Reisemagazin schwarzaufweiss

Molketrunk im High-Tech-Bunker

Vorarlberg überrascht mit aufregender Architektur

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Sind Vorarlberger vielleicht die mutigeren Österreicher? Wurden sie von allen guten Geistern verlassen? Oder zeigen sie sich einfach aufgeschlossener als ihre Landsleute in, sagen wir, Tirol, Kärnten und dem Burgenland - zumindest in Sachen Architektur?

Österreich - Vorarlberg - Privathaus in Bizau

Privathaus in Bizau

Fest steht jedenfalls, dass zwischen Bodensee und Bielerhöhe, zwischen Feldkirch und Warth in den letzten Jahrzehnten auf eine Art gebaut wurde, wie man sie hier nicht unbedingt erwarten würde. Da spiegeln sich die steinernen Kirchtürme in stahlgefassten Glasfassaden, auf begrünten Flachdächern wuchert Moos, schmucklose Kuben aus hellem Holz und grauem Beton stellen sich selbstbewusst in Positur neben altersschwarze, altersmüde Wälderhäuser, die die Geschichte von Generationen in sich aufgesogen haben. Und gerade durch ihre Leichtigkeit und Frische betonen sie die Würde und die düstere Behäbigkeit der Schindelträger mit den rissigen Läden.

Österreich - Vorarlberg - Gemeindezentrum in Andelsbuch

Gemeindezentrum in Andelsbuch mit Almabtrieb

Architektur ist ein Thema im Land - ein Thema, das auch das Programm des Besuchers bereichert. Schon beim Vorbeifahren fallen ihm die Exoten ins Auge: Das Gemeindezentrum in Andelsbuch etwa zitiert mit seinen vier Betonstelzen die Geschichte des alten Rathauses, in dem einst die Leiter hochgezogen wurde und die Volksverteter sich selbst erst wieder nach unten entließen, wenn sie einen Entschluss gefasst hatten. Die Werkstätten der Tischler und Zimmerer in Hittisau und Bizau wirken mit ihren flächigen Fenstern und hellen Schindeln wie perfekte Visitenkarten des Gewerbes. Und selbst die Bushäuschen sind landesweit einheitlich aus Glas und Holz gestaltet.

Österreich - Vorarlberg - Haus des Tischlers Hermann Nenning in Hittisau

Haus des Tischlers Hermann Nenning in Hittisau

Die Versuche, der traditionellen Architektur etwas Zeitgemäßes entgegenzusetzen, begannen in den sechziger Jahren - ihre Wurzeln aber liegen tiefer. Schon seit Jahrhunderten verließen die Vorarlberger ihre Täler, verdienten draußen in der Welt ihr Geld und kamen mit frischen Ideen zurück. Nunmehr aber war der Lebensstandard gestiegen, man hatte Kapital und schön zu wohnen galt den Hiesigen schon immer als ein Lebenszweck: "Schaffa, schaffa, Hüsle baua" heißt die Vorarlberger Variante des schwäbischen Immobilienimperativs.

Die liberale Baugesetzgebung lockte unternehmungslustige Architekten an, wagemutige Bauherrn planten gleich selbst, und in den achtziger und neunziger Jahren machten sich Zimmerleute, Bauingenieure und Tischler als "Vorarlberger Baukünstler" international einen Namen. Seitdem wachsen Bürohäuser, Kindergärten, Heizwerke, Fertigungshallen und Skihütten in die Höhe, die sich - und ihren Nutzern - in ungewöhnlichem Design gefallen.

Österreich - Vorarlberg - Im Hotel Martinspark in Dornbirn

Im Hotel Martinspark in Dornbirn

Und dem interessierten Gast natürlich auch. Der steigt einschlägig im Hotel Martinspark in Dornbirn ab, Österreichs erstem Designhotel, wo in der Halle ein großer rosa Plastikeimer zu Kunstspekulationen anregt, und dessen Restaurant wie eine grüne Kogge auf Stelzen am Hauptgebäude angedockt hat. Oder er nächtigt in Bezau, im erst zwei Jahre alten "Blütenschloss" des Hotel Gams. Ein gedrungener, weinroter, mit einem Lattenschirm verkleideter Rundturm empfängt ihn mitten auf der Wiese. In der "Kuschelsuite" erwarten ihn Whirlpool, Himmelbett und Kaminfeuer, im schwarzen Innenturm haben sich schon Hunderte ihre amourösen Erfahrungen von der Seele und an die Wände geschrieben: "Er kam, sah, und jetzt lass ich ihn nicht mehr los".

Österreich - Vorarlberg - Kunsthaus in Bregenz

Kunsthaus in Bregenz

Natürlich prunken auch Museen gern mit neuem Outfit: Im Kunsthaus in Bregenz tauchen Schindeln aus geätztem Glas die vier Etagen in ein warmes, wechselndes, fast schon unwirkliches Licht. Im Kulturhaus in Hittisau üben im Keller zwischen verzinktem Stahl die Kerle von der Feuerwehr. Im Erdgeschoss versammelt sich die Musikkapelle. Und im ersten Stock, dem Frauenmuseum, organisieren Frauen aus dem Dorf in einem 250 qm großen, ganz in Weißtanne gehaltenen Saal weithin beachtete Ausstellungen: "1000 Frauen für den Frieden" etwa. Oder "Tracht für Einheimische und Zweiheimische".

