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Reiseführer Rom


Palazzo Montecitorio

Hier scheint es so richtig zur Sache zu gehen, denn um nicht weniger als Italiens Schicksal wird in der tosenden Arena verhandelt. Leidenschaftliche Wortkaskaden, erregte Gegenreden, stoische Ordnungsrufe schwirren durcheinander. Am
Rednerpult fliegen schon die Fäuste, es wird getreten, gespuckt, an Jacketts und Krawatten gezerrt, während einige die Szene mit verschränkten Armen amüsiert betrachten und der Ministerpräsident sich theatralisch in seinen Sitz zurückfallen lässt und mit einem Bündel Dokumenten in der Hand herumwedelt, als wolle er sie  gleich als Konfetti auf die Häupter der Abgeordneten herabregnen lassen. Wir sind im Parlament. Nun ist eine derartige Hitzköpfigkeit nicht an der Tagesordnung, aber sie kommt vor und die Betrachter schwanken jedes Mal, ob sie den Unterhaltungswert des Spektakels würdigen sollen oder sich in ihrer Skepsis gegenüber „denen da oben“ einmal mehr bestätigt sehen – Römer pflegen eine Distanz zum Polit- und Parteiengetriebe.

 

Und draußen, auf der schönen, weitläufigen Piazza gleichen Namens, geht das Getümmel weiter: Demonstrationen, Transparente, Fahnen, Sprechchöre, das Ganze nur gebändigt durch ein paar Barrieren – einen Bannkreis wie um den Berliner Reichstag scheint es nicht zu geben. Kenner der römischen Befindlichkeiten versichern, die wahren Leidenschaften der Römer würden beim Fußball und nur dort ausgelebt, in den Stadien, den angrenzenden Kneipen, unter den aufstöhnenden, jubelnden, tieftraurigen Belagerern der heimischen Mattscheiben. 
 
Vom „Corso“ (Via del Corso), nur ein paar Dutzend Meter entfernt, strömen  Besucher auf den Platz, betrachten die großartige Barockfassade des Palazzo und staunen über den aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert stammenden ägyptischen Obelisken, der die Piazza beherrscht und einst als Schattenstab der Sonnenuhr des römischen Kaisers Augustus fungierte. Nicht wenige deutsche Touristen nutzten früher die Buchhandlung Herder, die seit 1935 an diesem Platz gegenüber der Abgeordnetenkammer (Camera dei Deputati) gehaltvolle Rom-Literatur anbot. 2012 musste sie schließen, startete aber im Mai 2015 einen Neuanfang als "shop in shop" in der Libreria Benedetto XVI. an der Piazza Pio XII. neben dem Petersplatz.

Palazzo Montecitorio

Für Gian Lorenzo Bernini, den Stararchitekten der Päpste des 17. Jahrhunderts, war der Auftrag zum Bau des Palazzo etwas Besonderes. Einmal, weil er von privater Seite, vom Fürsten Ludovisi, kam und zum anderen, weil ihn der Baugrund vor erhebliche Probleme stellte. Der 1653 begonnene Bau des Palastes der Fürstenfamilie hatte die ungewöhnliche Breite des Grundstücks, einen gekrümmt verlaufenden Straßenzug sowie das leicht abfallende Gelände zu berücksichtigen. Es entstand ein Palast, der allein durch seine Dimensionen neue Maßstäbe setzte. Er weist nicht weniger als 25 Fensterachsen auf. Seine Fassade unterscheidet mehrere Bauteile: Der architektonisch besonders hervorgehobene Mittelteil mit dem dreifachen Portal, das an antike Triumphbögen erinnern soll, und der Attika (dem Abschluss über dem oberen Gesims) scheint nach vorne zu drängen, betont noch durch die Flügel links und rechts, die aus der Front des Mittelteils leicht nach hinten schwenken. Die wenigen Pilaster, das sind die den Wänden vorgeblendeten rechtwinkligen Halbsäulen, markieren die Kanten der einzelnen Bauteile und gliedern auf diese Weise die Fassade, an deren Ecken originelle Felssteinblenden ins Auge fallen.  

Der Bau konnte von Bernini nicht vollendet werden. Es gab päpstlichen Einspruch gegen die weltliche Pracht. Erst 1694, nunmehr unter der Regie des Vatikans, wurde die Fertigstellung des Palastes von Papst Innozenz XII. in Auftrag gegeben. An die Arbeit machte sich Mattia de Rossi nach Ideen des Carlo Fontana, um den ursprünglichen Fürstenwohnsitz in den päpstlichen Gerichtshof zu verwandeln.

Bei der Neugestaltung der Piazza wurde 1792 der einige Jahrzehnte zurück bei Grabungen hinter dem Palazzo wiederentdeckte Obelisk aufgestellt, der in Anlehnung an Augustus` Sonnenuhr den Beinamen „Solare“ trägt. 1871 bezogen die Abgeordneten ihre Arbeitsräume. Um ihrem Raumbedarf Rechnung zu tragen, erhielt der Palazzo Montecitorio an seiner Rückfront um die Wende zum 20. Jahrhundert einen Anbau aus Ziegeln und Marmor.

(Piazza Montecitorio)

 

 


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