DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Halbinsel Musandam

Oman ganz oben

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Der Weg ist nicht weit: Einmal die Straße von Hormuz überqueren, nach anderthalb bis zwei Stunden ist das Einkaufsparadies von Khasab auf der omanischen Halbinsel Musandam erreicht. Für den Profit lohnt sich das Risiko, auf dem Rückweg von der iranischen Küstenwache erwischt zu werden.

Oman - Hafen von KhasabBetriebsamkeit im Irani-Hafen in Khasab

Die Punkte am Horizont werden schnell größer. Pünktlich zum Sonnenaufgang legen die kleinen Fiberglasboote aus dem siebzig Kilometer entfernten Bandar Abbas im Hafen von Khasab an. Ziegen, von der halsbrecherischen Fahrt noch ganz durchgerüttelt, werden von den Seeleuten entladen, zu Geld gemacht und auf die wartenden Pick-ups getrieben. Umgerechnet etwa zwanzig Euro bringt ein Tier ein. Auf den Märkten in den Emiraten erhalten die Käufer ohne Weiteres das Doppelte. Nachdem die Iraner auf Waffen untersucht worden sind, marschieren sie, gewappnet mit einer behördlichen Einkaufserlaubnis und Bargeld in der Tasche, in den Souq gleich hinter dem Hafen. Die Geschäfte sind für den Ansturm gerüstet und haben palettenweise amerikanische Zigaretten auf Lager. Auch Elektrogeräte und Unterhaltungselektronik sind begehrt.
Seit 1981, seitdem die Piste in die Steilküste von Musandam gesprengt wurde und damit direkter Anschluss an die klimatisierten Shoppingzentren der Scheichtümer besteht, blüht der Schmuggel. Vor etwa zehn Jahren bekam die Straße eine Asphaltdecke, seither rollt der Nachschub noch besser. Was schert es die Kaufleute von Khasab, dass die Mullahs die Einfuhr von westlichen Gütern verboten haben. Allen geht es prächtig bei diesem Deal: den Schmugglern sowie den Käufern in Iran, die ihnen die heiße Ware abnehmen. Der omanische Staat profitiert, denn der Zoll kassiert, und natürlich machen auch die Viehhändler ihren Schnitt und die Händler in Dubai und Ras al-Khaimah. Wie gut es den Kaufleuten von Khasab geht, ist den prächtigen Villen am Rande des Städtchens anzusehen.

Exklave im Norden der arabischen Halbinsel

Oman - Felsgravuren im Dorf Tawi

Musandam ist buchstäblich das i-Tüpfelchen von Oman. Ein etwa neunzig Kilometer breiter Korridor trennt das Mutterland von der Exklave an der nördlichen Spitze der arabischen Halbinsel. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drängten die mit Oman verbündeten Engländer den damaligen Sultan Thuwaini bin Said, sich den winzigen Sporn im Golf anzueignen. Aber erst im Jahr 1970, als Sultan Qaboos seinen Vater ins Exil schickte und die Macht übernahm, wurde die Grenze mit den Vereinigten Arabischen Emiraten vertraglich abgesteckt. Seither gehört die etwa 1800 Quadratkilometer große Halbinsel Musandam zum Sultanat. Besiedelt ist dieser abgelegene Winkel schon lange. Das bezeugen die Gravuren im schattigen Wadi Qadah. Die in die Felsen geritzten Tiere, Krieger und Boote im Dorf Tawi sind vermutlich 2000 Jahre alt und gut erhalten. Die massigen Gesteinsbrocken, auf denen sie sich befinden, waren Bestandteile einer hoch in der Felswand gelegenen Höhle, die durch Erosion abstürzte.

Besiedelt ist dieser abgelegene Winkel schon lange. Das bezeugen die Gravuren im schattigen Wadi Qadah. Die in die Felsen geritzten Tiere, Krieger und Boote im Dorf Tawi sind vermutlich 2000 Jahre alt und gut erhalten.

