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Reiseführer Rom


Anna Magnani

Gefeierte Glamourgirls wie die Lollobrigida und die Loren, Brigitte Bardot und  Marilyn Monroe waren ihre Zeitgenossinnen. Sie aber war alles andere als eine entrückte Filmdiva. „Roms römischste Römerin“, die vulkanische Anna, vergaß nie, welchen bescheidenen Verhältnissen sie entstammte. Sie blieb eine Schauspielerin aus dem einfachen Volk, dessen tägliche Dramen den Stoff für ihre eindringlichen Rollen lieferten. Es waren die Frauen der Unterschicht, denen sie ein Gesicht gab, den Aufbegehrenden, den Müttern, den Schieberinnen, Verzweifelten, Prostituierten, Liebenden – und das mit einer Intensität, wie sie das Kino jener Zeit nicht kannte. „Endlich ein Mensch auf der Leinwand!“, freute sich die Presse und lobte ihr kraftvolles Spiel, ihre Bodenständigkeit, das vulkanische Temperament. Und amüsiert registrierte die Öffentlichkeit, mit welcher Leichtigkeit sie sich über das konventionelle Schönheitsideal hinwegsetzte, zu ihren immer dunkel umschatteten Augen wild zerzaustes Haar trug, ziemlich eigenwilligen Modevorstellungen folgte und nur zu gerne in den römischen Dialekt verfiel, den die Alteingesessenen in Trastevere auf dem rechten Tiberufer sprechen.
Für die Römer war sie die Verkörperung der Romanità, die Nation verehrte sie als „Ikone der Italianità“. Als sie nur 65jährig 1973 starb, trug Italien Trauer.

Anna Magnani wurde 1908 als uneheliche Tochter der schönen Marina geboren. Sie wuchs in der Obhut ihrer liebevollen Großmutter unter misslichen Umständen auf. Schon mit fünfzehn Jahren fand sie den Absprung in die heiß geliebte Welt des Schauspiels: Die römische Accademia d`arte drammatica nahm sie auf und vermittelte ihr das Rüstzeug für ihre späteren Erfolge. Geld hatte sie nicht, aber sie spielte Klavier und konnte singen und so finanzierte sie ihr Studium mit Auftritten in Varietés und Clubs. Eine erste kleine Filmrolle erhielt sie 1928, weitere Nebenrollen folgten. Sie lernte Vittorio de Sica kennen, der ihr die Rolle der Tänzerin Loletta in seiner gesellschaftskritischen Tragikomödie „Teresa Venerdì“ anbot. Publikum und Filmkritik waren angetan von dem neuen ausdrucksstarken Gesicht.


Doch erst vier Jahre später beginnt ihre eigentliche Karriere unter dem Einfluss Roberto Rossellinis. Sein dramatisches Antikriegsepos von 1945 „Roma, città aperta“ (Rom – offene Stadt) wird später als „erstes Zeugnis einer Filmkunst, die den Namen Neorealismus erhielt“ gefeiert. Anna Magnani spielt darin die schwangere Pina, die sich von den Schrecknissen des Krieges in Rom nicht unterkriegen lässt, aber durch ihre Nähe zum Widerstand in tödliche Gefahr gerät.


