Reisemagazin schwarzaufweiss

Algarve – Ecovia do Litoral

Der Küstenradweg bis ans Ende Europas

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Al Gharb – der Westen - wurde die einstige maurische Provinz Algarve von den Arabern genannt. Tief in den Westen Europas geht es auch auf der Ecovia do Litoral, die von der spanisch-portugiesischen Grenze bis an die Südwestspitze Europas führt. 217 Kilometer lang von der Ostgrenze des Landes bis zum legendären Cabo de São Vicente.

Portugal - Algarve – Ecovia do Litoral

Cataplana – ein UFO in Faro

Gemach geht es zu. Für das Abendessen sollte man sich Zeit nehmen. Im „Faro & Benfica“ am Hafen in Faro wird dabei andächtig dem Fußballspiel im Fernsehen gelauscht. Luis empfiehlt Algarve-Wein. „Der wird auch unter Portugiesen immer beliebter und ist hervorragend!“. In der Tat, der „Tapada do Torre“ schmeckt vorzüglich und ist ein außerordentlich fruchtiger Weißer. Als Speise wird dem Fremden die viel gerühmte Cataplana empfohlen, eine lokale Passion. Muito bom, sehr gut, das bestellen wir also. Eine halbe Stunde später taucht ein UFO-artiges Gebilde auf, das in zwei Hälften aufgeklappt werden kann und sodann alle Herrlichkeiten preisgibt, die die algarvianische Küche zu bieten hat: Sardinen, Gambas, Thunfisch, Paprika, Tomaten, Zwiebeln. Es dampft. Und es schmeckt.

Solchermaßen gestärkt kann es anderntags losgehen: Man nehme den Regionalzug nach Vila Real de Santo António am Grenzfluss Guadiana und radele los. Dort drüben ist Spanien. Der kleine Grenzverkehr an der Fähre ist in vollem Gange: Spanier und Portugiesen fahren hin und her und kaufen ein, was im jeweils anderen Land billiger ist. Auf dem schmucken Hauptplatz hält man ein Schwätzchen oder gönnt sich einen Galão, portugiesischen Milchkaffee im Limoglas. So auch wir, bevor wir die Tour auf der neuen Route beginnen, die ganzjährig befahrbar ist.

Portugal - weiß gekalktes Städtchen an der Algarve

Radfahrer zieht es im Winter oft in den Süden, besonders nach Mallorca. Doch nun wirft auch die Algarve ihren Hut in den Ring und lockt mit der neuen Ecovia litoral, zu Deutsch etwa ökologischer Küstenweg. Die Route führt auf Rad- und Feldwegen, eigens angelegten Wegen auf Holzplanken durch Lagunen und Dünen und auf Nebenstraßen durch hübsche, weiß gekalkte Städtchen an der Algarve, aber auch durch ganze drei Naturschutzgebiete. Wer einmal nicht mehr kann oder mag, kann bequem auf den Zug umstiegen, der fast den ganzen Weg entlang parallel verläuft. Die Fahrradmitnahme in den portugiesischen Regionalzügen ist zudem kostenlos. Einziges Manko: Der Radweg ist noch nicht vollständig ausgeschildert und fertig gestellt, so dass man ab und an auf die stark befahrene N125 ausweichen muss.

Der Radweg führt ab Vila Real de Santo António (1) zunächst auf einer rötlich asphaltierten Trasse durch die Außenbezirke des Ortes bis Monte Gordo. Innerhalb der Ortschaften folgt man meist einem blauen, auf den Asphalt gepinselten Strich, außerhalb den gelb-grauen Schildern. Unbedingt einen Abstecher wert ist auf dieser Etappe das einstige Piratennest Cacela Velha (2), ein hübsch restauriertes Dorf mit Ausblick auf Muschelfelder und den Naturpark Ria Formosa, ein riesiges Haffgebiet und Vogelparadies. Dünen und Priele muten an wie an der Nordsee. In der Lagunenlandschaft tummeln sich Kiebitzregenpfeifer und Reiher, verschiedenste Entenarten und Schwalben. Fast scheint es, als würden die Piepmätze eigens ein Willkommenskonzert veranstalten.

Thunfisch in Tavira

Portugal - Algarve - Tavira

Schließlich erreicht die Ecovia das bezaubernde Städtchen Tavira (3), das überragt wird von einer Festung arabischen Ursprungs. Arabische Spuren finden sich auch im maurischen Viertel nebenan. Es ist Abend, die Schatten werden länger unter der siebenbögigen römischen Brücke über den Gilão, in den Gassen mit ihren Mosaikpflastern und an den fast im Wasser stehenden prachtvollen Villen der ehemaligen Thunfischbarone mit ihren rostroten Ziegeldächern. Renaissancefassaden spiegeln sich im Flusswasser. Der Thunfischfang ist seit den 70er Jahren passé, doch in der ehemaligen Thunfischfabrik Vila Galé Albacora können Radfahrer heute in den ehemaligen Fischerhäuschen luxuriös übernachten. Ein Thunfischmuseum ist angeschlossen und informiert über den einstmals überlebenswichtigen Wirtschaftszweig. Was isst man hier in der Thunfisch-Metropole? Thunfisch natürlich, z. B. getrocknet, in Streifen geschnitten, Muxama de Atum genannt, oder Thunfischwurst, Chouriço de Atum. Der perfekte Radfahrer-Snack.

