Winter alternativ

Unterwegs in der Jungfrau Region

Text und Fotos: Beate Schümann

Grün ist keine Farbe, die gleich an Schnee und Eis denken lässt. Es ist Anfang Januar, kalter Nieselregen, und die Wintersportorte in der Jungfrau Region zeigen sich genau so – frühlingshaft grün. Weiße Wunderlandschaft sieht anders aus. Selbst in Höhenlagen liegt zu wenig Schnee.

„Für die Jahreszeit ist es mindestens zehn Grad zu warm“, sagt Skilehrer Pierre Lanz im verregneten Wengen. Das autofreie Dorf liegt auf 1274 Metern in den Berner Alpen. Es lebt vom Wintersport, der Januar ist der wichtigste Monat der Saison, die normalerweise von November bis April dauert. Doch es ist nicht nur der Klimawandel. Lanz und seine Kollegen beobachten schon lange, dass von Jahr zu Jahr weniger Skifahrer kommen. Vielen seien die Pisten zu voll, auf präparierten, geglätteten Pisten erhöhe sich die Geschwindigkeit und die Zahl der Unfälle. Anderen ist die Schweiz zu teuer. Selbst junge Einheimische bleiben weg. „Im Moment können wir nicht einmal Schneeschuhtouren anbieten“, klagt der Profi. Da müsse der Urlauber seine Ansprüche im Hotelzimmer lassen und umsatteln. Schließlich gibt es genug Alternativen. Die Jungfrau Region hat darin aufgerüstet.

Schweiz - Jungfrau Region - Gondelbahn auf den Männlichen mit der Eiger Nordwand im Blick, Berner Oberland

Gondelbahn auf den Männlichen mit der Eiger Nordwand im Blick

Morgens ist die Wengener Gondelbahn auf den Männlichen fast leer. Nichtskifahrer machen sich in verschiedene Richtungen auf den Weg. Wandern geht schließlich immer, zumal die Region über ein ausgeschildertes Netz von hundert Kilometern sowie sechs markierte Schneeschuh-Trails verfügt. Der Männliche oberhalb der Bergstation lässt sich neuerdings auf königliche Weise erklimmen. Einen historischen Hintergrund für den „Royal Walk“ auf den 2343 Meter hohen Gipfel gibt es nicht; er ist einfach der Weg der Wahl, eine Sache von 35 Minuten, wenn auch steil. Seit dem Herbst 2015 ziert die Spitze eine überdimensionale Holzkrone, von der Wanderer bei guter Sicht absolut erhabene Blicke in die Alpenwelt werfen können. Das umkrönte Aussichtsplateau bietet ihnen reinstes Naturkino: Jungfrau, Mönch und den Alteschgletscher, den längsten Eisstrom der Alpen, sowie die senkrechte Eigernordwand.

Royal Walk auf den Männlichen, Aussichtsplattform mit Blick auf das Unesco-Weltnaturerbe von Eiger, Mönch und Jungfrau, Jungfrauregion, Berner Oberland, Schweiz

Royal Walk auf den Männlichen, Aussichtsplattform mit Blick auf das Unesco-Weltnaturerbe von Eiger, Mönch und Jungfrau

Grindelwald bedeutet eigentlich „Gletscherwald“. Doch die schmelzende Eismasse endet schon lange nicht mehr in dem Ort auf 1034 Metern. Vor seiner Haustür hat sich das Skigebiet First-Faulhorn-Bussalp in den letzten Jahren auf Winterspaß ohne Bretter, aber mit Kick eingestellt. Auf der 2168 Meter hohen First eröffnete im September 2015 der First Cliff Walk, ein 260 Meter langer Gipfelweg mit Felssteg, Hängebrücke und Aufstiegsweg, der in die Felswand geschlagen ist. Die durchscheinenden Gitterroste geben den Blick ins Bodenlose frei, dass es im Magen kribbelt. Mit Nervenkitzel lockt der „Big Pintenfritz“, der am Faulhorn nach Grindelwald startet, die längste Rodelstrecke der Alpen: 15 Kilometer, 1650 Höhenmeter. Am schnellsten flitzt man, rät ein Schweizer, indem man nur die Beine anhebt, keine Angst hat und nicht bremst. Wer cool genug ist, von der Piste bei rasanter Fahrt aufzuschauen, kann den Eiger schön sehen.

First Cliff Walk auf 2000 Höhenmetern, 260 Meter Länge, Jungfrauregion, Berner Oberland, Schweiz

First Cliff Walk auf 2000 Höhenmetern, 260 Meter Länge

Wem da noch zu wenig Adrenalin rausspringt, geht in den First-Flieger. Der Passagier saust am gesicherten Seil hängend mit bis zu 84 Stundenkilometern abwärts nach Schreckfeld.

