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Senegal im Überblick

Es gibt wohl kein geeigneteres Tor zu den noch wenig besuchten Ländern Westafrikas als die senegalesische Metropole Dakar. Ihr Häusermeer bedeckt die Halbinsel Cap Vert, die als westlichste Landspitze des afrikanischen Kontinents in den Atlantik hineinragt. Hier laufen die Verbindungslinien zusammen, die Besucher aus Europa ins Land bringen und nach einem Stopover zu den Zielen in der Region weiter verfrachten.

Wer im Senegal bleibt, wird eines der abwechslungsreichsten Länder des westlichen Afrika kennenlernen und mit Dakar seine von mitreißender Dynamik vibrierende Hauptstadt, „where elegance meets chaos“, wie es jemand so schön ausdrückte.

Senegal

Foto: © Jean-Luc Benoist - Fotolia.com

Dakar

Wer weiß schon, dass sich Dakar zur Modehauptstadt Afrikas gemausert hat, dass Afrikas bedeutendste Modenschau die „Dakar Fashion Week“ ist? Und das ausgeprägte Modebewusstsein gibt es nicht etwa nur im abgehobenen Milieu! Jeder, der es sich irgendwie leisten kann, kleidet sich nach dem dernier cri, auch wenn die Damen in „high heels“ durch den Staub löchriger Fußwege stöckeln müssen und die Herren in ihren hellgrauen Anzügen nach einem langen heißen Tag etwas derangiert daherkommen. Im Viertel Médina wird hauptsächlich entworfen und geschneidert. Das Design stammt übrigens von Frauen, genäht wird von Männern.

In Dakar sind noch Pferdefuhrwerke unterwegs und genauso selbstverständlich die großen SUVs und keiner von ihnen hält sich je an irgendwelche Verkehrsregeln. Neben winzigen Schneidereien protzen elegante Einkaufsgalerien, Seite an Seite mit endlosen Reihen provisorischer Marktstände. Schicke Straßencafés boomen neben vollgestopften Elendsquartieren und Kolonialbauten verteidigen ihr Terrain gegen vorrückende Glaspaläste. Am Nachmittag landen Pirogen, die prachtvoll bemalten Fischerboote, im Stadtteil Soumbédioune ihre Fänge an, die auf dem benachbarten Fischmarkt zum Kauf ausgebreitet werden und gleich dahinter kann man Bootsbauern beim Bau von Pirogen zuschauen. Kaum ein Ort, an dem man nicht von aufdringlichen kleinen Straßengaunern aufgespürt wird. Und über allem hängt der Duft der feinen Küche Dakars und ihrer volkstümlichen Abwandlungen in den Garküchen und in alle Ohren dringt der Sound der phantastischen senegalesischen Musikszene, immer herauszuhören die rasenden Trommel- und Gitarrenrhythmen des Mbalax.

Senegal

Foto: © alain juillet - Fotolia.com

Für die mitreißende Atmosphäre in Dakar sorgen allein ihre Bewohner, die städtische Architektur liefert nur müdes Beiwerk. Dabei hatte Léopold Sédar Senghor, der große alte Mann Senegals, für die Stadt Großes geplant. Nicht weniger als ein „Athen Sub-Sahara-Afrikas“ sollte eines nicht so fernen Tages aus Dakar werden. Zum Glück blieben wenigstens einige prächtige Kolonialbauten erhalten wie an der Place de l`Indépendance oder das Palais Présidentiel, der ehemalige Amtssitz des Generalgouverneurs von Französisch-Westafrika. Heute residiert hier Senegals Staatspräsident. Auch das 1914 erbaute Bürgermeisteramt (L`Hotel de Ville) zählt zu den nicht sehr vielen Zeugnissen der Vergangenheit. Einen Besuch lohnen auch das Musée Théodore Monod d`Art Africain und das Village des Arts, wo Maler, Bildhauer, Fotografen und Videokünstler zeitgenössische senegalesische Kunst zeigen. Der 1913/14 im Kolonialstil erbaute und lange Zeit vernachlässigte Hauptbahnhof ist zu neuem Leben erwacht, aber ob das Monument de la Rénaissance africaine, in „stalinistischer Manier“ von Nordkoreanern errichtet, sehenswert ist, sei dahingestellt.

