Reisemagazin schwarzaufweiss

Edinburgh

Die Stadt der lebenden Legenden

Schottlands Geschichtenerzähler erwecken alte Mythen und Legenden zu neuem Leben. In der Hauptstadt Edinburgh inszenieren Tourguides und Schauspieler Geschichte und Gegenwart zum Mitspielen.

Text und Fotos: Robert B. Fishman

Die Geschichtenerzählerin hebt und senkt ihre Stimme, schaut ihre Zuhörer mit großen Augen an, wendet sich ab und ihnen zu, malt mit weit ausladenden Gesten Bilder in die Luft, hält kurz inne, um mal leiser, mal lauter, mitunter flüsternd, die Geschichte zu ihrem Höhepunkt zu tragen und schließlich aufzulösen.

schottischer Dudelsackspieler in Edinburgh

Zwanzig unterschiedliche Leute sitzen in einem großen Kreis und lauschen: Lehrerinnen, ein Pfarrer, eine Journalistin aus New York, eine Langstreckenläuferin aus Bulgarien, eine Australierin, eine deutsche Studentin und ein Wirtschaftsanalyst. Sie folgen einer weißhaarigen Dame, die die alte Geschichte vom König und den drei gleichen Puppen erzählt.

„Wie habe ich erzählt? Was ist Euch aufgefallen?“ fragt Senga und bekommt Antworten wie „Du hast uns einbezogen“ oder „Du hast die Geschichte dramaturgisch entwickelt, Fragen, Pausen und überraschende Wendungen eingebaut.“

Schottland - Scottish Storytelling Festival in Edinburgh: Kurs im Geschichten Erzählen

Kurs im Geschichten Erzählen

Dann hält die etwa 1,50 Meter kleine quirlige Dame ein Tuch in Luft, so groß wie sie selbst. Darauf sind dunkelblaue, blumenähnliche Ornamente gedruckt. „Was seht ihr?“, fragt Senga und wartet geduldig auf die Antworten: „Vielleicht ein Mutterraumschiff an das Tochterschiffe andocken?“, tippt einer in der Runde etwas unsicher. „Ein Wald, eine Blume, ein Kirchenfenster, große und kleine Tränen, ein fliegender Teppich, ein Zaubertuch...“ Immer schneller kommen die Antworten bis der Ideenstrom allmählich versiegt. „Vergesst Eure Erwachsenenlogik, wenn ihr gute Geschichtenerzähler sein wollt“, verkündet Senga. „Vorschulkinder sind die kreativsten Denker.“

In Workshops wie diesem vermittelt die 75jährige im Scottish Storytelling Center das Handwerk des Geschichtenerzählens. Sie erklärt das Prinzip der Dramaturgie, den Dreiklang von Anfang, Höhepunkt und Schluss, gibt Tipps für die Präsentation und fasst die ganze Kunst schließlich in einem Satz zusammen: „Ein guter Geschichtenerzähler hört zu und kommuniziert - mit den Augen, den Händen und mit dem Herzen“. Das ganze Leben ist für Senga „eine Reise voller Geschichten“.

Ihre Oma habe sie in die Geheimnisse des Erzählens eingeweiht. „Sie hatte kein Fernsehen, kein Radio, kein Internet und sprach kaum Englisch.“ Aufgewachsen ist auch Senga mit der alten Sprache der einfachen Menschen in Schottlands Süden und Osten, dem „Scots“. An langen Winterabend saßen die Familien zuhause am Torffeuer. Die Frauen strickten und man erzählte sich Geschichten. In Sengas Schulzeit hätten Kinder noch Schläge bekommen, wenn sie statt Englisch ihre Muttersprache verwendeten. Scots sprachen nur die Fischer, Handwerker, Minenarbeiter und Bauern. Wer gebildet war oder sich dafür hielt, parlierte im Idiom der Engländer, die Schottland einst eroberten und kolonisierten.

