Reisemagazin schwarzaufweiss

Chill out bei Sisi

Die kreative Szene Wiens

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Im "Subotron Shop" liegen Darth-Vader-Masken neben alten Gameboys und Spielzeug-Robotern aus. "monochrom", gleich daneben, die "Kunst-, Theorie- und Bastelneigungsgruppe", versucht, Passanten für 3 Euro 50 die Seele abzuschwatzen. Die "Boutique Gegenalltag" hat Röcke aus Strumpfhosen im Fenster hängen, und im "musiktank" lassen sich aus mehreren tausend Liedern, die zum Teil nirgendwo mehr zu kriegen sind, Juwelen wie Hansi Kleins "Hearst Oida" auf CD brennen. Texte und Geschichten dazu liefert gratis "SRA", das Archiv für österreichische Popmusik - und alle sind sie beheimatet auf der "electric avenue" im Museumsquartier, Wiens weitläufigem Kulturareal.

Österreich - Weien - "Boutique Gegenalltag"

"Boutique Gegenalltag" auf der "electric avenue" im Museumsquartier

Heuriger und Hofburg, Riesenrad, Schloss Schönbrunn und Hotel Sacher - is recht, paasst scho, des homma alles. Nichts gegen Tafelspitz, Fiakerfahrt und grantelnde Kellner - aber wer nur dieses traditionelle Wien kennenlernt, erlebt die österreichische Metropole weit unter Wert. Wien ist sprunghaft, erfindungsreich und verquer - oder eher: "sexy, trendy, groovy". Denn der Wiener und die Wienerin von heute lieben das Englische sehr. Sie halten es nicht mehr so mit der Gemütlichkeit, sondern achten auf ihre "work-life-balance", erwarten keine Besucher, sondern "Cultural Voyagers", und chillen nach getanem Tagwerk so smooth in den angesagten locations, wie ihre Altvorderen gern blunznfett im Beisel büselten - Verzeihung: im Zustand alkoholbedingter Erschöpfung in ihrem Stammlokal ein Entspannungsschläfchen einlegten.

Österreich - Wien - Cafe im Museumsquartier

Café im Museumsquartier

Das Museumsquartier

Rund 100 000 Menschen, heißt es, arbeiten in der 1,6-Millionen-Stadt in den "creative industries": Möbeldesigner, Netzwerker, Spieleentwickler, Modezeichner, Blattmacher, Architekten. Eines der wichtigsten Schaufenster dieser neuen Melange aus Kultur, Kreativität und Wirtschaft ist das Museumsquartier, das 2001 hinter der barocken Fassade der ehemaligen Hofstallungen eröffnet wurde.

Österreich - Wien - Museumsquartier

Einst Hofstallungen - heute Kulturquartier

Im Innenhof steht dem düster schwarzen Basaltklotz des MUMOK, des Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig, das lichtoffene Leopold-Museum aus hellem Kalkstein gegenüber. Optisch und thematisch sind die beiden verknüpft durch die Kunsthalle. In den Gebäuden ringsum finden sich Studios, ein Kindermuseum, ein Tanzquartier und das Architekturzentrum. Und auf den großen, jedes Jahr andersfarbig gestrichenen Sitzmöbeln im Freien trifft sich halb Wien mit dem Rest der Welt.

Österreich - Wien - MUMOK und Kunsthalle

MUMOK und Kunsthalle

Einer der Tummelplätze der Lifestyle-Avantgarde ist stets die Mode. "In dieser Saison kommt der Turban für Herren", ist der Hutmacher Klaus Mühlbauer überzeugt. Die Traditionsfirma von 1903 hat sich, was Modelle, Models und Werbeauftritte betrifft, vor vier Jahren komplett umgestellt und zählt heute zu den "Top-ten-global-Hutmanufakturen". In den engen Stuben des Ateliers presst der Hutmacher Goujica Petrovic Filzrohlinge über heiße Formen, nagelt Peddingrohr ein und rückt dem Stoff mit einer Drahtbürste zu Leibe. Im Geschäft finden sich Cordschirmmützen namens "lousy klausi", Deckel mit Leopardenflecken, die "fizzy liesi" heißen, und Pelzhauben aus Silberfuchs, welche mit knapp tausend Euro zu Buche schlagen.

