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Lümmelfaktor 100

Urlaub auf den Seychellen

Text und Fotos: Anita Ericson

Lautlos schleicht sich Bridget an den Liegestuhl heran und schnappt das leere Glas genau einen Moment, bevor es den Boden berührt. „Noch einen Drink, Madam?“ Bridget, der dienstbeflissene kleine Schatten aus Villa Nummer sieben, würde ihren Gästen wahrscheinlich selbst gebratene Täubchen in den offenen Mund fliegen lassen, wenn ihnen danach wäre. Meistens sieht deren Traum vom Paradies aber anders aus und so ist sie in erster Linie damit beschäftigt nasse Bikinis aufzuhängen, Sand aus Taschen zu klopfen und literweise Kokossaft anzurichten. Manchmal schießt die ‚Villa Masterin’ dabei übers Ziel hinaus, etwa wenn sie einem die Unterwäsche fürs abendliche Dinner bereit legt.

Strand auf der Seychelleninsel Praslin

Das Lemuria Resort auf der Seychelleninsel Praslin ist eines dieser typischen Firstclasshotels, wo Geld keine Rolle spielt. Das 80 Hektar große, in eine tropische Hügellandschaft gebettete Areal liegt nicht bloß am schönsten Strand von Praslin, sondern vereinnahmt gleich die drei idyllischsten Buchten der gesamten Insel für sich. Zwischen dem weißen Sandstreifen und den dicht bewachsenen Felshängen kämpfen schwitzende Gärtner tapfer darum, das Gras am Golfplatz aussehen zu lassen, als ob das hier England wäre. Beim beträchtlichen Klimaunterschied ist ihr Vorhaben Gott Sei Dank zum Scheitern verurteilt. Das Resort selbst gibt sich stylisch, elegant, großzügig. Schnöde Zimmer, wie gewöhnlich! Im Lemuria wird in Suiten und Villen residiert, letztere mit eigenem Granitpool, privatem Garten, persönlichem Butler und selbstverständlich direktem Strandzugang.

Seychelleninsel Praslin
Granitpool im Lemuria Resort

Ultimative Strände

Bei all dem Trubel, den Bridget um die eigene Person veranstaltet, kann man kurzzeitig sogar vergessen, warum man den weiten Weg gereist ist. Kaum betritt man den Strand, weiß man aber wieder, dass man genau deswegen gekommen ist. Feine Resorts wie das Lemuria gibt’s ja mittlerweile schon an allen Ecken und Enden, auch an wesentlich näheren, aber nur wenige Enden sind halt so schön wie die Seychellen; die Strände sind überhaupt eine wahre Sensation. Und das nicht nur bei den Luxusschuppen. Keine Liegestuhlreihen, keine Würstelbuden, keine überdimensionalen Wasserrutschen, die austauschbare Küstenstreifen aufpeppen. Auf den Seychellen übt man sich im Purismus: naturbelassene, blütenweiße Sandstreifen vor türkisem, kristallklarem Wasser, scharf kontrastiert von üppiger Vegetation dahinter und von echsengrauen, von der Erosion rund geschliffenen Granitblöcken. Herz, was begehrst Du mehr? Um Familie W. aus Wien zum Beispiel muss man sich finanziell keinerlei Sorgen machen. Jedes Jahr zu Weihnachten geben die W‘s für ihre Flüge auf die Seychellen so viel aus wie andere Menschen einmal in zehn Jahren für ihren Kleinwagen – um dann just im einfachen Gästehaus mit Blick aufs Meer glücklich zu werden. Ein kleiner, ausreichend bestückter Supermarkt, nette Restaurants ohne Überdrüber, die ultimativsten Strände in radlbarer Distanz. Sie erfüllen sich ihren Traum vom Paradies seit zwanzig Jahren auf der Insel La Digue, eine halbe Bootsstunde von Praslin entfernt, auch ohne Bridget und gebratene Täubchen.

