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Ja, bin ich hier in A oder D?

Ein Besuch im Tannheimer Tal

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Auf Platz drei landete das Montafon. Den zweiten Platz belegte das Ötztal. And the winner is: Das Tannheimer Tal wurde wiederholt von deutschen Wanderfreunden zur beliebtesten Region in Österreich gewählt. Unser Autor Winfried Dulisch suchte hier nach dem Fremdländischen – und fand das Vertraute.

Österreich - ZTannheimer Tal

Der Grund für die Beliebtheit des Tannheimer Tals könnte sein: Autofahrer, die auf der A 7 in Richtung Füssen die Ausfahrt 137 nach Hindelang-Oberjoch genommen haben, übersehen nach zwölf Kilometern schon mal jenes blaue Schild, das den deutsch-österreichischen Grenzübergang markiert. Keine fünf Kilometer weiter beginnt – umgeben von bis zu 2000 Meter hohen Bergen – im Nordwesten Tirols jenes 1000 Meter über dem Meeresspiegel liegende, knapp 20 Kilometer lange Hochtal.

Die Menschen in dieser Grenzregion verstehen sich nicht als Tiroler, sie fühlen sich dem Allgäu zugehörig. Für den – teilweise über Serpentinen-Straßen führenden – Weg in die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck benötigt man von Tannheim aus beinahe zwei Stunden, die Allgäu-Metropole Kempten ist nur 50 Kilometer entfernt.

Österreich - Tannheimer Tal - Heimatmuseum Tannheim-Kienzen

Herrgottswinkel im Heimatmuseum Tannheim-Kienzen

Sogar nur 30 Kilometer bis Kempten sind es von Jungholz. Dieser Teil der Gemeinde Tannheim ist der nördlichste Zipfel Tirols und vollständig von bayrischem Gebiet umgeben, nur auf der Spitze Sorgschrofen-Berges ist Jungholz mit Österreich verbunden. Wegen dieser geographischen Besonderheit hatte der Ort einst eine deutsche und eine österreichische Telefon-Vorwahlnummer, bis die EU-Beamten diesen Zwitterstatus beendeten. Aber die beiden Postleitzahlen A-6691 und D-87491 sind immer noch gültig. Außerdem residieren in diesem 300-Seelen-Dorf drei Banken, die mit ihren geschätzten acht Milliarden Euro Jahresumsatz von den Besonderheiten profitieren, welche diese österreichische Enklave dem Steuerflüchtling bietet. Jungholzer Hoteliers werben offen mit diesem Standortvorteil, ohne dabei das Wort „Schwarzgeld“ zu benutzen.

Kein roter Bulle …

Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Übernachtungsgäste oft gegen drei Uhr morgens anreisen, eine Mütze Schlaf nehmen, sofort nach Schalteröffnung den Banker ihres Vertrauens konsultieren - und anschließend wieder zurück in das Hoheitsgebiet des deutschen Bundesfinanzministers fahren. Für die Schönheiten der Bergwiesen-Landschaft und für Gourmet-Spezialitäten nimmt sich diese Klientel kaum Zeit, hier können Beherbergungsbetriebe den schnellen Euro machen.

Österreich - Tannheimer Tal - Hochzeitszimmer im Jungholzer Alpenhof

Das weiße Hochzeitszimmer im Jungholzer Alpenhof

Andreas Jäger pflegt in seinem Landhotel Alpenhof trotzdem – oder gerade deswegen – alte Tugenden. Zu seinem Betrieb gehört ein Allgäuer Kräutergarten (wie gesagt: Allgäuer – nicht Tiroler), die Speisekarte strotzt vor regionalen Spezialitäten. Und er verweist darauf: „Mein Restaurant ist ein RedBull-freies Haus in einer MacDonalds-freien Zone“.  Außerdem kann sich im Alpenhof jeder Hotelgast ein Zimmer in seiner Lieblingsfarbe aussuchen. Für Hochzeitspaare stehen sogar zwei zur Auswahl – ein rotes und ein weißes Brautgemach.        

