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Fahrradpirsch zu Wolf und Wisent

Polen: Touren durch den Bialowieza-Urwald

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Polen Bialowieza Urwald

In Bialowieza sei ihres Wissens noch nie ein Auto gestohlen worden, sagt Maria Semeniuk, Mitarbeiterin im Nationalpark-Büro. Sie könne sich nur an einen Vorfall erinnern, bei dem ein Tourist zu Schaden kam: „Als ein Hirsch über ein Auto sprang, ging der Seitenspiegel zu Bruch.“ Wie gut, dass wir mit dem Fahrrad unterwegs sind hier im Nordosten Polens. Um Drahtesel wird das Großwild ja wohl einen Bogen machen. Der Bialowieza-Wald, Lebensraum von Wisenten und Wölfen, Rot- und Schwarzwild, wurde als erster Nationalpark Polens bereits 1921 unter Schutz gestellt. Seit 1979 zählt der Urwald an der Grenze zu Weißrussland zum Weltnaturerbe der Unesco und wurde zum Biosphärenreservat erklärt.

Heute haben wir die Räder stehen lassen und Wanderschuhe angezogen, denn in die 10.500 Hektar große Kernzone geht es nur zu Fuß hinein. Maria, ehemalige Deutschlehrerin und von korpulenter Statur, führt die Gruppe. Sie kommt in Plastiklatschen daher, was sie jedoch nicht daran hindert, behände durch den Urwald zu laufen. Uralte Baumriesen, Hainbuchen, Erlen, Ulmen, Fichten, bis zu 450 Jahre alte Linden, wachsen in den Himmel. Sonnenstrahlen dringen wie spitze Lanzen durch das Laubgeflecht und zaubern ein geheimnisvolles Licht im Dickicht. Bartflechten schaukeln von den Zweigen. Baumpilze klammern sich an Stämme. Über umgestürzte Bäume hat sich Moos hergemacht. Allein neun Spechtarten ernähren sich von Maden und Larven im toten Holz, erklärt Maria. Wasserspitzmäuse, die kleinsten Pelztiere im Nationalpark, suchen im Gebüsch nach Insekten. Der Kreislauf der Natur ist intakt. In der Kernzone darf der Wald, ungestört von Menschenhand, wachsen und verrotten.

Polen Bialowieza Jagdhorn
Der Förster bläst ins Horn

Im April 2000 sei es dennoch zum Aufruhr gekommen, erzählt Maria. Als der Umweltminister aus Warschau anreiste und verkündete, den etwa 70.000 Hektar großen Nationalpark nochmals auszudehnen, um den naturnahen Tourismus zu fördern, flogen Eier. Sie könnten auch in Bastschuhen rumlaufen und Volkslieder singen, wenn das gewünscht sei, erklärten ihm die aufgebrachten Bewohner. Doch sie hätten keine Arbeit und mithin kein Geld, um Scheunen zu Hotels umzubauen. Maria kann sich noch gut an den Unmut ihrer Landsleute erinnern. „Die Angst ging um, noch mehr Arbeitsplätze in der Forst- und Holzwirtschaft zu verlieren.“ In manchen Orten beträgt die Arbeitslosigkeit 50 Prozent.

Polen Bialowieza Holzhaus
Im malerischen Straßendorf Budy

Der Nationalpark wurde nicht erweitert, dennoch kommen mehr und mehr Touristen - auch aus dem eigenen Land. Sogar für polnische Urlauber aus dem katholischen Süden und Westen ist die Region, in der sich bauchige Zwiebeltürme in den Himmel recken, voller Exotik. Denn hier, südlich von Bialystok, gehören die meisten Bewohner dem orthodoxen Glauben an.

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