Portugal - Allgarve - Orangenbaum

Hinter Tavira radeln wir zunächst auf Feldwegen durch Orangenhaine und Zitrusplantagen, die immer wieder aus dem Sattel locken. Auch durch einen kleinen Bach, der die Strecke überflutet hat, müssen wir schieben. Wohlmeinende Menschen haben bereits Steine bereit gelegt, so dass man ihn trockenen Fußes überwinden kann. Ein Bauernhaus taucht auf und damit, wie so oft, ein kleines in höchsten Tönen kläffendes Hündchen, das uns eine Weile folgt. Kläfft einer, folgen weitere im Umkreis. Hier fühlt sich eine Katze gestört und miaut, eine Bäuerin grüßt: „Bom dia!“. Guten Tag! Überall hier haben wir als Radfahrer das Gefühl, sehr willkommen zu sein. Auch im Naturpark Ria Formosa, auf den wir unter anderem hier wieder treffen. Auf eigens angelegten befestigten Wegen können Radfahrer, Reiter und Fußgänger das Naturparadies durchqueren. Schautafeln erklären die Besonderheiten des Marschlands, seine Flora und Fauna. Es gibt Störche zuhauf, aber auch Möwen, Löffelreiher, Schnepfen und Austernfischer. In einer der Muschelzuchten kniet ein Mann in blauer Latzhose und erntet. Weit fällt der Blick über das flache Haff und die Salzpfannen. Auf dem Gehweg in Fuzeta verkaufen ältere Herren Tintenfische, die sie einfach in der Hand halten. Und der Herr bei uns am Tisch in der Bar trägt stolz seine Taschenkrebse in einer bläulichen Plastiktüte spazieren, als hätte er sie eben selbst gefangen.

Sardinen in Olhão

Portugal - Algarve - Faro

Leider verlassen einen Ecovia und Beschilderung dann völlig und bis ins weiß gekalkte, nordafrikanisch anmutende Olhão (4) mit seinen kubischen Häusern, weißen Kaminen und Türmchen, der einstigen Sardinenkonservencity, müssen wir auf der N125 radeln. Nun erreichen wir nochmals Faro (5), diesmal per Rad. Auch Faro hat eine hübsche Altstadt mit der imposanten Kathedrale Igreja da Sé und ihrem beeindruckenden Stilmix. Eine Fußgängerzone lädt zum Bummeln ein, auf den vorgelagerten Inseln finden sich herrliche Sandstrände. Im altehrwürdigen „Café Aliança“ schräg gegenüber des Yachthafens sind nun eine Pause und ein weiterer Galão fällig. Hier geht es vergleichsweise ruhig zu, und Touristen finden sich nur wenige. Das Touristenmekka an der Algarve schlechthin ist in Albufeira (6) erreicht. Immer wieder weisen Schilder auf Golfplätze oder Aquaparks mit überdimensioniert wirkenden Wasserrutschen hin. An Hotels herrscht kein Mangel, und man hat erkannt, dass Radfahrer keine exotischen Besucher mit Müsliriegel und Einmannzelt mehr sind, sondern sich auf ökologische Weise fortbewegen, für Land und Leute interessieren und gute Unterkunft und gutes Essen schätzen. So wird man per Fahrrad auch in guten und sehr guten Hotels mit offenen Armen empfangen: Im Hotel Baía Grande direkt an der Ecovia kurz hinter Albufeira erwarten den müden Radwanderer ein Designer-Pool und ein Health Club mit Whirlpool, Sauna, türkischem Bad und Massagen. Müde Radlermuskeln werden wieder auf Vordermann gebracht.

Portugal - Algarve - Faro

Wieder geht es durch ländliche Gegenden über Feld- oder erdige Wege, die sich bei Regen in ordentlichen Matsch verwandeln. Vor Armação de Pêra (7) aber werden wir von einem eigens angelegten de-Luxe-Weg überrascht, der auf Holzplanken durch Wiesen und Dünen führt, die Laguna dos Salgados. Ein Turm zur Vogelbeobachtung steht bereit. Erstmals sind die felsigen Klippen im Westen der Algarve zu sehen und es geht über eine Art Hochebene. Nach Rosmarin und Thymian duftet’s, zum Rasten bieten sich knorrige Olivenbäume an, die Schatten spenden, oder Abstecher zu kleinen Buchten mit Stränden und einem Bad im kühlenden Nass.

