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Ein polnisches St. Moritz

Zakopane: Die Talstation zur Hohen Tatra

Text und Fotos: Brigitte Jäger-Dabek

Polen - Zakopane

Nachdem sich Martin Schmitt, Sven Hannawald und Adam Malysz in Zakopane ihre aufregenden Skisprungduelle geliefert hatten, rückte das polnische Wintersportzentrum in der Tatra auch bei uns wieder ins Blickfeld. Also, warum immer nur in die Alpen zum Skifahren, versuchen wir es doch einmal mit Polen.

Polen / Zakopane

Blick auf das Tatramassiv

Das muss er sein. Wie verabredet, steht ein junger Mann im saloppen Skianzug am Empfang bereit. „Nennt mich doch Arek“, begrüßt er uns in der Pension seiner Eltern. „Eigentlich heiße ich Arkadiusz, aber quält Euch mal nicht mit der polnischen Sprache,“ meint er lächelnd in fast akzentfreiem Deutsch. „Ich bin ja nur im Winter und in den Sommerferien hier, sonst studiere ich in Krakau Tourismusmanagement. Mein Deutsch habe ich in München etwas voran bringen können, als ich dort ein Jahr studierte.“

Tummelplatz der polnischen Schickeria

Arek wird sich in den nächsten Tagen die Zeit nehmen, uns seine Heimat zu zeigen. Sein Geburtsort Zakopane ist für ihn mehr als nur ein x-beliebiger Wintersportort, wie man ihn von den Alpen her kennt. Zakopane ist Polens Wintersporthauptstadt. Das St. Moritz der Tatra, die zum Karpatenbogen gehört, liegt auf neunhundert Meter Höhe am Rande des Nationalparks Hohe Tatra und ist Polens höchstgelegene Stadt, doziert Arek. Dann erzählt er mit unverkennbarem Lokalpatriotismus von der alten Wintersporttradition. Schon 1929 wurden hier FIS-Rennen ausgetragen und bereits das Vorkriegs-Zakopane war Ausrichter mehrerer Skiweltmeisterschaften. Heute ist der Ort wieder Treffpunkt von Polens Reichen und Schönen. Arek will den Beweis bei einem Stadtrundgang antreten. Und tatsächlich, auf Zakopanes Flaniermeile, der ulica Krupowski tummelt sich die polnische Schickeria.

Gleich hinter der Straße scheinen sie zu beginnen, die Berge der Hohen Tatra, so präsent wirken sie auch hier mitten im Ort. Mit seinen 30.000 Einwohnern ist Zakopane eine veritable, quirlige Stadt mit vielen kleinen Läden und Straßencafés zum Sehen und Gesehen werden. Eines unterscheidet Zakopane allerdings noch vom Schweizer Vorbild: das Nachtleben ist hier eine Nummer bescheidener. Das soll sich aber ändern, erklärt der angehende Touristikfachmann. „Allerdings ist es nicht ganz einfach den goldenen Mittelweg zwischen Ballermann und Kitzbühel oder gar St. Moritz zu finden, denn wir möchten ja auch unsere bisherigen Stammkunden nicht verprellen.“

Die Kultur der Bergbewohner

Ohnehin hat Zakopane mehr zu bieten als nur Wintersporttrubel. Was sofort auffällt, ist der für Westeuropäer eigenartige Architekturstil der Stadt. Ursprünglich war Zakopane ein Dorf der Goralen, wie die polnischen Bergbewohner heißen. Deren Baustil wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Krakauer Künstlern entdeckt und in mit hohen, spitzen Giebeln und vielen Verzierungen versehenen Holzhäusern umgesetzt. Dieser Zakopane-Stil wurde zur gängigen Bauweise der Gegend.

Polen / Zakopane

Holzhaus im Zakopane-Stil

Die Kultur der Goralen, vor allem ihre musikalischen Traditionen haben weite Verbreitung gefunden. Die charakteristischen mehrstimmigen Gesänge sind weit über Polen hinaus bekannt und wurden gerade in letzter Zeit in moderner Version für den Ethno-Pop neu entdeckt. Einen Blick auf die reiche Volkskunst der Goralen kann man im Muzeum Tatrzanskie werfen.

„Ich stamme selbst aus einer Goralenfamilie,“ bekennt Arek. „Solch eine Tracht trug mein Opa noch, sie blieb erhalten und nun trägt sie mein älterer Bruder beim alljährlichen Festival der Berglandfolklore im September. Ja, wir Goralen sind so etwas wie die schuhplattelnden Bayern der Polen“, erklärt er lachend. „Auch wir gelten als bodenständig, konservativ und ein wenig hinterwäldlerisch. Aber mit eurem Musikantenstadel hat dieses Festival nichts zu tun, hier geht es um echte Volkskunst.“ Dennoch, ähnlich wie in den Alpen wird auch hier gnadenlos vermarktet, was nur irgend mit den Goralen zu tun haben könnte. Die Palette der Angebote in den Souvenirläden an der Krupowski-Straße reichen von Kitsch bis hin zu schönstem, geschnitzten Kunsthandwerk.

Noch etwas unterscheidet Zakopane von anderen Wintersportorten: die Stadt war schon vor dem Krieg ein bedeutender Treffpunkt polnischer Künstler. Stanislaw Ignacy Witkiewicz, Witkacy genannt, begründete Zakopanes Ruf als Künstlerkolonie. Der Schriftsteller und Maler lebte nach dem Ersten Weltkrieg viele Jahre in Zakopane und gründete dort 1925 ein experimentelles Theater, das 1985 von jungen Leuten aus dem Umfeld der Krakauer Theater-Hochschule wieder eröffnet wurde.

