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Begräbnisstätte oder Sonnenkalender

Ales stenar, das schwedische Stonehenge

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Schweden - Ales Stenar

Das hätte auch Obelix gefallen: 59 Hinkelsteine, schön aufgestellt im Kreis. Ein kunstvoll angerichtetes Gebilde, eine Art Stonehenge, nur nicht in England, sondern in Südschweden: Ales stenar bei Kåseberga (1) gilt als die größte noch erhaltene Schiffssetzung Skandinaviens – und lockt jedes Jahr mehr als 500.000 Touristen an. Doch was hat es eigentlich damit auf sich – und was bitteschön ist eine Schiffssetzung?

Schweden - Ales Stenar

Eindeutig beantworten, so berichtet Reiseleiterin Britt Liljeqvist, lässt sich nur die zweite Frage: eine Schiffssetzung heißt, dass die Steine, die auf einem 37 Meter hohen Hügel oberhalb der Ostsee aufgestellt sind, so angeordnet sind, als wäre damit ein Schiff geformt. Doch welchem Zweck dienten sie? Und welches Wissen setzte es voraus, sie vor 1400 Jahren oder vor noch längerer Zeit genau so anzuordnen? Waren sie eine Grabstätte – oder vielleicht ein gigantischer Sonnenkalender? Die Meinungen dazu gehen auseinander – und die Diskussion darüber wird zum Teil nicht nur kontrovers, sondern auch sehr scharf geführt.

Klar ist, es wurde viel Mühe und Aufwand verwandt, um die Anlage aufzubauen. „Die Steine sind aus Gneis oder Granit – und weder Gneis noch Granit gibt es hier in Schonen im Boden. Möglicherweise sind die Steine von Inlandeis hierher verfrachtet worden, aber selbst dann war es sicher nicht einfach, sie in dieser Form zu finden – denn die meisten Steine aus Eiszeithügeln sind ja rund und nicht so lang und schmal geformt. Die Geologen sind sich deshalb einige, es muss über große Flächen gesucht worden sein, um die Steine zu finden, die hier stehen“, berichtet Britt Liljeqvist.

Schweden - Ales Stenar

Wer nicht gerade Erich von Däniken heißt, für den ist es klar, Stonehenge war eine Grabstätte. Doch wie ist das hier – begrenzen die Steine etwa ein kunstvoll angelegtes Wikingergrab? Sicher ist dies keineswegs – denn wenn es eine Grabstätte gewesen ist, wo sind dann die Gräber? „Man hat Ausgrabungen gemacht, die letzte davon 2009, aber da hat man in der Mitte lediglich ein kleines Keramikgefäß gefunden, sehr einfach, mit Speiseresten und einigen verbrannten Knochen. Das hat man datiert auf ungefähr 400 nach Christus – also noch 400 Jahre vor der Wikingerzeit“, berichtet Britt Liljeqvist. Ein richtiges Grab, so erklärt sie weiter, hätten die Wissenschaftler bislang hier nicht entdeckt. Aber vielleicht sind die Steine ja auch eine Gedenkstätte für die Toten – und keine Begräbnisstätte im eigentlichen Sinn. „Man hat hier in der Gegend schon sehr früh Schifffahrt betrieben, wenn ein Schiff oder ein Teil der Schiffsbesatzung nicht zurückgekehrt ist, war die Trauer groß – vielleicht hat man die Steine zu ihrem Gedenken aufgestellt, für jeden verschollenen Mann einen Stein. Es könnte aber auch sein, dass das hier eine Art Gerichtsstand war. Und jeder Stein symbolisiert einen der Orte, für die das Gericht zuständig war…“.

Schweden - Ales Stenar

Alles Unsinn – sagt dazu Robert Lind. Der Amateurgeologe ist überzeugt davon – Ales stenar ist viel viel älter, es ist nicht 1400 Jahre, sondern mindestens 2800 Jahre, und stammt eigentlich aus der Bronzezeit. Die Steine, so glaubt er, bilden einen Sonnenkalender und zeugen von einem erstaunlichen astronomischen Wissen der Erbauer. Eine Theorie, der Britt Liljeqvist nicht allzu viel abgewinnen kann, auch wenn sie zugibt: „Zur Wintersonnenwende im Dezember geht die Sonne genau hinter dem hinteren Begrenzungsstein auf und zur Mittsommersonnenwende geht sie genau hinter dem vorderen Stein unter.“ Um all die anderen Deutungen, die mit Linds Kalendertheorie verbunden sind, nachvollziehen zu können, so meint sie, sei jedoch „sehr viel guter Wille“ notwendig. Eine schöne Geschichte für Touristen, so räumt sie ein, sei die Version mit dem Sonnenkalender aber durchaus. „Hier in Schweden hatte man früher eine besondere Vorstellung davon, wie die Sonne aufgeht. Man dachte, um hoch zum Himmel zu kommen, das sei sehr mühselig für die Sonne, deshalb kommt ein Pferd, und zieht die Sonne hinauf zum Himmel. Und am Abend kommt dann eine Schlange, und diese zieht die Sonne wieder hinunter zum Meer.“

Schweden - Ales Stenar

So anmutig geformt die Steine auch aussehen, so faszinierend der Blick auf die ehemalige Begräbnis-, Gedenk-, Kult- oder Gerichtsstätte auch ist, eines darf man nicht vergessen: Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts war das schwedische Stonehenge ziemlich verfallen – und außer den Bauern aus der Umgebung hatte sich niemand für die Steinsammlung interessiert. Viele Steine waren umgefallen, fast alle waren mit Sand bedeckt. 1916 und 1956 machte man sich daran, die Steine freizulegen und wieder aufzustellen. Ob jeder Stein am genau richtigen Platz landete, das weiß niemand genau. Aber im Grunde genommen ist es mit Ales stenar ein bisschen so wie mit Kaspar Hauser – gerade die Mythen und Legenden, die damit verbunden sind, machen das Thema interessant. „Zu Ales stenar gibt es kaum eine Theorie und eine Behauptung, über die man nicht streiten kann“, räumt Britt Liljeqvist ein. Eine Besucherin habe ihr einst versichert, von den Steinen würde eine so starke Energie ausgehen, dass ihr Hund sich konsequent weigere, in das Innere der Schiffssetzung zu gehen. „Das mag sein“, kommentiert Britt, „aber ich habe schon Hunderte von Hunden gesehen, die ohne Probleme darin herumspaziert sind“. 59 Hinkelsteine, in einem fast siebzig Meter langen Oval geordnet, so etwas gefällt eben nicht nur Obelix.

 

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