Österreich - Wien - Hutmacher Goujica Petrovic bei Hüte Mühlbauer

Hutmacher Goujica Petrovic bei Hüte Mühlbauer

Wien und die Mode von morgen? "Läuft gut", sagt Markus Strasser, der Inhaber des ganz in weiß gehaltenen "Park". Große Kundenporträts wachen über die teure Markenware und die Tische, auf denen Designer auch Bücher empfehlen: Ann Demeulemeester etwa rät zu Rimbauds "Eine Zeit in der Hölle".

Österreich - Wien - Concept-Store "Park"

Concept-Store "Park"

"Geht miserabel", hält die "Nachbarin" dagegen und fläzt sich im roten Wollkostüm über ihren Tresen. "Alles Modemuffel, die Wiener", klagt die resolute gelernte Buchhändlerin, die ihr Geschäft vor eineinhalb Jahren eröffnete. "Mode in Wien zu verkaufen - das ist eine Mission". Eine schwierige offenbar, aber die Hoffnung stirbt zuletzt, dass Wienerinnen und Besucher irgendwann doch ihr Herz und ihren Geldbeutel entdecken für die verspielten Shirts, die aparten Taschen und den ungewöhnlichen Schmuck einer Anita Moser, eines Florian Ladstätter oder Jerome Dreyfuss.

Wer sich nicht mit einem hochspezialisierten Angebot vom Geschmack eines kapriziösen Publikums abhängig machen will, setzt auf Mischformen. Bei "Das Möbel" löffelt der Gast seine Suppe zum Beispiel auf dem Tisch "Quer", Nuss massiv von Richard Polsterer, und kann ihn für 3900 Euro anschließend gleich mit nachhause nehmen. In der Apotheke "Saint Charles" verkauft Alexander Ehrmann Tinkturen und Tränke aus heimischen Kräutern: "frauenmantel, schafgarbe, himbeerblätter, gesammelt in prigglitz" , 30 ml, 10.80." Im zweiten Laden, über der Straße, bietet er Naturkosmetik und "body-tonic-splashes" an, und im "Alimentary", ein paar Häuser weiter, lässt er Gourmets mit Produkten aus eigenem Anbau bekochen. Auch in "schon schön" kann man essen, an einem langen Tisch, der einen fast zwingend mit den Nachbarn ins Gespräch bringt. Danach folgt eine optische Auffrischung beim Friseur im Nebenraum, unterstrichen vielleicht durch ein schickes Teil von der Schneiderin, gleich dahinter.

Österreich - Wien - "schon schön"

"schon schön"

Und natürlich gibt es in Wien auch immer wieder was Neues auf die Ohren - selbst beim altehrwürdigen Wiener Liedgut. Im Traditionshaus "Schmid Hansl" fordert an diesem Abend das "Kollegium Kalksberg" sein überwiegend heimisches Publikum zu einer kulinarischen Inspektion auf: "Gemma schaun, gemma schaun, ob da lewakas scho schimmüd", und sorgt sich, dass die "Woidfiadle" vom Aussterben bedroht sein könnte. Dazu wispert der Kamm, jault die singende Säge und pupst die Tuba, dass es eine feine Wiener Art hat.

Österreich - Wien - Kollegium Kalksberg im "Schmid Hansl"

Kollegium Kalksberg im "Schmid Hansl"

Was übrigens den Leberkäse und die "Woidfiadle", die Waldvierteler angeht: Es gibt sie noch, man findet sie an einer der vielen Wurstbuden. Die beste siedet im Kessel von Heinz Blaser, der sie, neben Klobassen, Krainern und "ondra wiaschdln", seit 40 Jahren an seinem Stand "A Haasse und a Zipfel" verkauft. Der Helmut Zilk, Wiens ehemaliger Oberbürgermeister, ließ sich gern mal eine der doppelt geräucherten Rindswürste aufschneiden, und der Waldheim Kurt hat einst seinen Leibwächter zum Vorkosten verdonnert. "An scharfen? Und Kren?" fragt der Heinz, löffelt ordentlich feurigen Senf dazu und hobelt frischen Meerettich darüber. "Wennst alls aufisst, brauchst net zaln." So ist das in Wien, es findet sich immer alles dicht beieinand: Die Grantler und die Charmanten, der Schmäh und die global-speech, das prunkvolle Alte und das Schrille, Schroffe, Schräge von Übermorgen.

Österreich - Wien - Heinz Blaser in der Brunnenstraße

Heinz Blaser in der Brunnenstraße

 

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