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Reiseführer Rom


Roma sotterranea – die Katakomben

 

Schwer zu sehen ist, was unter der Erde liegt: Wasserstätten und
Todesstätten (…) Die Wege senken sich in die Katakomben. Ein
Zündholz wird angeritzt. Seine Flamme dehnt sich nach den
Sinnbildern. Für einen Augenblick erscheinen Fisch, Pfau und
Taube, Anker und Kreuz, Speise und Trank....
(Ingeborg Bachmann, Was ich in Rom sah und hörte, 1955)

Die kilometerlangen unterirdischen Galerien – letzte Ruhestätte für Abertausende – werden gemeinhin mit den frühen Christen in Verbindung gebracht. Doch die Katakomben gab es schon vor ihrer Zeit. Die heidnisch-römische Bevölkerung und die Angehörigen der jüdischen Diaspora in Rom nutzten bereits unterirdische Grabkammern und das hatte einen einfachen Grund: Die Verknappung und Verteuerung des Bodens bei ständig wachsendem Platzbedarf. Was lag also näher, als die Begräbnisstätten in den Untergrund zu verlegen, auf relativ kleiner Fläche, aber versehen mit drei, vier oder gar fünf Galerien neben- und übereinander, in denen sich dicht an dicht die Grabkammern aufreihten? Die frühen Christen haben sich an das Vorgefundene gehalten und dieses zu einer eigenständigen Begräbniskultur weiterentwickelt.

Sechsundsechzig Katakomben, weitläufige und engmaschig angelegte, verschüttete und intakte, sind in Rom bekannt. Nur fünf von ihnen können besichtigt werden (Agnese, Callisto, Domitilla, Priscilla, Sebastiano). Von den sechs jüdischen Katakomben sind nach Absprache zwei zugänglich (die Katakomben unter der Villa Torlonia in der Via Nomentana und die Anlage an der Via Appia Pignatelli).

Callixtus-Katakombe in Rom

Callixtus-Katakombe
Foto: von User GerardM on nl.wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/), GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Auf einer Karte dargestellt, überrascht, in welchem Ausmaß sich die Katakomben an den antiken Ausfallstraßen konzentrieren. Natürlich ist das kein Zufall. Eine altrömische Gesetzessammlung, das Zwölftafelgesetz, hier Tafel 10, schreibt vor: „Den Leichnam eines Menschen soll man in der Stadt weder begraben noch verbrennen“. Ausfallstraßen wie die Via Aurelia (nach Westen), die Via Tiburtina (nach Osten) oder die Via Appia (nach Süden) lagen außerhalb des sakralrechtlich definierten Stadtgebiets und hier gab es noch erschwingliche Grundstücke und vor allem eignete sich der weiche vulkanische Tuffboden der römischen Campagna hervorragend für die Anlage von unterirdischen Gängen, Treppen und Gräbern.

Man nannte sie fossores, jene Männer, die diese Totenstädte in den Boden trieben, ausgerüstet mit Hacke und Schaufel, mit Tragkörben für den Aushub und einer Öllampe, die ihren Arbeitsplatz notdürftig ausleuchtete. Nach dem frühen 6. Jahrhundert, als die Katakomben nicht mehr genutzt wurden, betätigten sich die fossores als Wächter und Pfleger der verlassenen Grabstätten. Die gebräuchliche Grabform war der loculus („das Plätzchen“), der in langen Reihen neben- und übereinander in die Wände der Katakombengänge getrieben wurden. In die loculi passten je nach Breite ein bis drei Leichname. Verschlossen wurden die Grabkammern mit Marmor- oder Terrakottaplatten, die Aufschriften trugen und Auskunft über den/die hier Bestatteten gaben. Neben diesen schlichten Wandgräbern existierten auch große Grabkammern für wohlhabende Familien. Sie sind oft mit Malereien und Stuck geschmückt, in seltenen Fällen auch mit Mosaiken. Die Motive reichen von Vögeln, Weinranken und Blumen bis zu religiösen Themen wie Daniel in den Löwengrube, der Gute Hirte oder Samsons Kampf gegen die Philister. Es sind Darstellungen, die mit der frühchristlichen Glaubenswelt vertraut machen und zugleich die Anfänge der christlichen Kunst erkennen lassen.

Fresko in einer jüdischen Katakombe an der Via Appia, Rom

Fresko in einer jüdischen Katakombe an der Via Appia
Foto: von sethschoen [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Märtyrergräber (etwa fünfzig sind bekannt) aus der Zeit der Verfolgung übten eine besondere Anziehungskraft aus. Möglichst in ihrer Nähe wollte man verstorbene Angehörige beisetzen. Nicht nur im Umkreis der Märtyrer gab es ein großes Gedränge. Früher oder später standen alle Katakombengemeinden vor dem gleichen Problem: Es wurde eng unter der Erde. Das zur Verfügung stehende Grundstück mit den oberirdischen Maßen von, sagen wir, 100 m Länge und 50 m Breite durfte auch unterirdisch nicht überschritten werden. So blieb nur der Ausweg, tiefer ins Erdreich vorzudringen und noch eine vierte oder gar fünfte Galerie auszuheben und mit Grabkammern zu versehen.

Nach der Eroberung und Verwüstung Roms durch die Westgoten im Jahre 410 und fünfundvierzig Jahre später durch die Vandalen wurden die meisten Katakomben aufgegeben. Das hing auch damit zusammen, dass der in dieser Zeit aufblühende monumentale Kirchenbau einen Wandel in der Begräbniskultur mit sich brachte. Aus der unterirdischen Enge verlegte man die Beisetzung auf die innerstädtischen Friedhöfe im Schatten der Kirchen.

Im achten und neunten Jahrhundert ließen die Päpste die sterblichen Überreste der Märtyrer aus den Katakomben in Roms Kirchen überführen. Viele fanden aber auch den Weg in Kirchen und Klöster des europäischen Auslands, denn es ließ sich ein gutes Geschäft damit machen und längst nicht alle verkauften Gebeine waren Märtyrerreliquien aus den römischen Katakomben.

 

 



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