Als die legendäre Rallye Paris-Dakar noch durch Senegal kurvte, führte die Schlussetappe des umstrittenen Offroad-Rennens für Automobile, Quads, Trucks und Motorräder traditionell um den Lac Rose nicht weit von Dakar. Es sind Bakterien, die rotes Eisenoxid ausscheiden und dem See seine ungewöhnliche Färbung geben. Er ist extrem salzhaltig. Frauen und Männer vom Stamm der Fulbe beuten die Salzschätze aus, transportieren sie in kleinen Booten oder balancieren sie in Körben auf ihren Köpfen an den Strand, wo sie zu Salzbergen aufgeschüttet, getrocknet und für den späteren Verkauf abgepackt werden.

1978 fand die Dakar gegenüberliegende Île de Gorée Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO. Die nur 28 ha große „Insel ohne Wiederkehr“ hat einen ausgeprägt musealen Charakter. Wohl erhaltene Bauten des portugiesischen, niederländischen und französischen Kolonialzeitalters, als die Insel siebzehn Mal den Besitzer wechselte, prägen das Bild. Lange Zeit galt Gorée in der Geschichtsschreibung als der wichtigste afrikanische Umschlagplatz für Sklaven, die von hier nach Amerika oder Europa verschleppt wurden. Von 10 Millionen war die Rede, an anderer Stelle gar von 20 Millionen. Seit 1996 haben freilich Forschungen Ergebnisse zutage gefördert, die ein gänzlich anderes Bild entstehen lassen. Danach war die Insel ein Handelszentrum für in Europa begehrte Waren (Elfenbein, Gold, Gummi) und natürlich waren Sklaven, wie damals allgemein üblich, in Haus, Geschäft und Lager eingesetzt und vermutlich wurde auch eine vergleichsweise geringe Zahl von vielleicht 500 jährlich verschifft. Dakar beharrt auf der ursprünglichen Version. Man fürchtet um die Anziehungskraft der Insel als Geschichtsmuseum und als Ort der Aussöhnung und des Gedenkens an die Schrecken menschlicher Ausbeutung.

Das sog. Maison des esclaves im Senegal

Das sog. Maison des esclaves Foto: © Céline Aumard - Fotolia.com

Ein ganz anderes Ziel im näheren Umfeld Dakars ist das Bandia-Naturreservat, ein umzäuntes Gelände von vielleicht 3.500 ha, das als Aufzucht- und Schutzgebiet für afrikanische Savannentiere eingerichtet wurde. An die 50 km „tracks“ können mit dem eigenen oder dem Leihwagen befahren werden, während der Regenzeit ist allerdings 4WD (Allradantrieb) vorgeschrieben. Die hier heimisch gewordenen Tiere, darunter Nashörner, Giraffen, Antilopen und die vom Aussterben bedrohte Dama-Gazelle, haben sich an die Besucher gewöhnt und gehen unbeeindruckt ihrer Wege.

Nicht weit ist es von hier an die Petite Côte, einem schönen Platz zum Ausspannen mit dem populären Seebad Saly Portudal als touristischem Mittelpunkt, dessen feinsandige Strände und eine anspruchsvolle Hotellerie, Golfplatz und sogar ein kleiner Privatflughafen Gäste aus dem In- und Ausland anlocken. Hauptort der Region ist M`bour, das dem Fischreichtum der umgebenden Gewässer seinen Wohlstand verdankt wie auch seinem blühenden Kunsthandwerk und den Umsätzen seines lebhaften, bunten Marktes, den kein Tourist versäumen sollte.

