Reisemagazin schwarzaufweiss

Das Erbe der Araber

Entdeckungen an der Algarve jenseits von Strand und Meer

Text und Fotos: Beate Schümann

„Al-Gharb“ heißt „Land im Westen“. So nannten einmal die Mauren die südlichste portugiesische Provinz, als sie noch Teil ihres mächtigen Reiches und nicht nur ein Synonym für Strand und Hotels war. „Die Mauren gingen, der Name blieb“, erklärt Guilherme und tritt nach einem letzten kräftigen Zug die Zigarette am Boden aus. Er ist in den Bergen von Monchique zu Hause und kennt sich mit Geschichte bestens aus. „Die Europäer haben die Araber immer unterschätzt. Sie vergessen aber, dass es die Moslems waren, die uns im 8. Jahrhundert den Fortschritt gebracht haben.“

Portugal Algarve alte Männer im Gespräch

Im Café unter halb der Burg von Silves erzählt er, dass all die Mandel-, Feigen- und Johannisbrotbäume, die heute in der Algarve zu sehen sind, nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel von den Mauren gepflanzt wurden; sie führten moderne Bewässerungsmethoden ein, brachten profunde Kenntnisse in Astronomie, Mathematik und Navigation mit, mit denen die Portugiesen später zu Weltentdeckern aufstiegen. Noch der heiße Saharawind streift die Algarveküste, weshalb die Winter hier so herrlich mild sind. „Manchmal sind wir Afrika näher als Europa“, schmunzelt Guilherme. Sagt es, steckt sich eine neue Zigarette an und knattert mit dem Moped davon.

Portugal Algarve Blüten

Bei vielen Ortsnamen an der Algarve fällt die Vorsilbe „al“ auf, die auf arabische Vorfahren hindeutet. Bei Silves nicht. Dennoch bauten sie die gigantische Burg mit dem doppelten Mauerring, unterirdischen Lagerräumen und riesigen Zisternen, als Silves Hauptstadt der Algarve war. Mehr als zwanzig Moscheen überragten die Kapitale, und der Hafen am Rio Arade muss nach damaligen Maßstäben riesig gewesen sein. Als wirtschaftliches, wissenschaftliches und kulturelles Zentrum nannten die Leute Silves in einem Atemzug mit Córdoba und Granada. Außer der Burg ist davon heute nicht mehr viel zu sehen. Als der Fluss versandete, verlor die blühende Stadt ihre Bedeutung.

Monchique: „Nehmen Sie ruhig ein Gläschen!“

Wenige Kilometer von Silves entfernt, liegt das Bergdorf Monchique eingebettet in Pinien- und Eukalyptuswäldern. Ein unbekanntes Fleckchen, bis es 1495 vornehmen Besuch vom kränklichen König João II. aus Lissabon erhielt. Der Leibarzt hatte ihm gegen die Wassersucht eine Kur in den Bergen verordnet. Wo der König in die Schwefelquellen sprang, entstand später das mondäne Jugendstil-Thermalbad Caldas de Monchique. „Nehmen Sie ruhig ein Gläschen“, ermuntert die freundliche Frau im Quellenhäuschen die skeptischen Besucher und reicht einen Becher für ein paar Escudos. „Es hilft bei Rheuma und Verdauungsbeschwerden.“ Um das stark schwefelhaltige Wasser zu mögen, muss man von der Heilkraft aber sehr überzeugt sein.

Portugal Algarve weißes Dorf

Natürlich sind die hübschen Strandbuchten und die bizarren Sandsteinformationen von Albufeira, Alvor und Carvoeiro unschlagbar. Besonders wenn der sommerliche Hochbetrieb noch nicht eingesetzt hat und man sie fast ganz für sich hat. Dennoch sollte man sich vom Strandtuch erheben und ins Bergland von Monchique fahren, hatte Guilherme in Silves noch geraten: „Nur abseits der Felsenküste lernt man die wirkliche Algarve kennen.“

Faro: Mehr als nur ein Flughafen!

Faro ist noch so ein blinder Punkt in der Urlaubsbiographie. Die meisten nutzen die Stadt nur als Flughafen und versäumen die schöne Altstadt. Erst römischer Handelsplatz, dann Maurenmetropole, fiel Faro nach der Eroberung durch die Christen im Jahr 1249 in den Status eines Provinznestes zurück. Zu Hauptstadt-Ehren kam Faro viel später. Am kleinen Yachthafen macht das protzige Renaissance-Stadttor auf sich aufmerksam. Der Arco da Vila ist der Durchgang zu einer anderen Welt: kaum ist er passiert, endet der städtische Trubel.

