Reisemagazin schwarzaufweiss

Auf den Spuren des „dritten Mannes“ in Wien

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Vor über 60 Jahren wurde der Filmklassiker „Der Dritte Mann“ im Nachkriegs-Wien gedreht. Auf vier verschiedene Arten können Interessierte die Schauplätze heute noch nacherleben.

Wien - Dritter-Mann-Museum

Eingang des „Dritte-Mann-Museums“

„Sie haben ja hier das reinste Museum“, würde Holly Martins alias Joseph Cotten erfreut sagen, wenn er das „Dritte-Mann-Museum“ (1) in der Pressgasse 25 in Wien noch betreten könnte. Dort würde er nicht nur die legendäre Verfolgung nach dem Schieberkönig Harry Lime durch Wiens Aberwasserkanäle noch einmal erleben, sondern auch Filmplakate, Fotos, Kinoprogramme, Zeitschriften, Biographien einzelner Schauspieler und die Originalzither, auf der Anton Karas die Filmmelodie spielte, vorfinden.

Wien - Dritter-Mann-Museum - die Originalzither, auf der Anton Karas die Filmmelodie spielte

Die Originalzither

„Auf vier verschiedene Arten können Wien-Besucher auf den Spuren des Filmklassikers „Der Dritte Mann“ wandeln“, sagt Stadtführer und Museumsbesitzer Gerhard Strassgschwandtner: „Wer den Schwarzweißfilm nicht mehr genau in Erinnerung oder noch nie gesehen hat und nur die weltbekannte Zither-Ballade kennt, der geht am besten zunächst ins Burgkino.“ Dort läuft der Streifen seit 25 Jahren in englischer Originalsprache dreimal pro Woche. Wer im Hotel Hollmann Beletage übernachtet, kann die Jagd durch Wiens Kanalsystem im gemütlichen Heimkino mit acht Plätzen verfolgen.

Wien - Burgkino

Danach begibt sich der Dritte-Mann-Fan auf Spurensuche: Zunächst macht er einen Rundgang (Walk) zu einzelnen Schauplätzen. Dann steigt er hinab in Wiens Abwassersystem. Imposante Requisiten und Hintergrundinformationen gibt es im Privatmuseum von Gerhard Strassgschwandtner und Karin Höfler.

1948 wurde der Film von Carol Reed über den Schieberkönig Harry Lime, gespielt von Orson Welles, gedreht. 60 Prozent entstanden in Studios in London. Die Außenaufnahmen im Nachkriegs-Wien, wo dunkle Machenschaften und Schwarzmarkthandel den Alltag bestimmen. Wie Berlin ist die österreichische Hauptstadt damals in vier Sektoren eingeteilt. Der ahnungslose amerikanische Westernautor Holly Martins ist auf der Suche nach seinem Freund Harry Lime, der sich als skrupelloser Händler von gestohlenem und gestrecktem Penicillin entpuppt. Berühmt wurde der Klassiker durch die einprägsame Filmmelodie, die der Wiener Anton Karas auf einer Zither spielte, und durch die Verfolgungsjagden durch Wiens Kanalisation. Noch heute beeindruckt der Film durch das Spiel mit Licht und Schatten.

Wien - Schreyvogelgasse-Szene im Dritter-Mann-Museum

Schreyvogelgassen-Szene im Dritter-Mann-Museum

Der Rundgang beginnt am Stadtpark (2) mit einem Blick in den Wienflusstunnel. Im legendären Hotel Sacher befand sich einst die britische Kommandantur. Weiter geht es zum Josefsplatz 5 (3). Dies ist im Film die Stiftsgasse 15, das Haus, in dem Harry Lime wohnte und vor dem er angeblich überfahren wurde. In der Schreyvogelgasse 8 (4) endet der „Walk“. Vor dem Hauseingang gibt es Gänsehaut gratis. Hier sitzt eine Zitherspielerin und lässt das berühmte Harry Lime Thema erklingen. Es ist der Eingang, in dem Holly Martins seinen angeblich toten Freund Harry erkennt, als ein Lichtstrahl auf sein Gesicht fällt.

