beim Fischen. Der Fang wird unter der Hand an die Restaurantinhaber verkauft, die schon warten, wenn sie mit der Beute zurückkommen.

Strand von Oliveri. Am Horizont sind bei gutem Wetter
die Elaphitischen Inseln zu sehen
Thomas hatte recht, der Motor ist sehr laut, doch wir sind gewarnt und drehen uns noch einmal auf die Seite, während draußen der Handel abgewickelt wird. Das Meer ist selbst im Dezember noch so warm, dass ein Morgenbad unbedingt sein muss. Dann ein kurzer Lauf über den Sandstrand bis zur Landnase und schnell in die warme Stube zurück, wo es schon nach Kaffee und frischem Brot duftet. Hinter den Fensterscheiben sehen wir in der Ferne die Vulkanberge der Liparischen Inseln aus den dunklen Wolken auftauchen. Der Wind hat den Prasselregen vertrieben und der Sonne den Platz über den Inselbergen frei gefegt. Sie wärmt unsere Haut bei dem ersten Strandspaziergang am rauschenden Meer.
Die Ausläufer des Monte Nebrodi reichen bis an die Küste. „Vor langer Zeit haben die Fischer hier eine schwarze Madonna aus dem Meer gezogen“, hatte unser neuer Freund gestern erzählt. „Daraufhin wurde dort oben die Kirche errichtet“ dabei zeigte er auf das angestrahlte Gebäude auf dem Berg. „Die Aussicht auf die Inseln ist großartig. Ihr müsst da unbedingt hoch!“ hatte er uns noch geraten.
Ehrlich gesagt hatten wir bei diesem Urlaubsziel einige Bedenken wegen der Mafia. Unsere Reiselektüre hatte schon viele Vorurteile ausgeräumt und Thomas wischt nun die restlichen Bedenken beiseite. Ja, er schwärmt von der Gastfreundschaft der Sizilianer in den höchsten Tönen. Wir haben bisher noch keine Erfahrungen mit diesen Menschen und lassen uns überraschen. Dass wir hier geduldet sind, ist schon ein gutes Zeichen.
Siedlungen wie Adlerhorste

In den Bergdörfern sind die Esel noch im Einsatz
Die Küstenstraße SS113 windet sich um die Ausläufer der Berge herum, die Autobahn führt meist hindurch. Immer wieder fallen uns Siedlungen auf, die wie Adlerhorste auf den grünen Bergrücken kleben. Häuser dicht an dicht und manchmal ist noch ein runder Wehrturm sichtbar. In Tusa fahren wir von der Autobahn ab und schauen uns ein Bergdorf näher an. Die Straße wird enger und enger und führt so steil den Berg hinauf, dass ich nur selten den zweiten Gang einlegen kann. Die entgegenkommenden PKW sind es offensichtlich gewohnt, auszuweichen und zu warten. Die Strecke führt durch Olivenhaine mit uralten, knorrigen Bäumen. Vor der engen Ortseinfahrt parken wir unser großes Gefährt und erkunden die Lage zu Fuß. Die Häuser scheinen aus dieser Perspektive wie eine Verlängerung der Felsen zu sein, auf denen sie gebaut sind. Bei einem Cappuccino erfahren wir von der freundlichen Sizilianerin hinter der Theke, dass die Orte vor Jahrhunderten als Schutz vor Seeräubern in den Bergen errichtet wurden. Die Bewohner kamen nur zum Fischen an die Küste. Sie geht wortlos zum Fensterbrett und holt ein kleines Heftchen hervor: „Fiumara d’ Arte ist ein Projekt eines Hoteliers unten am Meer, der die Zimmer von Künstlern ganz individuell gestalten ließ“, sagt sie und schlägt dabei einige Seiten in dem Heft als wolle sie uns den Mund wässrig machen. Solche „Zimmerkunstwerke“ haben wir bis dahin noch nie gesehen. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass in der Umgebung zahlreiche Kunstwerke errichtet wurden. „Auf der Fahrt an die Küste werdet ihr rechts eine Pyramide sehen, die in dem Heft noch nicht verzeichnet ist,“ ergänzt die kräftige Frau noch und drückt uns dabei die Broschüre als Geschenk in die Hand. Wir sind neugierig geworden und machen uns auf die Suche. Schließlich wird auch klar, dass wir durch die Hintertüre in den Ort gekommen sind. Die Rückfahrt auf der zweispurigen Bergstraße ist schon wesentlich entspannter und die Fotoperspektiven sind in der Nachmittagssonne großartig. Dass ein Bauer auf einem Esel seine Ziegen über die Straße treibt, verwundert uns in der Gegend nicht. Er hält direkt neben unserem rollenden Heim an und erzählt ganz stolz, dass er mit seinen Tieren in einem Bildband über den Ort zu sehen ist. Sein kräftiger Händedruck bleibt uns noch lange in Erinnerung, ebenso die derben, aufgerissenen Finger, die schon seit Jahrzehnten ordentlich zupacken.

