Im Weinkeller daheim
Kellergassen und Grüner Veltliner: das österreichische Weinviertel
Text und Fotos: Volker Mehnert

„Habt´s an Durscht?“ fragt einer der beiden Zecher, die auf einer Bank vor ihrem Weinkeller sitzen. Einladend deutet er auf eine Flasche Wein. Die Wanderer, unterwegs auf dem Fernwanderweg von Wien zur tschechischen Grenze, sind zunächst verdutzt, doch widerstehen können sie schließlich nicht. Und schon sitzt man gemeinsam am Straßenrand, Einheimische und Durchreisende, und lässt sich ein Gläschen Grünen Veltliner schmecken. Bezahlung nehmen die munteren Gastgeber nicht an, aber ein kräftiges Lob für ihren frischen und fruchtigen Tropfen erwarten sie schon.
Über solch spontane Einladungen sollte sich niemand wundern, der im österreichischen Weinviertel unterwegs ist - vor allem nicht, wenn man durch eine der eigentümlichen Kellergassen läuft, die den Charakter der Dörfer hier bestimmen. Beinahe jede Familie besitzt ihr eigenes Kellergewölbe, in dem früher der Wein bereitet wurde und das heutzutage in der Regel als Lager für den privaten Vorrat dient. Der Wein wird hier nicht mehr gemacht, dafür aber um so mehr genossen. Denn der Keller ist für die Menschen inzwischen eine Mischung aus Schrebergarten und Hobbyraum. „Wir sitzen in unserem Keller“, sagt Martin Pinsolitsch, der in Poysdorf Besucher durch die Kellergassen führt, „ein Stück Wurst und Brot ist immer zur Hand, eine Flasche Wein sowieso, und da kommt schnell eine gesellige Runde zusammen.“

Kellergasse in Poysdorf
Entstanden sind die Kellergassen nach Aufhebung der Leibeigenschaft im neunzehnten Jahrhundert, als plötzlich nicht nur Gutsherren und Klöster ihre Weinberge und Kellereien besitzen konnten, sondern auch der kleine Bauer sich für den Wein von seinem Stückchen Land einen eigenen Weinkeller leisten wollte. Das war in dieser Gegend recht einfach, denn über Jahrhunderte hatten sich an den Ortsausgängen die Spuren der Tiere, Wagen und Kutschen in den weichen Lössboden eingegraben. Die Wegsohle schnitt sich noch weiter in den Untergrund, wenn der Regen den aufgeweichten Boden auswusch. Auf diese Weise bildeten sich tiefe Hohlwege.
Ohne großen Aufwand konnten sich dann auch die ärmeren Leute Höhlen in die Seitenwände dieser Hohlwege graben, und so entstand Keller neben Keller und schließlich eine Kellergasse. Ob mit Ziegelsteinen ausgemauert oder im blanken Löss - die Keller sind perfekte natürliche Lagerräume, die sich selbst klimatisieren und den richtigen Feuchtigkeitsgrad beibehalten. Die Kellergasse ist ein Dorf neben dem Dorf, ein Dorf ohne Rauchfang, wie man hier sagt. Sie ist naive, volkstümliche Architektur, harmonisch eingepasst in die Landschaft. „Hier wohnt unser Wein“, sagt Herr Pinsolitsch.
Eine Domäne der Kellermänner
Sehenswert und besonders gut erhalten sind die Öhlberggasse in Pillersdorf, die Gasse Maulavern in Zellerndorf sowie die Kellertrift in Hadres, mit anderthalb Kilometern die längste geschlossene Kellergasse im Weinviertel. Ein besonderes Kellerensemble befindet sich auch in Wildendürnbach: Dort sind rund um den Galgenberg auf drei Ebenen 185 Keller in den Hang hineingebaut. Neun Kellergassen mit insgesamt 250 Kellern gibt es allein in Poysdorf; bis zu sechzig Meter reichen manche in die Erde hinein. Alle Poysdorfer Keller zusammengelegt würden bis nach Wien führen.

Kellergasse der Künstler
Der sanft geschwungene und leicht ansteigende Radyweg mit seinen neunzig Kellern ist der schönste in Poysdorf und vielleicht sogar im ganzen Weinviertel. Die schlichten Fassaden vor den Eingängen in die Lösshöhlen sind hier und da neu gestrichen, einige sind im historisch korrekten Stil restauriert und herausgeputzt, viele wurden mit Billigmaterialen stilwidrig modernisiert, andere sind verfallen, doch die meisten befinden sich in einem pittoresken Zustand der Benutzung und der Abnutzung.
Früher waren die Gassen eine Domäne der „Köllamauna“,
der Kellermänner, die sich abends gern hierher zurückzogen -
vorgeblich um den Zustand des Weines zu inspizieren und nachzuschauen,
ob sich nicht vielleicht ein wenig Schimmel am Fass festgesetzt hatte.
Dabei kam es dann immer zu einem Probeschlückchen, und weil der Nachbar
auch gerade da war, ließ man ihn mitverkosten und musste danach natürlich
auch dessen Wein probieren. Schnell waren zwei, drei Stunden vergangen,
und manche Doppelliterflasche Wein wurde geleert. „Im Wein liegt
die Woahrheit / Im Kölla da Wein / Drum bin i in Woahrheit / Im Kölla
daheim,“ heißt folgerichtig die Inschrift an einem typischen
Keller in Poysdorf.
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