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San Carlo alle Quattro Fontane

as passiert nicht alle Tage: ein Baumeister erhält seinen ersten großen Auftrag und der gerät ihm gleich zu seinem Meisterwerk. Die Rede ist von Francesco Borromini und seiner winzig kleinen Kirche auf dem Quirinalshügel, die der Volksmund spontan und etwas despektierlich „San Carlino“ (Heiliges Karlchen) taufte. Was Borromini unter Einsatz knapper Finanzmittel auf sehr schmalem und unebenem Baugrund zustande brachte, veränderte die Baukunst des römischen Hochbarock.

San Carlo alle Quattro Fontane

Ohne berufliche Perspektiven hatte der 1599 geborene Francesco Borromini sein Arbeitsfeld als Steinmetz in Mailand verlassen und ging als Zwanzigjähriger nach Rom. Es gab dort familiäre Verbindungen, die ihm den Start auf den Baustellen der Peterskirche, am Palazzo Barberini und an der Kirche Sant`Andrea della Valle erleichterten. So begegnete er zwangsläufig dem aufgehenden Star unter den Barockkünstlern Roms, Gian Lorenzo Bernini. Er wurde erster Assistent seines lebenslangen Widersachers, bis er die Zusammenarbeit aufkündigte. Ihre Auffassungen von Architektur lagen einfach zu weit auseinander und schon drohte ihre Rivalität den Fortschritt bei den Arbeiten zu beeinträchtigen. Sie waren sich von Herzen unsympathisch und doch schien es so, als sei ihnen vom Schicksal bestimmt, immer wieder aufeinander zu treffen und mit den Werken des anderen konfrontiert zu werden.

Spätestens 1632 ging jeder seiner Wege. 1634 erhielt Borromini seinen ersten großen Auftrag, den Bau der Kirche San Carlo alle Quattro Fontane. Der spanische Orden der unbeschuhten Trinitarier, seit 1609 als Bettelorden zur augustinischen Ordensfamilie gehörend, mit wenig Geld und kleinem Grundstück fand in Borromini einen verständnisvollen Baumeister. Er schlug vor, auf ein angemessenes Gehalt zu verzichten, wenn er bei der Ausführung des Baus freie Hand hätte und in der Krypta sich für ihn eine Grabstätte einrichten ließe. Ob das tatsächlich so vereinbart wurde, ist zweifelhaft. Jedenfalls überschritten die Kosten die engen Vorgaben nicht, die Ordensoberen waren (vorerst) zufrieden.

Bevor man sich an den Bau der Kirche machte, entstand in den Jahren 1634 bis 1637 der Konvent für 20 Brüder mit Küche und Refektorium im Erdgeschoss, den Zellen der Ordensbrüder im ersten und zweiten Obergeschoss und das Stockwerk darüber beherbergte die Bibliothek. Das Ordenshaus ist der extrem schmale Bau rechts neben der Kirche. 1635 – 1637 entstand zwischen Konvent und künftiger Kirche der Kreuzgang und der Kapitelsaal an der Via del Quirinale. Schließlich begannen die Arbeiten an der Kirche. Sie gingen zügig voran, waren 1641 abgeschlossen, aber noch fehlten Fassade und Glockenturm. 1652 brach Borromini mit den Trinitariern nachdem Kritik an seinen Entwürfen laut geworden war. Hinzu kam, dass (mal wieder) Ebbe in der Ordenskasse war. Borromini übernahm andere Aufträge, kehrte aber 1665 zu seinem Erstlingswerk zurück und nahm nun die Fassade in Angriff. Er befand sich in einer kritischen Verfassung. Depressionen setzten ihm zu. Berufliche Misserfolge und der Konkurrenzkampf mit Bernini und dessen anhaltende Glückssträhne hatten ihn zermürbt. Er sah keinen Ausweg und erdolchte sich. Das geschah am 2. August 1667. Sein Neffe Bernardo, auch er ein Architekt, übernahm die Fertigstellung der Fassade und den Bau des Glockenturms. 1677 wurden die Bauarbeiten beendet und 1682 war mit der Aufstellung der Statuen das Projekt San Carlo alle Quattro Fontane endgültig abgeschlossen.

Die für Borromini so typische Fassadengestaltung erlebte an der San Carlo ihren Höhepunkt. Sie gilt als ein Hauptwerk des römischen Barock. Es finden sich keine planen Flächen, keine starre Wand mehr. Dagegen prägen vor- und zurückschwingende Fassadenelemente zwischen frei vor die Wand gestellten Säulen die Schaufront. Selbst am Glockenturm und an der Kuppel wiederholen sich die Konvex- und Konkavschwünge. Die dynamisch gegliederte Fassade zeigt außer konvexen und konkaven Formen ein stark vorkragendes Gebälk, das die Front in zwei Stockwerke trennt, die horizontal unterteilt sind. Den oberen Abschluss bildet eine Balustrade. Sie umschließt zur Hälfte ein ovales Medaillon mit einem verwaschenen Fresko. Über dem Hauptportal wacht der Schutzheilige der Kirche, der 1610 heilig gesprochene Kardinal und Wortführer der Gegenreformation, Carlo Borromeo, über das Wohl der Kirchengemeinde.

San Carlo alle Quattro Fontane

Blick in die Kuppel

Ganz ungewohnt für römische Kirchen ist das Weiß, das den Besucher im Innenraum empfängt. Bis auf wenige Farbtupfer ist das längsgerichtete Oval des Kircheninnern in freundliches Weiß getaucht. Tageslicht fällt aus der Kuppellaterne in den Raum und diffuses Licht dringt durch die beiden von unten kaum sichtbaren Fenster an der Kuppelbasis. So werden je nach Tageszeit ganz unterschiedliche Stimmungen hervorgerufen. Die Kuppel selbst ist eine aufregende Konstruktion. Auch sie ist wie der Raum oval geformt und mit Kassetten eng besetzt. Zum Zentrum hin werden die Kreuze, Kreise, Sechs- und Achtecke kleiner, wodurch die Kuppel scheinbar an Höhe gewinnt. Überhaupt sehen manche Betrachter das Prinzip des barocken Illusionismus in der kleinen San Carlo „auf die Spitze getrieben“. Zum Beispiel, dem eigentlich winzigen Innenraum eine gewisse Monumentalität zu verleihen, indem jede Seite des ovalen Raums zwei geschwungene Wandstücke aufweist, denen vier Säulen vorgesetzt sind. Die Wandstücke, die also vier Mal im Kirchenraum wiederkehren, tragen ein starkes Gesims, das die abwechselnd konkaven und konvexen Wandlinien exakt nachzeichnet.

Borromini hatte etwas gegen gerade Linien, er mochte keine Ecken und tote Winkel, er war der Meister rhythmisch aufgeladener, gekurvter Grundrisse

So auch im Kreuzgang, auch er winzig, aber voller Licht und zweistöckig, mit dorischen Säulen, die die Arkaden des Untergeschosses tragen und im Stockwerk darüber stützen sie einen Architrav.

San Carlo alle Quattro Fontane

Blick in den Kreuzgang

Man sucht Gold- und Marmorpracht vergebens. Die bescheidenen finanziellen Möglichkeiten des Ordens ließen das gar nicht zu und Borromini beschränkte sich widerspruchslos auf preiswerte Materialien wie Gips und Stuck und eine dominierende Farbe.

Gerade mal zweihundert Meter die Straße hinunter arbeitete sein Rivale Bernini ab 1658 an seinem Gegenentwurf zur Kirche San Carlo.

Via delle Quattro Fontane



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