Gassen wie in Cefalù sind in
Sizilien keine Seltenheit
„Cefalù, Höhepunkt einer Inselrundfahrt…“ Bei diesen schwärmenden Worten unserer Reiselektüre ist klar, was wir als nächstes ansteuern. Auf dem letzten Kilometer in die Innenstadt wird die Straße einspurig und eng. Wir fließen mit dem Strom und landen fast automatisch am breiten Corso mit freien Parkstreifen neben dem Meer und der schönsten Perspektive auf die Altstadt unter dem Felsen. Die ersten Lampen sind bereits angegangen und tauchen den Ort in ein besonderes Licht, das es nur für kurze Zeit beim Übergang zur Nacht gibt. Nach einem ersten Bummel durch die schmalen Gassen, die im Mittelalter angelegt wurden, landen wir schließlich in einem Restaurant am Ende der breiten Uferstraße. Die vielen parkenden Autos zu beiden Seiten haben uns neugierig gemacht und die Speisekarte mit Schwertfisch und Stockfischsalat überzeugt uns schnell.
Der Name der Stadt leitet sich von Kephale ab, wie die Griechen den Ort getauft hatten. Er bedeutet Kopf und meint damit den Felsen oberhalb der Stadt, der einem Menschenkopf gleicht. Erst als die Araber im Mittelalter Sizilien überfielen, veränderte sich die Aussprache.

Kathedrale in Cefalù
Unseren Cappuccino genießen wir am nächsten Tag in der Frühe auf dem Hauptplatz direkt vor der Kirche. Einige Tische und Stühle sind bereits von der Sonne angestrahlt. In der Vitrine der Cafébar fallen mir Torten auf, die mit Krippenmotiven so schön verziert sind, dass es zu schade wäre, sie anzuschneiden. So bleibt es bei zwei Kaffees in der Morgensonne. Die Menschen vermitteln den Eindruck, als würden sie sich von der Saison erholen. Alles geht geruhsam. Die Männer strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Nach unserem Besuch der Kathedrale sitzen sie immer noch beisammen. Mal werden einige Worte gewechselt, dann folgt wieder langes Schweigen.
Die Hauptstadt im Schneckentempo
In Palermo ist es anders. Geduldig zuckeln wir mit der Autolavine durch die Einbahnstraßen Richtung Jachthafen La Cata. Die freundliche Stimme unseres Navis gibt geduldig neue Anweisungen, ohne zu wissen, dass die Straßen für ein Wohnmobil immer enger werden. Parkende Autos oder Motorräder in zweiter Reihe, Fußgänger, die schnell von einer Seite auf die andere huschen und wir mit unserem großen Geschoss, das in der Enge wie ein Fremdkörper wirkt, mitten drin. Nachdem wir zum dritten Mal unser Ziel umrundet haben, ohne eine Parkmöglichkeit zu finden, liegen meine Nerven blank. Ich wünsche mir so schnell wie möglich eine große Parklücke und möchte den Wagen abstellen. In unserer Verzweiflung halte auch ich genau so wie die Einheimischen mitten auf der Straße an, damit meine Frau in der Bar nach dem nächsten Parkplatz fragen kann. Unser Gefühl war richtig, der große Parkplatz ist gleich gegenüber beim Jachthafen. So fahren wir noch eine Runde, bis wir auf der anderen Seite die 6,5 Meter abstellen können.

