Was aber tat Beuys in dieser Stadt? Gibellina Nuova wurde 15 Jahre nach dem großen Erdbeben von 1968 gebaut. Die Pläne, die man inzwischen für diese neue Stadt erarbeitet hatte, veranlassten Beuys 1981 auch die alte Stadt zu besichtigten. In den folgenden Jahren wurde Gibellina Nouva zu der italienischen Stadt, die am meisten zeitgenössische Kunst auf relativ engem Raum vereint. Leider trat sie durch ihre geographische Lage kaum in das europäische und auch nicht in das Bewusstsein derer, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren. Ende dieses Jahrhunderts ist eine geplante Stadt, wie Gibellina eine durchaus erstaunliche Leistung. Wohnhäuser mit Garagen und Gärten, in denen inzwischen Mispeln Früchte tragen und große Gummibäume kühlen Schatten spenden, stehen an Verkehrswegen, die außer der obligatorischen Fahrbahn auch Gehsteige für ihre Bewohner bereithält - in Italien durchaus nicht üblich! Diese Straßenzüge sind gegliedert durch zahllose kleinere Plätzen, auf denen große Skulpturen bedeutender italienischer Plastikerstehen: Pietro Consagra, Andrea Cascella, Fausto Melotti, Giuseppe Spagnulo, Arnaldo Pomodoro, Mauro Staccioli. Oder sie laufen in großen Platzanlagen aus, wie dem ,,Sistema delle Piazze" von Franco Purini und Laura Hermes, die zwar an de Chirico erinnert, aber von Schulkindern belebt sind. Ungewöhnliche Architekturen fallen immer wieder auf. Sehenswert ist die Chiesa Madre, eine Kirche, die als großer kugelförmiger Saalbau an die utopischen Entwürfe der sogenannten Revolutionsarchitektur vor 1800 erinnert.

Die
Case di Stefano mit den Atelierhallen
Konstruktivistische Architektur kann man das Municipio von Giuseppe und Alberto Samonà nennen. Im Museo d'Arte contemporanea finden sich in einem großen ebenerdigem Gebäudekomplex viele großformatige Gemälde bedeutender Künstler, die von außerordentlich freundlichen Kustodinnen betreut werden. Unter ihnen seien die Maler/innen Carla Accardi, Piero Dorazio, Alesandro Mendini, Achille Perilli, Antonio Sanfilippo, Renato Guttuso, Giulio Turcato, Pollock, des weiteren Werke von Pietro Consagra, Arnaldo Pomodoro, und die deutschen Künstler Joseph Beuys, Bernd Koberling, Marcus Lüpertz, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer genannt. Viele von ihnen ließen als Geschenk die Werke hier in Gibellina zurück, die sie in den bereitgestellten Ateliers, den Case di Stefano, gefertigt haben, die über der Stadt in den Hügeln liegen.

Neben
den Case di Stefano bei Gibellina verblieb das
Bühnenbild von Mimmo Paladino für
"Die Braut" von Messina von Friedrich Schiller
Diese Case vereinen alte und moderne Architektur, Künstlerateliers und ein Museum der mediterranen Kultur.

Ein
Blick ins Museo Officina
‚Trame Meditterranee‘
Wie in der Stadt, geht es auch hier in den Case di Stefano recht lebhaft zu. Ein alter Kustos, der ein Kauderwelsch aus Italienisch und Amerikanisch sprach, sein junger algerischer Gehilfe und Museums-Führer, ein schwarzafrikanischer Künstler mit seinem römischen Kampfhund, der ständig mit dem nicht vorhandenen Schwanz wedelte und zwei blondgelockte Kinder begegneten uns an dem Morgen, als druckend heißer Schirokko über die Landschaft blies. Dabei war uns schnell klargeworden: Ein paar Stunden sind zu wenig Zeit für diesen besonderen Ort. Und: Wir kommen wieder.
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