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Kork, Keramik, Klapperstorch

Portugal: Alentejo und Algarve

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Bevor er bei Lissabon in den Atlantik fließt, teilt der 1007 Kilometer lange Tejo (spanisch: Tajo) die iberische Halbinsel in eine Nord- und Süd-Hälfte. Unser Autor Winfried Dulisch erkundete den Süden von Portugal – vom Tejo bis runter an den Atlantik-Küstenstreifen der Algarve.

Portugal - Alentejo - Fliese

Am Nordufer des Tejo erstreckt sich das Centro, die portugiesische Zentral-Region. Von dort aus gesehen „jenseits des Tejo“ – portugiesisch: Alentejo – liegt eines der weltweit größten Anbaugebiete für Korkeichen. Als Flaschenverschluss wird der Kork zunehmend durch andere Materialien ersetzt und hat nicht mehr die einstige wirtschaftliche Bedeutung für den Alentejo. Trotzdem dürfen die Korkeichen-Pflanzer optimistisch sein. Umweltbewusst planende Architekten haben die Baumrinde als Energie sparenden und Raumklima regulierenden Baustoff (wieder-)entdeckt.

Die Korkeiche: Anspruchsvoll wie ein Tourist

Gleichzeitig sind die Korkeichen-Wälder eine ökologisch bedeutsame Kulturlandschaft, in der sich zahlreiche gefährdete Tierarten heimisch fühlen. Für Menschen eignet sich diese Region ebenfalls als Aufenthaltsort – und das nicht nur im Sommerurlaub. Denn die Korkeiche liebt die Wärme und benötigt für ihr Wachstum Temperaturen um die 13 bis 17 Grad im Jahresdurchschnitt. Auf Extreme reagiert dieser immergrüne Laubbaum ebenfalls empfindlich, für ihn sind Temperaturen unter zehn und über 40 Grad nicht zu ertragen. All diese klimatischen Anforderungen erfüllt der Alentejo.

Portugal - Alentejo - Korkeiche

Bike-Führer José Neves und Korkeiche

Mit einem anspruchsvollen Individual-Touristen hat die Korkeiche außerdem noch diese Eigenschaft gemeinsam: Der Baum kann in dichten Beständen nicht überleben, denn er benötigt viel Sonnenlicht für sein Wachstum. Allein schon deshalb ist das Korkeichen-Anbaugebiet südlich vom Tejo ein ganzjährig geöffnetes Paradies für Wanderer und Biker.

Überall entlang der Rad- und Wanderwege durch den Alentejo fallen Korkeichen auf, die mit einer Zahl markiert sind. Die Besitzer dieser schwarzen Bäume erkennen an diesen Ziffern, wie alt die Rinde ist. So eine Alentejo-Korkeiche wird zum ersten Mal nach ungefähr 25 Jahren geerntet. Danach warten die Pflanzer bis zu acht Jahre, ehe sie wieder ein Drittel abschälen. Anschließend legt der Baum sich eine neue Schutzhaut zu und kann während seines Lebens insgesamt bis zu 200 Kilogramm von dieser wertvollen Rinde produzieren.

Portugal - Alentejo

In den kleinen Ortschaften zwischen den Korkeichen-Plantagen fallen dem Durchreisenden die vielen farbenfrohen Keramik-Erzeugnisse an den Gebäuden auf. Diese liebevoll gestalteten Handwerkskunst-Stücke dienen nicht allein zur Behübschung der Wohnhäuser im Alentejo. Die zumeist blauen Ornamente und frommen Motive auf den Kacheln halten auch unerwünschte Kräfte fern.

Als Hausnummern-Schilder sind sie überall in Portugal verbreitet. Wer solch ein Reisemitbringsel an der heimischen Haustür anbringen möchte, findet das passende Schild in São Pedro do Corval. An der Hauptdurchgangsstraße dieses Ortes reiht sich eine Töpferei an die andere. Deren Keramik-Produkte locken die guten Geister an. Garantiert. Deswegen werden sie auch gerne als Reklameschilder verwendet. Neon-Installationen sind dagegen kaum zu sehen in der Korkeichen-Region.

Portugal - Alentejo - Fliesen an Hauswand

Die Korkeichen-Plantagen sind das optische Naturdenkmal im Alentejo. Ein bisschen weiter südlich wird die Landschaft von einem akustischen Erkennungsmerkmal geprägt. In den kleinen wie auch in den großen Ortschaften der Algarve – jener Provinz an der Südspitze von Portugal – hört der Spaziergänger regelmäßig dieses anheimelnde Klappergeräusch. Es klingt, als würde es von einem altersschwachen Zweitaktmotor erzeugt. Irrtum.

