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Mit der Natur per Du

Entspannung und Gesundheit auf den Vitalhöfen in Tirol

Text und Fotos: Beate Schümann

Österreich Tirol Pferdestall

Eine Kapsel für den Muskelaufbau, ein Pülverchen gegen Falten, eine Pille für die Libido, ein Schlückchen fürs Herz, Gesundheit und Schönheit aus der Konserve - alles Unsinn? Anna Schöpf, von Beruf Vitalbäuerin, greift da zu ganz anderen Methoden. Lebensfreude, Energie und Vitalität stellen sich auch nicht auf der Massagebank, im Kosmetiksalon oder in anderen geschlossenen Räumen ein. Wer langfristig etwas für sich tun will, davon ist sie überzeugt, braucht die Natur: „Das beste Fitnessstudio ist der Berghang vor der Haustür.“

Anna und Basilius Schöpf betreiben auf dem Vitalhof „Tischlars“ im Tiroler Ötztal biologisch kontrollierte Landwirtschaft. Sie haben Haflinger, Kühe, Schweine und Hühner, von denen ihre Feriengäste auf Wunsch Milch, Schinken und frische Eier bekommen, und einen Kräutergarten mit Ringelblumen, Johanniskraut und Lavendel.

Österreich Tirol Bauernhof

Auf dem Gäste-Kopfkissen liegt ein Dinkelkissen gegen Verspannungen, die Bettdecke ist mit Schafwolle gefüllt. An der Teebar kann sich jeder nach Lust und Laune mit Kräutertees versorgen. Basilius unternimmt „Sinneswanderungen“, bei denen er im Wald Ohren und Augen, Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn der naturentfernten Städter schärfen will. Zur Stärkung gibt es nach Großmutters Rezept selbst gebackenes Brot.

Die Kräutergarde marschiert

Österreich Tirol Vitalbauern

„Die Natur bietet uns so viel, dass der Mensch eigentlich keine speziellen Einrichtungen braucht“, meint auch Vitalbäuerin Rosmarie Leiter, die den „Veitenhof“ mit ihrem Mann Gustl in der neunzehnten Generation bewirtschaftet. Man müsse nur genau hinschauen. Als Bäuerin, Wirtin und Gastronomin hat sie ein knochenhartes Arbeitsleben. Doch wenn sie von der Natur spricht, leuchten ihre Augen. Sie fühlt sich in den natürlichen Kreislauf der Natur eingebunden: „Im Kontakt mit Bäumen, Blumen und Tieren stellt man schnell fest, wie wenig wir brauchen, um zufrieden und ausgeruht zu sein.“ Selbst echte Stadtkinder merken an Bächen und in Ställen plötzlich, dass Gameboy und Videos unwichtig sind.

Ist das Wohlbefinden einmal aus dem Gleichgewicht geraten, marschiert bei Anna und Rosmarie die Kräutergarde auf. Wie die beiden bewahren viele Bauernhöfe noch wertvolles Wissen rund um Vitalität und Gesundheit aus den Kräften der Natur, das oft in Vergessenheit geraten ist. Um es wieder nutzbar zu machen, entstand 1998 das von der Europäischen Union geförderte Projekt der „Vitalhöfe“. Die Voralpenländer Tirol und Oberbayern schlossen sich zusammen und legten Kriterien fest. „Mit der Natur per Du“ heißt das Motto, unter dem das seit Bauerngenerationen überlieferte Wissen von Lebensweisheiten und Hausmittelchen an Bauernhof-Urlauber weitergegeben werden soll.

Österreich Tirol Pony

Zwei Jahre wurden die angehenden Vitalbäuerinnen in Seminaren geschult. Auf dem Lehrplan standen gesunde Ernährung, die Anlage natürlicher Kureinrichtungen, die Lebensweisheiten von Pfarrer Kneipp und Hildegard von Bingen, Homöopathie, Bach-Blütenkunde, Aromatherapie und autogenes Training. Danach hielten einundzwanzig Frauen das Zertifikat der staatlich anerkannten Vitalbäuerin in der Hand, darunter sieben aus Tirol, vierzehn aus Oberbayern.

Ganz ohne Chemie

Die sonnengelbe Ringelblume, die zu den bekanntesten Heilpflanzen zählt, wurde zu ihrem Symbol. Anstelle von Sternen sind die Vitalhöfe je nach Komfort und Angebot mit drei bis fünf Ringelblumen gekennzeichnet. Sie stehen für einen natürlich geführten Bauernhof, die Verwendung von natürlichen Materialien wie Holz, Leinen, Baumwolle und Wolle im Wohnbereich, eine breite Palette biologisch erzeugter Nahrungsmittel sowie sportliche Aktivitäten.

Österreich Tirol Ringelblume

Zusätzliche Angebote wechseln von Vitalhof zu Vitalhof, etwa Übernachtungen im Heu, Kräuterwanderungen. Andere besitzen eine Sauna oder Kneippanlage. Viele haben einen Massageweg angelegt, der mit Bachkieseln, Tannenzapfen oder Holzspänen „gepflastert“ ist.

