Reisemagazin schwarzaufweiss

Kanelbulle statt Bratwurst mit Senf

Göteborg in der Vorweihnachtszeit

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Noch vor 15 Jahren war die Vorweihnachtszeit in Göteburg trostlos und dunkel. Seit dem Errichten des „Ljusstråket“ und der Umgestaltung des Vergnügungsparks Liseberg zum Weihnachtsmarkt erstrahlt die Stadt wie eine „Heilige Lucia“ - wenn es nicht gerade regnet.

Schweden - Göteborg - Hauptboulevard Kungsportsavenyn

Hauptboulevard Kungsportsavenyn

Andreas Milstas Augen leuchten. Es ist die Vorfreude darauf, dass in wenigen Stunden der „Ljusstråket“ (Lichterweg) weiß, gelb, rot, grün, blau und violett funkeln wird. Dann glitzern rund 700 echte und künstliche Bäume, Brücken und Häuserfassaden. Zirka drei Kilometer zieht sich die weihnachtliche Beleuchtung von der Oper am Hafen über den Hauptboulevard Kungsportsavenyn bis zum Götaplatsen und weiter zum Freizeitpark Liseberg. „Bis vor 15 Jahren gab es im Winter nur wenig Touristen. Es herrschte „tote Hose“ in Göteborg“, erzählt der Lichtdesigner: „Auch der größte skandinavische Vergnügungspark Liseberg hatte nur von April bis Oktober geöffnet.“ Wer heute an den Adventwochenenden durch das Zentrum der zweitgrößten schwedischen Stadt schlendert, läuft nicht mehr allein durch dunkle Gassen.

Schweden - Göteborg - Lichtdesigner Andreas Milstas

Lichtdesigner Andreas Milstas

Anfang 2000 entstand die Idee, einen Lichterweg ins Leben zu rufen und in Liseberg weihnachtliches Flair zu verbreiten. „Jedes Jahr hat der „Ljusstråket“ ein anderes Motto“, sagt der 31-Jährige: „Meine Aufgabe ist es, dieses beleuchtungstechnisch umzusetzen.“ Seit neun Jahren arbeitet er im Architektur-Büro White, das auch die „Gothia Towers“, drei Glastürme in der Nähe des Eingangs zum Freizeitpark Liseberg, entwarf. „Göteborg ist nicht New York, aber von der Bar „Heaven 23“ im 23. Stock des Kongress- und Konferenzzentrums hat man bei klarem Wetter einen tollen Blick auf die Stadt und über den Park“.

Schweden - Gothia Towers, Göteborgs Kongress- und Konferenzzentrum am Liseberg Park

Gothia Towers, Göteborgs Kongress- und Konferenzzentrum

Immer am ersten Freitag im Dezember wird die „Julstaden“ (Weihnachtsstadt) in der Kungsportsavenyn am Götaplatsen vor dem Kunstmuseum, zwischen Stadttheater und Konzerthalle, eröffnet. „Das ist dann das i-Tüpfelchen unserer Göteborger Weihnachtsdeko“, meint Andreas Milsta: „Einige Objekte und auch die fünf Millionen Lichter in Liseberg glitzern bereits ab Mitte November.“ Das jeweilige Jahresmotto des Lichterwegs spiegelt sich auch in einer Multimediashow wider, die auf die Fassade des Kunstmuseums projiziert wird.

Schweden - Holzhäuser in der Altstadt Haga

Holzhaus in der Altstadt Haga

Göteborg mit dem größten Hafen Skandinaviens am Fluss Göta älv, ist eine Großstadt mit Kleinstadtcharme. Das Zentrum der 500.000 Einwohner-Metropole lässt sich gut zu Fuß oder per Straßenbahn erkunden. Auf den zahlreichen Weihnachtsmärkten dominieren Kunsthandwerk und Designer-Waren. Statt auf Bratwurst setzen die Schweden auf süße Leckereien. Die Hauptstraße der Altstadt ist die Haga Nygata. Der Stadtteil entwickelte sich Mitte des 17. Jahrhunderts. unterhalb der Festungsanlage Skansen Kronan, von der heute noch der achteckige Turm erhalten ist. Zunächst entstanden niedrige Holzhäuser. Wegen der Feuergefahr ersetzte man die meisten später durch dreistöckige Gebäude, wobei das Erdgeschoss aus Stein errichtet wurde. Nur die beiden oberen Stockwerke weisen eine Holzverkleidung auf. Über 70 schmucke, individuelle Läden gibt es in Haga: Buchhandlungen, Antiquitäten-, Hut-, Strick- und Lederwarengeschäfte, gemütliche Cafés wie „Le Petit Café“, „Kringlan“ oder „Hebbe Lelle“. Auf Tischen vor den Eingängen türmen sich Kalorienbomben: Lussebulle (Safranbrötchen), Chokladbollar, Walnussküsse, Hallongrotto (Vanilletörtchen mit Himbeermarmelade) und Ingwer-Kekse.