Während der Dreharbeiten bahnte sich zwischen Rossellini und der Magnani eine Liaison an, die bis zum gemeinsamen Film „L`amore“ (1947/48) bestand. Mit der Liebe endete auch die „meist stürmische und stets erfolgreiche“ gemeinsame Arbeit. Auslöser des nun losbrechenden legendären Eifersuchtsdramas war die seit Jahren in den USA lebende Ingrid Bergmann. Sie erhielt den Hauptpart in Rossellinis nächstem Film, den eigentlich die Magnani spielen sollte. Der Film hieß „Stromboli“ und spielte auf der gleichnamigen Vulkaninsel des Liparischen Archipels. Anna war empört, sann auf Rache und drehte mit dem Hollywood-Altmeister William Dieterle in Sichtweite von Stromboli auf der Insel Vulcano das Melodram „Vulcano“, in dem sie die Rolle der neapolitanischen Prostituierten Maddalena spielt, die von der Polizei an ihren Geburtsort auf Vulcano zurückgebracht wird und dort allerlei Ungemach erfährt, ähnlich übrigens wie die Bergmann in ihrer Rolle als Karin, der misstrauisch beäugten Ortsfremden auf Stromboli. Die italienische Presse schwelgte in blumiger Berichterstattung, vom „guerra  d e i  vulcani“ (Krieg der Vulkane) war die Rede und alle waren gespannt, wer das Rennen machen würde. „Vulcano“ hatte die Nase vorn. Am 2. Febr. 1950 kam der Film in die Kinos, doch die Bergmann hatte eine Antwort parat. An eben diesem Tag brachte sie ihr erstes Kind von Rossellini zur Welt.  Beide Filme waren Flops.
Anna meinte damals: „Eigentlich bin ich Ingrid und Roberto nur dankbar. Durch sie habe ich meine Freiheit als Frau und Schauspielerin wiedergefunden.“ Wie um das zu unterstreichen, drehte sie nach dem „Liparischen Spektakel“ die besten Filme ihrer Karriere zum Beispiel „Bellissima“ unter Luchino Visconti, eine Satire auf die Filmindustrie, und 1953 schuf der französische Meisterregisseur Jean Renoir mit der Magnani in der Hauptrolle eine im spanischen Peru des 18. Jahrhunderts angesiedelte comedia del`arte unter dem Titel„La carozza d`oro“ (Die goldene Karosse). Renoir sprach später von der Magnani als der besten Schauspielerin, mit der er je zusammengearbeitet habe. Nächster Höhepunkt war 1955 „The Rose Tattoo“ (Die tätowierte Rose) nach einem Theaterstück von Tennessee Williams unter der Regie von Daniel Mann und mit Burt Lancaster in einer der Hauptrollen. In ihrem ersten Hollywood-Film spielte Anna Magnani die dramatische Rolle der Serafina delle Rose in einer italo-amerikanischen Gemeinde nahe New Orleans. Für diese Glanzrolle erhielt sie den „Oscar“. Den Überbringer der Nachricht herrschte sie an: „If this is a joke, I`ll kill you!“ Es war kein Joke, aber nach Hollywood kam sie dennoch nicht. „Ganz Hollywood und die Paramount können mir den Buckel runterrutschen. Mein Kind ist mir wichtiger als 100 Oscars“, soll sie geäußert haben. Die Sache war für sie erledigt, wichtiger war ihr, für ihren an Kinderlähmung leidenden Sohn Luca eine erfolgversprechende Therapie ausfindig zu machen.


1957 folgte „Wild is the Wind“. Regie: George Cukor, männliche Hauptrolle: Anthony Quinn. Der „Silberne Bär“ auf der Berlinale 1958 war der Lohn. 1959 arbeitete sie unter Sidney Lumet an dem Film „The Fugitive Kind“ (Der Mann in der Schlangenhaut). Das Drehbuch schrieb ihr guter, alter Freund Tennessee Williams, allerdings war das Zusammenspiel mit ihrem Partner Marlon Brando alles andere als harmonisch. Zwei Exzentriker trafen hier aufeinander, die sich vor laufender Kamera nach allen Regeln der Kunst selbstverliebt in Szene setzten. Für Brando war Anna Magnani „ein überhitzter Dampfkessel vor der Explosion“. (Marlene Dietrich sah in ihr „eine Naturkraft“, der italienische Regisseur Franco Zeffirelli nicht mehr als „eine Irre“). Ein weiterer Meilenstein in ihrer Karriere war ihre Rolle in Pier Paolo Pasolinis „Mamma Roma“ (1962), einem mitreißenden Sozialdrama um eine alternde Prostituierte, ihren Sohn und die Unmöglichkeit, dem Milieu zu entrinnen.
Danach sagte sie dem Filmgeschäft (fast) Adieu. Die TV-Serie „Correva l`Anno di Grazia 1870“ mit Marcello Mastroianni konnte sie kurzzeitig umstimmen und 1972 hatte sie – schon gezeichnet von ihrer schweren Krankheit – noch einen Kurzauftritt in dem Episodenfilm „Fellinis Roma“.

Am Ende ihres Lebens hatte sie sich mit Roberto Rossellini versöhnt. Er und ihr Sohn Luca waren bei ihr, als sie starb. Mehr als 100.000 Trauernde folgten ihrem Sarg. Vorübergehend fand sie im Familienmausoleum der Rossellinis ihre Ruhestätte, um später auf dem Friedhof von San Felice Circeo in Latium am Tyrrhenischen Meer beigesetzt zu werden.    

 


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