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Reiseführer Rom


Piazza del Popolo


Wer vorzeiten nach Rom reiste, betrat die Stadt durch die Porta del Popolo. Hier endeten die Straßenverbindungen aus dem Norden Italiens, die Via Cassia und die Via Flaminia, bedeutende Verkehrsadern, geschaffen schon in der Antike und noch in der Neuzeit genutzt. Hatte man das Tor erst durchschritten, konnte man aufatmen und die Nöte des Reisens schnell vergessen und sich den Verheißungen der Stadt am Tiber zuwenden. Die Piazza del Popolo lag nun vor den Reisenden. Damals war sie noch rechteckig geschnitten. In ihrer Weiträumigkeit wirkte sie wie ein überdimensionales Entrée zur ewigen Stadt. Markante Zwillingskirchen verteilten an ihrem südlichen Rand wie ein monumentales Tor den Strom der Passanten, Kutschen und Fuhrwerke auf die Straßen des Tridente, des„Dreizacks“, den schnurgeraden Magistralen, die Roms Besucher zu den innerstädtischen Brennpunkten leiteten.

1589 hatte Papst Sixtus V. in der Mitte des Platzes den weithin sichtbaren Obelisken aufrichten lassen. Einer seiner Nachfolger, Alexander VII., veranlasste die Neugestaltung der Stadtseite der Porta del Popolo und um die Mitte des 17. Jahrhunderts gab er den Auftrag zum Bau der Zwillingskirchen. Doch mit der barocken Umgestaltung des Platzes war es noch nicht getan. Sein heutiges Aussehen erhielt er erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Und kein Geringerer als Napoléon segnete die Pläne ab.

Bevor wir darauf eingehen, sehen wir uns das barocke Ensemble und die Hinterlassenschaften der Antike und Renaissance etwas genauer an.

Porta del Popolo

Die Porta del Popolo war eines von achtzehn Toren der Aurelianischen Mauer, Roms monumentaler Verteidigungsanlage, die im 3. Jahrhundert errichtet und in den folgenden zwei Jahrhunderten massiv verstärkt wurde. Sie diente bis 1870, also über den unvorstellbar langen Zeitraum von eineinhalb Jahrtausenden, der Verteidigung der Stadt. Die ursprünglich mit turmartigen Eckverstärkungen bewehrte Porta del Popolo mutet heute eher wie ein Triumphbogen an und das ist kein Zufall. Die Ecktürme fielen 1879. An ihre Stelle traten die beiden seitlichen Durchgänge. Doch den Anfang machte der Meister des römischen Barock, Gian Lorenzo Bernini. Er nahm sich den mittleren Teil der Fassade vor. Sein Auftraggeber war Papst Alexander VII. (eigentlich: Fabio Chigi), dem gerade ein sensationeller Coup gelungen war, konnte er doch den Übertritt der schwedischen Königin Christina zum katholischen Glauben in die Wege leiten. Sie war die Tochter von Gustav II. Adolf von Schweden, der als „Retter des deutschen Protestantismus“ eine führende Rolle im Dreißigjährigen Krieg gespielt hatte. Alexanders Bravourstück rechtfertigte jeden nur erdenklichen Aufwand, so auch den Einsatz von Bernini, der hinzugezogen wurde, um den Ort des triumphalen Einzugs der Schwedin in die heilige Stadt angemessen herzurichten. In aller Eile kleidete Bernini das Tor neu ein, brachte über dem Eingangsbogen eine Willkommenstafel an: FELICI FAUSTOQUE INGRESSUI ANNO DOMINI MDCLV („Ihrem glücklichen und gesegneten Einzug geweiht - Im Jahre des Herrn 1655) und platzierte darüber am Giebel, wie es nun mal die päpstliche Eitelkeit verlangte, das Wappen des Chigi-Papstes (Berggipfel mit Stern, darunter eine Eichenlaubgirlande mit zwei Ährenbündeln). Das Ährenbündel ist Bestandteil des Familienwappens der schwedischen Wasa-Dynastie.

Der triumphierende Kirchenmann konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass ihn sein Schützling Christina noch in arge Verlegenheiten stürzen würde.

Lange vor der prominenten Konvertitin hatte Martin Luther anlässlich seiner Pilgerreise das Tor durchschritten. In tiefer Ergriffenheit war er auf die Knie gefallen und hatte das heilige Rom gegrüßt. Und auch der inkognito nach Rom gereiste Goethe war aufgewühlt, als er die Piazza betrat: Verziehen sei mir das Geheimnis und die gleichsam unterirdische Reise hierher. Kaum wagte ich mir selbst zu sagen, wohin ich ging, selbst unterwegs fürchtete ich noch, und nur unter der Porta del Popolo, war ich mir gewiss, Rom zu haben (…) Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt! notierte er unter dem 1. November 1786 in seiner „Italienischen Reise“.