Nach der Industriezone des Emirats Ras al-Khaimah, den Fabriken, Steinbrüchen und den heruntergekommenen Vierteln mit Bretterbuden am Straßenrand, erscheint Musandam wie eine Fata Morgana, ordentlich aufgeräumt. Nicht ein Fitzelchen Papier liegt herum. Abfallkörbe säumen die geteerte Küstenstraße hinter der Grenze, Straßenlaternen stehen Spalier. Leitplanken schirmen die Straßenseite zum Meer hin ab. Bis 1992 war die Halbinsel an der Straße von Hormuz militärisches Sperrgebiet, isoliert und abgeschieden. Seit einigen Jahren ist es Touristen erlaubt, auf dem Landweg von Oman durch die Emirate nach Musandam einzureisen. Ein paar Formalitäten sind zu erledigen, dann öffnet sich der Schlagbaum. Nur Ziegen dürfen ungehindert die Grenze in Tibat wechseln, mal hüben, mal drüben an vertrockneten Halmen rupfen.

Haarscharf windet sich die Straße entlang der steilen gelben Felskante Richtung Khasab. Auf der linken Seite liegen kleine Sandbuchten vor türkisblauem, glasklarem Wasser. Im Dunst sind Öltanker zu erkennen, die Schlange schwimmen und darauf warten, die Straße von Hormuz passieren zu können. Die Meerenge, die den Arabisch-Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, zählt zu den meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt. Hindurch zwängen sich Tanker von und zu den Ölhäfen Kuwaits, Bahrains, des Iraks, der Vereinigten Arabischen Emirate, Irans und Saudi-Arabiens. Schon in der Antike wurde um die Straße von Hormuz gestritten. Die Halbinsel Musandam ragt weit hinein, sie hat die Rolle des Torwächters übernommen. Daher obliegt Oman die Kontrolle über die Straße von Hormuz und die Verantwortung für den reibungslosen Ablauf des Verkehrs.

Fischfang mit Muskelkraft

In der Bucht von Mukhi zieht sich gerade das Netz zu. Zuvor hat ein Fischer oben vom Berg die Lage ausgespäht und den anderen unten am Strand Signale gegeben, als er einen großen Schwarm gesichtet hat. Das wartende Boot mit dem Netz im Schlepptau hat die Bucht abgesperrt und die Fische eingekesselt. Nun ziehen am Ufer die Männer gemeinsam an einem Strang. Das pralle Netz eigenhändig, nur mit Muskelkraft, an Land zu ziehen, ist eine uralte Fangmethode auf Musandam. Melodischer Sprechgesang im Rhythmus des Tauziehens begleitet die Anstrengung. Dürre Katzen, die plötzlich auftauchen, warten ungeduldig. Sie werden ihren Anteil abbekommen. Stück für Stück wird das Netz eingeholt, immer mehr zappelnde schillernde Leiber kommen zum Vorschein, bis das Wasser am Küstensaum zu brodeln scheint. Makrelengroße Kharfa - Fische mit dunklen Rücken, silbernen Bäuchen und gelben Schwanzflossen - sind den Fischern ins Netz gegangen.

Oman - Fischfang in der Bucht von Mukhi
Das Fischernetz wird per Muskelkraft aus der Bucht von Mukhi gezogen

„Der abgelegenste Erzeuger“

Nach vierzig Kilometern hinter der Grenze endet die Asphaltstraße in Khasab. Der Name der Küstenoase bedeutet „der abgelegenste Erzeuger“ – die Stadt ist ein wichtiger Dattelproduzent. Für viele der Menschen, die in den entfernten Dörfern Musandams leben, mag Khasab mit dem Flugfeld, auf dem dreimal wöchentlich Propellermaschinen aus Muscat landen, die weite Welt bedeuten. Für Touristen bietet sie nicht viel. Einzig das Fort lohnt nähere Betrachtung. Es entstand unter der Herrschaft der Portugiesen, die entlang der gesamten omanischen Küste Festungen errichteten, um den Seehandel zu kontrollieren. Das Fort von Khasab wurde erst nach 1622 gebaut, nachdem die Portugiesen von der Insel Hormuz vertrieben worden waren. Die Festungsarchitektur ähnelt anderen Burgen in Oman: quadratische Außenmauern mit Ecktürmen und einem runden Hauptturm mit Brunnen im Innenhof.