Die abgeschrägten Hausecken sind typische für den Quattro Canti
Zu Fuß fühle ich mich auf Entdeckungstour nun schon viel wohler. An der Piazza Marina, am unteren Bereich der Vittorio Emanuele, fragen wir uns allerdings, ob dies angesichts der dunklen Fassaden wirklich die Prachtstraße der Stadt ist. Ein Lichterkranz in der Ferne macht uns Hoffnung. Die Beleuchtung am Quattro Canti übertrifft dann alles, was wir erwartet hatten. Die abgeschrägten Häuserecken mit den verschiedenen Figuren und Verzierungen, dazu der Straßenverkehr zu allen Seiten mit den vorbeirauschenden Lichtern zieht uns lange in den Bann. Alle Zweifel, ob es sinnvoll war, nach Palermo hinein zu fahren, sind mit einem Mal wie weggeblasen. Wir gehen noch weiter die Straße hinauf und stehen plötzlich vor dem weiten Vorplatz der Kathedrale. Menschen in Nikolausmützen sind zusammengekommen, um hier zu feiern. Die Kinder reichen uns Bonbons aus ihren großen Tüten und ein Kleinbus sorgt für Weihnachtsmusik aus Radiolautsprechern. In dem Prachtbau sind der Stauferkaiser Friedrich II und seine Eltern begraben. Etwas weiter entlang der Straße befindet sich links das Regierungszentrum. Seit der Normannenzeit wird Sizilien von hier verwaltet. Beim Rückweg entdecken wir eine Bar, die noch einige Stühle auf dem Platz stehen hat. Hier gibt es etwas Stärkendes zu trinken und sich bewegende Kunstwerke an der gegenüberliegenden Hausfassade zu sehen. „Adio pizzo, Tschüss Schutzgeld“, erzählt uns der Wirt, ist eine Initiative, die 2004 in Palermo ins Leben gerufen wurde und sehr erfolgreich ist. „Seit dem zahlen einige hundert Geschäfte, Restaurants und Pizzerien keine Schutzgelder mehr an die Mafia“, sagt uns der drahtige Sizilianer ganz stolz.
Die Hauptstadt ist bekannt für das palermitanische Nudelgericht, das aus einer Sauce aus Olivenöl, Zwiebeln, Tomaten, Rosinen, Pinienkernen und frischen Sardinen besteht, die mit wildem Fenchel ihre besondere Note bekommt. Wir aber wollen noch in der Nacht nach Monreale weiter und geben den Ort als neues Ziel in unseren Navigator ein. Mir ist es ein Rätsel, wie ich ohne dieses Gerät wieder aus der Stadt herausgefunden hätte. Ein grünes Schild, das den Weg zur Autobahn weist, hatten wir zwar entdeckt, doch von den Orten in der anderen Richtung war kein Hinweis zu sehen. Bald wird uns klar, dass wir die Zeit besser in einem Restaurant verbracht hätten, als uns zur Rushhour stadtauswärts zu begeben. Nun ist es zu spät, wir stecken im Stau und müssen mitschwimmen. Ja, ich komme mir vor wie ein Schwarmfisch. Ich bin höchst aufmerksam, habe rund herum alles im Blick und bin bereit, jede kleine Lücke vor mir zu nutzen, um im magischen Fluss mitzuhalten. Das Hupen und Schnarren der Rollerklingeln ist schon fast wie eine Hintergrundmusik geworden, die nur von der Stimme unseres Navigators unterbrochen wird. Die Straße ist vierspurig, doch durch die wild parkenden Autos in Zweierreihen rechts und links verengt sie sich immer wieder zu einem Nadelöhr. Zwei Polizistinnen regeln ganz den Straßenverkehr. Dass ihr heldenhafter Einsatz etwas verändert, fällt uns nicht auf. Am Bahnhof werden wir zu allem Übel noch umgeleitet und unsere Fahrt wird zu einem Geschiebe, wie von unsichtbarer Hand gesteuert. Mir kommt vor, als könnte ich die Grenzen unseres Wohnmobils spüren und die anderen Fahrer ebenfalls; als hätten alle Fahrzeuge eine magische Hülle von wenigen Zentimetern, damit sie sich nicht berühren. Das Fortkommen ist anstrengend, doch anders als in einer heimischen Großstadt. Es ist laut und hektisch und trotzdem nicht aggressiv. Im Augenwinkel sehe ich für Sekunden blinkende Lichter von Weihnachtsständen. Länger kann ich nicht hinsehen, weil sich die Lawine stetig weiter voranschiebt. Wenig später hat sich alles wie von Geisterhand aufgelöst. Die meisten Autos sind verschwunden und ich rausche mit Höchstgeschwindigkeit durch die Vororte den Berg hinauf. Palermo muss kein zweites Mal sein!
Nach acht Kilometern, die uns wie eine Ewigkeit vorkommen, stehen wir dann auf dem großen Parkplatz am Rande von Monreale. Wohnmobile können hier gegen eine Gebühr die Nacht bleiben.
Sonne und Wärme wie im Frühling begleiten uns am nächsten Morgen auf dem Treppenweg hinauf zur Altstadt. Auf dem Vorplatz der Kathedrale genießen wir einen kräftigen Schwarzen mit feiner Milchschaumhaube und die warme Sonne im Gesicht. In der eindrucksvollen Kirche wird gerade gekehrt und alles für den Festtag vorbereitet. Wir sind überwältigt von der Ausstrahlung, dem Goldglanz und der Fülle der Bilder aus kleinen Mosaiken. Dass der gesamte Komplex in weniger als 10 Jahren erschaffen wurde, kommt uns für das 12. Jahrhundert wie ein Wunder vor.