Fassade der Kirche Santa Maria del Popolo, Rom

Fassade der Kirche Santa Maria del Popolo

Gleich drei Marienkirchen beherrschen den Platz. An die Porta del Popolo grenzt ein Juwel der Renaissance, die Santa Maria del Popolo, und am anderen Ende der Piazza sind es die barocken Zwillingskirchen Santa Maria dei Miracoli (rechts, wenn man von der Porta über den Platz schaut) und Santa Maria di Montesanto (links).

Beide überragt der altägyptische Obelisk in der Mitte des Platzes. Er erinnert an die Vorliebe römischer Kaiser (hier: Augustus) für exotische Beutestücke, die an Bord eigens konstruierter Lastkähne über das Meer und den Tiber hinauf nach Rom verschifft wurden.

Noch heute überwältigen im historischem Zentrum der Stadt acht altägyptische und fünf in antiken römischen Werkstätten entstandene Obelisken die Betrachter. Unser Obelisk kam im Jahre 10 v. Chr. nach Rom und wurde im Circus Maximus aufgestellt, wo er in der Spätantike umstürzte und in mehrere Teile zerbrach. Erst in der Renaissance, als die Päpste die Schaustellung von Obelisken wiederbelebten, wurde der 263 Tonnen schwere Koloss auf Betreiben von Sixtus V. repariert und schmückt seit 1589 die Piazza. Eigentlich sollte der Obelisk den Endpunkt der nach dem Papst benannten Via Sistina markieren, doch ihr Schlussstück bis zur Piazza wurde nie gebaut.

Die Hieroglyphen des Obelisken sprechen von dem Pharaonen Seti I. (er regierte bis 1279 v. Chr.) und seinem Sohn und Nachfolger Ramses II., der von 1279 bis 1213 v. Chr. herrschte. Unter Augustus erhielt der Obelisk lateinische Inschriften, die ihn der Sonne weihen und Sixtus V. fügte weitere Widmungsinschriften hinzu, die das „heidnische“ Monument nun dem unbesiegtesten Kreuz weihen und der schon erwähnte Chigi-Papst Alexander VII. zögerte nicht, auch am Obelisken seine Dynastie ins rechte Licht zu rücken und unter dem bronzenen Kreuz die Familiensymbole, Berggipfel und Stern, anzubringen.

Der in Rom 1830 früh verstorbene württembergische Poet Wilhelm Waiblinger flanierte oft über die Piazza und staunte über das rege Kommen und Gehen, sah nichts als Spaziergänger, die in die Villa Borghese wandeln, auch Karossen, die vom Corso her bis zum Obelisk des Platzes gefahren kommen und dann wieder zurückkehren, oder höchstens durch die Porta bis Ponte Molle hinausrollen. Von hier aus beginnt an Donnerstagen und Sonntagen, auch sonst an hübschen Abenden, vor den zur Aufrechthaltung der Ordnung aufgestellten Dragonern jenes unbegreifliche Vergnügen der Römer, sich einigemal den Corso auf- und abfahren zu lassen (…) Noch unerklärbarer ist aber das Vergnügen der unzähligen Menge von Fußgängern, die auf die allerunbequemste Weise von der Welt einander fortschieben, keinen Augenblick sicher vor den Pferden sind (…) Freilich sieht man Römerinnen bei dieser Gelegenheit – die man anstaunen kann, bis einem wieder ein Ross über den Schultern schnaubt...

(aus W. W.: Werke und Briefe, Reisebilder aus Italien)

Dem rührigen Alexander VII. bot sich 1658 die Chance, ein städtebauliches Problem in den Griff zu bekommen. Noch immer war die architektonische Integration der drei Straßen des „Tridente“ und die Verteilerfunktion der Piazza ungelöst. Als die Karmeliter Baupläne einer Kirche am südlichen Rand der Piazza vorstellten, schaltete er sich in das Projekt ein und ordnete den Bau einer zweiten, identischen Kirche an. Mit den beiden Kirchen entstand nach dem trutzigen Außentor der Porta del Popolo ein sakrales, inneres Stadttor, das Pilger und Reisende in die Stadt der Päpste geleitete.

