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Reiseführer Rom


Quartiere Coppedè

Nicht jeder Taxifahrer wird mit dem Fahrziel „Quartiere Coppedè“ etwas anfangen können. Aber die Piazza Buenos Aires kennen sie alle und ist man erst einmal hier, sind es nur noch wenige Schritte in eine fabelhafte Architekturlandschaft, in die phantastischen Ausprägungen einer Jugendstilszenerie, wie man sie in Rom nun wirklich nicht erwartet. Hier, wo Antike, Renaissance und Barock im Stadtbild vorherrschen, erscheint manchem strengen römischen Puristen die eigenwillige Kreation des Gino Coppedè, der den Jugendstil alla italiana, Anleihen bei der französischen Belle Epoque und dem Art Déco, maurische und altrömische Stilelemente vereint, als architektonischer Sündenfall. 

Villino delle Fate (Feenvilla)

Villino delle Fate (Feenvilla)

Vollends unwirklich erscheint die Szene an einem heißen Sonntag im Ferienmonat August, wenn das Viertel wie ausgestorben daliegt, keine Autos die Fußwege belagern und das sanfte Plätschern des Frosch-Brunnens auf der Piazza Mincio auch noch um zwei Ecken zu vernehmen ist. Nichts lenkt den Blick ab von dem Husarenstück eines Architekten, der freie Hand hatte, dem niemand hinein redete, als er sich 1916 im Nordwesten Roms ans Werk machte.


Quartiere CoppedeUnd er nutzte seine Möglichkeiten, schuf Palazzi in Form sechsgeschossiger  Wohngebäude, kleinere Palazzine als Mehrfamilienhäuser und schmucke Villen (Villini) – alle üppig ausgestattet, innen wie außen. Türmchen wurden aufs Dach und Loggien vor die Fassade gesetzt, elegische Frauengestalten und kräftige Jünglinge ranken sich empor, dazwischen krabbeln steinerne  Bienen, bevölkern Fabelwesen das Mauerwerk, auf Fresken stechen Galeeren in See, säugt die kapitolinische Wölfin Romulus und seinen Bruder Remus, romanische Bögen stoßen auf maurische, Kapitelle ionischer und korinthischer Machart stützen Fensterbögen. Ein Portal gegenüber dem Brunnen ist die getreue Wiedergabe einer Kulisse aus dem Film „Cabiria“ von 1914 und unter einer Loggia erkennt man das dekorative Abbild eines Falkners nebst Falken, daneben ist der Baum des Lebens verewigt, umringt von schwungvollen Girlanden, Putten und antiken Masken,  Löwen- und Widderköpfen. Als „Marzipanhäuser, die einem Märchenbuch entnommen scheinen“, feiert der römische Chronist Marco Lodoli das sonderbare Ensemble des Gino Coppedè. Gerne führt er von weit angereiste Freunde hierher, die schon ein bisschen der endlosen Schönheiten Roms überdrüssig geworden sind und beim Anblick dieses Viertels „wie verzaubert stehen, das, bei anderer Gelegenheit, als Ausbund schlechten Geschmacks erscheinen könnte.“   

Der1866geborene Gino Coppedè war kein Unbekannter seines Fachs, als er „sein“ Viertel rund um die Piazza Mincio zu gestalten begann. Er galt als Star des italienischen Jugendstils, der komplette Inneneinrichtungen für die 1. Klasse italienischer Transatlantikdampfer entwarf und mit dem neo-gothischen Castello Mackenzie in Genua Aufsehen erregte. Die pompöse Villa Biancardi im lombardischen Codogno sowie eine schlossartige Villa mit viergeschossigem Turm in Luganos Stadtteil Paradiso und der Palazzo Tremi im sizilianischen Messina sind Beispiele für seine Könnerschaft in der dekorativen Gestaltung von Fassaden und einer Innenausstattung, die mit phantasievollen Details entzückt. 