Kreuzgang in Monreale
Unter dem Dach ist in großen Motiven die Schöpfungsgeschichte abgebildet. Darunter sind bekannte Szenen aus dem Alten Testament zu sehen und dann sehr ausführlich das Leben und Wirken von Jesus Christus. Auf über 6000 Quadratmetern wurde auf höchstem Niveau eine Bilderbibel für Menschen geschaffen, die nicht lesen und schreiben konnten. Im angrenzenden Kreuzgang setzt sich diese Vielfalt fort. Jede der Doppelsäulen zeigt andere Verzierungen. Einmal entdecken wir sogar einen Menschen in einer Haltung, als würde er eine Yogaübung vorführen. So braucht es einige Zeit, bis wir einmal herumgegangen sind.
Die Ruinen der Götter
Auf dem kurzen Weg an die Südküste bauen wir einen Schlenker zum Tempel von Segesta ein. Die Anlage, die den Nachfahren der Trojaner zugeschrieben wird, befindet sich in einer weiten Hügellandschaft. Von den Rängen des Theaters lässt sich die ganze Szenerie sehr schön überblicken.

Tempel von Segesta
In Selinunte, das nur 40 Kilometer auf der Autobahn E 90 nach Süden entfernt ist, wurden gleich mehrere Heiligtümer an der Küste errichtet. Während einer der Tempel im Parco Archeologico noch seine klassisch-griechische Baukunst mit kräftigen Rundsäulen zeigt, wirkt der Großteil wie ein Trümmerfeld, in dem es viele Details zu entdecken gibt. Da ist beispielsweise eine Sitzbadewanne zu sehen, verputzte Türstürze und Hausecken, Steinbecken mit quadratischen Löchern darin und vieles mehr, das Rätsel aufgibt. Am Strand ist der Hafen verborgen, der vor rund 2500 Jahren die Verbindung zur Außenwelt war.
Am Rande der weitläufigen Ausgrabungen liegt der Fischerort Marinella mit seinen zahlreichen Ferienwohnungen, der in dieser Jahreszeit nahezu ausgestorben wirkt. Die Einheimischen treffen sich in den beiden Bars am Hafen, ein Bäcker und zwei Geschäfte halten die Versorgung noch aufrecht.
Es gibt noch Geheimtipps
Als wir von dem Spaziergang entlang des Hafens wieder zurückschlendern, folge ich einem inneren Gefühl und dränge Katharina förmlich, im nächsten offenen Geschäft nach Thermalquellen im Umkreis zu fragen. Der Eingang ist nur durch einen Moskitovorhang versperrt. Ein Mann sitzt in seinem Geschäft hinter der Kasse und hat gerade das Handy zur Seite gelegt. Von den Worten, die meine Frau mit ihm auf Italienisch wechselt, verstehe ich nur wenig, doch die Gestik unseres Gegenübers signalisierte mir, dass er verstanden hat, was wir uns wünschen. Er sieht gepflegt aus, mit einem eleganten Hemd und kräftigem schwarzem Haar. Trotz der Sonnenbrille kann ich sein Strahlen sehen, während er die Therme beschreibt. Sein Körper bewegte sich, als würde er in dem Becken sitzen und sich im warmen Wasser räkeln. Genau das wünsche ich mir für die Weihnachtstage. Wir holen die Straßenkarte aus dem Wohnmobil und bekommen präzise den Weg über Partanna nach Montevago beschrieben. In seinem Laden kaufen wir zum Abschluss noch einige Delikatessen aus der Region, die ansprechend in Regalen stehen und fahren bald durch eine abgelegene Landschaft, die von Oliven- und Orangenbäumen geprägt ist.

