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Reiseführer Rom


Quirinalspalast
(Palazzo del Quirinale)

Hier residiert der Präsident der Republik. Nachdem Giorgio Napolitano im Januar 2015 aus Altersgründen zurücktrat, übernahm Sergio Mattarella als neuer Präsident Italiens den Amtssitz.
Bevor die Repräsentanten der Republik 1947 Einzug hielten, war der Palazzo von  1870 an Dienstsitz der vier italienischen Könige aus dem Haus Savoyen, deren letzte Galionsfigur, Umberto II., im Juni 1946 per Referendum sein Amt verlor und darauf schmollend ins Exil ging.   

Quirinalspalast

Vor den savoyischen Königen waren jahrhundertelang die Stellvertreter Christi Hausherren im Palazzo del Quirinale gewesen. Den Anfang machte Papst Gregor XIII., bekannt als Wegbereiter des nach ihm benannten Gregorianischen Kalenders und als führender Kopf der Gegenreformation.  

Von der Vorstadtvilla zum Papstpalast

Sein ganz persönliches Lieblingsprojekt war der Palazzo auf dem Quirinal-Hügel, wo schon Kardinal Ippolito d`Este, der Sohn der skandalträchtigen Lukrezia Borgia, eine Villa bezogen hatte, die sich der Papst aneignete und nach Plänen seines Architekten Ottaviano Mascherino in den Jahren 1573 bis 1585 ausbauen ließ. Warum aber sollte gerade hier die päpstliche Sommerresidenz entstehen? Auf jeden Fall war der Platz gut gewählt. Es wehte stets ein frisches Lüftchen, man genoss herrliche Ausblicke bis hinüber zur Peterskirche und der großflächig konzipierte Palazzo bot viel Bewegungsfreiheit, ganz anders als der Vatikanische Palast mit seinen verwinkelten Gängen und den engen, muffigen Räumen. Es war kein Geheimnis, dass nicht wenigen Päpsten der alte Palast als Ort päpstlicher Repräsentation untauglich erschien.
Schon in der Antike hatten sich Bürger verschiedenster sozialer Schichten auf dem Quirinal niedergelassen und so gab es hier auch zahllose Heiligtümer, darunter den Tempel des altrömischen Kriegsgottes Quirinus, nach dem der Hügel benannt wurde.

Quirinalspalast

Gregors unmittelbarer Nachfolger, Papst Sixtus V., und eine Reihe weiterer Päpste vergrößerten die Anlage. Nach Mascherinos zweigeschossigem Loggienbau mit Turm und Glockenstube, errichteten die Architekten Domenico und Giovanni Fontana im Auftrag des Sixtus den Flügel, der den Platz begrenzt und den Gebäudeteil mit dem aufgesetzten dritten Stockwerk an der Via del Quirinale. Dann kam Paul V. (1605-1621) mit neuen Erweiterungsplänen zum Zuge: Sein Architekt, Flaminio Ponzio, schloss das noch offene Rechteck auf der Nordseite und errichtete die spitzwinklig vom Flügel an der Piazza abgehende Dataria, ein für Gnadensachen und Dispenserteilungen zuständiges apostolisches Amt. Und unter Urban VIII. entstand ein paar Jahre später direkt daneben der halbrunde Turm für die Artillerie und über dem Eingangsportal von Carlo Maderno die vom Barockmeister Gian Lorenzo Bernini gestaltete Benediktionsloggia, von der aus der Papst seinen Segen sprach. Alexander VIII. schließlich gab um 1660 den Startschuss zum Bau der sog. Manica Lunga, des „langen Ärmels“, jenes endlos anmutenden Traktes, der über rund 360 Meter die Via del Quirinale säumt und u. a. der Unterbringung der Schweizer Garde diente. Der Palazzo samt Nebengebäuden, Anbauten und Palastgarten hatte derweil gigantische Ausmaße angenommen und wirkte auf Besucher wie ein eigenständiger kleiner Stadtteil.


