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Giulio Andreotti

Als der Methusalem der italienischen Politszene im Mai 2013 starb, bedauerten die Kommentatoren unisono, dass „Divo Giulio“ oder – je nach Sichtweise – der „Beelzebub“ der italienischen Nachkriegsgeschichte auf leisen Sohlen die Bühne verlassen hatte, ohne sein Wissen um die Parteiskandale, Verschwörungszirkel und Mafiamilieus preiszugeben. Er war eben, wie seine Vertrauten nicht müde werden zu betonen, ein kultivierter und diskreter Zeitgenosse, der die strikt gehüteten Geheimnisse mit ins Grab nahm. Dazu passt sein Bonmot: „Was man wirklich für geheim hält, sollte man nicht einmal sich selbst erzählen“.

Giulio Andreotti mit den Mächtigen der Welt

Giulio Andreotti mit den Mächtigen der Welt 1978 in Bonn
von White House photo [Public domain], via Wikimedia Commons

Allein die statistischen Daten zu seiner politischen Karriere sind beeindruckend: Seit den vierziger Jahren mischte er in der italienischen Politik mit, war an dreiunddreißig Regierungen beteiligt, wurde auf den Posten des Verteidigungs-, Industrie-, Innen-, Außen- und Finanzministers berufen und war sieben Mal Ministerpräsident. Sein Abgeordnetenmandat endete 1991. Wenig später ernannte ihn Staatspräsident Cossiga zum Senator auf Lebenszeit und so war er bis zuletzt im politischen Geschäft aktiv, zwar gebeugt und oft krank, aber der Spaß an der Macht (zu dem er sich gerne bekannte) ließ ihn durchhalten.


Der unbestrittene Star der Democrazia Cristiana gab sich als frommer Katholik, der jeden Tag am frühen Morgen die Messe besuchte und die schon auf ihn wartenden Bettler stets mit einem Obolus bedachte. Gesprächspartner priesen ihn als geistreichen und zugleich kühlen Erklärer, er konnte ironisch sein, auch selbstironisch. Er lebte bescheiden, arbeitete fleißig und diszipliniert, achtete streng auf Pünktlichkeit und er verkörperte den typischen furbo, den gerissenen Schlaukopf, ließ sich nicht beirren und schien unergründlich – und das macht ihn zu der rätselhaften Figur der Zeitgeschichte, deren Lebensweg mehr Unklarheiten als Gewissheiten aufweist.

1962 und 1964 wurden die ersten Vorwürfe gegen ihn laut. Es ging um finanzielle Unregelmäßigkeiten und um die widerrechtliche Weitergabe von Personalakten an die berüchtigte Geheimloge Propaganda Due (P 2). Die P 2 vereinte Politiker, Militärs, Prominente aus Wirtschaft (u. a. Silvio Berlusconi) und Hochfinanz, Mafiosi und Geheimdienstler mit dem Ziel, die Regierung zu unterwandern, ein Klima der Spannung zu erzeugen, Vorbedingungen für einen rechtslastigen Staatsstreich zu schaffen.
Mutmaßungen über Andreottis Nähe zu zwielichtigen Gestalten der P 2 wurden zu einem heiß diskutierten Thema der Medien. Den Logenchef Licio Gelli soll er gut gekannt haben und in manchen Blättern wurde der Verdacht geäußert, er, Andreotti, sei der eigentliche Führer der P 2.


1972 machte er Salvatore Lima zu seinem „Vizekönig“ auf Sizilien, einen DC-Politiker und Cosa Nostra-Boss, der 1992 von seinen eigenen Leuten auf offener Straße erschossen wurde, weil er vermutlich nicht willfährig genug war oder zu viel wusste. Gefragt, ob er nicht den Hintergrund Limas gekannt habe, soll Andreotti geantwortet haben: „Nein, wissen Sie, Lima war ein sehr diskreter Mann.“
Eine andere Behauptung steht im Raum: 1987 soll er sich mit dem capo dei capi, dem Boss aller Mafiabosse, Salvatore Riina, getroffen haben, Jahre bevor dieser festgenommen werden konnte.


