DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Ich kannte brasilianische Straßenkinder, Waisen von Rio - war nicht sicher, ob es bei den rumänischen ähnlich wild, teils gewalttätig zugehen würde. Hätten hier die Erzieher gleich große Mühe, gerade bei Mahlzeiten alle zu bändigen? Nichts davon - ich sitze dazwischen, mampfe mit ihnen die kräftige Erbsensuppe, wir greifen uns Brot, bekommen Nachschlag, soviel wir wollen, alles fließt harmonisch, keine Spur von Aggressivität. Seitlich am Ende der Tafel isst Don Demidoff, amüsiert mit Späßen und Witzen, natürlich wird auch gebetet und gesungen. Manche der Kinder, besonders die Mädchen, sind in Kleidchen gesteckt, die nicht aus Rumänien stammen können. Sie sind ein paar Nummern zu groß, eben Spenderware, meist aus den Niederlanden und Deutschland.

Rumänien 4

An Auslauf fehlt´s den Kindern nicht - wie den Gästen. Wälder ringsum - vorbei an der Wehrkirche, die dringend restauriert werden müsste, und der öffentlichen Schule geht´s über einen Erdweg hinunter ins Dorf. Mittendurch fließt ein Bach, an dem sich Gänsescharen, Hühner, Enten, Schafe, Ziegen und sogar einige freilaufende Schweine tummeln. Ähnlich wie in Bayern: ein gekreuzigter Jesus beinahe lebensgroß, eingezäunt, jedoch lediglich gemalt auf Sperrholz, an einer Holzbrücke. Zwei Männer, mit langen Sensen über der Schulter, kehren fröhlich pfeifend von den Weiden zurück, der eine pflückte dort einen Riesenstrauß gelber, roter Feldblumen.

Rumänien 5

Johann Häner, in Arbeitskluft, plaudert vor seinem Haus am Dorfanger mit einem Roma-Mädchen, lädt mich sogleich zu Kaffee und Kuchen herein. Strenggenommen ist er mit seiner Frau nur zu Besuch in Iacobeni, Jakobsdorf. "Als Genscher nach unserer Wende in Hermannstadt sagte, alle Deutschen können kommen, sind hier alle weg, wir auch, nur neun alte Leutchen blieben da." Häner verschlug's nach Büttelborn bei Darmstadt, er verdingte sich bei einem Bauern - doch die Sehnsucht nach der alten Heimat treibt ihn jedes Jahr für ein, zwei Monate zurück. Wie so viele Ex-Siebenbürger. Mehrere der Jakobsdorfer, die in Deutschland untereinander engen Kontakt halten, regelmäßig ihre Treffen haben, machen es wie er. Ein rumänischer Nachbar passt auf, dass das schöne uralte Bauernhaus seiner Altvorderen intakt, von Dieben verschont bleibt, gut über den strengen, schneereichen Winter mit zwanzig, dreißig Grad minus kommt. Manche Jakobsdorfer kommen aus Deutschland mit Reisebussen - täglich fahren drei, für nicht einmal vierhundert Mark hin und zurück, hintendran große Anhänger für das viele Gepäck, die Mitbringsel, Waren - andere haben es in der neuen Heimat bereits zu großen Autos gebracht, nahmen die Enkel mit gen Süden. "Die finden das toll", lacht eine Neu-Bayerin, "alles so urig hier, so viele Tiere überall, zum Anfassen; hier können sie spielen, wie es in Deutschland nicht mehr geht, wie es dort ganz früher mal war."

Rumänien 6

Im Winter werden die Pferdeschlitten angespannt, geht's im Galopp über Wald und Hügel - oder per Ski. Wem nach Stadt ist - ins nahe mittelalterliche Sibiu, Hermannstadt, fahren täglich Busse, ausgemustert in Ostdeutschland nach der Wende, oft noch mit den Originalaufschriften, Werbesprüchen, Linienplänen von Halle, Potsdam oder Ostberlin.
Doch manche kehren wohl nie wieder - in deren Gehöfte zogen Tiganii, Zigeuner. "Die lassen sie verkommen, bis alles zusammenfällt", beklagt Häners Frau, " einigen wurde der Strom abgestellt, wegen nicht bezahlter Rechnung."

Seite 1 / 2 / 3 / 4 (Infos) / zur Startseite



Reiseinformationen zu diesem Reiseziel

Reiseveranstalter Rumänien




Twitter
RSS