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Reiseführer Rom


Via Margutta

Als „typisch römische Straße“ ziehe sie Künstler und Intellektuelle in ihren Bann, berichten Reiseführer. Und damit das Künstlervolk ja nicht unter sich bleibt, erklärt man flugs die schmale Straße entlang des Pincio-Hügels zum „Geheimtipp“. Doch wie man weiß, haben derartige Benotungen so ihre Tücken. Durchaus nicht jeder Besucher, der vielleicht eben noch die Spanische Treppe herabstieg oder über die Piazza del Popolo schlenderte, kann etwas mit dieser stillen, ganz und gar unspektakulären Straße anfangen. Nur ganz allmählich nimmt manchen von ihnen die unverhoffte kleinstädtische Ruhe der Margutta gefangen, ihre enge Bebauung, die Ateliers und malerischen Höfe, das Grün der Gärten.

Via MarguttaDie Straße lebt von ihren Künstlern, den Cento Pittori di Via Margutta, den hundert Malern der Straße, deren Open-Air-Ausstellungen über Rom hinaus bekannt sind. Und sie lebt von der Erinnerung an die Großen, die hier einst wohnten, an Anna Magnani oder Federico Fellini und Giulietta Masina und an die vielen anderen, die ihre Werkstätten und Ateliers unterhielten, angefangen mit Peter Paul Rubens und Nicolas Poussin, später dann  Antonio Canova und noch später Pablo Picasso, Giorgio de Chirico, Carla Accardi und viele mehr. 

Wie sich die Margutta und die parallel zu ihr verlaufende Via del Babuino zu einem frühen Künstlerquartier mauserten, war, so ein Chronist, eine „frühe Form von Brain-Drain“, nämlich den zahllosen holländischen, flämischen und französischen Malern im Rom des 17. Jahrhunderts Steuererleichterungen zu gewähren, wenn sie denn bereit wären, sich in diesem neuen Bezirk anzusiedeln. Viele von ihnen nahmen das Angebot sofort an, konnten sie doch, mittellos wie sie waren, kaum noch die Mieten in ihrem bevorzugten Viertel an der Piazza di Spagna bezahlen. Bald folgten den Malern die Kunsthandwerker nach, die Rahmenmacher, Glaser, Farbmischer, Vergolder, Stukkateure und Gipsgießer und schließlich siedelten sich Kunsthändler, Galeristen, Mäzene und Antiquitätenhändler an.  
Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts waren in der Via Margutta niederländische Maler deutlich in der Mehrzahl, dann ließ das Interesse nach, immerhin wurden aber noch 1880 53 Künstler gezählt.

Wie viele andere römische Straßen drohte auch die Margutta im 20. Jahrhundert durch Bauspekulation und „Modernisierung“ ihren traditionellen Charakter zu verlieren. Glücklicherweise formierte sich massiver Widerstand und selbst die sonst immer zerstrittenen Stadtväter sprachen mit einer Stimme und verweigerten Genehmigungen für Bauvorhaben, die nicht in das Straßenbild passten. So hat die Margutta nicht viel von ihrem alten Zauber verloren, auch wenn etliche Ateliers in sündhaft teure Apartments verwandelt wurden und viele Werkstätten aufgegeben werden mussten. Die Moderne hat eben auch hier Einzug gehalten, ohne sich deshalb zur Schau zu stellen. Ein Beispiel ist das coole Hotel Art (Via Margutta Nr. 56), das, von außen kaum wahrzunehmen, innen mit minimalistischem Dekor, kräftigen Farbakzenten und zeitgenössischen Kunstwerken überrascht. Es zählt zur Gruppe der „Small Luxury Hotels of the World“. Und am anderen Straßenende (Nr. 118) empfängt „Il Margutta“ ebenso unprätentiös seine Gäste. Kenner bezeichnen es als Italiens feinstes vegetarisches Restaurant. Gegenüber hat sich „Artemide“ (Nr. 107) mit hypermodernen Lampen und Leuchten niedergelassen und ist dennoch kein Fremdkörper in dieser Straße, in der immer noch das Grün dominiert und das bucklige Kopfsteinpflaster sein Alter nicht verleugnen kann, wo hohe Rundbogenfenster auf traditionelle Ateliers verweisen, sich Höfe öffnen (wie Nr. 51 A), von denen Treppen zum Pincio hinaufführen durch die Restbestände der horti, der Gärten alter Adelsfamilien.

Kopflose Statue in der Via Margutta in Rom

Seit 1953 gibt es in der „Via dell`Arte“, wie sich die Margutta gerne nennen lässt, die großen Freiluftausstellungen der Cento Pittori di Margutta. Dann verwandelt sich die Straße in eine einzige Kunstgalerie mit unzähligen winzigen Ständen, die bis zu zweitausend Werke präsentieren, Ölgemälde wie Aquarelle, Zeichnungen und auch Skulpturen aller erdenklichen Stilrichtungen. Der Eintritt ist frei, es geht zwanglos zu und wer will, kann sein Portemonnaie zücken und einem noch unbekannten Künstler den Karrierestart erleichtern.