Von Naturschützern empfohlen

Ähnlich wie der Korkeiche stellen die Naturschützer auch dem Verursacher dieses Geklappers ein gutes Zeugnis aus: Wo der Storch sich wohl fühlt, gedeiht auch die übrige Flora und Fauna – einschließlich des Menschen. Wenn Zugvögel im Frühjahr zurück nach Europa kommen, ist die portugiesische Atlantik-Südküste ein idealer Zwischenlandeplatz. Einige Storchen-Paare haben hier sogar ihren ständigen Wohnsitz – und zwar in Nestern, die sie auf Kirchtürmen, Schornsteinen oder Fernsehantennen eingerichtet haben. Denn das Klima ist hier ideal.

Portugal - Glockenturm der Kathedrale von Faro

Glockenturm der Kathedrale von Faro

Die Sommer-Temperaturen liegen an der Algarve zwischen 20 und 30 Grad und werden durch eine sanfte Meeresbrise abgekühlt. Auch im Winter herrscht im Süden Portugals angenehmes T-Shirt-Wetter. Am besten können Tiere und Menschen diese klimatischen Bedingungen genießen in der Ria Formosa – zu deutsch: “schönes Haff”. Diese Lagunen-Landschaft an der östlichen Algarve-Küste liegt zwischen Faro und Cacela Velha – und zwar in der Einflugschneise des Faro Airport, was erst einmal widersprüchlich klingt.

Doch beim sanften Gleiten mit dem Boot – vorbei an den Brut- und Nistplätzen einiger vom Aussterben bedrohter Vogelarten – wird dem Besucher schnell bewusst: Tourismus und Naturschutz können miteinander harmonieren. Denn die Triebwerke der tief einfliegenden Urlauber-Jets dröhnen nicht mehr so erschreckend laut wie zu jenen Zeiten, als die verschärften Lärmschutz-Bestimmungen für den Flugverkehr noch nicht galten.

Portugal - Algarve - Flughafen von Faro

Kaum ein Tier flüchtet heute noch in sein sicheres Versteck, wenn die Nachfahren der einstigen Donnervögel ihre lebendige Fracht in das portugiesische Urlauber-Paradies bringen. Und als Paradies für Menschen bietet die Algarve neben ihren klimatischen Vorzügen vor allem auch noch eine abwechslungsreiche Strand-Region. Die Küstenlinie erstreckt sich in Ost-West-Richtung über mehr als 150 Kilometer.

Im Westen der Algarve liegt jener felsige Strandabschnitt, der etwas mehr als 50 Kilometer rauf nach Norden reicht. Hier finden die Wanderer und Vogel-Beobachter jene Plätze, an denen sie ihre Träume verwirklichen können. Die Ost-Algarve eignet sich dagegen mit ihren unkomplizierten Sandstränden ideal als Spiel- und Sportplatz für Kinder.

Küche und Kirche

Wer im Urlaub die Ruhe sucht, findet im Alentejo-Hinterland wie auch an der massentouristisch besser erschlossenen Algarve diese beiden Orte der Besinnung: Küche und Kirche. Wobei mit „Kirchen“ nicht nur die christlichen Kulturdenkmäler gemeint sind, sondern gleichberechtigt auch Synagogen und Moscheen. Jahrhunderte lang lebten und arbeiteten Christen, Juden und Muslime hier miteinander, inspirierten sich gegenseitig und hinterließen ihre jeweiligen Spuren.

Portugal - Alentejo - Gebäudedach

Überall südlich des Tejo erinnert ein architektonisches Überbleibsel heute noch daran, dass der Islam zwischen dem frühen achten und teilweise bis in das 15. Jahrhundert hinein die iberische Halbinsel kulturell nachhaltig prägte. Die Minarett-ähnlichen Schornsteine zeugen von muslimischem Einfluss – vor allem auch auf vielen neu errichteten Gebäuden im Alentejo und an der Algarve.

Die portugiesische Küchen-Kultur wurde ebenfalls von diesem Nord-Süd-Dialog geprägt. Feine orientalische Gewürze und Mitbringsel von Südamerika-Entdeckungsreisen sensibilisieren seit Jahrhunderten die Geschmacksnerven der Portugiesen. Und noch ein Relikt aus jener Zeit, als portugiesische Schiffe die Weltmeere beherrschten, ist heute auf den Speisekarten an der Algarve und im Alentejo zu finden: der Bacalhau.

Portugal - Menüteller mit Fisch

Bacalhau ist mit „Stockfisch“ nur unvollkommen übersetzt, weil dieses deutsche Wort den Beigeschmack eines Allerweltsgerichts hat. Einst nahmen Seefahrer diesen haltbar gemachten Kabeljau mit auf ihre Reisen. Heute wird Stockfisch – pardon: Bacalhau – nirgends auf der Welt so schmackhaft zubereitet wie in Portugal.