Wien - 3.Manntour - Einstieg in die Kanalisation

Einstieg in die Kanalisation

Bereits seit dem Mittelalter ist die österreichische Hauptstadt untertunnelt. Der Ausbau der Kanalisation begann Anfang des 18. Jahrhunderts. Heute umfasst sie eine Länge von 2.400 Kilometern. Aber nur ein Abschnitt von 200 Metern unweit des Karlsplatzes ist zur Besichtigung frei gegeben. Am Esperanto-Park (5) öffnet Wien-Kanal-Mitarbeiter Michael Bawaronschütz den Weg in die Unterwelt. Über eine steile Wendeltreppe geht es fünf Meter tief unter die Straßendecke. Es riecht weniger streng als erwartet. Die Tour startet mit einem kurzen Videobeitrag über das heutige Wiener Abwassersystem, während die braune Brühe durch die Kanäle zwischen bogenförmigen Betonwänden rauscht. Hier hangelte sich der Schieberkönig über Brüstungen und versuchte angeschossen, mit letzter Kraft einen Kanaldeckel zu öffnen, um zu entkommen. Es geht noch mal einige Meter tiefer hinab zum Wienfluss. Die Luft ist frischer, aber es ist stockdunkel. Plötzlich ein Knall. Verschieden farbige Lichter beleuchten die Unterwelt. Die Zithermusik ertönt.

Wien - Abwasserkanal

Abwasserkanal

Szenenwechsel. Unweit des Naschmarktes befindet sich seit 2005 das Dritte-Mann-Museum. Auch hier gibt es ein kleines Kino mit 18 Plätzen. „Dort unten standen wir eben noch“, sagt eine Engländerin zu ihrem Begleiter, als sie den Ausschnitt von der Kanalverfolgung betrachten. Mit einem Vorführgerät von 1936 zeigt Gerhard Strassgschwandtner einen zweiminütigen Filmausschnitt. Die Wände der 13 Museumsräume sind gespickt mit Fotos und Biographien der Schauspieler sowie mit Plakaten aus über 20 Ländern, in denen der Film einst lief.

Die Zither-Ballade gibt es in 450 Coverversionen. Gespielt von den Beatles, Bob Hope oder Glenn Miller. In einer Ecke liegt ein Original-Kanaldeckel. „Stecken Sie mal Ihre Finger hindurch“, meint Strassgschwandtner. Realität und Film. Im Letzteren griff Harry Lime verzweifelt mit den Fingern durch die Öffnungen des Deckels, um diesen nach oben zu drücken und zu fliehen. Doch das ist in Wirklichkeit gar nicht möglich. Der Deckel ist viel zu dick, um eine Hand herausschauen zu lassen.

Wien - Dritte-Mann-Museum - Filmplakate

Filmplakate

Die Prunkstücke des Museums sind die Baskenmütze des kleinen Hansl, verkörpert vom damals vierjährigen Herbert Halbik, und die Originalzither, auf der Anton Karas die Begleitmelodie spielte. „Sie stand jahrzehntelang in einem Gartenhaus von Karas’ Heurigen in Wien-Sievering“, erzählt der Museumsbesitzer. Karas war für das Instrument geboren. Selbst sein Grabstein auf dem Sieveringer Friedhof hat die Form einer Zither. „Das Museum ist auch durch den historischen Kontext des Films zur Nachkriegszeit geprägt. Nur der Wiener selbst tut sich schwer mit der Aufarbeitung der Vergangenheit“, sagt Strassgschwandtner: „Die meisten Besucher kommen aus dem Ausland. Es sind Engländer, Amerikaner, Japaner und Deutsche.“ Holly Martins war Amerikaner. Er wäre bestimmt gekommen.

 

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