Nach Norden zum Senegal-Fluss

Saint-Louis in der Mündung des Senegal-Flusses, der die Grenze zum Nachbarstaat Mauretanien markiert, ist die älteste französische Siedlung in Afrika. 1659 setzte sich die Grande Nation in dieser Sandwüste fest, errichtete einen befestigten Handelsstützpunkt zum Schutz wichtiger Seerouten und für den Umschlag begehrter afrikanischer Rohstoffe. Das waghalsige Experiment einer Stadtgründung in dieser unwirtlichen Gegend gelang, Saint Louis blühte auf. Nicht wenige Franzosen ehelichten einheimische Frauen, ihre gemeinsamen Kinder wuchsen zu einer Mischlingsaristokratie heran. Eine bemerkenswerte Architektur zierte das Stadtbild, wie man heute noch staunend feststellen kann. Diese charakteristische Kolonialarchitektur, verteilt auf ein regelmäßiges Straßengeflecht und die Lage auf einer Insel im Mündungsdelta des Flusses bewogen im Jahr 2000 die UNESCO, Saint Louis in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. Bis 1902 war die Stadt Hauptstadt von Französisch-Westafrika, bis 1957 Hauptstadt von Senegal und Mauretanien. Dann übernahm Dakar den Part für Senegal und die alte Metropole aus Kolonialzeiten verlor rasch an Bedeutung bis man sich ihrer Schätze besann und einen Neuanfang wagte. Die Stadt versteht sich heute als kulturelles Zentrum Senegals, ihr jährliches Jazz-Festival ist weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Besucher sollten die Möglichkeit wahrnehmen, mit einer geruhsamen Kutschfahrt die von Kolonialbauten geprägte Stadt zu erkunden.

Fischer am Senegal-Fluss

Fischer am Senegal-Fluss Foto: © Parato - Fotolia.com

Gleich zwei Schutzgebiete liegen in Stadtnähe: La Langue de Barbarie formt eine etwa 20 km lange, extrem schmale, sandige Landzunge vor der Mündung des Senegal-Flusses. Das topographisch auffällige Gebilde aus flachen Stränden und Sanddünen in einer Zone, wo sich Süß- und Salzwasser vermischen, ist die Heimat unzähliger Seevögel, darunter weiße und graue Pelikane, Reiher, Kormorane, Flamingos, Seeschwalben. Dazu gesellen sich in den Wintermonaten Zugvögel aus Europa. Das andere Reservat ist das weltweit drittgrößte Vogelschutzgebiet Parc National des Oiseaux du Djoudj. 1981 wurde das 16.000 ha große Areal im Delta des Senegal-Flusses in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Es umfasst eine Vielzahl von Wasserläufen, kleinen und großen, Teichen, Inseln und einen großen See, der fast ein Viertel der Gesamtfläche ausmacht. Für die europäischen Zugvögel ist der Park mit seinen enormen Süßwassermengen ein überlebenswichtiger erster Halt (und für viele Arten auch dauerhaftes Winterquartier), nachdem sie das Mittelmeer und danach einige hundert Kilometer Saharawüste überquert haben. Die Vegetation des Geländes ist eher karg, eben Sahelsavanne mit Dornbüschen und Akazien, Wüstendatteln und Tamarisken. Wenn seltene Regengüsse manche Zonen überfluten, sprießt Elefantengras und Seerosen breiten sich aus. Auch Vierbeiner fühlen sich auf dem nassen Terrain wohl, darunter Warzenschweine, Gazellen und Schakale. Süßwasserschildkröten und Krokodile haben sich angesiedelt, Hauptdarsteller aber sind natürlich die Vögel, die Trappen, Kormorane, Löffler, die Reiher und etliche Entenarten, Kampfläufer, Flamingos und Schlangenhalsvögel, weiße Pelikane (mehr als 5.000 brüten im Gelände), Pfeifgänse, Uferschnepfen, insgesamt sollen es fast 400 Arten sein, die vorübergehend oder ständig im Reservat leben.

Auf Entdeckungstour durch die südlichen Landesteile

Ein weiteres interessantes Areal zählt seit 2011 zum Welterbe. Das Delta du Saloum grenzt an Gambia und den Atlantik. 72 km zieht es sich die Küste entlang und reicht bis zu 35 km ins Landesinnere. Die Welterbestätte umfasst außer dem Saloum-Delta auch die Deltas der Flüsse Sine und Diombos – eine eindrucksvolle Wasserlandschaft, durch die die Flüsse in unzähligen engen Windungen mäandern, ihre Ufer dicht mit Mangroven bewachsen. Dazwischen verlaufen Brackwasserkanäle, erheben sich einige Hundert kleine Inseln und wo der Boden stabil und trocken ist, gedeihen Baobabs und Akazien. Das Außergewöhnliche an dieser Fluss- und Sumpflandschaft sind die Hinterlassenschaften ihrer seit mehr als 2000 Jahren hier siedelnden Bewohner. Sie waren (und einige sind es noch) Fischer und Muschelfischer, präparierten ihre Fänge für den Handel und nutzten die Muschelschalen für die Anlage von Hügeln. Aus kleinen Haufen wurden im Laufe der Zeit teils imponierend große Hügel, 218 wurden gezählt, 28 von ihnen konnten als Friedhöfe identifiziert werden. Die künstlichen Muschelinseln trugen zur Stabilität von Kanälen und Ufern bei. Sie sind ein einzigartiges Beispiel für Nachhaltigkeit, für eine ungewöhnliche Lebensform am westafrikanischen Atlantik.