Portugal Algarve Straßencafé

Hinter den alten Stadtmauern führen enge Pflasterstraßen zur Kathedrale, die die Christen vermutlich im 13. Jahrhundert auf den Grundmauern einer Moschee errichteten. Das Stilgemisch aus Gotik, Renaissance und Barock, das Fehlen jeglicher Proportionen haben schon etwas Faszinierendes. Nichts passt zusammen, von architektonischer Einheit keine Spur. Die findet sich aber am Kirchplatz: Die Harmonie aus roten Dachziegeln, hohen Fenstern und gusseisernen Balkonen verleiht dem alten Rathaus, Bischofspalast und Priesterseminar eine dezente Pracht.

Portugal Algarve Windmühle

Der Innenhof des Bischofspalastes ist mit Azulejos ausgekleidet, die zu den schönsten an der Algarve zählen. In praktisch allen größeren Kirchenbauten Portugals zeigen sich diese typischen Schmuckelemente: blauweiße oder polychrome Fliesen, die biblische oder historische Szenen darstellen, und talha dourada, vergoldetes Holzschnitzwerk, mit dem zur Zeit des Barock verschwenderisch umgegangen wurde.

Olhão: kubistische Dachlandschaft

Genug von der Kultur. Weiter geht’s über die weite Hafflandschaft zur Sandalgarve im Osten. Die Felsen haben sich verabschiedet; hier herrschen Dünen, Lagunen und Sümpfe. Im Naturpark Ria Formosa leben rund 300 verschiedene Vogelarten, von denen viele das Schutzgebiet als Rastplatz auf ihrem Zug von oder nach Afrika benutzen. Zum Park gehört auch eine kleine Zucht des cão d’água, des Wasserhundes. Der kuschelige Pudeltyp, der angeblich einmal Schwimmhäute an den Pfoten gehabt und mit seinem Herrn auf Fischfang gegangen sein soll, wird hier vor dem Aussterben gerettet. Die langen weißen Sandstrände laden zu ausgiebigen Spaziergängen ein und das Meer, das praktisch frei von Strömungen und Quallen ist, zum Baden.

Portugal Algarve  Lagunen

In Olhão wird man von der maurischen Vergangenheit wieder eingeholt: Kasbah oder Braque? Der Maler hätte kein kunstvolleres Bild von den zusammengewürfelten Häuserkuben mit den umrandeten Terrassen und Treppchen zeichnen können. Doch es täuscht. Obwohl der streng geometrische Baustil und das unüberschaubare Gewusel in den engen Gassen an den Orient im Okzident erinnert, entstand Olhão erst im 18. Jahrhundert, als die Mauren längst vertrieben waren. „Wenn Sie unsere schöne Dachlandschaft von oben sehen wollen“, raunt ein schwarz gekleidetes Mütterchen an der Pfarrkirche Nossa Senhora do Rosário, „müssen Sie auf den Kirchturm gehen.“ Und sie schickt noch einen guten Rat hinterher: „Aber nie zur vollen Stunde! Dann läuten die Glocken – ein ohrenbetäubender Lärm.“

Portugal algarve Salzgewinnung

Ganz anders das charmante Tavira. Die Stadt am Rio Gilão, die sich selbst das „Venedig der Algarve“ nennt, scheint froh darüber zu sein, dass der Tourismus sie noch kaum entdeckt hat. Die Tavirenses sitzen als echte Genießer in den Straßencafés oder gehen mit südländischer Langsamkeit ihren Geschäften nach. Die pastellfarbenen Patrizierhäuser spiegeln sich im Fluss, die Dächer sitzen ihnen wie verwegene Spitzhüte auf. Bei einem Straßenrestaurant am Gilão-Ufer werden frisch gefangene Sardinen auf den Holzkohlengrill gelegt, eine hundertprozentige kulinarische Verführung.

„Man legt den kleinen Silberfisch auf eine Scheibe Brot“, erklärt der Portugiese vom Nachbartisch und zeigt, wie man es macht. Er zupft die Haut mit den Fingern ab und zieht mit den Zähnen das Sardinenfleisch vorsichtig von den Gräten. Kein Zweifel, das muss die wirkliche Algarve sein, von der Guilherme so schwärmte.

Portugal Algarve Markt

Reiseinformationen zur Algarve

Auskunft:
Portugiesisches Touristik- und Handelsbüro, Kaiserhofstr. 10, 60313 Frankfurt/M., Tel: 069/23 40 94, Fax: 23 14 33, www.visitportugal.com

Informationszentrum Naturpark Ria Formosa, Quinta de Marim, Tel. 00351-289 704 134, tgl. 9-12.30 Uhr, 14-17.30 Uhr

Deutschsprachig geführte Wanderungen:
„Wandern auf den Picota“, Treffpunkt Monchique, Tel. 00351-282 911 041, www.wandern-mit-uwe.de.

 

Website der Autorin: http://www.beate-schuemann.de

 

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