Die Wohnungsbaugesellschaft „Società Edilizia Moderna“ hatte die Idee zum Bau des kleinen, noblen, für diese Stadt so untypischen Viertels auf einem Gelände von 31.000 m² rund zwei Kilometer nordwestlich der Stazione Termini. Die Finanzierung war gesichert, der Architekt engagiert. Zunächst hatte man an mittelständische Abnehmer gedacht, im Verlauf der Planung aber verstärkt auf großbürgerliche Interessenten gesetzt. So sprachen denn auch die Bauanträge von Wohnbauten, die „vornehm sind und eine Art künstlerische Eleganz aufweisen“. Auszustatten seien sie mit „jeglichem modernen Komfort“. Dazu zählten Heizung und Aufzug, separate Badezimmer und Toiletten, ein zweiter Treppenaufgang für Dienstboten und Lieferanten. In allen Bereichen sollten die technischen Standards der Zeit verwirklicht werden. Das Gros der Gebäude entstand zwischen 1917 und 1925. Als Coppedè 1927 starb, war noch manches Projekt unvollendet. Sein Kollege Paolo Emilio Andrè sorgte für ihre Fertigstellung.

Spinnenpalast in Rom

Palazzo del Ragno (Spinnenpalast)


Coppedès Wunderwelt der Formen und Bewegungen und unzähligen Motive umfasst 18 Palazzi und 27 Palazzine und Villini mit zusammen etwa 260 Wohneinheiten. Jedes dieser Gebäude hat zwar seine ganz eigene Prägung, doch gerade die allseitige „dekorative Übersteigerung“ verleiht dem Quartier seine Homogenität. Das noch vor Jahren vernachlässigte Viertel ist heute dank der Qualität und Extravaganz seiner Bauten und Dekors eine begehrte Wohngegend für gut betuchtes Publikum und es zählt längst auch zu den gefragten Bürolagen Roms. Wer in diesem repräsentativen Umfeld seine Geschäftsstelle eröffnet, fühlt sich dem Milieu zugehörig, seien es nun Anwälte oder Steuerberater, Immobilienhändler, Botschafter oder Institutsleiter. Von Beginn an war das Viertel als reine Wohngegend konzipiert. So sucht man hier die „Grundausstattung“ römischer Straßenzüge – Trattoria, Tabaccheria, Bar – vergebens. Man hatte seine  Dienstboten und manche Eigentümer haben sie noch heute. Selbst die eine oder andere Concierge ist noch in Amt und Würden.


Die Via Tagliamento, Via Arno und Via Clitunno begrenzen das Areal, das in seinem westlichen Teil kompakt mit Mehrfamilienhäusern bebaut ist, im östlichen Teil überwiegen Villen auf großen Gartengrundstücken. Der kleine Stadtteil ist vom brausenden Verkehr der nahen Durchgangsstraßen einigermaßen abgeschirmt. Selbst  an normalen Wochentagen ist es hier stiller als in anderen Vierteln der ewigen Stadt.
Zwei monumentale, überschwänglich dekorierte Eckpaläste, zwischen denen sich ein imposanter Durchgang wölbt, formen den dramatischen Zugang zum Quartier. Nicht zufällig erinnert dieses Gebäudeensemble an die Triumphbögen auf dem Forum Romanum, hatte man doch Coppedè gebeten, dem Quartiere un`impronta romana, eine „römische Prägung“ zu geben. Der zweistöckige Torbogen, dessen Wölbung ein riesiger schmiedeeiserner Kronleuchter schmückt, leitet Besucher auf die zentrale Piazza Mincio mit der barocken Vorbildern nachempfundenen Fontana delle rane, dem Froschbrunnen, einem kreisrunden Becken, aus dem vier große Muscheln ragen, darauf hockt je ein Frosch, der Wasser speit. Darüber erhebt sich ein zweites kleineres Becken, auf dessen Rand sich gleich acht Frösche niedergelassen haben.   

Auffallend ist die konsequente Durchgrünung des kleinen Stadtteils. Alle Straßenränder sind mit Bäumen bepflanzt, jede Straße mit einer anderen Baumart. Oleander- und Mimosenbüsche bevölkern die Gärten, daneben erstrahlt das intensive Hellblau des Bleiwurzes, Engelstrompeten duften und schwere Glyzinienzweige überwuchern Balkonbrüstungen. Pinien, Zypressen und Palmen spenden Schatten.

 

 


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