… aber wahlweise fünf Kühe oder fünf Sterne

Während sich Jungholz als diskrete Anlaufstelle für Nobelkarossen-Fahrer empfiehlt, spricht der touristische Kernbereich der Gemeinde Tannheim eine völlig andere Zielgruppe an – Familien mit Kindern, die hier wandern, radeln oder sich sonst wie an der frischen Luft bewegen wollen. Die Tannheimer Tal-Bewohnern stellten sich immer schon auf die Bedürfnisse dieser Touristen aus Deutschland ein – und zwar auf sämtliche Bedürfnisse. Die Auswahl der Beherbergungsbetriebe reicht hier vom Bauernhof mit fünf Kühen im Stall bis zum Fünf-Sterne-Komforthotel. Auf 2.800 Einheimische kommen 7000 Gästebetten. Camping- und Caravan-Freunde sind im Tannheimer Tal ebenfalls willkommen.

Österreich - Blick von der Liftstation Jochstadl hinunter ins Tannheimer Tal

Blick von der Liftstation Jochstadl hinunter ins Tannheimer Tal

Die Saison dauert hier zwölf Monate. Im Winter kommen die Skilangläufer und schwärmen von den insgesamt 140 Kilometer langen Loipen, die das Tannheimer Tal jedes Jahr bietet. Außerdem fühlen sich dann hier jene Wanderer wohl, die auch mal gerne durch den Schnee stapfen. In den warmen Monaten sind das Tal und die Berge rund um Tannheim nicht nur bei den Fußwanderern beliebt.

Denn hier ist auch ein ideales Terrain für Pedaleure. Das reicht vom gemütlichen Radwander-Weg entlang dem relativ wilden Flüsschen Vils - bis hin zum sportlich überaus anspruchsvollen Mountainbike-Trail, auf dem auch schon mal Profis und Olympioniken ihre Trainings-Einheiten absolvieren.

Österreich - Tannheimer Tal

Hubert Schedle macht Fahrräder fit für die Berge

Egal ob Profis oder Amateure – viele Feriengäste starten ihren Tannheim-Aufenthalt bei dem  Fahrrad-Mechaniker Hubert Schedle. Er hat sich darauf spezialisiert, die mitgebrachten Flachland-Fahrräder der Tal-Besucher bergtauglich zu machen. Außerdem werden seine Dienste von Familien geschätzt, auf Wunsch passt er den um ein paar Zentimeter gewachsenen Kids jedes Jahr ein neues Leihfahrrad an. Inzwischen fragen manche  Tannheimer Tal-Gäste vor ihrem Besuch bereits an, ob die Hotel-eigenen Fahrräder von Hubert Schedle gewartet werden.

Von Huberts Werkstatt in Schattwald führt ein bestens asphaltierter Radweg entlang der Vils nach Tannheim-Kienzen zu jenem alten Bauernhaus, das heute ein Heimatmuseum beherbergt. Helena Bernhard weiß, wovon sie redet, wenn sie den Museumsbesuchern vom harten Leben ihrer Vorfahren in dieser einstmals Welt-abgeschiedenen Region erzählt. Als ideale Sommerfrische und Wintersport-Adresse für Kurzurlauber aus München oder Stuttgart schöpften die Hochtal-Bewohner in den 1920er Jahren große Hoffnungen – die dann 1933 zerstört wurden: Nazi-Deutschland bürdete Auslandsreisenden hohe Gebühren auf und machte jeden Kurztrip nach Österreich zum unerschwinglichen Luxus.

Achtung – pickerlfrei!

Dagegen ist jene Autobahn-Vignette, die der kluge Österreich-Reisende bereits vor Antritt seiner Fahrt in Deutschland kauft, nicht der Rede wert. Trotzdem weisen die Mitarbeiter der Touristen-Infostellen in Tannheim, Jungholz, Schwattwald, Zöblen, Grän und Nesselwängle ihre Gäste immer wieder genüsslich darauf hin: „Im Tannheimer Tal brauchen Sie kein Pickerl an Ihre Windschutzscheibe zu kleben.“ Denn hier gibt es weit und breit keine einzige mautpflichtige Straße, auf die sich der ortsfremde Autofahrer unabsichtlich verirren könnte.

Österreich - Tourismus-Reliquien im Heimatmuseum Tannheim-Kienzen

Tourismus-Reliquien im Heimatmuseum Tannheim-Kienzen: Fahrräder und alte Skibretter

Dieses Fehlen von Autobahnen bringt eine spürbare – und vor allem: hörbare – Ruhe in das Tannheimer Tal. Hier ist also ein idealer Ort, um das 300 Kilometer lang Netz der Wanderwege zu nutzen – vom gemütlichen Flanieren entlang eines murmelnden Bachs bis hin zum Wandern in 2000 Meter Höhe, von wo aus man die Zugspitze und andere deutsche Größen sehen kann. And the winner is: der Feriengast.

 

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