Therme " Aqua Pia" bei Montevago
In einer Senke weist ein Hinweisschild auf die Abzweigung „Therme Aqua Pia“ hin. Nach wenigen Kilometern schon stehen wir auf einem Campingplatz im Orangenhain, wo wir uns wie im Paradies fühlen. „Die Orangen könnt ihr essen“, hat uns der Sizilianer am Empfang auf Deutsch hinterher gerufen, als wir uns den Platz ansehen. Jetzt schwelgen wir förmlich in dem süßen Saft frisch vom Baum. Nur wenige Schritte sind es bis zu den Thermalbecken, die noch uriger angelegt sind, als ich es mir vorstellen konnte. Das Wasser ist so warm, dass wir so schnell nicht wieder raus wollen. Es strömt im breiten Strahl aus der Wand, massiert mit seiner Wucht unsere Schultern und so die verspannten Muskeln. „Mit einhundert Litern pro Minute kommt das Wasser hier aus der Erde“, hatten wir bei der Anmeldung erfahren. „Die Preise haben wir etwas angehoben“, hatte der Mann fast entschuldigend gesagt, „da wir mit einem bestimmten Publikum schlechte Erfahrungen gemacht haben.“ Wir sind so begeistert von der Anlage, dass wir länger bleiben als geplant.

Stellplatz im Orangenhain in der Therme " Aqua Pia"
Wir glaubten schon Weihnachten ganz alleine auf dem Campingplatz der Therme zu verbringen – doch weit gefehlt. Am ersten Feiertag, kurz nachdem wir von unserem Morgenbad kommen, unterbricht ein dumpfes Motorengeräusch die Stille. Ein weißer Alkoven lugte um die Ecke und steuert langsam auf den Platz neben uns zu. Da Italiener selten alleine unterwegs sind, taucht bald ein zweites Wohnmobil auf, dann noch eins und noch eins. Nun folgt das, was immer wieder in solch einer Situation zu beobachten ist: Die Männer unterstützen sich gegenseitig beim Einparken, die Fahrzeuge werden an die Steckdose geklemmt, Stühle und Tische auseinander gefaltet, der Grill angesteckt und die Tafel für das gemeinsame Abendesse gedeckt. Im Nu hat sich um uns eine fröhliche italienische Urlaubsatmosphäre ausgebreitet. In den Weihnachtsferien, die bis zum 6. Januar dauern, sind viele mit der ganzen Familie auf Tour.
Wir sind nun auf den Geschmack gekommen und wollen die Therme in Sciacca erkunden. Über den Bergrücken sind es weniger als 40 Kilometer. Es ist allerdings schon dunkel, als wir in der Küstenstadt einrollen. In Erwartung eines großen Parkplatzes steuern wir direkt den Hafen an. Die Fischkutter liegen hier dicht an dicht in mehreren Reihen vertäut. Alle scheinen Weihnachten daheim zu sein. Wir müssen gut und tief geschlafen haben, denn am nächsten Morgen sind fast alle Boote ausgelaufen, ohne dass wir es gehört hätten.
Dampfsauna der besonderen Art

