Doch Wanderer, kommst du nach Iona - frage nicht danach. Wir kannten die Regeln nicht. Wir taten es an diesem unbeschwerten, sonnendurchfluteten Abend im Mai, und unsere Wirtin bittet uns danach, ihr Haus zu verlassen. Jetzt, sofort, auf der Stelle. Hier auf der Insel spricht man nicht über das eigene Leid. Das ist privat, geht niemanden etwas an. Uns, die Fremden, schon gar nicht.
"Lass uns gehen", sagt Mike. "Let´s go".
"Aber wohin?", frage ich ihn, als wir drei Minuten später wie begossene Pudel auf der Wiese am Hafen stehen. Zurück nach Mull? Zurück nach Oban? Zurück nach Hause? Zurück in die Wirklichkeit? Aber ist sie nicht auch hier, nur anders als wir sie kennen? Wir, die wir es mittlerweile gewohnt sind, dass sich Menschen vor laufender Kamera entblößen und damit ihre Seele verkaufen. Bei Andreas Türck: Du Schwein, geh mir aus den Augen. Oder bei Bärbel Schäfer: Ich hasse meine Schwiegermutter. Oder bei Jörg Pilawa: Schon wieder schwanger - wie kannst du nur?
Was also tun? Es ist ein alter Mann in zerschlissenen dunkelblauen Latzhosen und derben Arbeitschuhen, der uns schließlich die Entscheidung abnimmt. "bed and breakfast?" fragt er uns, nachdem wir nun schon eine ganze Weile völlig ratlos vor der Fähre stehen.
"bed and breakfast", antwortet Mike, und greift nach seiner Tasche.
"Bed and Breakfast? Hier? Nach der Erfahrung?", frage ich, ziemlich verdattert. "Bist du dir sicher?"
Ja. Er ist sich sicher.
Und Bruce, so heißt der alte Mann, der uns nun nicht mehr von der Seite weicht, ist sich auch sicher: Dass es uns bei Joyce, seiner Nachbarin, gefallen wird. Nette Frau, nette Zimmer, nettes Frühstück mit Eiern und Speck, Porridge und Kippers (geräucherte Heringe).

Bruce
Auf dem Weg zu Joyce erzählt Bruce ein bisschen von sich. In seiner Sprache, so karg wie die Insel. Er ist 85, kommt her von Birmingham, wo er eine Baufirma hatte und lebt nun seit vierzig Jahren auf Iona. Hatte die Schnauze gründlich voll vom Großstadtleben, wollte endlich Wellen auf Steine schlagen hören. In Cornwall und Iona hat er nach einer Hütte gesucht und eine gefunden. Die hat er ausgebaut und die der Witwe nebenan gleich mit. Deshalb ist er auf der Insel auch gleich angenommen worden: "Wenn du hier her kommst und kein Schotte bist, dann musst du was anbieten für die Allgemeinheit: Dächer reparieren, Rohre saubermachen, Wände hochziehen. Die Iona-Leute denken da ganz pragmatisch. Wenn irgendwo was bröckelt, bin ich zur Stelle".
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