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Guimarães

Die „Wiege Portugals“ ist Europäische Kulturhauptstadt 2012

Text und Fotos: Robert B. Fishman 

Mit nicht einmal 60.000 Einwohnern hat Guimarães einiges zu bieten: Eine mächtige, 1000 Jahre alte Burg, das Schloss der Herzöge von Braganca mit Rittersaal, antikem Porzellan, 39 Kaminen, und eine lebendige, bunte Kulturszene.

Herzogspalast in der Welterbe-Altstadt Guimarães
Herzogspalast in der Welterbe-Altstadt Guimarães

In einer Seitengasse der Altstadt klingen schwere Hammerschläge aus einer rußgeschwärzten winzigen Werkstatt. Gaspar Pinto do Correira schmiedet das Wappen seiner Heimatstadt: Es zeigt Portugals ersten König Afonso Henriques, den Gründer der Nation.

Schriftzug "Hier wurde Portugal geboren" Aqui nasceu Portugal in Guimarães, der "Wiege Portugals"
Schriftzug "Hier wurde Portugal geboren" Aqui nasceu Portugal
in Guimarães, der "Wiege Portugals"

„Acqui nasceu Portugal“, „Hier wurde Portugal geboren“ steht in haushohen weißen Buchstaben an den Resten der Stadtmauer von Guimarães. Die „Wiege der Nation“ thront auf einem Hügel über der Stadt: Eine mächtige, mehrstöckige Festung aus dem 11. Jahrhundert mit einem 27 Meter hohen Bergfried. Nach seinem Sieg über die Mauren zwingt Afonso Henriques die spanische Krone 1143, die Unabhängigkeit seiner Grafschaft Portucale anzuerkennen. Die Burg wird Regierungssitz des neuen Staates.

Festung

Pinto do Correira freut sich über den neuen Ehrentitel seiner Heimatstadt: Europäische Kulturhauptstadt 2012. Wäre Guimarães nicht Europäische Kulturhauptstadt, würde er wie in all den anderen Jahren vor allem die Wappen beliebter Fußballvereine oder andere Dekorationsgegenstände schmieden. „Reich wird man damit nicht“, erzählt der kräftige 67jährige. Portugal spart. Die neue Regierung hat dem Land ein gnadenloses Sparprogramm verordnet, die Mehrwertsteuer erhöht und die Gehälter im öffentlichen Dienst gekürzt. Viele Wohnungen in der Altstadt von Guimarães stehen zum Verkauf. Dabei geht es der Stadt verglichen mit dem restlichen Land noch relativ gut.

Kirche Nossa Senhora da Oliveira in der Welterbe Altstadt von Guimarães
Kirche Nossa Senhora da Oliveira in der Welterbe Altstadt von Guimarães

2001 hatten die Vereinten Nationen die komplette Altstadt in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen: zwei- und dreistöckige Fassaden aus Granitstein, oft mit filigranen steinernen Figuren oder Kacheln verziert, an denen hölzerne und schmiedeeiserne Balkone kleben; arkadengesäumte, gepflasterte Plätze, romanische und gotische Kirchen. Kein Neubau stört das Ambiente aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Autos müssen draußen bleiben: Die meisten Gassen sind zu schmal für neuzeitliche Fahrzeuge.

Altstadtgassen im Weltkulturerbe Guimarães bei Nacht
Altstadtgassen bei Nacht

In den zahlreichen Altstadtbars, Straßencafés und Restaurants sitzen vor allem Einheimische. Die vielen kleinen Geschäfte, Tante-Emma-Läden, Bäckereien und Konditoreien haben die Sanierung überstanden. Andenkenläden und Filialen großer Ketten gibt es kaum.

Auch dank der beiden Hochschulen zählt sich das Städtchen zu den jüngsten Gemeinden Europas. Jeder Zweite ist unter 30. Viele Absolventen der Kunsthochschule und der Musikakademie machen sich als Grafiker, Musiker oder Künstler selbstständig.

traditionelle Toepferei der region Minho in Guimarães
Traditionelle Töpferei der Region Minho in Guimarães

Fatinha zum Beispiel, eine feingliedrige, schlanke Frau Mitte 50, schlägt sich als Sängerin, Schauspielerin und Künstlerin durchs Leben. Mit ihrem Vater, einem bekannten Profifußballer, der beim örtlichen Verein Vittoria Guimarães anheuerte, kam sie vor vielen Jahren aus Brasilien nach Portugal. Fatinhas Mission: Sie will den Künstlern in der Stadt Gehör, Stimme und einen Markt verschaffen. Auf die Stadtverwaltung ist Fatinha nicht gut zu sprechen. „Die wissen gar nicht, was diese Stadt an Talenten hat,“ schimpft sie.