Bergluft macht hungrig. Wenn sich der Rodel-Fan aufwärmen möchte, etwa beim Glühwein oder dem Schokodrink Ovomaltine plus heißem Apfelstrudel, kann er in die gemütliche Berghütte „Freie Republik Oberjoch“ einkehren. Der Giebelspruch lehrt: „Allzeit fröhlich, ist gefährlich, allzeit traurig ist beschwerlich, allzeit glücklich, ist unmöglich. Eins ums andere ist vergnüglich.“

Berghütte Freie Republik Oberjoch auf der First, Jungfrauregion, Berner Oberland, Schweiz

Berghütte Freie Republik Oberjoch auf der First

Für ein Action-Vergnügen anderer Art schnurren die Schilthorn-Gondeln mit viermal Umsteigen auf das 2971 Meter hohe Massiv. Ski-Cracks nehmen Piste Nr. 10, die mit einer Neigung von 75 Prozent als die steilste Piste der Jungfrau Region gilt. Die letzte Gondel stimmt die Fahrgäste bereits auf das ein, was sie oben erwartet: die James-Bond-Titelmelodie. Gleich nach dem Schuss schwingt die Kabine in die Gipfelstation, wo das berühmte 360- Grad-Drehrestaurant Piz Gloria und die 2013 geschaffene Bond World wartet.

Bond World vor dem Drehrestaurant, Schilthorn-Piz Gloria, Jungfrauregion, Berner Oberland, Schweiz

Bond World vor dem Drehrestaurant, Schilthorn-Piz Gloria

Der Berg war im Winter 1968/69 Drehort für „Im Geheimdienst ihrer „Majestät“, in dem George Lazenby als 007 die Hauptrolle spielt. Beim Eintreten ertönt seine Stimme aus dem Off: „My name is Bond, James Bond!“ und Bond-Girlie Diana Rigg kreischt erschrocken „James!“, als wären plötzlich die Ankömmlinge die Bösewichte. Man erfährt viele spannende Details zum Dreh, das Original-Drehbuch ist ausgestellt, das Kino zeigt Filmszenen. Im Helikoptersimulator oder Bob kann sich jeder auf Agenten-Fähigkeiten testen, das Restaurant serviert Martinis – natürlich geschüttelt, nicht gerührt. Auf der Terrasse posiert ein Holzschnitt-Lazenby im harmlosen Schneetreiben für ein Foto-Shooting. Wenn sich die Nebelwand verzieht, hat man die perfekte 360-Grad-Aussicht auf die Phalanx der Unesco-Felsriesen Eiger, Mönch und Jungfrau.

Bond World vor dem Drehrestaurant, Schilthorn-Piz Gloria, Jungfrauregion, Berner Oberland, Schweiz

Holzschnitt-Lazenby

Unten im Tal schmiegt sich Interlaken an den Thuner- und den Brienzersee. Per Zug ist man von Grindelwald aus in dreißig Minuten da. Denn auch hier kann der Gast wintersportlich unterwegs sein, etwa im Ice Magic, wo Eisstockschießen und Schlittschuhlaufen angesagt sind. In gemieteten weißen oder schwarzen Lederschlittschuhen gleiten die Läufer elegant oder flitzend über die Bahnen, verschlungene Wege wie in einem großzügigen Park, die immer wieder in größere Areale münden, die Platz schaffen zum Kreise ziehen oder Pirouetten drehen - abends mit Lichtorgel und Musik.

Den Gipfel der Herausforderung bekommt der Nichtskifahrer etwas außerhalb der Stadt. Auf gut 1300 Meter springen Twin-Paraglider über der Seenlandschaft ins Freie, bei Schnee in eine zauberhafte weiße Winterpracht. „Nicht gefährlicher als Autofahren“, sagt Pietsch Bühler, der professionell den Tandem-Gleitschirm fliegt. Das Wetter macht ihm wenig Kummer. Nur bei bei Schneefall und stärkerem Regen fliege er nicht. „Der Passagier kann nichts falsch machen“, muntert er den Neuling auf. Er zieht das Geschirr an, und der Pilot ruft: „Lauf los!“ Der Schirm bläht sich auf, man springt von der Felskante, und es ist, als verlasse man diese Welt. Das Tandem gleitet über den See, fliegt in Richtung Interlaken und setzt nach gut zwanzig Minuten auf der Wiese vor dem legendären Victoria Jungfrau Grandhotel auf. Auch die Landung ungefährlich: das Geschirr hat am Po einen Airbag.

Paragliding bei Interlaken, Berner Oberland, Schweiz

Paragliding bei Interlaken

Die gute Nachricht für Wintersportler ist, dass sich in der Jungfrau Region die Farbe Grün doch noch häufig in Weiß verwandelt und es reichlich schneit.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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