„Westentaschen-Alpen“ mit intakter Natur

Zakopanes Wintersportruhm begann mit der Inbetriebnahme der ältesten Gondelbahn Europas, die auf den Kasprowy Wierch (1955m) führt.

Polen / Tatra / Kasprowy Wierch

Auf dem Kasprowy Wierch

Die Schlange an der Bahn ist lang. Längst haben die Skifahrermassen den Schnee festgetreten, die Kälte lässt sie fröstelnd auf- und abtreten, tief vermummte Gestalten schlagen sich mit den Armen warm, dennoch überall lachende Gesichter und gute Laune. „In Stoßzeiten steht man hier schon mal ein, zwei Stunden an, wenn man das Geld für das reservierte Ticket sparen will,“ erklärt Arek.

Nur 210 Passagiere pro Stunde bringt die Bahn hinauf zur Bergstation. Die nämlich liegt bereits im Nationalpark Hohe Tatra, und die Nationalparkverwaltung hat den Tourismus dort streng beschränkt. „Der Nationalparkstatus wird den weiteren Ausbau der Skigebiete und eine Überziehung des Geländes mit neuen Liften und Pisten verhindern. Ihr könnt also auch noch in zehn Jahren bei uns mit einem intakten Ökosystem rechnen,“ sagt Arek. Wenn bereits die Anfahrt aus der Stadt zum Genuss werden soll, dann muss man sich wenigstens einmal einen Pferdeschlitten mit einem Kutscher in Goralentracht gönnen, wenn auch der Bus viel billiger ist.

Polen / Zakopane

Intaktes Ökosystem: Winteridylle mit Holzhaus

Dann sind wir oben und stellen schnell fest, dass die Warteschlangen sich tatsächlich auf den Betrieb im Tal beschränken; die Touristen, die an der Bergstation aus der Gondel steigen, haben sich schnell verlaufen. So kann man die Natur in vollen Zügen auskosten. Nichts verstellt den Blick über die im Sonnenlicht matt schimmernden Bergketten der Hohen Tatra. Schon der Alpinist John Hunt habe die Tatra als eines der schönsten Gebirge auf Erden bezeichnet, unterrichtet uns Arek: „Eigentlich sind das hier die Westentaschen-Alpen. Auf einem Handtuch von fünfzig Kilometer Länge und fünfzehn Kilometer Breite findet ihr alle Schönheiten, die ein Gebirge haben kann, versteckte Täler, traumhafte Ausblicke, unberührte Schneefelder, alles da.“

Es gibt tatsächlich neben Natur satt wie fast nirgends mehr in den Alpen alles, was das Wintersportlerherz begehrt: mehr als fünfzig Skilifte, viele gepflegte Loipen für die Langläufer, zwei Sprungschanzen und ein Eislaufstadion. Allerdings unterscheiden sich die Pisten etwas von denen in den Alpen, sie sind kürzer. Auch sollte man die Kapazitätsbegrenzungen durch den Nationalpark bedenken und die Skipässe gleich bei der Urlaubsbuchung mitbestellen.

Zakopanes zweites Kleinod für Alpinskifahrer ist die 1123 m hoch gelegene Sonnenbergsalm auf dem Gubalowka, die man mit einer Standseilbahn erreichen kann. Auch hier an der Nordgrenze des Talkessels von Zakopane gibt es schöne Abfahrten, und auch hier überrascht uns der größte Unterschied zu den Alpen: keine hundert Meter von den Liften entfernt haben sich die Massen verlaufen, kaum eine Menschenseele stört den Naturgenuss. Vor allem haben wir einen wunderbaren Blick auf das gegenüberliegende Tatramassiv.

Touristische Perlen in der Zakopaner Umgebung

Arek erklärt, dass ein Winterurlaub in Zakopane mehr bietet als nur Stadttrubel und Skilaufen. Die Umgebung sei es, die Zakopane so reizvoll und vielseitig mache, alles sei dabei komprimiert und in der Nähe und manchmal besser zu erreichen als Zakopane selbst.

Polen / Zakopane

Da seien besonders das Goralendorf Chocholow und das Freilichtmuseum Zubrzyca Gora mit vielen historischen Gebäuden, aber auch Orawka mit seiner Holzkirche sehenswert. Auf der Tour ins Koscielska-Tal führt uns Arek in das zweifellos schönste Tal der polnischen Tatra mit großartigen Felsschluchten und Höhlen. Die Krakauer Schlucht gilt als reizvollste der Tatra, und die Mlyna-Höhle ist ein Labyrinth, das sich mehr als einen Kilometer lang unter der Erde erstreckt.

Eine Perle der Zakopaner Umgebung aber hat sich Arek für unseren letzten Tag aufgehoben. Das Morskie Oko (Meeresauge) ist der größte See der Tatra. Er liegt auf 1395 m Höhe in einem von mächtigen Felswänden umrahmten Kessel. „Leider kann man im Winter nicht sehen, wie klar das Wasser hier ist. In mehr als zehn Meter Tiefe erkennt man im Sommer noch jeden Fisch,“ schwärmt Arek. In der Tat gibt es - ungewöhnlich für einen solchen Gebirgssee - Fische im Morskie Oko, denn bei fünfzig Meter Wassertiefe können sie auch den härtesten Winter überstehen. Gut eineinhalb Meter dick ist die Eisdecke jetzt, aber was wir da eigentlich sehen, sind die zwei Meter Schnee darauf - eine verzauberte, weiß in der Sonne glitzernde Winterwelt. „Die Goralen glaubten, der See sei durch geheimnisvolle unterirdische Gewässer mit der Adria verbunden. Mein Opa schwor noch Stein und Bein, er selbst habe alte Wracks hochkommen sehen,“ erzählt der junge Goralen-Nachkomme aus den Sagen seiner Vorväter.

 

Website der Autorin: http://www.das-polen-magazin.de

 

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