Seychellen - Strand auf der Insel La Digue
Strand auf der Insel La Digue

UNESCO Weltnaturerbe Vallée de Mai

Egal wie man sich bettet, frisch aus Europa eingeflogen, muss man sich zuallererst an den Lenz gewöhnen. Hatte man zu Hause noch herzlich über die absolute Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h auf allen Inselstraßen gelacht, sieht man sich bei halb so schneller Fahrt auf breiter, übersichtlicher, freier Straße gezwungen, die Untätigkeit hinzunehmen und den eigenen Stresspegel drastisch zu senken. Ruhig ausatmen und zurücklehen, es gibt ohnehin nichts Dringendes zu verrichten, man muss es lediglich ins Hirn bekommen. Rafft man sich mal aus der Liegestellung auf, gibt es als Sights eigentlich nur noch mehr Natur und durch die soll man bekanntermaßen nicht hetzen. Das Highlight im inneren Kreis der Inseln ist eines der kleinsten Unesco-Weltnaturerbe, Vallée de Mai, im Herzen von Praslin. Dieser Palmenwald ist schöner als alles, was um viel Geld in diversen Weltgegenden für Urlauber aus dem Boden gestampft wurde. Die Natur lässt sich eben nicht toppen: Vallée de Mai ist der letzte Rest jener prähistorischen Wälder, die schon existierten, als die Seychellen noch Teil des Urkontinents Gondwana waren. Acht endemische Palmen- und Schraubpalmenarten wachsen hier neben anderen Bäumen zu einem dichten Dschungel, in dem auch mit etwas Glück der seltene schwarze Papagei zu sichten ist.

Seychellen - Praslin - Unesco-Weltnaturerbe Vallée de Mai

Die Coco-de-Mer-Palme ist unter den heimischen Palmen die erstaunlichste. Ein Kugelgelenk hält die ausgewachsene Palme im Boden, so dass sie sich trotz ihres harten Holzes im Wind wiegen und selbst Orkanen trotzen kann. Bis es so weit ist, dauert es aber, die Coco-de-Mer wächst langsam und bedächtig jedes Jahr um ein Blatt. Dafür wird sie bis zu 350 Jahre alt. Sie ist die augenfälligste Protagonistin der offensichtlichen Seychellen-Lehre: wer sich keinen Haxen ausreisst, lebt länger. Die Coco-de-Mer hat es zu Weltruhm gebracht, allerdings weniger ihrer faszinierenden Biologie, als vielmehr der suggestiven Form ihrer weiblichen Frucht wegen. Die männliche Frucht, im Übrigen, ist kaum weniger eindeutig.

Seychellen - Praslin - Unesco-Weltnaturerbe Vallée de Mai

Einzigartige Unterwasserwelt

Das Meer rund um die einzelnen Inseln ist kristallklar und es liegt auf der Hand, sich die Sache von unten zu besehen – egal ob mit voller Tauchermontur oder nur mit Flossen, Brille und Schnorchel bewehrt. Das Wasser ist bacherlwarm, Sichtweiten von 30 Meter und mehr keine Seltenheit. Riffhaie, Adlerrochen, Barrakudas, Napoleon-, Trompeten- und Engelsfische, Oktopusse und Tintenfische, rostrote Weichkorallen und blitzblaue Hartkorallen ... man verliert sich schnell in der Überfülle, die schon im brusttiefen Wasser beginnt. Vor Freude hüpft das Herz, wenn vor der Taucherbrille eine Schildkröte durchs Unterwassergemüse paddelt, obwohl solche Begegnungen hier an der Tagesordnung sind. Die Seychellen sind sogar der einzige Platz weltweit, wo die Meeresschildkröten auch untertags den Landgang wagen, um ihre Eier in den Sand zu legen.

