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Reiseführer Rom


San Clemente

 

Die Anlage der Basilika San Clemente ist beispielhaft für die seit der Antike ununterbrochene Bau- und Kulttradition einer Reihe römischer Baudenkmäler. Zurück bis in das 1. Jahrhundert reicht die Vorgeschichte der dem hl. Clemens geweihten Kirche. In einundzwanzig Jahrhunderten formte sich hier ein staunenswertes Auf- und Übereinander von Baukörpern, angefangen mit den noch nicht freigelegten Häusern aus der Zeit Neros, darüber fanden frühe Christen in einem Wohnhaus Zuflucht, Seite an Seite mit Anhängern des viel älteren Mithras-Kults, die in einem der Räume ihrem Lichtgott huldigten. Als dritte Schicht von unten entstand Ende des vierten Jahrhunderts auf den aufgefüllten Kulträumen der Christen und der Mithras-Anhänger eine erste Basilika („Unterkirche“). Robert Guiscards militante Normannen legten sie 1084 in Schutt und Asche. Wie schon die antiken Kulträume wurden auch die Überreste der Basilika mit Schutt aufgefüllt und dienten der Anfang des 12. Jahrhunderts errichteten neuen Basilika („Oberkirche“) als stabiles Fundament.

San Clemente, Rom

Fresko in der Unterkirche
Foto: By Ulrich Mayring (photo taken by Ulrich Mayring) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Zunächst kam die Kirche unter die Obhut von Augustinermönchen. 1677 wurde sie irischen Mönchen des Dominikanerordens übertragen, die diese Aufgabe noch heute wahrnehmen. Als sie ihr Amt übernahmen, gab es niemanden mehr, der von der „Unterwelt“ der Basilika wusste. Erst 1857 ging ein historisch bewanderter Prior des Ordens der Sache nach, durchbrach eine Wand und stand unvermittelt vor den Säulen der alten Basilika. Tausende Wagenladungen Schutt mussten weggekarrt werden, um die  frühchristliche Kirche wieder begehbar zu machen.

Unterkirche 

Ein Treppenhaus führt tief hinunter und mündet in einen Korridor, der eigentlich die Vorhalle der alten Kirche ist. Die Orientierung hier unten ist nicht ganz einfach, da zu den zwei Reihen von je acht Säulen des alten Kirchenbaus später weitere Pfeiler aufgestellt und Verstärkungsmauern gezogen wurden, um die Oberkirche zu stützen. Im Atrium sind zwei Fresken aus dem 11. Jahrhundert zu sehen, Szenen aus dem Leben des hl. Clemens. Herrliche romanische Freskomalerei, mehr oder weniger beschädigt und verblasst, kann man auch im Mittelschiff bewundern z. B. die „Himmelfahrt Christi“ (9. Jahrh.) und andere Szenen aus dem Neuen Testament an der Eingangswand und an der linken Wand des Mittelschiffs die „Legende des hl. Alexius“ (11. Jahrh.) und die „Legende von Sisinnius“. Nahe einem Sarkophag aus dem 1. Jahrhundert im rechten Seitenschiff lohnt ein Blick auf das Fresko „Madonna mit Kind“ aus dem 8. Jahrhundert.
Am Ende des linken Seitenschiffs steigt man noch einmal vier Meter in die Tiefe und gelangt zu den älteren römischen Gebäuderesten aus dem 2. Jahrhundert, deren zentraler Raum ein Jahrhundert später in ein Mithraeum umgewandelt wurde, einer Kultstätte der Anhänger des persischen Lichtgottes Mithras. Es ist ein flach überwölbter Raum mit seitlichen Steinbänken, auf die sich anlässlich bestimmter Zeremonien die Gläubigen legten. In der Mitte des Raums steht ein Marmoraltar mit einem Relief, das Mithras zeigt, wie er einen Stier tötet.

