Reisemagazin schwarzaufweiss

„Kunst & Architektur“ - eine Themenroute durch die Schweiz

Zürich beleuchtet sich neu

Zürich gilt als Bankenstadt, und in der Bahnhofstraße stehen tatsächlich die unerschütterlichen Festungen des soliden Reichtums. Vielleicht versperrt der hektische Gang der Geschäfte aber zu oft den Blick auf eine der schönsten und kulturell lebendigsten Städte Europas. Die engen Gassen der Altstadt stecken nämlich voll mit architektonischen Leckerbissen und kulturellen Angeboten. Unerschütterlich im Zentrum der Kunst steht seit einem Jahrhundert das Kunsthaus mit seiner weltberühmten Giacometti-Sammlung. Das architektonische Konglomerat aus Anbauten und Umbauten wurde jüngst einer umfassenden fünfjährigen Renovierung unterzogen und strahlt seit Herbst 2005 nicht nur in neuem Glanz und mit neuer Hängung der Sammlung, sondern ist auch museumstechnisch wieder auf dem modernsten Stand, um hochkarätige Sonderausstellungen auf internationalem Niveau zu beherbergen.

Schweiz - Zürich: Kunsthaus  Hodler-Saal

Sammlung Hodlersaal © Kunsthaus Zürich, Foto: Arthur Faust

Im Zürcher Niederdorf ist seit kurzem auch wieder ein Stück Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu neuem Leben erweckt: Denn dort befindet sich jener Ort, an dem die Stadt einmal den größten Sprung über ihren konservativen Schatten tat. In der Spiegelgasse, Hausnummer 1, gab es im Februar 1916 Abend für Abend einen sonderbaren Krawall, über den sich sogar ein gewisser Lenin beschwerte, der damals schräg gegenüber wohnte und den folgenreichsten Aufruhr des zwanzigsten Jahrhunderts vorbereitete. Hugo Ball und Hans Arp hatten mit einigen Gleichgesinnten das Café Voltaire eröffnet, in dem sie improvisierte Theateraufführungen und musikalische Intermezzos auf die Bühne brachten. Dieser „Tummelplatz verrückter Emotionen” bot eine Plattform für alle denkbare moderne Kunst, die während des Weltkrieges anderswo kein Forum fand. „Ein undefinierbarer Rausch hat sich aller bemächtigt. Das kleine Kabarett droht aus den Fugen zu gehen“, schrieb Hugo Ball. Es war die Geburtsstunde des Dadaismus. Euphorisch-kunsthistorisch ausgedrückt wurde in der Spiegelgasse das „Ur-Ei der Moderne“ gelegt. Das Café Voltaire ging schnell wieder ein, doch der Dadaismus, jenes „Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“, ging um die Welt.

Jetzt, nach fast neunzig Jahren, ist Dada überraschend nach Zürich zurückgekehrt. Eine Initiative aus Bürgern, Politikern und Wirtschaft hat es geschafft, das Café Voltaire wiederzueröffnen. Café, Bühne und Ausstellungsräume in der Spiegelgasse sollen freilich nicht als Dada-Mausoleum dienen, sondern im besten dadaistischen Sinne ein Zentrum der Polemik sein - anregend, spielerisch, provokativ. Hier darf und soll man sich an Zürich, an der Schweiz und an der ganzen Welt reiben. Hier darf man Zürich aber auch mögen.

Eine nachhaltige Neuerung in Zürichs architektonischer Erscheinung soll nicht unerwähnt bleiben: Wenige geschickt platzierte Leuchtkörper an der Rudolf-Brun-Brücke verfremden die historische Steinbrücke bei Dunkelheit in eine vermeintliche futuristische Glaskonstruktion, die sich formvollendet im Fluss widerspiegelt. Diese Lichtinstallation ist Teil des großangelegten Plan Lumière, der Zürich in den kommenden zehn Jahren „in ein besseres Licht rücken“ soll. Beleuchtung in unterschiedlichen Stärken und Tönen wird den öffentlichen Raum an vielen Stellen neu gestalten. An der Rudolf-Brun-Brücke ist der erste Schritt zur Schaffung der angestrebten „poetischen nächtlichen Atmosphäre“ zweifellos gelungen.

 

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