Schildkröte auf der Insel La Dique
Schildkröte auf der Insel La Dique

Ihre riesigen Landschwestern sind das Wahrzeichen der Seychellen. Die Bestände waren durch lange Jahrhunderte der Seefahrt, als man sie als Wegzehrung mit auf die Schiffe nahm, bereits arg dezimiert, fast vernichtet wären sie dann in den Suppenkochtöpfen der Feinschmeckerlokale geworden. Durch strenge Schutzmaßnahmen hat sich die Population erholen können und steigt nun wieder. Geschätzte 150.000 Riesenschildkröten sollen heute auf den Seychellen leben, das sind mehr als selbst auf Galápagos. Sie sind, wie die Coco-de-Mer, behäbige Relikte aus einer Urzeit, die genauso steinalt werden und die sich seit über 200 Millionen Jahren kaum verändert haben. Sie leben überall frei und trotten seychellois stresslos durch die Zeiten. Die meisten Schildkröten gibt es in ihrer ursprünglichen Heimat im Aldabra-Atoll, jene selbst für hiesige Verhältnisse entlegenen Inseln der äußeren Seychellen. Auf den Koralleninseln von Aldabra ist die Natur noch unberührter als im Kreis um Mahé, Praslin und La Digue, die aus Granit bestehen und sich geologisch gesehen auf einem ganz anderen Plateau befinden. Nur echte Naturfreaks scheuen weder Mühen noch Kosten für eine Reise ins Aldabra-Atoll, dem Rest der Welt reicht der innere Zirkel.

Auf der Hauptinsel Mahé

Seychellen - Big Ben auf der Hauptinsel Mahé
Big Ben auf der Hauptinsel Mahé

So oder so führt kein Weg an der Hauptinsel Mahé vorbei, dort landen die internationalen Flieger. Vom Flughafen ist es nicht weit in die Hauptstadt Victoria, wo man besser Leute-schauen kann als sonstwo im Inselreich. Schmucke, schniegelige Häuser säumen die Einfahrt zur 40.000-Seelen-Gemeinde, wo damit knapp die Hälfte der gesamten Bevölkerung der Seychellen wohnt. Die einzige nenneswerte Stadt im Staat ist an keinem Ende schmutzig, rissig oder kantig, nach ein paar Häuserreihen geht sie gleich wieder in Wald über. Im Zentrum Victorias steht eine Art Big Ben, der genauso harmlos verspielt in der Gegend rumsteht, wie die Seychellen auf der Weltkarte. Drabig hat es hier niemand, galant bekommen Fußgänger freie Bahn, wenn sie die Straße überqueren möchten und in eine Bank zu gehen, um schnell (!) mal zehn Euro für ein Souvenir zu wechseln, kann auch nur einem hektischen Europäer einfallen. Selbst am Markt wird gemütlich eingekauft statt rüde gefeilscht. An den Ständen stapeln sich exotische Gemüse, Früchte und Kräuter, daneben liegen atemlos die Fische, die einen am Vortag im Wasser begeistert haben. Klein ist er, der Markt, aber das wundert einen eh schon nicht mehr. Vor allem wenn man vorher durch die Haupteinkaufsstraße geschlendert ist, die den Seychellois das Einkaufszentrum ersetzt.

Seychellen - Markt auf der Hauptinsel Mahé
Markt auf der Hauptinsel Mahé

Setzt man sich also auf ein Bankerl und sieht den Seychellois zu, die vorüber spazieren. Frauen gesetzteren Alters mit leichten, breitkrempigen Strohhüten und akkurat gebügelten Faltenröcken, Männer in Poloshirts, junge Mädchen in Rüschenröcken und Burschen mit Baseballkappen. Wem auch immer man genauer ins Gesicht blickt, dem sieht man afrikanische Vorfahren ebenso an wie indische und europäische: die Seychellen haben keine Ureinwohner, die ersten Siedler kamen ums Jahr 1770. Zunächst Franzosen, dann Engländer und mit ihnen indische Arbeiter und afrikanische Sklaven sowie später freie Afrikaner. Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne haben sie sich so vermischt, dass man heute nur mehr wenigen eine eindeutige Herkunft ansieht.

Seychellen - Einwohner



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