Zarte Gewürze

Bei den Gewürzen, die im Alentejo und an der Algarve verwendet werden, sind Koriander, Muskat, Nelken, Oregano und Paprika die vorherrschenden Nuancen. Knoblauch und andere Scharfmacher kommen nur sparsam zum Einsatz. Insgesamt würzen hier die Köche ein wenig zurückhaltender als ihre spanischen Kollegen.

Deftige Zutaten

Das bäuerliche Fleisch- und Gemüse-Angebot sorgt für die deftigen Charakter-Eigenschaften der Küche im gesamten Süden von Portugal. – Typisch dafür sind: Dicke Bohnen, Kichererbsen, Kohl und Mohrrübe. Neben Lammkeule und Kalbsleber findet der Gast hier auf den Restaurant-Speisekarten auch Rebhuhn und andere Wild-Spezialitäten.

Portugal - Eingang eines Geschäftes

Eingang zur Fleischerei Enchidos do Monte

Vom Aussterben bedroht waren die traditionellen Käse-Spezialitäten des Alentejo. Deshalb gründeten Schaf- und Ziegen-Milchproduzenten aus Montforte 1989 die Kooperative Monforqueijo. Andere Alentejo-Souvenirs kommen aus der Fleischerei Enchidos do Monte vom Rande der Stadt Portalegre. Deren Schinken und Würste teilen das gleiche Los wie die Monforqueijo-Käsesorten: Optisch können sie wegen der erdigen Farbtöne nicht konkurrieren mit poppiger gestylten Food-Produkten, aber ihr Wohlgeschmack ist unverwechselbar angesiedelt zwischen rustikal und charmant.

Die Fisch- und Meeresfrüchte-Delikatessen der Algarve präsentieren sich schon auf der Speisekarte weitaus spektakulärer. – Marinierte Stichlinge. Tintenfisch, gefüllt mit einer Mischung aus Schinken, Zwiebeln und Tomaten. Oder Sardinen, Thunfisch und Schellfisch à la Algarve. Außerdem die zahlreichen regionaltypischen Variationen von Muscheln und Austern; diese Gourmet-Klassiker sind hier in den Atlantik-Fischerdörfchen erschwingliche Genüsse, weil keine Transportkosten anfallen.

Portugal - Algarve - Fischhändler

Als weitere Unterschiede registriert der Genießer: Während in unseren Breiten ein Fünfsterne-Restaurant als Gourmet-Tempel betitelt wird, verehren die Portugiesen mit einer ähnlichen Hochachtung ihre Markthallen. Die würdevolle Langsamkeit der portugiesischen Küche beginnt schon beim Einkauf der Zutaten. Der Modebegriff „Slow Food“ entlockt den Köchen und Gastronomen südlich des Tejo bestenfalls ein müdes Lächeln.

Auch ansonsten darf sich der Gast in den Restaurants an der Algarve und im Alentejo über eine gastronomische Tugend freuen, die woanders als Errungenschaft des sanften Tourismus gefeiert wird: die Ruhe. Denn für Portugiesen ist die gemeinsame Mahlzeit – vor allem am Abend – ein Stichwort-Lieferant für lange, angeregte Gespräche. Und kaum ein Wirt würde es wagen, diese Kommunikation mit Lautsprecher-Gedudel zu übertönen.

Mandelblüte

Zum Schlemmer-Paradies für Kinder wird der Süden Portugals vor allem durch diese Naschereien: Mandel-Feigen-Schokolade-Chila-Kuchen, Mandel-Walnuss-Kuchen, Mandel mit süßen Eierfäden – die Rezepte dafür hatten nordafrikanische Zuckerbäcker mitgebracht, als Portugal zum islamischen Kulturkreis gehörte. Die Mandel wird aber auch aus einem anderen Grund an der Algarve hoch verehrt: Im Januar – so früh wie sonst nirgends in Europa – beginnt sie zu blühen. Dann übertönen die Festlichkeiten zu Ehren der Mandelblüte vorübergehend sogar das Klappern der Störche.

Portugal - Algarve - Storch mit Nest auf Laternenpfahl

Reiseinformationen zu Alentejo und Algarve

Informationen für Portugal allgemein
www.visitportugal.com, Telefon 0180 500 49 30 (14 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz)

Informationen für Alentejo und Algarve

für den Alentejo: www.visitalentejo.pt

für die Algarve: www.visitalgarve.pt und www.algarvepromotion.pt 

Empfehlung des Autors für Bike-Touren im Alentejo und an der Algarve: www.bttour.com

Portugal - Alentejo - Waschbecken in Hotelbad

Liebe zum Detail: Tonkeramik-Waschbecken, gesehen in einem Hotelzimmer im mittelalterlichen Alentejo-Städtchen Terena. www.casadeterena.com

 

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