Österreich Tirol Bett im Heu

„Der Mensch hat verlernt, auf sich zu schauen“, meint Christa Sponring, die Sprecherin der Vitalbäuerinnen Tirols. Wer morgens von der Wohnung in die Tiefgarage ins Büro fährt und abends vom Büro in die Tiefgarage der Wohnung zurückkehrt, könne den Geruch von Kartoffelfeldern oder Kräuterwiesen nicht mehr wahrnehmen. Dabei sind die Mittel zur Entspannung sind so einfach: Tautreten im Gras am frühen Morgen, heiß und kalt duschen, genügend Obst essen oder mit Molke kuren, die bei äußerlicher Anwendung gegen Hautentzündungen wirkt und nebenbei die Haut weich und geschmeidig macht. Ganz ohne Chemie und ohne hohe Kosten für Portemonnaie und Umwelt.

Die „Kräuterweiber“ wissen Bescheid

Obwohl die Vitalbäuerinnen in erster Linie auf Bewegung in frischer Luft, gesunde Ernährung und Zeit zum Innehalten setzen, vermitteln sie auch Fachleute, etwa für Fußzonenreflexmassage oder Akupunktur oder Fasten unter ärztlicher Kontrolle. „Wir sperren uns nicht gegen Neues, wenn es in das natürliche Konzept passt.“ Als Missionarinnen verstehen sie sich nicht. „Wir haben ein Angebot und geben Anstöße“, so Christa Sponring. „Es ist kein Pflichtprogramm.“

Mit Kräutern kennen sich die Vitalbäuerinnen bestens aus. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebten viele Bergbauern abgeschnitten von der städtischen Zivilisation. Für den Hausgebrauch musste sich jeder selbst zu helfen wissen. Wer auf der Alm erkrankte oder verunglückte, musste zu Fuß zum Arzt im Tal. Das konnte Stunden dauern. Da wendeten sich viele lieber gleich an die „Kräuterweiber“.

Österreich Tirol Bergkräuter

Mein Wissen über Kräuter habe ich von meiner Mutter“, erklärt Christa Sponring. Ihr Hof lag weit ab vom Schuss. Wenn eines der Kinder krank war, machte sie Kräutertees, bei Schürfwunden legte sie Arnikablätter auf. „Mit dem Vater habe ich blauen Lehm gesucht. Er wusste genau, wo man ihn findet und verwendete ihn für Umschläge – egal ob die Kuh eine Zerrung hatte oder wir. Heute kauft man ihn teuer in der Apotheke.“

Kräuter gegen Wehwehchen

Anna Schöpf weiß, dass heißer Preiselbeersaft Fieber senken kann. Dieses Mittel habe schon ihre Mutter für sie und ihre zehn Geschwister erfolgreich eingesetzt. Nicht ganz so geschmackvoll ist Spitzwegerich-Tee, der nur mit Honig zu verkraften ist, auch wenn er Husten vertreibt. Wenn Anna für die familiäre Hausapotheke Ringelblumensalbe gegen Entzündungen, Ekzeme und Krampfadern herstellt, dürfen ihr die Gäste über die Schulter schauen.

Österreich Tirol Backofen

„Viele Gäste, aber auch die Leute aus unserem Dorf kommen mit ihren Wehwehchen zu mir“, erzählt Rosmarie stolz. Sie hat ihr Kräuterwissen von Mutter und Schwiegermutter, Frauen, die früher über die Rolle von Hausfrau und Mutter hinaus Hebammen und Helferinnen in der Not waren. Frauenmantel und Schafgarbe, klärt die Kräuterexpertin auf, helfen bei Blasen- und Harnwegserkrankungen. Wenn ihre Gäste mit Muskelkater von der Bergwanderung zurückkommen, empfiehlt sie, was schon ihre Mutter empfohlen hat: eine Creme aus Beinwellkräutern.

Österreich Tirol Brunnen

Aber Rosmarie kennt ihre Grenzen. „Eine Therapeutin bin ich natürlich nicht.“ Darauf legt die Vitalbäuerin wert. Neben einem Gesundheitstipp und dem Wetterbericht gibt die tägliche Morgenpost im Veitenhof immer einen „Gedanken zum Tag“ mit auf den Weg zu den Berghängen vor der Haustür. Einer stammt von Leo Tolstoi: „An je weniger Bedürfnisse wir uns gewöhnt haben, desto weniger Entbehrungen drohen uns.“

Reiseinformationen

Tiroler Vitalhöfe:
Christa Sponring, Ausserberg 31, A-6133 Weerberg, Tel. 0043-5224-683 53, www.tiroler-vitalhoefe.at.

Oberbayerische Vitalhöfe:

Vroni Bernlochner, Schreiern 10, 83730 Fischbachau, Tel. 08028-23 76, www.vitalhof-ev.de.

 

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