Oman - Festung von Khasab
Eine Trutzburg: Das Fort von Khasab wurde von den Portugiesen gebaut,
nachdem sie 1622 von der Insel Hormuz vertrieben wurden

Das „Norwegen Arabiens“

In Khasab nehmen an diesem Morgen Suleiman und Khalid Touristen an Bord ihrer alten Dhau und tuckern mit ihnen in den Khor Shimm. Mit sechzehn Kilometern ist es der längste Fjord Musandams. Das Geäst von tief eingeschnittenen Fjorden, Sandbuchten und Bergen, deren Kalksteinflanken steil ins Meer abfallen, hat Musandam den Beinamen „Norwegen Arabiens“ eingebracht. Die kahlen Berge ringsum ragen wie Schichttorten auf. Winzige Dörfer klammern sich in Buchten. Sie sind nur mit dem Boot zu erreichen. Schulkinder werden täglich von Schnellbooten abgeholt und nach Khasab gebracht. Die omanische Regierung lässt sich ihre Dependance einiges kosten.

Oman - Dhau im Khor Shimm
Entspannung pur: Dhaufahrt im Khor Shimm

Die Passagiere haben es sich auf den dicken Kissen unter dem Sonnensegel bequem gemacht. Eine Schildkröte rudert durch das glasklare Meer. Fische springen über die spiegelglatte Oberfläche. Am Ufer stehen Reiher und beobachten ihr Revier, auf wasserumspülten Felsen lassen Kormorane ihre Flügel trocknen. Die Skipper haben Obst, Datteln und eine Schnabelkanne mit süßem Tee bereitgestellt. Mit Pfeiftönen locken sie andere Besucher an. Bald darauf wird der behäbige Holzkahn von übermütigen Delfinen eskortiert, die mit Hechtsprüngen ihr Publikum begeistern. Mühelos halten sie die Geschwindigkeit des Schiffes.

Oman - Delfine im Khor Shimm

Vor Jazirat al Maqlab, der sogenannten Telegrapheninsel im Khor Shimm, ankert die Dhau. Suleiman und Khalid bereiten das Mittagessen zu, derweil gehen die Gäste schnorcheln. Im Korallenriff ringsum tummeln sich zahllose bunte Fische. Auf dem Eiland sind noch Mauerreste zu erkennen. Als die Briten 1864 begannen, ein Überseekabel von Basra nach Karachi zu verlegen, bauten sie auf der Insel eine Telegraphen-Station. Die höllische Hitze im Sommer und die Abgeschiedenheit machten den Europäern schwer zu schaffen. Nach fünf Jahren wurde sie wieder aufgegeben.

Gleich hinter der Tankstelle von Khasab führt ein Weg zu spektakulären Szenerien. Dort oben läuft das Hajar-Gebirge aus, das sich auf einer Länge von 640 Kilometern wie ein Rückgrat parallel zum Golf von Oman erstreckt. Auf Musandam bringen es die Gipfel noch auf mehr als zweitausend Meter. Eine Landschaft von schwindelerregender Schönheit. Die Armee hat 1981 eine Piste über die „Köpfe der Berge“ angelegt. Zur Radarstation auf dem höchsten Berg, dem Jebel Harim, windet sie sich und noch darüber hinaus bis zum Wadi al-Bih. Auch Strom- und Telegraphenleitungen zu den Häusern wurden gelegt und in den Weilern Hubschrauberlandeplätze markiert.
Ein mächtiger Damm riegelt das Wadi Khasab ab. Nachdem ein heftiges Unwetter 1975 das Rinnsal in einen breiten reißenden Strom verwandelte und die Flutwelle viele Häuser mit sich riss, wurden Dämme auch in den Oberläufen der Seitenwadis gebaut. Es regnet nicht allzu oft auf Musandam, aber wenn, dann richtig. Der Boden ist von der Hitze gebacken und so knochentrocken, dass Wasser nicht versickern kann und sofort in die Tiefe rauscht. Die Bergbauern stauen die Wassermassen und leiten sie auf ihre Felder. Durch die Sturzbachbewässerung wird auch das Sayh-Plateau bewässert, durch das die Bergstraße führt.

