Wo Ferien ein Kinderspiel sind
Ferien in der Ostschweiz
Text und Fotos: Manfred Lädtke
Neues Spiel, neues Abenteuer. Oder wie Sepp Herberger meinte: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Die bei Ballexperten unumstrittene Fußballweisheit taugt für Ferienkinder als taktische Richtschnur für eine Menge Spaß bei „ihrem“ Spiel.

Zum Beispiel in der Ostschweiz, wo ein Arm des Rheingletschers ein Tal geformt hat, das die Eidgenossen Toggenburg nennen. Zwischen Alpstein und den Gipfeln der sieben Churfisten stehen Mädchen und Jungen in den Sommerferien garantiert nicht im Abseits.

Reka-Feriendorf mit Zirkuszelt
In der Urlaubsregion nahe dem mächtigen Säntismassiv liegt eine Fahrstunde von Zürich und vom Bodensee entfernt bei Wildhaus das Reka-Feriendorf. Hier hat „Teammanager“ Erich Vetsch das Sagen. Erich ist Herr über sieben Ferienhäuser mit 57 Wohnungen, Hallenbad und vielen Spieleinrichtungen und coacht im Nebenjob kleine Artisten. In seinem Zirkuszelt mitten im Kindercamp werden keine Steilpässe gespielt. Der Ball ist nicht aus Leder, dafür knallbunt, und bestens geeignet für den Doppelpass von Kind zu Kind unter der blauen Zirkuskuppel. Mit Erichs Tipps und Raffinesse sowie der Hilfe von Zirkus erfahrenen Co-Trainern bereiten sich die jungen Feriengäste auf ihren Einsatz als Trapezkünstler, Seiltänzer, Raubtierbändiger, Feuerschlucker oder Clown vor. Einmal pro Woche führen die Stars in der Manege ihren Eltern und Freunden die trickreichen Kabinett- und Kunststücke in der dann vollbesetzten Arena vor. 60 Minuten dauert das farbenprächtige Spiel, bei dem es keine Verlierer, nur strahlende Gewinner gibt.

Feuerspucker im Zirkuszelt
Als hätte sie soeben einen entscheidenden Elfmeter verwandelt, gesteht die 13-jährige Wisi nach geglückten Zaubereien: „Puh, erst war ich ziemlich nervös, aber als es darauf ankam immer cooler.“ Auch der elf Jahre junge Felix ist mit seinem Auftritt als Trapezkünstler zufrieden und erklärt stolz: „Das war geil, als die vielen Leute klatschten und „Bravo“ riefen“.
Ebenfalls hoch hinaus geht es in nur 30 Minuten vom Familiendorf entfernt in Starkenbach. Ein „Gipfel“ des Vergnügens ist die Fahrt zwischen Himmel und Erde mit der Selun-Seilbahn: Vorausgesetzt, der Feriengast weiß von dem Gefährt. Der Berglift ist zwar für Personen zugelassen, aber auch eine Privatbahn. Und darum steht er in keinem staatlichen Urlaubsprospekt.
Wer kein Auto hat, fährt vom Reka-Familiendorf in Wildhaus-Ligishaus mit dem Postbus bis Starkenbach vor das Gasthaus „Churfirsten“. Nicht etwa als Gaudi, vielmehr für weniger zielsichere Vollstrecker auf den Stehplätzen, hat der Wirt im Wandbassin der Herrentoilette einen grünen Mini-Strafraum aus Plastik samt Tor installieren lassen. Bei jedem Volltreffer punktet die Putzfrau.

Spaß in der Seilbahngondel
Hinter dem Restaurant führt ein 200 Meter langer Wiesenpfad zur Talstation der Seilbahn. Was heißt „Seilbahn“? Die einzige Gondel ist ein Kartoffelkisten ähnlicher Behälter, ein mit Metall verkleideter 1 x 2,40 Meter großer offener Holzkasten mit Dach und zwei Einstiegsluken. Das war´s. „Klar, haben wir einen Fahrplan“, sagt Peter Bösch stolz. Montags bis samstags geht es im Sommer von sieben bis 19 Uhr hinauf auf die Alp Selun. „Wenn Gäste warten, fahren wir auch Sonderschichten“, verspricht der „Bahn-Präsident“ und öffnet die Luken: Einsteigen zur rustikalsten Seilbahntour im Toggenburg-Land.
Mit 8,9 km/h schnurrt die Gondel der 1579 Meter hoch gelegenen Alm entgegen. Wind zerzaust das Haar. Immer steiler wird die Bergetappe. Gut, dass die schräg befestigten Holzsitze für maximal fünf Popos sicheren Halt bieten. Der Blick schweift aus dem Luftcabrio hinüber zum Bergpanorama der „Churfirsten“ und zu den unter der Gondel wie in Zeitlupe dahinziehenden Baumwipfeln. Wehe, wenn Petrus jetzt die Schleusen öffnet.
Peter Bösch hätte damit kein Problem. Für den hauptberuflichen Landwirt ist das Vehikel aus dem Jahr 1911 nach wie vor ein Arbeitsgerät. Damals wurde es gebaut, um Milchkannen, Käse, Butter und Werkzeuge zu transportieren. 44 Jahre später kletterten die ersten Touristen in den schwebenden Kasten. Die Sicherheitsvorschriften seien genauso streng wie bei allen Schweizer Seilbahnen, sagt der Präsident und versichert: „Es hat noch nie einen Unfall gegeben.“ Auf dem Berg angekommen, kehren Wanderer in Almhütten ein, steigen auf einem Sagenweg hinab ins Tal. Von illustrierten Holztafeln geleitet wandern die Besucher durch eine längst vergangene Mythenwelt der Schweiz. Oder sie genießen retour die luftige Tour de Swiss. Manchmal ist die Kastenbahn allerdings „besetzt“: Milchkannen haben auch heute noch Vorfahrt.

Kinder mit Kühen
Weniger rustikal aber ebenso luftig geht es in Alt St. Johann mit dem Sessellift hinauf auf die 900 Meter hohe Alp Selamatt. Vor dem Gasthaus genießen kauende Kühe die Streicheleinheiten von Kindern. Nur hin und wieder kommentieren die Schweizer Urviecher ihre Rolle als modellhafte Landpomeranze für klickende und surrende Kameras mit einem lang gezogenen Muuuh.
Töne ganz anderer Art gibt ein „Klangweg“ preis. Der Pfad am Fuße der Churfirsten führt in drei Etappen begleitet von Enzian, Prachtnelken und Alpenanemonen bis Wildhaus. Auf der „Glockenbühne“ versammelt sich eine große, allerdings nicht sichtbare Viehherde mit Kühen, Ziegen und Eseln. Mit geschlossenen Augen tanzen Kinder durch die Schellen und Glocken und sind mittendrin in einer klangvollen Älplerchilbi. Etwas weiter ist eine „Tonmühle“ mit Glassteinchen gefüllt. Zwei Mädchen fassen sich ein Herz und drehen die „Mühle“: Ein feines perliges Rauschen ertönt und wird zur Melodie der Landschaft. Mehr als 20 Instrumente laden auf dem knapp drei Kilometer langen Panoramaweg zu musikalischen Experimenten ein.

Flötenzaun auf dem "Klangweg"
Ein „Klangspiel“ dauert 90 Minuten, das gilt zumindest für die erste Etappe „Selamatt“, auf der auch Rollstühle und Kinderwagen freie Fahrt haben. Ob „Schellensaite“, Felsentöne“ oder „Singstein“, jedes Spiel ist anders und - wie gesagt - immer gilt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
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