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Reiseführer Rom


Marmor, Travertin und Ziegelstein

Marmor sei in Rom seit 2000 Jahren ein so alltäglicher Anblick, schreibt ein Chronist, dass dieses Sinnbild für Prachtentfaltung fast schon gewöhnlich erscheine. Nicht weniger charakteristisch für Rom ist die ausgiebige Verwendung von Travertin in Bauten, Dekorationen und selbst Skulpturen und das auch schon seit der Antike. Und was seinen Einsatz als unverwüstliches Baumaterial angeht, kann der helle römische Ziegelstein, der von rosafarben bis ockergelb changiert, gut mithalten: seine Anfänge liegen noch vor der Zeitenwende.

Rom

Auch Peperino, der von den Etruskern eingeführte dunkle Tuffstein, hatte als Werkstoff seine Zeit im Römischen Reich, zumal das vulkanische Gestein im Umland Roms reichlich vorhanden war. Es ließ sich leicht bearbeiten und war außerordentlich widerstandsfähig. Auf experimentierfreudige Köpfe im Rom des dritten vorchristlichen Jahrhunderts geht die Erfindung des Betons zurück, das sie opus caementicium nannten (daher unser Wort „Zement“). Ganz neue, komplizierte Bauformen konnte man jetzt in Angriff nehmen – die Arkade, die Nische, Tonnengewölbe und Kuppel – und durch einen Zufall kam man darauf, dass die Verbindung wasserfest wurde (wichtig beim Bau von Hafenmolen und Aquädukten) und viel mehr Druck widerstand, wenn man der Betonmischung statt Sand vulkanische Puzzolanerde beimischte.

Anfänglich deckten die Römer ihren Bedarf an Marmor in Griechenland, vor allem in den berühmten Marmorbrüchen des Pentelikon-Massivs nordöstlich von Athen. Aus Pentelischem Marmor wurde der Parthenon-Tempel erbaut und in Rom u. a. der Triumphbogen des Kaisers Titus auf dem Forum Romanum. Hoch gehandelt wurde auch der weiße Marmor von der Ägäisinsel Paros. Der Castor und Pollux-Tempel (drei Säulen nebst Architrav sind noch erhalten) auf dem Forum Romanum entstand aus grobkörnigem Parischem Marmor. Seine feinkörnigen Sorten waren unter Bildhauern begehrt. Ihr wohl berühmtestes Meisterwerk: Die „Venus von Milo“. Favorit unter den farbigen Marmorsorten war „Cipollino“ (von cipolla = ital. Zwiebel) mit seinen wellenartig verlaufenden grünen und weißen Streifen. Er stammte aus der Gegend von Karystos im Süden der griechischen Insel Evvia (Euböa). Die mit korinthischen Kapitellen gekrönten Säulen des Tempels von Antoninus Pius und Faustina auf dem Forum Romanum wurden aus diesem Marmor geformt. Die zehn 17 m hohen „heidnischen“ Säulen blieben unangetastet, weil der Tempel im 5. Jahrhundert in die Kirche San Lorenzo in Miranda umgewandelt wurde. Auch die historische Landschaft Numidia in Nordafrika lieferte aus den Brüchen von Chemtou im heutigen Tunesien weißen bis ockerfarbenen Marmor, den man in Rom „giallo antico“ nannte. Er wurde beim Bau des Konstantinsbogens und anderer antiker Monumente eingesetzt. Andere farbige Marmore, Granite und Porphyre kamen aus der Gegend von Sparta, von der Insel Chios, aus Kleinasien und Ägypten.

In die Zeit Caesars fällt die Erschließung der heimischen Marmorbrüche nahe Luni, dem heutigen Carrara. Dadurch verkürzten und verbilligten sich die bislang unglaublich aufwändigen und halsbrecherischen Transporte. Der strahlend-weiße Luni- oder Carrara-Marmor erwies sich als ideales Bau- und Schmuckmaterial und war dank seiner Feinkörnigkeit auch wie geschaffen für die Anfertigung von Skulpturen. Die Pyramide des Cestius im heutigen Stadtteil Testaccio war das erste römische Monument, das mit Platten aus Carrara-Marmor verkleidet wurde. Es folgten bestimmte Partien des Pantheons, der Mars-Ultor-Tempel, von dem heute noch vier Säulen das Augustus-Forum prägen, Teile des Trajansforums und die Trajanssäule, dessen Schaft ein 200 m langes marmornes Reliefband in 23 Windungen umläuft. Auch das Antlitz der schönen Unbekannten aus der Sammlung Ludovisi im Palazzo Altemps wurde aus Luni-Marmor gemeißelt.

Die "Schöne Unbekannte" im Palazzo Altemps

Die "Schöne Unbekannte" im Palazzo Altemps



Eine Besonderheit stellen die Werke der „Cosmaten“ dar, einer Kunsthandwerkerfamilie, die vom 12. bis ins frühe 15. Jahrhundert mit geometrischen Intarsienarbeiten aus den verschiedensten Marmorsorten, aus Granit und Porphyr, zahllose römische Kirchenfußböden, Chorschranken, Wände, Säulen, Leuchter schmückte. Von Michelangelo ist bekannt, dass er geschlagene acht Monate in Carrara verbrachte, nur um die Marmorblöcke seiner Lieblingssorte „Statuario“ für das (ursprünglich) gigantische Grabmal des Papstes Julius II. auszuwählen. 1.000 Dukaten aus der Schatulle des Papstes waren sein Lohn, der sogleich in den Erwerb von Grundbesitz gesteckt wurde. Gar nicht so recht in den Farbkosmos der Stadt am Tiber will das von lästerfreudigen Römern als „Schreibmaschine“ oder „Hochzeitstorte“ geschmähte Nationaldenkmal passen. Das 1911 eingeweihte Monumento Nazionale entstand aus mindestens 30.000 cbm weißem Botticino-Marmor aus der Nähe von Brescia in der Lombardei und der will einfach nicht altern, nicht Patina ansetzen.

