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Singapur im Überblick

Singapurs Ruf ist ziemlich zwiespältig. Es gilt als wirtschaftlich erfolgreich und äußerst effizient, als geschäftsmäßig und etwas steril, bei Touristen als reine Shopping-Destination, in der man nur ein, zwei Tage als Stopover bleibt. Das wird der südostasiatischen Metropole aber nicht gerecht, denn sie hat ihre ethnischen Wurzeln, die chinesischen wie die malaiischen und die indischen, wieder freigelegt, präsentiert die historischen Quartiere Chinatown, Arab Street und Little India, die vor wenigen Jahren noch als „altmodisch“ verpönt waren und vor dem Abriss standen, als gemütlich-nostalgische Oasen im Hochhausdschungel, setzt auf gutes Essen aus verschiedensten Lebenskreisen und bemüht sich um moderne Kultur aus aller Welt – nicht zuletzt im neuen Kulturzentrum an der Esplanade. Zeit, einmal einen genaueren Blick auf Singapur zu werfen.

Singapur, Kulturzentrum

Das Kulturzentrum im Esplanade-Park

In hohem Bogen speit Merlion, das Wappentier der Stadt, einen gewaltigen Wasserstrahl in den Singapore River. Das Fabelwesen besteht aus einem Löwenkopf mit üppiger Mähne sowie einem Fischkörper und -schwanz und erinnert an die Entstehungslegende der Stadt, als Ende des 13. Jhs. ein buddhistischer Prinz aus Sumatra das Königreich Temasek gründete und bei seiner Ankunft auf der großen Insel vor dem Südzipfel der malaiischen Halbinsel ein schreckliches Wesen sah, das er für einen Löwen hielt. Obwohl es in dieser Gegend nie Löwen gegeben hat, erhielt die entstehende Stadt den Namen Singha Pura, „Stadt der Löwen“. Eigentlich war sie jedoch mehr ein Fischerdorf, so dass Merlion diese beiden Traditionen in sich vereint.

Zwischenzeitlich war der Hafen einmal ein bedeutendes Handelszentrum der malaiischen Reiche, versank dann aber wieder in Bedeutungslosigkeit. Als Stamford Raffles, ein Agent der britischen Monopolhandelsgesellschaft East India Company, 1819 in der Mündung des heute Singapore River genannten Flusses vor Anker ging, fand er Mangrovensümpfe, Dschungel, ärmliche Hütten und vielleicht 150 Fischer vor, doch der fähige Kolonialbeamte erkannte bald die strategische Lage der Insel an den Handelsrouten und die Qualitäten des sicheren Naturhafens. Die Ostindische Kompanie kaufte die ganze Insel und baute sie schnell zum Umschlagplatz für den Handel mit China, Japan und den Gewürzinseln aus. 1871 wurde Singapur britische Kronkolonie.

Im Zweiten Weltkrieg besetzten die Japaner Singapur, danach kehrten die Briten zunächst zurück, wollten ihre Kolonie jedoch bald aufgeben und mit Malaysia verschmelzen. Doch dagegen wehrten sich vor allem die chinesischen Bewohner der Insel, und die People’s Action Party (PAP) strebte die Unabhängigkeit an. Eine bedeutende Rolle spielte Lee Kwan Yew, ein Absolvent der Universität von Cambridge, dessen Großvater noch Kuli gewesen war und der 1959 zum ersten Premierminister Singapurs ernannt wurde. Von 1963 bis 1965 versuchte man ein Bündnis mit dem benachbarten Malaysia, doch nach dessen Scheitern verlegte sich Lee ganz auf einen eigenen Weg, der vor allem wirtschaftlich erfolgreich war. Singapur gehörte zu den „Tigerstaaten“, die in der Nachfolge Japans sich ab den 1960er Jahren schnell industrialisierten.

Singapur, historische Häuser

Historische Häuser

Ein Rundgang durch die Innenstadt kann am Sri Mariamman Temple beginnen. Der älteste Hindutempel der Stadt (gegründet 1827) fällt durch sein reich verziertes Torhaus auf und liegt am Rand von Chinatown. Wie auch die anderen historischen Stadtviertel wurde das Chinesenquartier aus dem späten 19. Jh. in den letzten Jahren renoviert und mit kleinen Läden, Cafés und Restaurants bestückt, durch die Besucher gerne bummeln. Ein kleines Museum erzählt die Geschichte der Chinesen in Singapur.

Durch das Geschäftsviertel beiderseits der Cross Street gelangt man zum Lau Pa Sat Festival Market, einer alten Markthalle aus einer Gusseisenkonstruktion, in der sich heute vor allem Essstände niedergelassen haben. Von hier geht es am Ufer entlang zur neuen Promenade vor dem historischen Fullerton Hotel. Unter großen Sonnenschirmen kann man sich gemütlich niederlassen, auf das Wasser und den Wasser speienden Merlion schauen. Der altbekannte Ort, um sich im Freien bei einem Kaffee oder Bier zu entspannen ist der Boat Quay, etwas weiter den Singapore River aufwärts. Bars und Restaurants beherrschen hier die Szene, die tagsüber recht ruhig ist und erst am Abend zu richtigem Leben erwacht.

Über eine der Brücken gelangt man in das während der Kolonialzeit entstandene Regierungsviertel. Parliament House (1827), der Supreme Court (1939, Oberster Gerichtshof) und die City Hall (Rathaus) liegen hier dicht beieinander, können aber in der Regel nur von außen betrachtet werden, da sie ihre Funktionen weiterhin innehaben. Die große Grünfläche gegenüber den Kolonialbauten wird The Padang genannt und im Süden vom Cricket Club, im Norden vom Recreation Club begrenzt. Beide waren typische Institutionen der britischen Kolonialherren, sind aber heute fest in der Hand der lokalen Elite. Nebenan steht in einem großen Garten St. Andrew’s Cathedral, die Mitte des 19. Jhs. eine frühere Kathedrale ersetzte.