Seit dem Mittelalter spielten Englands Adelige und Könige die zerstrittenen schottischen Clans gegeneinander aus, gewannen Schlachten und drängten das dünn besiedelte Land schließlich in eine Union. Heute leben fünf Millionen Schotten und 50 Millionen Engländer im Vereinigten Königreich. Im Zuge der so genannten Highland Clearances vertrieben englische Siedler und schottische Gutsherren im 19. Jahrhundert tausende Kleinbauern von ihrem Land, um Platz für die Schafzucht zu schaffen. Viele der Opfer verhungerten. Wer überlebte floh an die Küste, in die englischen Industriestädte oder nach Nordamerika, wo heute viele ihrer Nachfahren leben. Dieses Trauma prägt Schottland bis heute. Erst viel später ertrotzte sich das Land wieder eigene Rechte wie das 1997 eingerichtete Parlament in Edinburgh. 2014 haben die Schotten in einer Volksabstimmung entschieden, weiterhin Teil Großbritanniens zu bleiben.

„Wir müssen uns unseres Schottischseins sicher sein“, sagt Senga und setzt auf das Selbstvertrauen ihrer Landsleute, das sich nicht gegen andere, auch nicht gegen die Engländer richte. Mit gewählten Worten und ruhiger Stimme argumentiert sie überlegt, selbstbewusst und ohne jeden Anflug von Überheblichkeit.

Draußen vor dem Storytelling Center schimpft ein älterer Herr, dass diese ganzen Geschichtenerzähler hier doch keine Schotten seien. „Hören Sie mal auf den Akzent, alles Engländer.“ Allmählich redet er sich in Rage und erzählt, dass der Scottish National Trust, der das schottische Kulturerbe verwalten soll, seine Familie aus ihrem Mietshaus vertrieben habe, um dort – englische – Mitarbeiter anzusiedeln. Er selbst habe sich um viele Stellen beworben und sei wegen seines schottischen Namens zu keinem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Als er die gleiche Bewerbung unter einem englischen Namen eingereicht habe, sei die Einladung prompt gekommen. Ein anderes Mal habe ihn der Personalchef eines schottischen Museums als Gästeführer mit der Begründung abgelehnt, dass ausländische Besucher seinen schottischen Akzent nicht verstünden. Dabei spricht er ein klares gut verständliches Englisch mit dem rollenden schottischen „R“.

Schottland - Schottischer Geschichtenerzähler David Campbell in seiner Küche in Edinburgh

Der schottische Geschichtenerzähler David Campbell in seiner Küche

Natürlich gebe es Fehlentscheidungen, aber es stimme nicht, dass Schotten systematisch benachteiligt würden, sagt David Campbell. Der 77jährige Geschichtenerzähler und „selbstverständlich überzeugte Schotte“ trägt einen Kilt (Schottenrock). Seine langen, weißen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Über Jahrzehnte hat David im ganzen Land Geschichten zusammen getragen und Legenden des hier „Traveller“ oder „Tinker“ genannten fahrenden Volkes gesammelt. Jede sei für ihn „ein wertvolles Geschenk. Wenn Du sie erzählen willst, musst Du die Menschen lieben.“

Schottlands Geschichten entstanden in den weiten, kaum besiedelten Landschaften, in denen die Menschen den Naturgewalten ausgeliefert waren. „Oft geben Geschichten Erklärungen für Dinge, die Menschen nicht verstanden haben“, erklärt Bruce, ein anderer Geschichtenerzähler im Storytelling Center: Heidekraut blüht normalerweise lila, doch zwischendurch sprießen immer wieder weiße Büschel aus der Heide. Einer Sage zufolge ist der Grund die Trauer einer jungen Frau über den Verlust ihres Liebsten: Als ihr ein Bote die Nachricht vom Tod ihres Bräutigams übermittelt hatte, weinte sie wochenlang. Überall, wo sie eine Träne zu Boden fiel, wusch Sie die lila Farbe aus dem Kraut und so sei es bis heute geblieben.

Schottland - Edinburgh - Königsschloss

Königsschloss

Auf der Royal Mile zwischen dem wuchtigen, in den Fels geschlagenen Königsschloss und der bald 250 Jahre alten North Bridge buhlen viele Erzähler um die Aufmerksamkeit der Passanten.

Schottland - North Bridge vor der Altstadt von Edinburgh

Die North Bridge vor der Altstadt

Vor der Kathedrale Saint Giles, einem gotischen Bau aus dem 15. und 16. Jahrhundert, werben junge Leute für ihre geführten Touren: Pub Crawls, Kneipentouren, historische Stadtrundgänge, Geistertrips durch die Verließe unter der Altstadt oder ein Rundgang mit einer Zauberin auf den Spuren von Harry Potter.

