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Qatar im Überblick

Ein kleines Land voller großer Widersprüche, wo im weltweiten Vergleich das meiste Wasser pro Kopf verbraucht wird, aber jeder Tropfen Süßwasser aus Meerwasser gewonnen werden muss, in dem bei 40 Grad und darüber alle Aktivitäten im Freien ersterben, nur die Nepalesen weiter Beton mischen, Philippinos die Straßen fegen und Dohas tiefgekühltes „Winter Wonderland“ zum Schlittschuhlaufen einlädt.

Die Skyline von Doha

Die Skyline von Doha
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Ein Land, in dem die „märchenschöne“ Scheichgemahlin Moza bint Nasser als Mode-Ikone die internationale Upperclass in Atem hält und die treibende Kraft ist hinter der Bildungsoffensive Qatars im In- und Ausland, aber vier Fünftel der Bewohner des Landes unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten müssen. Ein Land, in dem die Pressezensur abgeschafft wurde, die einheimischen Presseorgane stattdessen Selbstzensur üben, importierte Zeitungen weiterhin zensiert werden und fünfzehn Jahre Gefängnis die Quittung sind für ein Spottgedicht über den herrschenden Emir. Ein Land, das geächteten politischen Sekten Unterschlupf gewährt und militante Islamisten finanziert, aber Israel eine Handelsvertretung einräumte und den USA ihren größten Militärstützpunkt in Nahost zur Verfügung stellt. Ein verwirrendes Land.

Doha

Fast zwei Drittel der Quataris und ein Riesenheer von Gastarbeitern aus Südasien leben in der Metropole des Landes. Parallelen zu Dubai und Abu Dhabi sind unübersehbar, wenn sich beim Landeanflug auf den Doha International Airport die futuristische Skyline Dohas abzeichnet und gleich nebenan auf einer riesigen aufgeschütteten Fläche der neue Hamad International Airport vor seiner Fertigstellung steht. Er wird mit dem gigantischen Dubai World Central Airport um Transitpassagiere gen Osten konkurrieren. Wie die pompösen Glitzerstädte in den Emiraten hat auch das qatarische Doha eine sprunghafte Entwicklung hinter sich, die das verstaubte Wüstenkaff der 1820er Jahre zu einem der Trendsetter des 21. Jahrhunderts beförderte. Gigantismus jagt hier niemandem einen Schrecken ein. Die Qataris sind stolz auf den Bauboom, die Symbole der Moderne, auf gläserne Bürotürme, Luxushotels, brutal heruntergekühlte Shopping Malls, exklusive Designer-Geschäfte, venezianische Gondeln auf einem künstlichen Kanal vor venezianischen Kulissen und manch andere Künstlichkeiten. Und wo lässt sich das echte qatarische Leben beobachten? Lassen wir uns zum Souk al Waqif fahren, dem traditionellen Markt. Und bloß nicht versuchen, die Stadt zu Fuß zu erkunden, denn walking is not a common mode of transport in Qatar, wie das qatarische Tourismus-Büro zu verstehen gibt, schließlich sind Taxen und Leihwagen verfügbar, klimatisiert, versteht sich. Jahrhundertelang war hier der gedeckte Markt der Beduinen, die ihre Schafe und Ziegen und die Wolle zum Kauf anboten. Der Markt verfiel und wurde 2004 unter Verwendung von viel Holz und Lehm und einiger restaurierter Originalbauten wieder eröffnet zu einer der Attraktionen der Stadt. Kaum hat man das Areal betreten, steigen einem die Düfte des Orients in die Nase: Kaffee und Tee, Vanille und Weihrauch, Kreuzkümmel und Honig, Küchenkräuter, Duftwässer, edle Parfüms von Händlern in Nischen und kleinen Läden angeboten und ein paar Gänge weiter im Labyrinth der Marktgassen ist das Revier der Teppich- und Stoffverkäufer, dann die befremdliche Haustierabteilung mit Käfigen voller grellbunt gefärbter Küken und Kaninchen, schließlich die Stände, die das anpreisen, was die Qataris tragen: die weißen, wehenden Gewänder der Männer und die schwarzen, weiten Tschadors der Frauen und auch Kunst und Kunstgewerbe haben ihren Platz im Souk.