Fatinha hat auf dem beliebtesten Platz, dem Largo da Oliveira, einen kleinen Künstlermarkt organisiert. An drei, vier Tischen, die zwei Straßencafés den jungen Leuten überlassen haben, bieten sie selbstgemachten Schmuck an: mit bunten Federn dekorierte Ohrringe, Broschen und anderes Kunsthandwerk. Der Verkauf läuft schleppend. Trotz Erlaubnis des Bürgermeisters hätten Polizisten versucht, die jungen Leute zu verscheuchen. Schließlich durften sie doch bleiben.

Largo de Oliveira
Largo de Oliveira

So schnell gibt Fatinha nicht auf. Mit sieben Künstlern aus Guimarães hat sie den Verein Arteprenha gegründet, über den sich junge Künstler gemeinsam vermarkten. Sie organisieren Ausstellungen und Konzerte. Das Potenzial ist groß, vor allem in der Musik. Kaum eine Stadt dieser Größe hat so viele Sänger und Bands aller Richtungen.

Chorprobe  eines Laienchors
Chorprobe eines Laienchors

Zum Proben und für den kreativen Austausch treffen sich viele junge Künstler im Circulo de Arte y Recreio, dem „Kreis für Kunst und Erholung“. In einem bald 200 Jahre alten, schon etwas baufälligen Bürgerhaus proben und spielen Bands. Um einen großen alten Holztisch sitzen rund zehn junge Leute beim Essen. Aus verschiedenen Schalen und Schälchen gibt es Salate, Reis, Kartoffeln und gebratenes Fleisch. Jeder hat etwas mitgebracht. Aus einer Laune heraus macht einer von ihnen mit dem Mund Geräusche, der nächste packt seine Ukulele aus und spielt dazu, die anderen klopfen mit Gabeln und Löffeln den Takt auf Teller und Töpfe: eine spontane Jam-Session.

Schlagzeuger

Schlagzeuger Mario Goncalves, ein junger Mann mit gestutztem Bart und Piratentuch auf dem Kopf hat sich im Erdgeschoss einen kleinen Übungsraum eingerichtet. Er spielt in der Hardrock Band „Let The Jam Roll“, lebt von Auftritten und vom Unterrichten. Wie die meisten Künstler freut er sich auf das Kulturhauptstadtjahr, bleibt aber skeptisch: „Ich weiß auch nicht, was nach dem Kulturhauptstadtjahr von alldem bleiben wird.“

Gewürzstand in der Markthalle
Gewürzstand in der Markthalle

„Sehr viel“, verspricht die städtische Kulturreferentin Francisca Abreu. Die Stadt werde 2013 eine andere sein. Tatsächlich wird überall in der Stadt gebaut, Plätze und Straßen saniert, in einer alten Fabrik entsteht das Kultur- und Architekturzentrum CAAA mit Ateliers, Werkstätten und Probenräumen. Investieren will Abreu „in die Menschen“, die in der Kulturhauptstadt „Fähigkeiten und Visionen für ihre Zukunft entwickeln sollen.“

Schmied Gaspar Pintu do Correira will auch nach dem Kulturhauptstadtjahr weiterarbeiten, so lange „Gott und die Gesundheit“ ihn lassen. Einen Nachfolger hat er nicht. „Ich arbeite hier noch richtig mit den Händen“, sagt er und zeigt seine Pranken, „nicht wie ihr alle nur am Computer.“

nachts beleuchtetes Logo der Europaeischen Kulturhauptstadt 2012 Guimarães
Nachts beleuchtetes Logo der Europäischen
Kulturhauptstadt 2012 Guimarães

Als Europäische Kulturhauptstadt 2012 will sich das Universitätsstädtchen Guimarães im Norden Portugals auf „der europäischen Landkarte positionieren“. Mit einem Gesamtetat von mehr als 100 Millionen Euro hat Guimarães einiges vor: Für mehr als zwölf Millionen entsteht die „Plattform für Kunst“ mit Ausstellungsräumen, Museum, Restaurant, Café und einem Gründerzentrum für kreative Unternehmen. Das Programm verteilt sich auf die vier Themenfelder „Stadt“, „Denken“, „Kunst“ und „Community“ (Gemeinschaft). http://www.guimaraes2012.pt/

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