Therme in Sciacca
Die Thermalanlage entpuppt sich als ein klassischer Kurbetrieb in historischen Gebäuden aus dem vorletzten Jahrhundert. Eine hohe Empfangshalle mit Kronleuchter, großen Flügeltüren aus prächtigem Holz, moderne Bilder und Klubsessel. Das Schwimmbad mit Thermalwasser entdecken wir am Geruch nach Schwefel gleich hinter dem Grand Hotel. Alles ist an einer breiten Prachtstraße oberhalb des Meeres gelegen. In der Hochglanzbroschüre, die uns in der Rezeption überreicht wurde, werden wir auf eine besondere Grotte aufmerksam. Dort soll heißer Dampf direkt aus dem Erdinneren aufsteigen und gegen viele Erkrankungen helfen. Von der Stadt aus ist die Anlage hoch oben auf dem Berg neben dem Kloster schon zu sehen. Wir folgen der Ausschilderung und genießen am Ende der Straße einen grandiosen Rundblick, doch die Therme ist geschlossen. Im letzten Moment erwischen wir noch den Bademeister und erfahren, dass die Grotte nur am Vormittag geöffnet wird und hier ebenfalls eine ärztliche Verordnung erforderlich ist. Wir sind enttäuscht, lassen aber nicht locker. Schließlich sind wir in Italien und dann noch in Sizilien, da muss es doch auch anders möglich sein. Schließlich siegt die Überzeugungskraft meiner Frau und der Herr in Weiß rät uns, am nächsten Morgen gleich um acht Uhr zu kommen. Sein Blick verrät, dass er uns dann auch ohne die Bescheinigung mit reinnehmen kann. Für den Rest des Tages finden wir einen traumhaft schönen Stellplatz am Meer, unternehmen lange Strandspaziergänge und kochen ein leckeres Fischgericht in unserer Bordküche. Am nächsten Morgen wartet der gleiche Mann zusammen mit anderen Kurgästen auf uns, als wir zur vereinbarten Zeit vorfahren. Auf dem Weg durch die Flure zur Umkleidekabine drückt er uns ein weißes Leinentuch in die Hand fragt beiläufig: „Habt ihr Herzbeschwerden?“ „No, no!“ kommt schnell unsere Antwort und bald schon betreten wir die Grotte. Feuchter Dampf strömt uns schon im Vorraum entgegen. Die „Sitze“ sind vor langer Zeit in den ockerfarbenen Stein gehauen worden. Aus einer dunklen Öffnung kommt am Ende der kleinen Grotte ein warmer Wind unter pfeifenden Geräuschen heraus. Wir hatten inzwischen erfahren, dass die Höhlen im Berg schon vor 9000 Jahren bewohnt waren. Nach einem Erdbeben kam dann aus der Tiefe heißer Dampf empor, der das Wohnen unmöglich machte.
„20 Minuten sind für den Anfang genug“, hatte man uns erlaubt. Die anderen Gäste haben schon sechs Anwendungen hinter sich und dürfen länger bleiben. Wir drücken dem Italiener einen blauen Schein in die Hand, der schnell, wie nach einem krummen Geschäft, in seiner Hosentasche verschwindet. Im Wohnmobil trinken wir reichlich Quellwasser und ruhen noch etwas nach.

Gesichter in Stein sind in "Castello Incantato"
am Rande von Sciacca zu sehen
Am Nachmittag machen wir uns auf die Suche nach dem „Castello Incantato“ am Fuße des Aussichtsberges. So nennt sich der Olivenhain, in dem 3000 Gesichter in Stein gemeißelt zu sehen sind. Die Fülle ist überwältigend, aber auch bedrückend, weil fast jedes Gesicht den gleichen ernsten, ja traurigen Ausdruck hat. „Der Mann muss besessen gewesen sein“, vermutet Katharina. Bei einem Café erfahren wir in der Bar, das der einfache Bauer an die 20.000 Gesichter in Stein gemeißelt hatte. Grund dafür war Liebeskummer. In den USA hatte der Auswanderer eine neue Existenz gründen wollen und wurde enttäuscht. Schließlich landete er wieder in seiner Heimat und schuf ein Gesicht nach dem anderen und konnte damit seinen Schmerz verarbeiten.

Sciacca ist bekannt für seine Keramikarbeiten
Bekannter ist Sciacca für seine Keramik. In der Stadt entdecken wir immer wieder Schilder, Straßennamen an den Häuserecken, Vasen, Gefäße in bunten Farben. Heute noch gibt es Werkstätten, die nach den traditionellen Methoden arbeiten.

Weiße Kreidefelsen bei Eraclea Miona
Nur 30 Kilometer von der Küstenstadt entfernt ragt bei Eraclea Miona eine weiße Kreidewand majestätisch aus dem Meer heraus, die uns an die Normandie erinnert. Davor erstreckt sich ein feiner Sandstrand und angrenzend ein schmaler Piniengürtel, der selbst im Winter seinen speziellen Duft verbreitet. Die Ferienwohnungen in zweiter und dritter Reihe und die langen Parkstreifen verraten, dass im Sommer hier einiges los ist.
Tempel über Tempel