Portugal - Algarve - vor Armação de Pêra

„Mais ou menos“ vor Portimão

Leider ist die Ecovia hinter Lagoa (noch) unterbrochen und wir nehmen einmal mehr die N125, was uns aber eine spektakuläre Einfahrt nach Portimão (8) über eine weite Spannbrücke über den Rio Arade beschert. „Wie weit ist es bis Portimão?“, so fragten wir einen Algarvio am Wegesrand. 5 Kilometer, mais ou menos, mehr oder weniger, meinte der. Es waren fast zehn. In Portimão gilt es, die alten Fischerkais zu besuchen, die zwar heute eher von Ausflugsbooten genutzt werden, doch gegrillte Sardinen werden in den dortigen Restaurants immer noch serviert. Wir treffen eine Gruppe von vier deutschen Radlern, von denen einer stets mit seinem Rad an der Algarve überwintert. „Denn wo kann man so schön Rad fahren wie hier!“, meint er lächelnd.

Der nette Münchner kennt alle Routen und erklärt uns, dass man erst hinter Lagos bei Praia da Luz (9) wieder ans Meer abbiegen könne. Wie wird man da verwöhnt! Spektakuläre Ausblicke auf steil abfallende Klippen und bizarre Felsen tun sich auf, gegen die der Ozean andonnert. Die weiße Gischt sprüht. Am Strand vergnügt sich ein portugiesischer Kindergarten. So geht es weiter, und wir können uns nicht entscheiden, welchem Dorf im Westen der Algarve wir nun den Preis des schönsten geben sollten. Ab Burgau trifft man wieder auf die Ecovia. Eine Möwe ruft. Kinder bauen Sandburgen. Und schon in Salema (10) ist der nächste Stopp fällig: Zum Meeresrauschen gibt es in der Strandbar ein Imperial, ein frisch gezapftes kühles, kleines Bier, dazu ein Pasteis de Bacalhau, ein frittiertes Kabeljauhäppchen. Wie überhaupt die Verpflegung für Radfahrer längs der Route immer gesichert ist. Kneipen, Cafés, Bars und Restaurants sind zahlreich.

Portugal - Algarve -  Strand

Die Feldwege sind nun gesäumt von Opuntien und Agaven. Weg von der Küste und eine Weile ins Inland geht es nun Richtung Vila do Bispo und weiter auf einem Radweg neben der Straße bis Sagres (11). Der Wind pfeift, im Hafen Baleeira dümpeln die bunt angestrichenen Fischerboote im sanften Abendlicht. Die heilige Halbinsel, das Promontorium Sacrum, beherbergte angeblich einst in ihrer Festung die berühmte Seefahrerschule Heinrichs des Seefahrers. Eine Legende, von der man bis heute zehrt. Nebenan auf der südlichsten Klippe kann man ein Ungeheuer schnauben hören. Dazu lausche man in eine Höhle hinab. Auf einem Rundgang rund ums Kap und die Festung Fortaleza, kommt man auch an einer historischen Windrose und einer Weltkugel vorbei, bei der man mittels Knopfdruck die einstigen Routen der portugiesischen Entdecker aufleuchten lassen kann. Auch von diesen Geschichten und Portugals einstiger Vormachtstellung zehrt man noch heute. Eine Möwe putzt sich und kümmert sich nicht um Portugals einstige Größe.

Bratwurst am Kap – Am Atlantik ist Schluss

Portugal - Algarve - Hochebene

Über eine Hochebene mit Macchia und Steinen radeln wir zum krönenden Abschluss, dem windumtosten gischtumsprühten Cabo de São Vicente (12) mit seinen hohen, steil abfallenden Klippen. Zur Mittagszeit trifft gleißendes Sonnenlicht auf die Steilküste und schießt an ihr noch. Unten tun sich Buchten und Strände, Grotten und Höhlen auf. Ein Angler kauert auf einem schmalen Vorsprung und wartet auf einen Biss. In dramatischen Szenerien wird vom unaufhörlichen Wind der Sprühnebel der Brandung über die Küste geblasen. Unser Blick fällt auf den tiefblauen Atlantik und kreuzende Tanker in Richtung Amerika. Sicherlich ist diese hier eine der beeindruckendsten Landschaften Europas. Der Kilometer Null des Radwegs ist am lichtstärksten Leuchtturm Europas erreicht. Und hier ist endgültig Schluss. Nun könnte man nur noch in See stechen, hier, wo die Klippen jäh abbrechen, wo Europa ins Meer abfällt und der endlos scheinende Ozean beginnt. Doch verhungern muss der Fremde auch hier nicht: „Letzte Bratwurst vor Amerika“ steht in großen Lettern an einem Kiosk zu lesen. „Aqui, onde a terra se acaba e o mar começa.“ Hier, wo das Land endet und das Meer beginnt (Luis de Camões).

Portugal - Algarve - Kilometer null des Ecovia do Litoral bei dem Cabo de São Vicente

Fazit: Eine beeindruckende Route durch kleine Städte, mit viel Natur und unterschiedlichen Landschaften am Wegesrand, schönen Stränden und Buchten, die noch fertig gestellt werden muss. Von fehlenden Schildern etc. sollte man sich allerdings nicht abhalten lassen. Es lohnt sich unbedingt!

 

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