Schweden - Göteborg - Lussebulle (Safranbrötchen)

Lussebulle (Safranbrötchen) werden zu Weihnachten in Schweden gegessen

Die größten Kanelbulle (Zimtschnecken) Skandinaviens mit 25 Zentimeter Durchmesser gibt es im „Café Husaren“, das sich den Namen „House of Hagabullen“ gegeben hat. Gegenüber der mächtigen Haga-Kirche, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus gelben „Flensburger Ziegeln“ erbaut wurde, schenkt Sanne Jensen vor dem „Café Momi“ Glögg mit Pepparkaka – Glühwein mit Pfefferkuchengeschmack, Rosinen und Mandelblättchen – mit und ohne Alkohol aus. Sie ist Studentin an der Designhochschule HDK – wenige Schritte entfernt in der Kristinelundsgatan. „Dort gibt es einen Weihnachtsmarkt mit echten Hinguckern“, meint Sanne: „Viele meiner Kommilitonen verkaufen ihre im Laufe des Semesters angefertigten eigenwilligen Kreationen: Tonwaren, Silber- und Holz-Schmuck, ausgefallene Taschen, Kalender, Bilder, Weihnachtskarten.“

Schweden - Göteborg - Haga-Kirche, erbaut 1856 bis 1859 aus Flensburger Ziegeln

Haga-Kirche, erbaut 1856 bis 1859 aus "Flensburger Ziegeln"

Mittelalterliches Flair verströmt der Markt im Kronhuset. Es ist das älteste öffentliche Gebäude der Stadt. Mitte des 17. Jahrhunderts für militärische Zwecke und als Kornspeicher errichtet. In den umliegenden Langhäusern befanden sich damals die Werkstätten des Schmieds, Sattlers, Drehers und Büchsenmachers. 1970 wurde der gesamte Komplex restauriert. Inzwischen haben wieder „Handwerker“ Einzug gehalten. Verschiedene Designer fertigen und präsentieren ihre Waren. Laura Didion aus München eröffnete vor fünf Jahren ihre Lederwarenwerkstatt. Zwar produziert sie keine Sättel mehr, aber ausgefallene Taschen, Gürtel oder Kissen. Bei Mia Bäck gibt roter Lehm den Ton an. „Für die Weihnachtszeit töpfere ich vorwiegend Kerzenhalter und kleine Tassen für Glögg. Unser Glühwein wird nicht aus großen Bechern, sondern aus einer Art Mocca-Tasse getrunken.“ Der eigentliche Weihnachtsmarkt findet im Hauptgebäude statt. Die meisten Anbieter sind Hobbykünstler mit selbstgebastelter Christbaumdekoration, Strickwaren oder Seifen. Thoral Kristensson fertigt als Ausgleich zum Bürojob in seiner Freizeit filigranen Schmuck aus Silber, Bronze und Aluminium: „Im Sommer verkaufe ich auf historischen Märkten, wobei sie bei uns leider nicht so ausgeprägt sind wie in Deutschland.“

Schweden - Göteborg - Thoral Kristensson fertigt mittelalterlichen Schmuck

Thoral Kristensson fertigt mittelalterlichen Schmuck

Gleich neben der größten Markthalle Göteborgs, der Saluhallen von 1889, befindet sich der Bootsanleger für eine Kanaltour zum Liseberg-Park. Rund 60 Gäste haben auf dem offenen Kahn Platz. Auch wenn ein Glögg im Fahrpreis enthalten ist, die vielen funkelnden Lichter am Ufer eine romantische Atmosphäre verbreiten, 40 Minuten im offenen Boot können ohne Wolldecke bei 0 Grad ganz schön eisig sein. Da nützen auch die sportlichen Übungen nichts: Die Brücken über die Kanäle sind so niedrig, dass sich die Fahrgäste fast jedes Mal ducken müssen. Doch beim Anblick von 700 glitzernden Bäumen nach der Ankunft in Liseberg bekommen die Passagiere vielleicht nicht gleich warme Hände und Füße, aber es wird ihnen sicherlich warm ums Herz.

22 Hektar umfasst der Vergnügungspark, der 1923 öffnete. Damit ist er wesentlich jünger als der Tivoli im dänischen Kopenhagen, aber mehr als doppelt so groß. Im Sommer dominieren Achterbahnen, Freifalltürme, aber auch Blumenrabatten. Das Wahrzeichen, das Riesenrad, ein Kettenkarussell und Wurfbuden haben auch zur Adventszeit geöffnet. Dazwischen verteilen sich 70 heimelig gestaltete Holzhütten, in denen kulinarische Leckerbissen und Handwerkliches zum Kauf angeboten werden. Chöre und Musikgruppen präsentieren für deutsche Ohren unbekannte Weihnachtslieder.

Lappland wartet mit Rentierspezialitäten auf. Marinierte Heringe und Lachsvariationen sind Pflicht in einer schwedischen Hafenstadt. Rot-weiß gestreifte Polkagrisar (Zuckerstangen) glänzen ebenso wie Fudge-, Marshmallow- und Schokoladenkreationen in winterlich verzierten Verpackungen. Christian und Marie-Therese Johansson gaben ihre sicheren Jobs auf und gründeten die Firma „Mrs Curlie’s“. „Der Name entstand aufgrund der lockigen Haare meiner Frau“, berichtet Christian Johansson. Inzwischen kreieren die beiden Jungunternehmer Karamelkonfekt in dreißig Geschmacksvarianten - mit Vanille, Zitrone, Banane, Heidelbeere, Kokos, Mint, Lakritz, Whisky oder Meersalz. „Da Großbritannien die Heimat der Weichtoffees ist, entstand unsere Idee, sie dort auch fertigen zu lassen. Wir entwerfen neue Nuancen und liefern die Rezepturen.“ Ein himmlisch europäischer Gaumengenuss.

Schweden - Göteborg - Christian und Marie-Therese Johansson verkaufen Fudge und Marshmallows

Christian und Marie-Therese Johansson verkaufen Fudge und Marshmallows

Wenn um 22 Uhr die fünf Millionen Lichter in Liseberg erlöschen, dann haben sie ganz bestimmt nicht nur Andreas Milstas Augen zum Leuchten gebracht.

Schweden - Göteborg - Weihnachtsmarkt Liseberg

 

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