Erstaunlich die dichte Museumslandschaft Dohas, darunter als wahrer Leckerbissen das Museum of Islamic Arts. Von dem renommierten amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei auf einer künstlichen Insel errichtet, hat der Schöpfer der Glaspyramide im Innenhof des Louvre und der National Gallery of Art in Washington hier ein markant verschachteltes Museumsgebäude erschaffen, das eine der weltweit größten Sammlungen islamischer Kunst beherbergt. Wie üblich in Qatar wurden keine Kosten gescheut, die Steinquader der Fassade etwa stammen aus Frankreich, die Holzfurniere aus Brasilien. 45.000 m² umfasst die Nutzfläche, viel Platz also für die Kostbarkeiten überwiegend aus der Sammlung der Herrscherfamilie. Es sind Artefakte (Manuskripte, Textilien, Bücher, Keramik, Glas, Emaillearbeiten, Teppiche, Waffen etc.), die eine Zeitspanne von 1.400 Jahren umfassen und auf drei Kontinenten erworben wurden – von Spanien über Nordafrika und die arabische Welt bis Zentralasien und Indien. Das Museum veranstaltet übers Jahr wechselnde Spezialausstellungen und sieht sich in der Rolle einer Informationsagentur und Forschungsstelle auf dem Feld der islamischen Kunst.

Große Moschee in Doha

Große Moschee in Doha
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Das ambitiöse Vorhaben der Herrscherfamilie, Qatar zu einem Magneten für Kunstliebhaber aus aller Welt zu machen, hat eine weitere sehenswerte Einrichtung hervorgebracht, das in der arabischen Welt einzigartige Arab Museum of Modern Art. Malerei und Bildhauerei sind vertreten wie auch Installationen und Videokunst und die Thematik kreist um die expandierende, unruhige Stadt Doha, um Gesellschaft und Familie, Natur und Fortschritt.

Und noch ein Museum! Es ist das Qatar National Museum, das Ende 2014 seine Pforten öffnen will. Das ursprüngliche Museumsgebäude, ein mit dem Aga-Khan-Preis für Restaurierung islamischer Architektur ausgezeichneter Bau, wird das Herzstück des neuen Museums sein. Der von dem französischen Architekten Jean Nouvel entworfene, einer Wüstensandrose nachempfundene Neubau soll die „herausragende Rolle des Landes in der Gemeinschaft der Golfstaaten und seine Stellung in der Welt“ ins rechte Licht rücken.

Wann immer das Klima es zulässt, sollte man die Corniche, Dohas sieben Kilometer lange Strandpromenade, zum Relaxen nutzen. Das türkisfarbene Wasser der Bucht, die sanft schaukelnden traditionellen Dhaus an ihrem Anleger und ein weiter, makelloser Himmel beruhigen die Augen, die zuvor ruhelos die aufregende Skyline hin- und herwanderten und nichts spricht dagegen, sich für ein Stündchen auf dem gepflegten Rasen auszustrecken. Rechts und links haben sich schon Qataris mit opulenter Picknickausrüstung niedergelassen, Jogger traben vorbei, Radler strampeln gegen den kühlenden Wind an.

Taubenturm in Doha

Taubenturm in Doha
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Was bietet Doha noch? Man sollte schon einen Blick in den Gold-Souq und in den Falken-Suk (Falcon Souq) werfen und wer früh auf den Beinen ist, kann sich im Fish Market einen Eindruck von den reichen Fängen der vergangenen Nacht verschaffen. Ganz nah ist auch der Omani Market, ein wildes Durcheinander von Waren aus Oman, Iran, Saudi-Arabien steht dort zum Verkauf, darunter Töpfe, Körbe, gewebte Matten, Nüsse, frische Datteln, Tabak, getrockneter Fisch, Pflanzen für den Garten. Wenn man durch den Souk al Waqif streift, hat man seine mächtigen Türme immer vor Augen: das Al Koot Fort. Es war Polizeistation und Gefängnis, diente später den Wächtern des Souq als Revier und zeigt heute eine kleine, sehr interessante Sammlung volkskundlicher Objekte.

Jenseits der Hauptstadt

Ehe es hinausgeht in die Wüste, noch eine Tour durch die Gewässer des Arabischen Golfs an Bord einer der traditionellen hölzernen Dhaus, die man mit Besatzung chartern kann. „Sunsettours“ sind genau so beliebt wie Ausfahrten zum Angeln, Baden oder zünftigem Barbecue. Auch mehrtägige Wanderfahrten werden angeboten.

