Schwer zu übersehen, die Tiganii. Ihrer über drei Millionen in ganz Rumänien, sind sie jetzt die Mehrheit in Iacobeni, stellen auch den Bürgermeister. Ein Panjewagen voller buntgekleideter Frauen, eine hat ihr Baby an der Brust, biegt in den Weg zur "Casa do Silencio" ein. Die Peitsche knallt, alle winken und lachen mir zu, neben dem Zugpferd läuft ein Fohlen frei nebenher. Am Dorfeingang sind Ställe in Ruinen, rosten Landmaschinen vor sich hin. Das war die Agrarkooperative - sie brach zusammen, als die Deutschen weggingen. Jetzt scheint Subsistenzlandwirtschaft zu überwiegen.

Einmal am Tag kommt der Molkerei-Tanklaster, steuert zum Holzstand mit den Milchkannen. Der Fahrer ist nett, nimmt gerne Tramper wie mich mit, wir klappern die pittoresken Dörfer der ganzen Gegend ab. Die Freundlichkeit Fremden gegenüber ist nichts Neues: schon zu Ceaucescus Zeiten hielten auf mein Handzeichen sogar Krankenwagen - drinnen saßen auf den Bahren bereits dichtgedrängt Bauersfrauen mit Früchtekörben, die älteren, wie heute, mit schwarzem Kopftuch. Rumänien ist auch Tramperland, man wartet nie lange.

Don Demidoff, zuvor Straßenpriester in Amsterdam, ist nicht der einzige Weitgereiste in dem Flecken mit seinen nicht mal tausend Einwohnern. Der junge Rumäne hätte nie ein Visum für Deutschland oder Frankreich bekommen - das ist bis heute sehr, sehr kompliziert und bürokratisch. Also ging er nach der Wende illegal, ohne Geld über die Grenzen, war in Russland und Polen, Berlin, Paris und Nizza, schlief notgedrungen, als wär´s in Iacobeni, oft im Getreidefeld, wurde schließlich aus Deutschland ausgewiesen. Seine Biografie ist so bizarr wie die der Fundatia-Kinder von Cincu - teils aufgelesen an der Straße, entdeckt mit Krätze, Läusen, Flöhen im fauligen Stroh von Ställen, pädophilen Banden entflohen. Da wird man neugierig, wie es allen heute geht, im rosa gestrichenen Heim mit der Arztpraxis, in der Schule gleich neben der alten Kirche, dort wo sie nachmittags am liebsten Fußballspielen, herumtoben, auch mit den Pferden des Projekts. Wohlbehütet, wie auf einer Insel. Don Demidoff sei Dank!

Und, wie schon gesagt: wem ein Tagesausflug nach Cincu nicht reicht, der kann dort übernachten, mit Don Demidoff über Bauernmärkte der Region schlendern, Obst und Gemüse für die Kinder gleich kistenweise ordern. Und sich im Herbst an diesen spottbilligen, herrlich saftigen rumänischen Pfirsichen sattessen, die es trotz ihrer einmaligen Qualität aus unerfindlichen Gründen nie in Deutschland zu kaufen gibt.
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