Marco Lodoli veröffentlicht einmal wöchentlich in der Tageszeitung La Repubblica seine Kolumne „Inseln in Rom“, Entdeckungen ausgefallener Örtlichkeiten wie die „Insel“ unter San Clemente:

„Es geht darum, in die Eingeweide der Kirche San Clemente vorzudringen, weit unter den leuchtenden Fresken von Masolino und der von Gold und von himmlischen Visionen leuchtenden Apsis. Man muss dazu auch noch die Unterkirche aus dem 4. Jahrhundert hinter sich lassen, wo, von der Zeit abgenutzt, lächelnde Madonnen und an die Wände gemalte Wunder zu ahnen sind. Die Treppen führen hinunter, und der Raum wird enger, es sind kleine Zimmer und Gänge, aus dem feuchten Stein gehauen, und wir irren verloren darin umher wie in den verworrenen Träumen der Nacht … Es kommt einem das Verlangen, zum Asphalt der Straße und ans Tageslicht zurückzusteigen. Aber etwas zwingt uns dazu, in den Traum vorzudringen. Unvermutet finden wir uns vor einem rostigen Eisengitter, das uns von der Höhle des Mithräums trennt. Der Gott Mithras...ein Jüngling, aus dem Fels geboren...seine Aufgabe ist es, alles tierische und pflanzliche Leben aus dem Blut eines Mondstiers entstehen zu lassen...die Szene der Opferung...der Götterknabe, von Mitleid und Entsetzen ergriffen, wendet den Blick ab...während sein Messer unerbittlich in den Hals des Stiers eindringt....Es ist ein schrecklicher und wunderschöner Traum, der sich unter dem Gewölbe mit den elf Löchern zuträgt, die Sternzeichen und Monate darstellen ...

Oberkirche

Zurück ans Tageslicht aus den düsteren Ursprungsbauten der Anlage ca. zwanzig Meter unter dem heutigen Straßenniveau. Als Papst Paschalis II. 1108 den Bau der neuen Kirche auf den Ruinen der alten in Auftrag gab, war ihm daran gelegen, den alten basilikalen Aufbau beizubehalten. So stützen zwei Reihen mit je acht antiken, von ionischen Kapitellen gekrönten Säulen die Rundarkaden und teilen den Kirchenraum in Hauptschiff und zwei Seitenschiffe. Allerdings stimmt nur das linke Seitenschiff mit dem darunter liegenden überein. Das neue Hauptschiff und das rechte Seitenschiff erreichen gerade mal zusammen die Maße des unteren Hauptschiffs. Der neue Kirchenkörper geriet also schmaler und zeigt die im 12. Jahrhundert bevorzugten engeren und steileren Proportionen. Und auch die Änderungen, die Fontana im 18. Jahrhundert vornahm (erneuerte Fassade, vergoldete Kassettendecke über dem Hauptschiff, Stukkaturen und großformatige Bilder an den Wänden des Obergadens), die dem Innenraum einen leicht barocken Touch geben, ließen die basilikalen Grundlinien der Kirche unverändert.

 

San Clemente

Das Hauptschiff

Überwältigend die Pracht des Innenraums mit seinen Säulen, die antiken Tempeln entstammen und den Intarsienarbeiten im Marmorfußboden. Aber nicht nur dort. Auch die gedrechselten Kerzenleuchter, die Choreinfriedung, Bischofsstuhl und Altartabernakel zeigen Einlegearbeiten der Kosmatenkünstler. Kostbare, von Handwerkern im 6. Jahrh. in Konstantinopel aus Carara-Marmor gefertigte Kapitelle des frühchristlichen Baldachins schmücken heute das Grabmonument des Kardinals Venerio am Ende des linken Seitenschiffes. Auch wurden Schrankenplatten (mit dem Monogramm von Papst Johannes II. / 6. Jahrh.) von alten Presbyterium an der Choreinfriedung der neuen Kirche wieder verwendet.

Apsis von San Clemente, Rom

Die Apsis von San Clemente
Foto: © Renáta Sedmáková - Fotolia.com

Absoluter Höhepunkt ist für jeden Besucher die Begegnung mit der golden leuchtenden Mosaik-Dekoration der Apsis. Sie ist ein römisches Meisterwerk aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, außergewöhnlich phantasievoll und von großer farblicher Harmonie. Ein Kruzifix im Zentrum, das zwölf Tauben verzieren, Sinnbild für die zwölf Apostel, wächst aus grün-gold-blau abgefassten Akanthusranken, umgeben von ländlichen Szenen, Menschengestalten, Fabelwesen, Tieren, den vier Flüssen des Glaubens.