Wie sehr die Straße mit der Kunst verwoben ist, macht der Brunnen vor Nr. 54a deutlich, zeigt er doch typische Künstlerutensilien wie Pinsel und Staffeleien, Meißel und Zirkel und zwei groteske Masken, heiter die eine, traurig die andere – Ungewissheiten eines Künstlerlebens symbolisierend. Die Fontana delle Arti, einer von ca. 2.500 kleineren Brunnen („fontanelle“) in Rom, entstand 1927 und ist das Werk des Architekten Pietro Lombardi, der zwischen 1926 und 1929 noch sieben weitere Brunnen in anderen Stadtteilen schuf.

Brunnen in der Via Margutta

Im Haus Nr. 54 war der 1859 gegründete Künstlerclub Associazione Artistica Internazionale untergebracht. Die bedeutendsten italienischen Maler des 19. Jahrhunderts zählten zu seinen Mitgliedern, aber auch viele Nichtitaliener wie das katalanische Allroundgenie Mariano Fortuny, der sich sehr erfolgreich als Maler, Modedesigner,   Architekt und Bildhauer betätigte oder Franz Liszt und Richard Wagner (er wohnte in der benachbarten Via del Babuino Nr. 82, eine Plakette erinnert an seinen Aufenthalt), Émile Zola und die Schauspielerin Sarah Bernhardt.

An Haus Nr. 53b verweist eine Marmortafel auf die Künstlerateliers, die in dem prächtigen Patrizi-Palast eingerichtet waren, ohne aber ihren berühmtesten Nutzer, Pablo Picasso, zu erwähnen. Den Februar und März 1917 verbrachte der damals 35jährige mit Jean Cocteau in Rom, um hier Bühnenbild, Bühnenvorhang und die Kostüme für das kubistische Ballett „Parade“ zu entwerfen. Jean Cocteau schrieb dazu das Libretto. Eine der Ballerinen des Ballets Russes, Olga Chochlowa, erregte Picassos Interesse. Er machte der schönen Olga den Hof und Cocteau notierte in seinem Tagebuch: „Picasso ist verliebt!“ Im Juli 1918 heirateten sie in Paris. Picasso war in den wenigen römischen Wochen nicht nur in Liebesdingen aktiv. Er eignete sich, wie berichtet wird, „die Stadt und die Menschen in Skizzen, Zeichnungen und Aquarellen an“. Sein bekanntestes „römisches“ Werk ist das in rein kubistischer Manier gemalte 2 X 2 Meter große Bild „Harlekin und Frau mit Halskette“, heute im Pariser Musée National d`Art Moderne zu sehen.

Werkstatt in der Via Margutta in Rom

La Bottega del Marmoraro

Der ungestüme Enrico Fiorentini unterhält hier noch einen winzigen, lauten Marmorladen, La Bottega del Marmoraro, der überquillt von kunstvoll beschrifteten Marmortafeln und kopflosen Statuen. Hier wird fündig, wer noch ein unverfälschtes römisches Souvenir sucht.
Ein paar Häuser weiter, in Nr. 51, beherbergte Gregory Peck in der Rolle des amerikanischen Reporters Joe Bradley die Prinzessin Ann, dargestellt von Audrey Hepburn. Damals, 1953, als der Film „Roman Holiday“ entstand, drehte man noch an den Originalschauplätzen und so turtelten die beiden in der Margutta und kurvten anschließend eng aneinander geschmiegt auf einer Vespa durch ein romantisch verklärtes Rom. Nichts befeuerte der Deutschen Italiensehnsucht mehr als diese leichtfüßige Komödie, die bei uns unter dem Titel „Ein Herz und eine Krone“ lief und zu den Klassikern der Filmgeschichte zählt.

Gedenktafel an den Maler Giordano Bruno Ferrari

Gedenken an den Maler Giordano Bruno Ferrari

Nur neun Jahre zuvor war die Margutta Schauplatz einer Tragödie. An Nr. 97 erinnern der in Marmor verewigte Kopf und eine schlichte Gedenktafel an das Schicksal des Malers Giordano Bruno Ferrari. Er war der Sohn von Ettore Ferrari, der das Giordano-Bruno-Denkmal auf dem Campo dei Fiori geschaffen hat. Giordano Bruno Ferrari versammelte gegen Kriegsende antifaschistische Patrioten in seinem Studio in der Margutta, die den heranrückenden Truppen der Alliierten Informationen verschafften. Am 1. Mai 1944 wurde er verhaftet und am 24. mit anderen Kameraden erschossen – nur wenige Tage vor der Befreiung Roms.

Masina / Fellini

In dem roten einstöckigen Haus mit der Nr. 110 war der Wohnsitz der Schauspielerin Giulietta Masina und ihres Gefährten, des Regisseurs Federico Fellini. Auf einer Marmortafel erinnern witzige Karikaturen  und Verse im römischen Dialekt an ihre Zeit in der Via Margutta.

  

 


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