Schottland - historischer Pub in Edinburgh

Historischer Pub in Edinburgh

Becky ähnelt mit ihrer runden Brille und dem schwarzen Umhang tatsächlich dem Zauberlehrling. Routiniert führt die englische Studentin durch Greyfriar’s Graveyard, einen kleinen Friedhof. Vor einem der uralten, moosbewachsenen Grabsteine verteilt sie Zauberstäbe. Sie fertige die „magic sticks“ zuhause beim Fernsehen. Plastikstäbe, die sie rosa, lila, blau, rot und gelb einfärbt und mit Glitzersternchen beklebt. Während eines Fernsehkrimis schaffe sie locker zehn davon.

Schottland - Rundgang auf den Spuren von Harry Potter durch Edinburgh

Rundgang auf den Spuren von Harry Potter durch Edinburgh

Unterwegs zeigt Becky die Stellen, die sich in J.K. Rowlings Romanen wiederfinden: Das College, das das Vorbild für die Zauberschule Hogwarts lieferte, Namen auf Grabsteinen, die die Autorin für ihre Figuren verwendete und das Café in dem sie den ersten Potter-Band schrieb. Kurz bevor das Buch erschien wurde das Lokal für immer geschlossen. „Ich glaube, die hatten keinen guten Manager, da er sich diese Marketing-Chance entgehen ließ“, bemerkt Becky trocken. Inzwischen werben diverse Pubs, Bars und Cafés damit, dass an einem ihrer Tische Harry Potter Geschichten entstanden. Wahr oder nicht, die Reklame wirkt.

Schon die Geschichte der Autorin klingt wie ein Märchen. In Edinburgh lebte Joanne Rowling als alleinerziehende Mutter von der Sozialhilfe, als sie angeblich auf einer Zugfahrt in England die erste Idee für den Start der Harry Potter Geschichten hatte. Mehrere Verlage lehnten ihr erstes Werk „Harry Potter und der Stein der Weisen“ ab, bis schließlich nach zwei Jahren einer das Manuskript annahm. Ihr Verleger riet ihr damals, sich einen Job zu suchen: Mit Kinderbüchern könne man kein Geld verdienen. Den letzten Potter-Band schrieb sie in einer Suite des Luxushotels Balmoral mit Blick auf die Kulisse der Edinburgher Altstadt.

Schottland - Balmoral Hotel in Edinburgh

Balmoral Hotel

Die hat schon vor 200 Jahren Literaten inspiriert. Auf der Edinburgh Literary Pub Tour entführen die beiden Profi-Schauspieler Simon und Keith ins späte 18. Jahrhundert. Die Tour startet im Prince Charles Raum des einst vornehmen Lokals Beehive am Grassmarket - mit seinen bunten Läden, Kneipen und Cafés. In einem dunklen Separee rezitiert Simon ein Gedicht des schottischen Nationaldichters Robert Burns, bis ihn sein Kollege unterbricht. „Meinen Sie nicht, dass die diese angesehenen Literaten Anspruchsvolleres im Sinn hatten, als sich in zwielichtigen Kneipen herum zu treiben?“, fragt er und bekommt als Antwort ein weiteres Gedicht serviert: Darin erzählt Burns von durchzechten Nächten und Begegnungen mit versoffenen Halunken, die nachts die Gassen und Pubs der Stadt unsicher machten. Auf Spuren des Dichters und anderer schottischer Schriftsteller wie Walter Scott geht es weiter durch dunkle Passagen und schummerige Kneipen.

Schottland - The Behive Inn am Grassmarket in Edinburgh

The Behive Inn am Grassmarket

Ein Pub trägt den Namen von Deacon William Brodie. Tagsüber wirkte er als angesehener Tischler, Innungsmeister und Ratsherr. Während der Arbeit bei seinen reichen Kunden kopierte er deren Schlüssel, um nachts dort einzubrechen. Seine Beute versteckte er auf Dachböden und in Kellern der Edinburgher Altstadt. Als sein Treiben aufgeflogen war henkte man ihn an dem Galgen, den er selbst entworfen hatte. Wahrscheinlich lieferte diese Geschichte aus dem 18. Jahrhundert dem Edinburgher Schriftsteller Robert Louis Stevenson das Vorbild für den Roman Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Schottland steckte schon damals voller inspirierender Geschichten.

 

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