San Clemente

Sehenswert auch der Freskenzyklus von Masolino da Panicale in der Katharinen-Kapelle (rechts vom heutigen Eingang), einer großartigen Darstellung der Legende der heiligen Katharina von Alexandria, die gegen die Christenverfolgung aufbegehrt, viele zum neuen Glauben bekehrt, selbst die römische Kaiserin, die darauf den Märtyrertod erleidet. Sie bekehrt heidnische Philosophen, wird gefoltert, enthauptet, Engel tragen ihren Körper zum Berg Sinai (Katharinen-Kloster). Masolino schuf sein Werk vor 1431. Er brachte als Exponent der Florentiner Frührenaissance deren Errungenschaften in die Stadt am Tiber wie z. B. die perspektivische Darstellung von Räumen und die plastische Wiedergabe von Körpern (schön zu sehen in dem Fresko „Disputation der hl. Katharina mit heidnischen Philosophen“).

Masolino da Panicale, hl. Katharina von Alexandria

"Das Martyrium der hl. Katharina" , Masolino da Panicale
[Public domain], via Wikimedia Commons

Der ursprüngliche Eingang zum Kirchenkomplex ist meistens geschlossen. Man betritt heute die Kirche durch ein Tor im linken Seitenschiff. Früher ging man unter einem Baldachin, der von zwei ionischen und zwei korinthischen Säulen getragen wird, hindurch, betrat das Atrium mit seitlichen Kolonnaden und stand dann vor der schlicht gestalteten Fassade des Fontana.

San  Clemente ist einer jener zahllosen Orte in Rom, wo Legenden und Geschichte ineinander greifen. Wie die des Clemens und des Kyrill. Die Überlieferung sagt, der hl. Clemens sei ein „Märtyrer und Papst des 1. Jahrhunderts“ gewesen als dritter Nachfolger Petri. Möglicherweise war er ein ehemaliger jüdischer Sklave eines Konsuls namens Clemens, der wegen seines Glaubens getötet wurde (er war der eigentliche Märtyrer). Die Forschung nimmt an, dass im 4. Jahrhundert aus einer Vermischung der Lebensgeschichten beider Persönlichkeiten namens Clemens die Legende entstand. Clemens, der Papst, so heißt es da, sei von Kaiser Trajan verfolgt und zur Zwangsarbeit in die Minen auf der Krim verbannt worden. Dort habe er unerschütterlich weiter missioniert und wurde deshalb mit einem Anker beschwert im Schwarzen Meer versenkt. Papst Clemens wurde also die Märtyrerkrone aufgesetzt und der wirkliche Märtyrer, der Konsul Clemens, übrigens ein Cousin des Kaisers Domitian, geriet in Vergessenheit.
Jetzt kommt ein anderer Großer der Kirchengeschichte ins Spiel: Konstantin von Thessaloniki, besser bekannt als Kyrill, der Slawenapostel. Gemeinsam mit seinem Bruder Methodius machte er sich im Jahre 867 auf den Weg nach Rom, in seinem Gepäck den Leichnam des hl. Clemens, den die Brüder auf einer Insel im Schwarzen Meer gefunden haben wollen, noch gefesselt an den Anker. Ohne den Anker, aber mit den sterblichen Überresten erschienen sie vor dem Papst, der die Gebeine in einer feierlichen Prozession nach San Clemente überführen ließ, wo sie bis auf den heutigen Tag verwahrt werden. Kyrill erkrankte Ende 868 und trat darauf in ein römisches Kloster ein. Erst hier nahm er seinen Ordensnamen Kyrill an. Er starb im Februar 869 und wurde in der frühchristlichen Basilika San Clemente beigesetzt.
Als die Unterkirche im 19. Jahrhundert vom Schutt befreit wurde, stieß man auf sein Grab. Besonders für Bulgaren, deren Nationalheiliger Kyrill ist, wurde San Clemente zu einer viel besuchten Pilgerstätte. 

(Via di San Giovanni in Laterano)

 

 



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