Ein anderer, nicht weniger brisanter Kontakt Andreottis war der Banker Michele Sindona, als Geldwäscher der Mafia überführt, mit guten Geschäftsbeziehungen zur Vatikan-Bank IOR, später wegen Mordanstiftung in Haft und dort durch einen vergifteten Espresso ums Leben gekommen. Auch in diesem Fall übte sich Andreotti in Diskretion.
Dann kam das für Italien dramatische Jahr 1978. Ein „historischer Kompromiss“ kündigte sich an, eine Vereinbarung zwischen den Christdemokraten und den Kommunisten der PCI, besonders forciert von Aldo Moro. Der Parteichef der DC wurde von den „Roten Brigaden“ entführt und ermordet. Sein Tod ist bis heute nicht endgültig geklärt. Es halten sich hartnäckig Vermutungen, Andreotti könnte seine Hand im Spiel gehabt und mit Hilfe ausländischer Dienste die „Roten Brigaden“ instrumentalisiert haben, um die schwarz-rote Annäherung zu verhindern. Im Juni 2013 wurde bekannt, dass der Mordfall vor einem italienischen Gericht neu aufgerollt werden soll.

Auf die vielen Verdächtigungen reagierte „Divo Giulio“ scheinbar gleichgültig. Die mehr als zwei Dutzend Versuche, ihn vor Gericht zu bringen, scheiterten regelmäßig an der DC-Fraktion, die sich gegen eine Aufhebung seiner Immunität aussprach. Und so konnte er triumphierend feststellen: „Es ist noch niemandem gelungen, mich in den Sack zu stecken!“


Doch das Blatt wendete sich 1992, als die DC an ihren eigenen Skandalen zerbrach, die Sozialistische Partei unter Bettino Craxi es ihr nachmachte und auch die PCI Namen und Zielsetzung änderte – die italienische Parteienlandschaft der Nachkriegszeit löste sich auf.

Seit 1996 lief ein Prozess vor dem Gericht in Perugia gegen Andreotti, den früheren Minister Claudio Vitalone und den Mafiaboss Pippo Calò. Den Angeklagten wurde Beihilfe zum Mord an dem Journalisten Carmine  Pecorelli vorgeworfen. Der Zeitungsmann hatte 1979, ehe er von Mafiosi ermordet wurde, angekündigt, Details über das Ende Aldo Moros zu veröffentlichen, die auch Andreotti belasten würden. Der Prozess endete nach drei Jahren mit einem Freispruch. In zweiter Instanz, das war 2002, wurden Andreotti und der Mafiaboss Gaetano Badalamenti zu 24 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Andreotti der Anstifter des Mordes war. Wegen Mangels an Beweisen wurde 2003 das Urteil wieder aufgehoben.
Auch über Andreottis Verbindungen zur Mafia wurde vor Gericht verhandelt. Sinnigerweise in Palermo / Sizilien. Einiges fiel gleich unter den Tisch wegen zwischenzeitlich eingetretener Verjährung und im Berufungsverfahren 2004 erledigten sich die anderen Anklagepunkte wegen „konfuser und widersprüchlicher Aussagen“ eines Kronzeugen.  

Auch wenn Richter festhielten, dass Andreotti mindestens bis 1980 wichtigster Gewährsmann der Mafia in der politischen Szene Roms gewesen sei, störte sich die italienische Öffentlichkeit wenig daran. Er war eben ein furbo, wie man selbst gerne einer sein möchte: gerissen, schlau, erfolgreich, einer, der mit den verhassten Institutionen Katz und Maus spielt.
Als er das Gericht verließ, feierte man ihn, als habe er einen Freispruch erster Klasse errungen.


Und Roms (noch)Bürgermeister aus Berlusconis „Popolo della Libertà“-Bewegung, Gianni Alemanno, erklärte den Anfang Mai 2013 verstorbenen Römer flugs zum „wohl repräsentativsten homo politicus in Italiens jüngster Geschichte“, den „menschliche Stärke und unglaubliche kulturelle und politische Bildung“ ausgezeichnet hätten.

 

 


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