Travertinfassade von San Carlo ai Catinari

Travertinfassade von San Carlo ai Catinari

Eigentlich war für den Riesenbau Travertin vorgesehen, doch die benötigten Mengen gaben die traditionsreichen Steinbrüche in der Nähe von Tivoli und Guidonia Montecelio nicht her. Seit der Antike werden diese Travertinvorkommen in der Provinz Latium (Lazio) abgebaut und seit Ende des 2. Jahrhunderts finden sie in der Architektur Verwendung. Travertin ist der römische Baustein schlechthin! Wasserpflanzen, Moose, Algen und andere Organismen siedelten sich in grauer Vorzeit auf seiner Oberfläche an, wurden eingeschlossen und gaben so dem Kalkstein seine ausgeprägte Porosität. Er setzt schnell Patina an. Man kann ihn polieren und erhält dann eine milde leuchtende Oberfläche bei einer Vielfalt von Farbabstufungen von grau bis korallenrot. Der Römische Travertin aus der Gegend von Tivoli wird als heller Stein (chiaro), onyxfarben (oniciato) oder dunkel (scuro) gehandelt.

Und nicht nur in Italien. So schmückt Römischer Travertin auch die Fassaden des Shell-Hauses am Berliner Landwehrkanal. Und in Rom bestimmt das Travertin unzähliger Palazzifassaden und Kirchenfronten wie die von Sant`Andrea al Quirinale oder San Carlo ai Catinari mit seinem beige-, gelb- und ockerfarbenem Kolorit das Stadtbild. Das Kolosseum und das Marcellus-Theater sind wahre Travertinkolosse. Ein anderes Mammutprojekt, die Kolonnaden des Petersplatzes, gehen auf den „Erfinder des barocken Rom“, Gian Lorenzo Bernini, zurück. Er wählte eigenhändig das Rohmaterial in den Steinbrüchen von Guidonia Montecelio aus. Und erneut war er dort auf der Suche nach geeignetem Gestein für die Gestaltung des Meeresgottes Triton, der seine Fontana del Tritone krönen sollte. Auch das bewegte Figurenensemble von Roms prächtigstem Wasserspiel, dem Trevi-Brunnen, ist ein Meisterwerk aus Travertin.

Trevibrunnen

Trevibrunnen

In seinen „Kaiserviten“ preist Sueton Kaiser Augustus mit dem berühmten Ausspruch Urbem latericium invenit, marmoream reliquit (Er fand eine Stadt aus Ziegeln vor und hinterließ eine Stadt aus Marmor). Tatsächlich hatten die Römer den Weg vom Ton zum gebrannten Ziegel perfektioniert. Ihre ausgeklügelten Techniken des Mauerhandwerks machten Arbeiten mit unförmigen Steinblöcken überflüssig. Sie verfügten über das „Rezept“ für Beton, beherrschten die Konstruktion von Nischen, Bögen und Gewölben, die den Bau großer Ziegelbauwerke erst ermöglichten. Marmorverkleidungen sorgten für eine luxuriöse Aufmachung, immer öfter ließ man in späterer Zeit die Ziegelwände auch unverputzt und ohne Marmordekor. In seinem Bemühen, die Größe alten Römertums wieder herzustellen, beschwor Augustus die innere Kraft Roms und propagierte die Errichtung prachtvoller Bauten – eben die „Stadt aus Marmor“.

Ziegel-Campanile der Kirche Sant Crisogono

Ziegel-Campanile der Kirche Sant Crisogono



Die Ziegeltechnik hatte sich derweil bis in alle Ecken des Römischen Reiches durchgesetzt. Ein frühes Beispiel aus Deutschland ist die ursprünglich außen verputzte Audienzhalle der römischen Kaiser in Trier aus dem 4. Jahrhundert oder im Oströmischen Reich, in Konstantinopel/Istanbul, die im 6. Jahrhundert errichtete Hagia Sophia. Allein in Rom selbst zeugen viele mittelalterliche Kirchtürme von der Kunst des Ziegelbaus wie etwa der Campanile von Santa Maria Maggiore oder jene von San Crisogono und Santa Maria in Trastevere. Aus der Antike überlebten als dekorative Trümmer die kaiserlichen Ziegelpaläste auf dem Palatin, die Caracalla-Thermen und die mächtigen Gewölbe der Maxentius-Basilika auf dem Forum Romanum oder die spätantike Kirche Santa Sabina auf dem Aventin. Auch die Außenwand des alten St. Peter, der 1506 dem Neubau der Peterskirche weichen musste, bestand aus Ziegeln ohne jeden Bauschmuck.

Ziegel-Strebewerk an der Kirche Santi Giovanni e Paolo

Ziegel-Strebewerk an der Kirche Santi Giovanni e Paolo



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