Das erste Ziel liegt rund 30 Minuten westlich von Doha. Auf seinem Landsitz in Al Sheehaniya hat Sheikh Faisal das nach ihm benannte Sheikh Faisal Bin Qassim al Thani Museum kleinen Besuchergruppen geöffnet. In atemberaubender Umgebung ist eine riesige, wohl geordnete Sammlung kostbarer Objekte zu bestaunen. Das qatarische kulturelle Erbe wird hier aufwändig gepflegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Vordergrund stehen Artefakte der islamischen Kunst, Waffen, Schmuck, Fossilien, Münzen, Textilien (Trachten, Teppiche, Tuche) Manuskripte, Bücher, darunter einer der kleinsten und einer der größten Korane der Welt. Und als besonderen Augenschmaus stellt der Sheikh seine umwerfende Sammlung von Oldtimern zur Schau. Am Rande von Al Sheehaniya wurde Qatars bedeutendste Rennbahn für Kamelrennen angelegt. Während der Saison zwischen Oktober und Mai galoppieren hier hochgezüchtete Rennkamele über den Kurs, freilich ohne Kinderjockeys, wie noch vor ein paar Jahren, als man sie in Pakistan oder anderswo armen Eltern abkaufte. Diese Praxis ist nun in den Golfstaaten verboten und statt der Kinderjockeys tragen die Kamele in den hochdotierten Rennen Roboterjockeys auf ihrem Rücken. Sie werden von den Begleitfahrzeugen aus ferngesteuert und können – welch ein Wunder der Technik – sogar eine Peitsche aktivieren. . .

Dhaus vor Doha

Dhaus vor Doha
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An der Küste nördlich von Doha kommt etwas Abwechslung in das eintönige Landschaftsbild. Die grünen Mangrovensümpfe bei Al Thakhira werden von einem dichten Netz schmaler Kanäle durchzogen, die man, umschwirrt von einer reichen Vogelwelt, mit dem Kajak erkunden kann. Ein paar Dutzend Kilometer südlich liegt das Städtchen Umm Salal Mohammed, das nicht nur wegen seines nagelneuen Lusail Iconic Stadium ein Hingucker in Qatar ist. In diesem hypermodernen Stadion werden das Eröffnungsspiel und das Finale der im wahrsten Sinne des Wortes heiß umstrittenen Fußball-WM 2022 ausgetragen, deren Vergabe an Qatar möglicherweise durch Bestechung zustande kam. Aus einer von Kämpfen gezeichneten Vergangenheit stammen die Barzan Towers im Städtchen, gewaltige Wachtürme, die ein Sheikh des allmächtigen Al-Tahni-Clans erbauen ließ, um die osmanische Soldateska auf Abstand zu halten.

Auf solche mehr oder weniger gut erhaltene Festungsanlagen stößt man landauf, landab, Zeugen einer von Clan-Rivalitäten geprägten Vergangenheit, die noch im 20. Jahrhundert ihre Opfer forderte. Besonders markant sind die Anlagen von Al Zubarah im Nordwesten Qatars gegenüber der Insel Bahrain. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert blühte hier eine befestigte Kleinstadt, die als Zentrum der Perlentaucherei und als Handelsstation Verbindungen ins Landesinnere und weit über die Grenzen des Landes hinaus unterhielt. 1811 kam das schnelle Ende nach einem Überfall und die letzten Bewohner verließen die Ruinen des Städtchens Anfang des 20. Jahrhunderts. Bruchgestein und kollabierte Hauswände wurden vom Sand der Wüste überdeckt, später dann grub man einen kleinen Bereich der Stadt aus, Straßen, Moscheen, Häuser, Fischerhütten und restaurierte das Fort mit den drei Rundtürmen und dem quadratischen Eckturm. Al Zubarah wurde 2013 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Ein Kandidat für die Welterbeliste ist Qatars größte Naturattraktion an der Grenze zu Saudi-Arabien. „Inlandsmeer“ ist ihre populäre Bezeichnung, Khor al Adaid natural reserve heißt sie in offiziellen Verlautbarungen. Sie liegt in einer unbewohnten Gegend, keine Straße führt zu ihr, ohne Geländewagen und ortskundige Begleiter wäre eine Tour dorthin ein ziemlich leichtsinniges Unternehmen. Aber von Doha aus unternehmen erfahrene Tour Operator Tagestouren ans „Inlandsmeer“ und laden zum Nachtcamping an seinem Ufer in einem arabischen Zelt ein. Es heißt, die Landschaft werde „von einer weltweit einzigartigen Kombination geologischer und geomorphologischer Merkmale geformt“. Dabei handelt es sich um eine den Gezeiten unterworfene Bucht mit einer verschlungenen Küstenlinie, einer Nord-Süd-Ausdehnung von 15 km und etwa 12 km in West-Ost-Richtung. Ein ganz schmaler, aber sehr tiefer Kanal verbindet die beiden großen Becken der Bucht mit dem Arabischen Golf, über den der Wasseraustausch erfolgt. Wasserqualität und Bodensubstrate begünstigen die Tierwelt wie die Meeresschildkröten und die Dugongs (Seekühe). In dieser wunderschönen Landschaft mit stillen Buchten und halbmondförmigen, riesigen Wanderdünen fühlen sich Zugvögel wohl und Fischadler, arabische Gazellen und demnächst wird wohl wieder im Hinterland die Oryx-Antilope ausgesetzt.

Eckart Fiene

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