Tempelreste in "Valle dei Tempi" in Agrigento
Wir haben auf unserer Reise schon einige Tempel und antike Ausgrabungen besucht und können uns kaum vorstellen, dass es noch Steigerungen gibt. Doch das „Valle dei Tempi“ unterhalb der modernen Stadt Agrigento stellt alles in den Schatten. Entlang einer Allee reihen sich die Ausgrabungen wie auf einer Perlenkette aneinander. In der Mitte befindet sich der kompletteste Tempel der Antike. Er wurde als Kirche verwendet und entging auf diese Weise den Zerstörungen. Am Ende der breiten Straße liegt eine kolossale Statue zwischen Steinhaufen, die einst das Dach getragen hat. Was uns noch mehr überrascht, sind die ersten Blüten der Mandelbäume, die in den letzten Dezembertagen schon ihren Duft verbreiten. Bei über 20 Grad erholen wir uns auf der Terrasse des Cafés und genießen ein Cannolo, das uns als sizilianische Spezialität empfohlen wurde. In einer hauchdünnen Waffel, die zu einer Rolle geformt ist, befindet sich leckerer Frischkäse, der mit Mandelsplitter und Zimt verfeinert wurde – einfach göttlich. Genau zum Dämmerlicht verlassen wir die Stadt und sehen die Anlage noch einmal bei der Weiterfahrt aus dem Wohnmobilfenster, prachtvoll angestrahlt mit dem Vollmond im Hintergrund. Schöner könnte der Abschied nicht inszeniert werden.

Mandelbäume blühen schon im Januar
Wir sind geradezu verliebt in die Südseite der Insel, die weniger steil ist als der Norden. Ja, die kultivierte Hügellandschaft erinnert uns mit ihren Olivenplantagen stellenweise an den letzten Urlaub in der Toskana. Schmale Stichstraßen enden meist an feinen Sandstränden. Der südlichste Teil der Dreiecksinsel bietet Badestrände in großer Auswahl. Die Städte Ragusa, Modica und Noto liegen weiter abseits vom Meer an den Ausläufern des Gebirges. Alle drei zeichnen sich durch ihre prächtige Barockarchitektur aus. Das Ensemble in Noto gilt als der schönste Barockkern Siziliens und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Die ockergelben Fassaden der Kirchen stahlen im warmen Abendlicht, als wir über die Prachtstraße Vittorio Emanuele, wenige Minuten vom Parkplatz entfernt, durch die Innenstadt gehen. Wir genießen den Anblick der schmucken Kirche San Domenico, einen Eisbecher und das laue Lüftchen, umgeben von Sizilianern, die eine angenehme Ruhe ausstrahlen. Unser Navigator leitet uns noch am Abend sicher zum Lido die Noto, wo sich am Rande der Promenade schon ein Wohnmobil für die Nacht eingerichtet hat. Wir vertreten uns noch die Beine bei einem kurzen Spaziergang über den feinen Sand und freuen uns auf ein Bad am nächsten Morgen.

Prächtige Barockarchitektur in Noto
Im Süden grenzt das Naturschutzgebiet an, in dem über 200 Vogelarten gezählt wurden. Sie nutzen die vielseitige Landschaft als Zwischenstopp auf der Durchreise oder bleiben als Dauergäste. Von einem Beobachtungshäuschen im Wasser sehen wir zu unserer Überraschung die Flamingos auf einem Bein im seichten Wasser stehen und Reiher am Rande stolzieren. Das Kreischen der Möwen werden wir vermissen, wenn es in den nächsten Tagen wieder heimwärts geht.

Altstadt in Syrakus
Den Jahreswechsel verbringen wir in Syrakus, dass mit seiner Lichterpracht alles in den Schatten stellt, was wir je gesehen haben. Überall in der historischen Stadt glitzert es. Auf dem Domplatz überrascht uns ein riesiger Weihnachtsbaum, der mit Hunderten weißen Weihnachtssternen geschmückt wurde und darin zahllose Lämpchen leuchten. Die Einkaufsstraße mit ihren modernen Geschäften und hochpreisigen Auslagen ist komplett mit einem Lichterbaldachin überspannt. Fast alle Geschäfte, Restaurants und Bars haben in dieser Nacht geöffnet. Menschen jeden Alters schlendern aus allen Seitengassen auf den Domplatz. Schon Stunden vor Mitternacht ist in den Cafés kein Stuhl mehr zu bekommen. Dann hören wir den Countdown durch die Lautsprecher – 9, 8, 7…. und ein Krachen, Pfeifen und Zischen hallt von den Hauswänden. Über unseren Köpfen formen sich gigantische Lichträder in glitzernden Farben, schießen in das Schwarz hinauf und fallen als Funkenregen wieder herab. Handys klingeln, Glückwünsche werden ausgetauscht, Küsschen verteilt.

Theater in Syrakus
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