Italien
Gibellina
Oder
was tat Beuys in Sizilien?
Text
und Fotos: Dr. Annegret Winter
Im Januar des
Jahres 1968 wurden Teile des westlichen Sizilien durch ein starkes
Beben erschüttert, das in den Hängen über dem Flusslauf des mittleren
Belice mehrere Dörfer zerstörte: Partanna, Montevago, Santa Margherita
Belice, Salaparuta, Santa Ninfa, Poggioreale und Gibellina. Was folgte,
ist eine für Italien bezeichnende, daher bekannte Geschichte: trotz
Bereitstellung von Geldern durch den italienischen Staat blieb die
Hilfe für Tausende ihrer ganzen Habe beraubten Menschen aus. Mafiaspekulation
und die Ohnmacht der verantwortlichen Politiker waren wieder einmal
der Grund, dass staatliche Gelder in dubiosen Kanälen verschwanden.
Unterdessen lebten die Menschen, für deren Hilfe das Geld gedacht
war, in Barackenlagern in den unwirtlichen Bergen hoch über dem Belice-Tal.
Es dauerte etwa 15 Jahre, bis die verarmten Menschen in die tieferen
Tallagen ziehen konnten, wo neue Städte entstanden. Aber noch heute
kann man als unschöne Fremdkörper die Betonterrassen jener Lager zwischen
wuchernden Pflanzenbänken erkennen. Die alten Städte mit engen Gässchen
lagen an den Hängen unterhalb der Hügelkämme und waren dadurch geschützt
vor Eindringlingen, etwa im Mittelalter vor afrikanischen Piraten.
Die neuen Ort liegen nahe der inzwischen das Belice-Tal durchschneidenden
Autobahn.
Wir
passierten von Südwesten, aus dem am afrikanischen Meer gelegenen
Mazara del Vallo kommend, auf dem Weg nach Palermo diese Gegend und
durchstreiften auf geschlungenen Sträßchen das sizilianische Bergland.
Mazara del Vallo ist heute einer der größten italienischen Fischereihäfen
mit einer großen Thunfischflotte. Die Stadt gilt in Sizilien selbst
als ‚quasi africano‘. Dies liegt nicht nur an seiner geographischen
Lage gegenüber von Algerien, sondern auch an den in Mazara lebenden
algerischen Fischerei-Arbeitern. An kaum einem Ort in Sizilien wird
in so eindrucksvoller Weise klar, wie nahe Sizilien und Afrika nicht
nur geographisch beieinander liegen. Schon im frühen 9. Jahrhundert
waren an der sizilianischen Westküste Araber gelandet, um vor hier
aus bis ins späte 11. Jahrhunderts die Insel zeitweise völlig zu beherrschen.
Und noch heute kann man in den Straßen Frauen in orientalischen Gewändern
sehen. Vom Hafen fahren Passagierschiffe nach Pantelleria ab. Die
viertgrößte Insel Italiens liegt 102 Kilometer südwestlich im Kanal
von Sizilien unmittelbar vor der afrikanischen Küste.
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