Santa Maria dei Miracoli

Die Planung der Zwillingskirchen Santa Maria di Montesanto und Santa Maria dei Miracoli übernahmen die prominenten römischen Architekten Carlo Rainaldi und Carlo Fontana. Zu ihnen stieß in der Schlussphase auch Gian Lorenzo Bernini. Er kümmerte sich ab 1673 vor allem darum, die unterschiedlichen Kuppeln einander anzugleichen. Der ursprünglich für beide Kirchen gedachte kreisförmige Grundriss ließ sich nur bei der Miracoli verwirklichen. Da das Grundstück der Monsanto tiefer und schmaler war, wählte man hier einen ovalen Grundriss. In Anlehnung an klassische Tempelfronten sind beiden Kirchen Säulenportiken vorgelagert. Gemeinsam mit den darüber aufragenden voluminösen Kuppeln sind sie die „Hauptthemen dieses bühnenartigen Platzbilds“. Nicht zufällig verweisen sie auf das Pantheon und auf St. Peter, welche die sich hier schon andeutende Pracht und Herrlichkeit der heiligen Stadt erst so recht zur Entfaltung bringen. Auffallend die bei beiden Kirchen über dem Portikus verlaufende Balustrade mit jeweils zehn Heiligenfiguren nach Entwürfen Berninis. Ungewöhnlich auch die seitlich zur Via del Corso angebrachten zierlichen Glockentürme. Die Monsanto weist seitlich des längsovalen Innenraums je drei Kapellen auf, die von Arkaden eingefasst werden. In der Miracoli umrahmen je zwei Kapellen den kreisrunden Hauptraum mit seinen kunstvoll gegliederten Innenwänden. Links des Altars liegen die beiden Grabmäler des Kardinals Girolamo Gastaldi und dessen Bruders Benedetto.

Die Zwillingskirchen

Zurück zum Obelisken, vor dessen mächtiger Basis wasserspeiende Löwen lagern. In Roms heißen Sommermonaten füllen hier Touristen ihre Wasserflaschen auf und drängeln sich auf den Schattenplätzen zu Füßen der Stele. Die Löwen sind Nachbildungen ägyptischer Originale, die in den Kapitolinischen Museen ausgestellt sind. Die Brunnen und die beiden Exedren an den Platzseiten hat Giuseppe Valadier erdacht. Der römische Architekt setzte den Schlusspunkt unter der urbanistischen Gestaltung der Piazza. Und das sehr zum Missfallen mancher Architekten und Stadtplaner, denen das Nebeneinander barocker und klassizistischer Bauten ein Gräuel war und ist. Die Abschwächung der barocken Längsachse und Valadiers Betonung der Querachse ist ein weiterer Kritikpunkt. Andere dagegen feiern am Beispiel der Piazza die römische Begabung, Stilrichtungen von der Renaissance über Frühbarock bis zum Neoklassizismus zu einer harmonischen Einheit zu verschmelzen.

Valadiers Pläne standen schon 1793 fest. Die dann einsetzenden Verzögerungen hingen mit Frankreichs Ambitionen zusammen, die Ideale der Revolution auch in Italien zu verbreiten. 1796 marschierten die Franzosen ein und eroberten unter dem jungen General Napoléon 1798 Rom. Als selbsternannter König von Italien mischte er von nun an in allen Entscheidungen mit, so auch bei der Genehmigung der Pläne Valadiers (1811), dem er den französischen Architekten Louis-Martin Berthault zur Seite stellte. Nach dem Scheitern Napoléons zogen die Franzosen 1814 aus Rom ab und Valadier konnte sich an die Verwirklichung seiner Pläne machen.

Exedra mit der Stadtgöttin Roma. Im Hintergrund die Pincio-Terrasse

Die ihm so wichtige Querachse endet an den beiden halbkreisförmigen Exedren mit Brunnenanlagen, hinter denen der Verkehr entlang geleitet werden sollte, um den eigentlichen Platz von ihm frei zu halten. Die Exedra auf der Pincio-Seite schmückt eine Skulptur, die die Stadtgöttin Roma darstellt, zu ihren Seiten die Flussgötter Tiber und Arno und davor die römische Wölfin mit Romulus und Remus. Auf der Exedra gegenüber zeigt Neptun stolz seinen Dreizack. Zwei Tritonen an seiner Seite – Meergötter mit menschlichem Oberkörper und Fischschwanz – beschäftigen sich mit Delphinen. Zwei nach Plänen Valadiers errichtete Palazzi (in dem einen das Traditionscafé „Canova“, in dem anderen das nicht weniger berühmte „Rosati“) stehen den Zwillingskirchen gegenüber und betonen die südlichen Ecken des Platzes. Die Nordwestecke ließ Valadier durch den Neubau einer Polizeikaserne markieren, an der Nordostecke entstanden die Klostergebäude neu.

Als besondere Leistung und als ein Vorgriff auf moderne Konzepte gilt Valadiers Fähigkeit, unterschiedliche Stilrichtungen zusammenzubringen und eine harmonische Verbindung von Architektur und Natur herzustellen. Immerhin stammte von ihm die Idee, auf dem Pincio einen öffentlichen Park einzurichten (den ersten in Rom überhaupt). Und die Anfahrt zum Park sollte über den steilen Hang des Pincio erfolgen, der nun Rampen und Stützmauern erhielt, Statuen, Balustraden und eine üppige Baumbepflanzung. In Haarnadelkurven führt die Auffahrt nach oben, passiert die Arkaden der Aussichtsterrasse und erreicht schließlich mit der Viale Trinità dei Monti den Hügelkamm.



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