Ackergäule und Pferdefuhrwerke
Wir haben uns in Budy einquartiert. In dem kleinen Straßendorf wohnen
rund achtzig Menschen und zwei Storchenpaare. Stockrosen blühen vor
den Veranden der alten Holzhäuser. Auf den Höfen schnattern Gänse
und krähen Hähne auf dem Mist. Die Bewohner sitzen auf Bänken
vorm Haus und unterhalten sich über die Straße hinweg mit ihren
Nachbarn. Morgens um sieben Uhr geht es in Budy betriebsam zu. Ein Bauer
führt an der Kette seine zwei Kühe zur Weide. Die Störche
sind auch schon auf Achse, um den unersättlichen Jungen Nahrung zu
beschaffen. Im „Sklep“, dem kleinen Lebensmittelladen, der
gleichzeitig als Bierausschank floriert, wartet die Verkäuferin hinter
der Theke auf Kundschaft. In diesem ostpolnischen Dorfidyll haben Piotr
und Malgorzata Kaminski eine Pension eröffnet. Schindelgedeckte Holzhäuser
aus der Umgebung ließen sie hierher verfrachten und sanieren. Das älteste
Gebäude ist die „Banja“, eine russische Sauna, die mit
Holz einheizt. Eine wunderbare Entspannung nach einem Tag auf dem Rad.
Mit den Rädern geht es über Land und durch die Dörfer, durch
Wald und Flur. In längst vergangene Zeiten fühlt man sich zurückversetzt,
wenn Bauern das Gras mit der Sense mähen und das Getreide zu Garben
binden. Auf den Feldern konkurrieren Vogelscheuchen mit Störchen.
Auch Pferdefuhrwerke sieht man noch und Ackergäule. Die Räder
schnurren auf schnurgeraden Waldwegen. Exakt alle 1066,78 Meter trifft
man auf eine Kreuzung. Um das Dickicht begehbar zu machen für Jagd
und Forst, wurde der Wald Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Quadrate
geschnitten mit einer Seitenlänge von jeweils einem russischen Werst.
Wenn nur die Mücken und Bremsen nicht wären! Die Quälgeister
stürzen sich auf jedes freiliegende Stückchen Fleisch. Nur kurze
Zeit im Sommer kämen sie ans Tageslicht, heißt es. Wann genau,
ließe sich nicht vorhersagen.

Gemütliches Wohnen am Nationalpark
Die uralten Bäume sind Zeugen einer bewegten Geschichte, als litauische Fürsten, polnische Könige und russische Zaren kamen und zur Jagd luden. Im Jahre 1752 ließ August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, das Wild durch einen Tunnel direkt vor die Gewehrläufe seiner aristokratischen Gäste treiben. Die wiederum saßen auf dem Hochsitz und brauchten nur noch abzudrücken: Siebenundfünfzig Tiere, darunter 42 Wisente wurden erschossen. Alexander II. reiste Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus St. Petersburg per Bahn im Salonwagen nach Bialowieza. Er erteilte auch die Anweisung, die Wege pflastern und Gras darüber wachsen zu lassen, damit die Wagenräder der Jagdgesellschaften nicht unnötig klappern. Die Jagd auf den Wisent galt als Herausforderung für den Adel. Während des Ersten Weltkrieges wurde der europäische Bison, der zwei Meter groß und eine Tonne schwer werden kann, von hungrigen Soldaten fast ausgerottet. 1919 war der letzte Wisent in den Wäldern von Bialowieza erlegt. Im Jahr 1952 wurden gezüchtete Wisente aus Zoos und Tiergärten im Nationalpark ausgesetzt.
Seite 1 / 2 / 3 / 4 (Infos) / zur Startseite