Während des Pontifikats von Clemens XII. (1730/40) wurde die Piazza vor dem Palazzo grundlegend umgestaltet. Wo noch vor kurzem einfache Ställe und Schuppen standen, errichtete 1730/32 Ferdinando Fuga (von ihm stammt die großartige Vorhalle von Santa Maria Maggiore) zunächst die Scuderie, den päpstlichen Marstall, und in den Jahren danach den Palazzo della Consulta (damals päpstlicher Gerichtshof, heute italienisches Verfassungsgericht) – für die Architekturgeschichte Roms bedeutende Bauten, die den Übergang vom Spätbarock zum Klassizismus markieren.

Castor und Pollux

Castor und Pollux

Zwischen den Fuga-Bauten setzen sich am Rande der Piazza die Kolossalstatuen des Castor („Rossebändiger“) und Pollux („Faustkämpfer“) auf ihren Sockeln in Szene. Es sind römische Kopien einer Figurengruppe aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Die Heroen der griechischen Mythologie waren Söhne des Zeus und dessen Geliebter Leda. Man übernahm sie gerne in den römischen Götterhimmel und verehrte sie als Glücksbringer und Götter der Freundschaft, Helfer in Seenot und im Kampfgetümmel. Ursprünglich standen sie in den Thermen des Konstantin, auf deren Überresten die Bauten des Quirinal errichtet wurden. Die stolzen Jünglinge erhielten ihren endgültigen Standort 1783. Drei Jahre später wurde der Obelisk zwischen ihnen errichtet, der früher das Mausoleum des Augustus bewacht hatte. Und schließlich vervollständigte 1818 die antike Brunnenschale aus grauem Granit das Ensemble. Sie stammt vom Forum Romanum und diente dort im Mittelalter als Pferdetränke.

So viel zur Baugeschichte.

Bleibt noch der angrenzende Palastgarten zu erwähnen, der zu den gepflegtesten Grünanlagen Roms zählt – kein Wunder, ist er doch für das Publikum nicht zugänglich. Nur wer in den Genuss einer Einladung anlässlich des Nationalfeiertags am 2. Juni kommt, wird durch die Anlagen flanieren können und dabei das elegante mit Stadtansichten und Landschaften ausgemalte Coffee House entdecken, das Ferdinando Fuga für Papst Benedikt XIV. als Empfangsraum entwarf. Es gibt reiche Mittelmeerflora und exotische Pflanzen zu bestaunen, darunter unzählige Palmen, auch Wasserspiele, Statuen und ganze Figurengruppen und in einem mannshohen Labyrinth aus Buchsbaumhecken lässt sich leicht die Orientierung verlieren.