Ganz neu angelegt ist hingegen, wieder am Ufer der Flussmündung, der Esplanade Park, den das neue Kulturzentrum, genannt „Theatres on the Bay“, beherrscht. Das Gebäudeensemble sieht aus wie eine gewaltige Durian, eine hier beliebte, weil wohlschmeckende, aber ziemlich übel riechende, stachelige tropische Frucht. Im Juni veranstaltet die Stadt ein großes Kulturfestival, doch das ganze Jahr über finden hier Theater- und Musikaufführungen statt. Nun ist es nicht mehr weit zu einer der kolonialen und touristischen Institutionen der Stadt, dem schon legendären Raffles Hotel. Die Besucher aus dem fernen Europa stiegen hier ab, darunter berühmte Schriftsteller wie Joseph Conrad, Somerset Maugham oder Rudyard Kipling. Nach umfassender Renovierung weist das Hotel auch heute wieder allen nur erdenklichen Luxus auf, doch selbst wenn man nicht hier wohnt, sollte man ein wenig durch die Ladenpassage bummeln, das Museum ansehen und in der Long Bar einen Singapore Sling schlürfen, der hier seit 1915 ausgeschenkt wird. Die Bar ist übrigens der einzige Ort im gesamten Stadtstaat, an dem man Abfall, nämlich die Schalen der gereichten Erdnüsse, auf den Boden werfen darf.

Ein weiteres Relikt der Kolonialzeit ist der Chijmes genannte Block historischer Gebäude, einschließlich einer gotischen Kirche, in den jetzt Läden, Cafés und Restaurants eingezogen wird; die Kirche wird für Empfänge und Konzerte genutzt. Hier sitzt man am Abend wahlweise im Freien oder gut gekühlt drinnen. Schräg gegenüber zeigt sich, dass Singapur auch als Kulturstadt jetzt Ernst macht, denn das Singapore Art Museum hat einen ordentlichen Bestand und durchaus anspruchsvolle Wechselausstellungen in einem ehemaligen Kloster zu bieten.

Singapur, Raffles Hotel

Das berühmte Raffles Hotel

Ein gutes Stück weiter im Norden liegen zwei andere historische Stadtviertel, mit Arab Street das Zentrum des muslimischen Glaubens sowie Little India. Mittelpunkt von Arab Street ist die gewaltige Sultan Mosque aus dem Jahr 1928, die von einer großen vergoldeten Kuppel überragt wird. Die Läden in der Umgebung verkaufen vor allem Textilien, aber auch Lederwaren, Rattanmöbel, Schmuck und orientalische Parfüms. Auch in Little India kann man natürlich Textilien erstehen, vor allem aber Gewürze und Lebensmittel, die für die hervorragende indische Küche, die hier in kleinen Restaurants angeboten wird, benötigt werden.

Weiter im Westen zieht sich dann über einige Kilometer die Orchard Road entlang. Viele Kurzzeittouristen kommen kaum über sie hinaus, denn hier reihen sich wie an einer Perlenkette Hotels und Einkaufszentren auf. Und eine Perlenkette wäre doch ein schönes Mitbringsel. Sicher ist Singapur weiterhin eine Shopping-Stadt, doch man darf sich nicht der Illusion hingeben, die Preise lägen hier wesentlich niedriger als in anderen Teilen der Welt.

Wer einmal etwas Erholung von der Stadt braucht, findet auch diese nicht weit entfernt ganz im Grünen. Der Jurong Bird Park beherbergt mehr als 8000 Vögel, vom tropischen Sänger bis zum arktischen Pinguin. Nebenan, aber gut getrennt, tummeln sich Krokodile und Verwandte im Jurong Reptile Park. An verschiedenen Stellen der Stadt bieten chinesische oder japanische Gärten kleinere Oasen der Ruhe und Beschaulichkeit. Die findet man auch im ausgedehnten Botanical Garden, den die Briten anlegten und der heute eine Sammlung von mehr als 60.000 Orchideen aufweist. Weltweit bekannt und geschätzt für seine offene Anlage und die züchterischen Erfolge ist der Zoological Garden. In weiten Gehegen leben über 2000 Tiere möglichst artgerecht. Und als Riesenerfolg hat sich die Night Safari erwiesen, eine nächtliche Führung durch eine spezielle Abteilung für nachtaktive Tiere.

Viele Asiaten stellen sich Themenparks als die eigentlichen touristischen Sehenswürdigkeiten vor. Und da kann Singapur natürlich nicht zurückstehen. Das Spektrum reicht von den Tiger Balm Gardens (Haw Par Villa), gestiftet vom Erfinder des Tigerbalsams und eine bunte Welt des Buddhismus darstellend, bis hin zu Sentosa Island, der Ferieninsel ganz im Süden, die per Seilbahn zu erreichen ist. Auf der Insel warten unter anderem ein Orchideengarten, ein Schmetterlingspark, ein Ozeanarium und eine Sammlung von über 1000 Kois, den sündhaft teuren japanischen Zierfischen, das Asian Village mit dem Kunsthandwerk der Region, ein Wasserthemenpark, ein „Vulkanland“ genannter Themenpark und natürlich jede Menge Fastfoodbuden. Da ist der Familienausflug doch perfekt.

Franz-Josef Krücker

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