Oman - Bergdorf im Hajar-Gebirge
Zu den kleinen Ansiedlungen im Hajar-Gebirge gelangt man
nur mit dem Geländewagen

In Serpentinen schraubt sich die Piste hinauf, bei anhaltender Trockenheit ist sie mit dem Geländewagen relativ einfach zu befahren. Schon lange ist im Rückspiegel die Staubwolke eines Militär-Tanklasters zu erkennen, der über die Piste donnert, um die wenigen Bewohner mit Trinkwasser zu versorgen. Hinter dem Pass auf etwa 1600 Meter wird die Szenerie noch dramatischer. Man blickt in tiefe Schluchten mit steil abfallenden Wänden und auf winzige ummauerte Terrassenfelder, kühn auf Bergrücken angelegt. Kurz vor dem Ende der Piste führt ein Abstecher in einen Akazienwald. In der Rawdah Bowl, einem großen Talkessel, haben drei Kamele ihre Köpfe ins dornige Geäst gesteckt und kauen genüsslich. Ihnen zu Füßen lauern Ziegen in der Hoffnung, dass ein Zweiglein auch für sie abfällt. Nach etwa sechzig Kilometern auf der Hauptpiste steht ein bewaffneter Militärposten und drückt ankommenden Autofahrern die Hand zum Gruße. Die Weiterfahrt Richtung Dibba durch das Wadi al-Bih und Wadi Khabb Shamshi ist allerdings nur Einheimischen gestattet.

Oman - Fischauktion in Khasab
Am späten Nachmittag werden in Khasab ganze Bootsladungen
mit fangfrischem Fisch versteigert

Am späten Nachmittag herrscht im Hafen von Khasab Betriebsamkeit. An einem Pier werden nach und nach ganze Bootsladungen mit fangfrischem Fisch versteigert. Im Stakkatoton rappelt der Auktionator das Gebot herunter. Männer in knöchellangen weißen Dishdashas, oft ein Palästinensertuch um den Kopf drapiert, haben sich eingefunden. Darunter auch viele Zwischenhändler aus den Emiraten, die den ersteigerten Frischfisch in Kühlwagen laden und am nächsten Morgen auf die dortigen Märkte bringen. In den Emiraten gibt es zu wenig Fischer, die den Bedarf decken könnten.
Jenseits des Piers bietet sich ein ganz anderes Bild. Fiberglasboote werden mit wasserdicht verpackten Paketen aufgetürmt und gut festgezurrt, damit die kostbare Fracht bei dem tollkühnen Ritt über die Wellen nicht verrutscht. Zum Sonnenuntergang müssen die Iraner verschwunden sein. Im Konvoi verlassen sie den Hafen von Khasab, statt Ziegen unter anderem Zigaretten an Bord, fahren in mehreren Pulks und zu gegenseitigem Schutz über die Straße von Hormuz. Sollte die persische Küstenwache ihnen auf den Fersen sein, stieben sie in alle Himmelsrichtungen davon und machen eine gezielte Verfolgung so gut wie unmöglich.



Reiseinformationen zu diesem Reiseziel

Reiseveranstalter Oman




 

Twitter
RSS