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Palazzo Venezia

Der mächtige Palazzo an der vom Verkehr umtosten gleichnamigen Piazza zählt zu den mehr als zweihundert Prachtbauten in Rom, die den Gattungsbegriff „Palazzo“ tragen. „Palazetto“ (kleiner Palast) dagegen heißen weniger monumentale Bauwerke. Was den Palazzo Venezia aus der Phalanx der römischen Palazzi hervorhebt, ist sein Rang als frühestes Beispiel einer Palastarchitektur, die Stilelemente der Renaissance zeigt. Ist der Palazzo Farnese architektonischer Glanzpunkt der römischen Hochrenaissance, so  gilt der Palazzo Venezia als herausragendes Werk der römischen Frührenaissance.

Palazzo VeneziaAnders als in Florenz, der Geburtsstätte der Renaissance, wo die Palastbauten mit eleganten Linien aufwarten, dominiert in Rom bei den frühen Renaissancebauten eine gewisse blockartige Schwere. Größe war angesagt, monumentale Dimensionen gefragt. Die Linienführung war einfach und streng, die Proportionen ausgewogen. Man beschränkte sich auf drei Hauptgeschosse mit gleichmäßigen Fensterreihungen. Und dass selbst mittelalterliche Vorbilder noch nicht ganz ad acta gelegt waren, veranschaulichen der mächtige Eckturm und der auffällige Zinnenkranz auf der Dachkante und auch die darunter aufgereihten Rundbögen ähneln mittelalterlichen Mâchicoulis (Pechnasen), was dem Bau ein wehrhaftes Aussehen gibt.

Das eigentlich Neue, die Hinwendung zur Formensprache der frühen Renaissance, wird am ehesten an der Loggia des Innenhofs ersichtlich. Es ist eine doppelstöckige Loggia, die von Pfeilerarkaden und Halbsäulen gegliedert wird. Der Rückgriff auf altrömische Architekturvorbilder reflektiert den Kerngedanken der Renaissance, sich an der Antike zu orientieren und deren Vorstellung von Proportionen, Symmetrie und Geometrie in der Architektur neu zu interpretieren.
Der Bau des Palazzo Venezia hatte Signalwirkung. Er setzte neue Maßstäbe im römischen Palastbau und war zugleich ein Sinnbild des neuen Selbstverständnisses der Renaissancepäpste, die Roms verlorene Größe wiederherstellen wollten, nachdem die Stadt im Gefolge des Avignon-Exils (1309-1377) und des anschließenden Schismas (1378-1417) in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt war.

Der venezianische Löwe als Fassadenschmuck am Palazzo Venezia in Rom

Der venezianische Löwe als Fassadenschmuck

Einer der tatkräftigen Erneuerer auf dem Papst-Thron war der Venezianer Paul II. (1464-1471). Er war kein Kind von Traurigkeit, liebte Pracht, Feste und Vergnügungen über alles und fand es anregender, inmitten der Stadt unter den Bürgern zu leben als unter den Zwängen seines Hofes zu leiden. So beauftragte er 1466 den ihm gut bekannten Architekten Francesco del Borgo (der vermutlich von dem damals tonangebenden Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti beeinflusst war) mit dem Ausbau des an dieser Stelle einst errichteten Kardinalspalastes zu einem prächtigen Palazzo, der die alte Basilika San Marco und den Palazetto Venezia mit einbezieht. 1470, als ein Mordkomplott aufgedeckt und darauf der wehrhafte Turm errichtet wurde, schien die Idee einer privaten Papstresidenz dem Initiator nicht mehr ganz geheuer. Dabei hatte er alles in Bewegung gesetzt, um sich in dieser Gegend wohl zu fühlen. Den römischen Karneval etwa, der bis dahin in anderen Stadtteilen gefeiert wurde, verlegte er in die Via Lata, die auf den Platz vor dem Palazzo einmündete. So konnte er von seinem Balkon aus dem lustigen Treiben zusehen, das sich nun vor prächtiger Kulisse abspielte und, mit dem Segen des Papstes versehen, zum berühmtesten Karneval Europas aufstieg. Zum Karnevalsvergnügen gehörten die beliebten Wettrennen. Ihr Start war auf der Piazza del Popolo und führte die Via Lata, die nun wegen der Rennen in Via del Corso umbenannt worden, hinunter bis vor den päpstlichen Palazzo. Alles, was Beine hatte, lief mit, Männer, junge und alte, selbst Kinder sowie Pferde, Esel, Kühe, Wasserbüffel. Die reiterlosen Tiere hetzte man mit Knallkörpern und Stachelstöcken den Corso entlang bis unter die Fenster des Papstes, wo ein quer über die Bahn gespanntes weißes Tuch die Tiere zum Halten zwang. Die Sieger (auch die Besitzer erfolgreicher Tiere) bekamen vom Zeremonienmeister des Papstes Stoffe überreicht – „acht Ellen blauen Stoffs“...“ein Stück cremefarbenen Samts, gefüttert mit grünem Taft“...Gut dreihundert Jahre später beschrieb der in Rom weilende Goethe den Karneval als ein „Fest, das dem Volk eigentlich nicht gegeben wird, sondern das das Volk sich selbst gibt....hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, dass jeder so töricht und toll sein dürfe, als er wolle, und außer Schlägen und Messerstichen fast alles erlaubt sei“.

Bis 1564 blieb der Palazzo Venezia Papstresidenz. In jenem Jahr übergab Papst Pius IV. einen Teil des Hauses an die Republik Venedig, die ihre Zimmerfluchten als Botschaft nutzte. In den anderen Räumlichkeiten residierte der Titularkardinal der zum Gebäudekomplex gehörenden Basilika San Marco. 1797, nach der Übernahme Venedigs durch Österreich, ging auch der Palazzo in österreichischen Besitz über. Für das k.u.k. Reich residierte hier sein Botschafter. 1916, während des 1. Weltkriegs, wurde der Palazzo konfisziert und 1929 machte ihn Italiens Ministerpräsident Benito Mussolini zu seinem Regierungssitz und zum Tagungsort des Gran Consiglio del Fascismo (Großer Faschistischer Rat), der Mussolini hier in seiner letzten Sitzung am 24./25. Juli 1943 entmachtete. Mussolinis Büro war in der Sala del Mappamondo untergebracht, einem 280 m² großen Saal, von dem aus er den kleinen Außenbalkon betreten konnte zu einer seiner berüchtigten Ansprachen an die tobende Menge, die sich auf der Piazza zusammendrängte, wie am 9. Mai 1936, als er nach dem Sieg über Äthiopien „die Geburt des Imperiums“ proklamierte oder am 10. Juni 1940, als er England und Frankreich den Krieg erklärte.

 


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