Die Inseln, Flussläufe und Mangrovenwälder der Deltalandschaft sind die Heimat unzähliger Vogelarten, auch Delphine und Seekühe werden häufig gesichtet, seltener der Westafrikanische Stummelaffe, Riedböcke und die kleine Ducker-Antilope.

Ein Abstecher führt die Küste hinunter, durchquert den kleinen Staat Gambia, der wie ein Riegel den Süden Senegals vom Rest des Landes trennt, und endet in Cap Skirring „entre océan et forêt“ in der Region Casamance, dem einzigen tropischen Landstrich Senegals. Cap Skirring ist das beliebteste Badeparadies Westafrikas. Sein 5 km langer feinsandiger Strand wird von Kokospalmen gesäumt. Selbst in der winterlichen Hochsaison gibt es hier kein Gedränge, ein ruhiges Plätzchen findet sich immer. Man kann segeln und surfen oder auf dem Wasserski über die Wellen gleiten und sich einer professionellen Hotellerie anvertrauen.

Die Region Casamance ist nicht so ohne weiteres zu bereisen. Seit 1982 gibt es hier eine gewaltbereite Unabhängigkeitsbewegung. Zeitweise war der Landstrich wegen der heftigen Auseinandersetzungen gar nicht zugänglich. Reisen durch die schönen Landschaften der Casamance, Bootsfahrten auf ihren zahlreichen Flussarmen, wo Reisfelder die Ufer säumen, Fischfang und Austernzucht betrieben werden, oder Besuche in den Dörfern der unterschiedlichen Volksgruppen: das zu erleben, ist nur möglich, wenn die Waffen schweigen. Ob dem so ist, sollte man rechtzeitig in Erfahrung bringen.

Senegal, Nashorn

Foto: © j. gruau - Fotolia.com

Am östlichen Rand der Casamance und auf dem Territorium der Provinzen Kédougou und Tambacounda erstreckt sich über mehr als 9.000 km² eines der größten Tier- und Pflanzenreservate Westafrikas. Der Besuch im Niokolo-Koba-Nationalpark ist ein absolutes Highlight einer Rundreise durch Senegal. Ursprünglich ein Jagdrevier, wurde das Areal in den 1960er Jahren zum Schutzgebiet erklärt und 1981 in die Welterbeliste aufgenommen. Der Gambia-Fluss mit seinen Nebenflüssen Niokolo und Koulountou durchzieht den überwiegend flachen Park. Abwechslungsreich ist das Landschaftsbild. Da gibt es Galeriewälder an den Flussläufen, Grasebenen, die in der Regenzeit unter Wasser stehen, Marsch, tropischen Trockenwald, Felshänge, Hügel von vielleicht 200 m Höhe. Die Vegetation im Park zeigt sich je nach Bodenbeschaffenheit mehr oder weniger üppig: hoch wachsende Süßgräser sind häufig, auch Bambus und Lianen, stachelige Mimosenbüsche, der Mesquite- und der Kapokbaum, Stinkbaum und Raffia-Palme, um nur einige zu nennen. Die Tierwelt ist mit etwa siebzig Säugetierarten vertreten, darunter Löwen (sie sollen die größten in Afrika sein!), Leoparden und Afrikanische Wildhunde, Kaffernbüffel und Pferdeantilopen, Riesen-Elenantilopen und Elefanten, Schimpansen und Flusspferde, dazu kommen 36 Reptilien- und 20 Amphibienarten und mindestens 330 Vogelarten, unter ihnen Kampfadler und Schlangenadler, der Schildturako im blau-violetten Gefieder, die hochbeinigen Sporngänse, düster-schwarze Hornraben, die große Kafferntrappe.

Eckart Fiene

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