Österreich - Vorarlberg - Kulturhaus in Hittisau

Kulturhaus in Hittisau

Auch die Musik sucht sich ihr passendes Ambiente: Für die Konzerte der Schubertiade in Schwarzenberg, während der es aus Gründen der Klangreinheit den Kühen des Dorfes verwehrt ist, Glocken zu tragen, ist die Angelika-Kauffmann-Halle wie geschaffen. Unter den Klängen der Lieder aus der "Schönen Müllerin" scheinen die honigfarbenen Balken noch einmal extra zu leuchten, die Töne steigen empor zu den Holzträgern, die wie überdimensionierte Kleiderbügel das Dach schultern.

Bauen ist eine ernste Sache in Vorarlberg, und es hat viele Facetten. Da ist der Architekt, der sich stets von Bauherr und Bauherrin getrennte Fragebögen ausfüllen lässt, ehe er ans Planen geht. Es gibt den Tischler, der Holz streng nach dem Mondkalender schlägt und keinen Leim und keinen Nagel für seine Verbindungen benötigt. Und schon Hauptschüler konstruieren mal im Rahmen eines Holzprojekts eine Kartoffelschleuder, die so perfekt funktioniert, dass die Polizei sich gezwungen sieht, sie um des nachbarlichen Friedens willen stillzulegen.

Österreich - Vorarlberg - Ausstellung Bregenzerwälder Handwerker im Werkraum Depot in Schwarzenberg

Ausstellung Bregenzerwälder Handwerker im Werkraum Depot in Schwarzenberg

Architektur ist zum Streitgegenstand geworden, im Fernsehen wie in Wohnzimmern, und das ist der eigentliche Erfolg der letzten 30 Jahre Baugeschichte, findet der junge Architekt und Tischler Martin Bereuter. Heute, meint er, habe sich in der Szene eine "starke Selbstgefälligkeit" breitgemacht. "Die Qualität ist hoch. Aber richtig Spannendes habe ich in den letzten fünf Jahren nicht mehr gefunden."

Reisende aber entdecken immer noch jede Menge ungewöhnlicher Bauten. So hat der Verbund "Käsestraße" in Lingenau vor vier Jahren einen 70 Meter langen und sieben Meter hohen Betonriegel in den Berg geschoben, einen High-Tech Bunker für ein ehrwürdiges Produkt. Hinter einer Glaswand reifen im "Käsekeller" um die 30 000 Laib Bergkäse aus kleinen Sennereien heran und werden täglich von Robotern mit Salzlake bespritzt und gebürstet.

Österreich - Vorarlberg - Käsekeller in Lingenau

"Käsekeller" in Lingenau

Auch Ingo Metzler hat sich in Egg ein mehr als ungewöhnliches Ensemble aus drei hintereinander gestaffelten Beton- und Glaswürfeln hingestellt. "Ich verstehe nichts von Architektur", sagt der schlitzohrige Bauer freimütig. "Mir gefällt es - aber wichtiger ist, dass darüber geredet wird." In dem futuristischen Gebäude verarbeitet er Kuh- und Ziegenmolke zu Handcremes, Kurbädern und Seife. "Im Dorf meinen sie natürlich, wir haben einen Vogel. Aber eine Architekturausstellung in Paris hat mir nicht nur Beifall, sondern auch jede Menge französischer Kunden gebracht."

Und natürlich spielt Architektur auch in der Gastronomie eine wichtige Rolle. In der weißgescheuerten Tischplatte des Adler in Schwarzenberg hat ein Peter Feurstein sich schon 1918 verewigt. Der Umbau der Gaststube dagegen liegt erst ein paar Jahre zurück. Jetzt packt Engelbert Kaufmann, gastronomisch mit zwei Hauben geadelt, unter der schnörkellosen Kassettendecke aus hellem Holz ein Steinpilz-Sülzle in den Polenta-Mantel, gibt Schupfnudeln zur Flugentenbrust, gratiniert die Kalbsküttele mit Bergkäse, und schafft so auf dem Teller, was den Tischlern rundum gelungen ist: Tradition und Moderne stilsicher zu vereinen.

Österreich - Vorarlberg - Steinpilzsülze im Polentamantel

Engelbert Kaufmanns Steinpilzsülze im Polentamantel

Ganz in heimischer Weißtanne haben auch die Moosbruggers ihren Schwanen in Bizau ausgebaut und servieren darin Küche nach Art der Hildegard von Bingen. Die Benediktinerin setzt sich im 11. Jh. mit der Wirkung verschiedener Lebensmittel auf den Körper auseinander und entwickelte eine eigene Ernährungslehre. So erhält der Gast nun ein "Selleriecarpaccio auf Walnusspesto mit caramelisierten Bizauer Birnen" und erfährt dazu: "Der Sellerie ist warm. Er enthält viel Saft. Roh gegessen ist er für den Menschen nicht geeignet, weil er üble Säfte in ihm bereitet." Das alles kommt wenig missionarisch daher, eher beiläufig, und wer eben ein Wienerschnitzel von dem von Frau von Bingen nicht gerade geschätzten Schwein verspeisen möchte, bekommt dies gleichermaßen serviert.

Österreich - Vorarlberg - Antonia Moosbruggers Kalbsleberle an Röschti

Antonia Moosbruggers Kalbsleberle an Röschti

Und die Umgebung? Die Ahornstühle, die Bänke mit den leicht gewölbten Lehnen, die viereckigen Holzsäulen, die Lichtspots in der weißen Holzdecke? "Ulme und Weißtanne sind das Holz, mit dem wir uns laut Hildegard von Bingen umgeben sollen. Aber deswegen haben wir nicht so gebaut. Sondern einfach, weil es schön ist. Und weil das Auge schließlich auch Hunger hat."

 

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