Willkommene und ungeladene Besucher

1668, im Dezember, fand ein denkwürdiges Ereignis statt: Papst Clemens IX., der sich als Erzbischof und Kardinal auch einen Namen als Librettist etlicher Werke der italienischen Komischen Oper (Opera buffa) gemacht hatte, empfing im Quirinalspalast erstmals eine Frau: die zum Katholizismus konvertierte Tochter des protestantischen Königs von Schweden. Königin Christine hatte durch ihr Auftreten und ihre betont männliche Kleidung die Römer immer wieder irritiert. Nun war sie zu einem festlichen Bankett geladen und ganz Rom tuschelte hinter vorgehaltener Hand...
Kaum Aufsehen erregten dagegen die Besuche des deutschen Kaiserpaars Wilhelm II. und Auguste Viktoria 1888 und 1893, die im „langen Ärmel“ in den dortigen „appartamenti imperiali“ Unterkunft fanden und sich in einem eigens für sie neu gebauten Bad pflegen konnten. Am 4. Mai 1938 war Hitler Gast eines Banketts, das der italienische König Vittorio Emanuele III. ausrichtete – natürlich im Beisein Mussolinis, der Hitler wissen ließ, dass keine Kraft auf Erden uns entzweien kann. Theodor Heuss reiste im November 1957 als Staatsgast an. Das kaiserliche Bad stand ihm selbstverständlich zur Verfügung, aber eine Steckdose für seinen Elektrorasierer gab es nicht. Oder bevorzugte er die Nassrasur? Da man seine Gewohnheiten nicht kannte, sorgte man für beide Möglichkeiten. Bevor in den 60er Jahren Frankreichs Präsident de Gaulle, den immer eine imperiale Aura umwehte, im Palast einquartiert wurde, hatte man in aller Eile für ihn nicht weniger als vierzehn Räume umgebaut.
Deutlich weniger angetan war man im Quirinale von der Intervention französischer Truppen im Jahre 1798. Auf dem Palazzo wehte urplötzlich die blau-weiß-rote Trikolore und Papst Pius VI. wurde für abgesetzt erklärt. Da er sich weigerte, bettete man den 80jährigen auf eine Bahre und brachte ihn nach Südfrankreich, wo er in der Zitadelle von Valence ein Jahr später starb, nicht ohne vorher den französischen Revolutionären die Meinung gesagt zu haben über die Ungeheuerlichkeit der Menschenrechte, Rede- und Pressefreiheit, Gedankenfreiheit – kann man sich etwas Unsinnigeres vorstellen als eine derartige Freiheit aller?


Auch sein Nachfolger Pius VII. geriet mit den napoleonischen Truppen aneinander. 1809 waren sie zum zweiten Mal nach Rom gekommen, um die „veraltete Maschine“, wie Napoleon das Papsttum titulierte, zu entmachten. In der Nacht zum 6. Juni schlugen französische Soldaten mit der Axt das Tor des Palazzo Quirinale ein, verhafteten den Papst, dem im Handgemenge die Brille abhanden kam, verfrachteten ihn nach Genua und dann nach Fontainebleau. Nach sechs Jahren war er wieder in Rom und sein Widersacher Napoleon verbannt auf die Insel St. Helena.
Den neunten Pius, den letzten Papst im Quirinal, traf es besonders hart. In liberalen Kreisen hielt man ihn für einen Sympathisanten der italienischen Einheits- und Freiheitsbewegung (risorgimento), doch dann distanzierte er sich und schuf sich eine Menge Feinde. Aufständische belagerten den päpstlichen Palazzo, Pius IX. floh und der Quirinale wurde zum Hauptquartier der Aufständischen. Mazzini, neben Cavour und Garibaldi eine der führenden Figuren des Risorgimento, bezog ein kleines Zimmer im Palast  – die Zeit als päpstliche Residenz war abgelaufen, kein Papst sollte mehr seinen Fuß in den Quirinal setzen. Das war 1850. Der zurückgekehrte Pius IX. verschanzte sich im Vatikan und betrachtete sich als Gefangener des Vatikans. Die Zeichen der Zeit verstand er nicht, was Österreichs Kanzler Metternich zu der Feststellung veranlasste, Pius IX. sei warmherzig, schwachköpfig und vollkommen unvernünftig.

Der Quirinale-Palazzo birgt viele Schätze, darunter Möbelstücke aus vier Jahrhunderten, römische Mosaiken, Kapellen wie die Capella Paolina von Carlo Maderno oder die Capella dell`Annunziata mit Fresken von Guido Reni, den Thronsaal mit Fresken von Giovanni Lanfranco, einige Gemäldegalerien, Wandteppiche, Vasen. Nicht alles ist zu besichtigen. Jeden Sonntag von 8.30 bis 12.00 Uhr hat das Publikum Zugang und kann sich in einer etwa einstündigen Führung einen Eindruck verschaffen.
An relativ vielen Sonntagen im Jahr ist der Palast für die Öffentlichkeit geschlossen, auch von etwa Ende Juni durchgehend bis Anfang/Mitte September. Die Telefonnummer 0646991 informiert über die Öffnungszeiten.

(Piazza del Quirinale)

 

 


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