Reisemagazin schwarzaufweiss

Das Pitztal und seine Zirben

Wo ein Öl für guten Schlaf sorgt

Text und Fotos: Axel Scheibe

Mit dem höchsten Berg Nordtirols und dem Gletscherskigebiet auf über 3.500 m hat sich das Pitztal den Namen als „Dach Tirols“ sicher redlich verdient. Und so ist es kein Wunder, dass es viele der Touristen aus nah und fern auf kürzestem Weg nach Mittelberg zieht, von wo sie der Gletscherexpress bis zum Mittagskogel oder gar über das Geltschergebiet bis nach ganz oben, zur Bergstation am Fuße der Wildspitze transportiert.

Österreich  - Pitztal - Blicke auf Jerzens am Fuße des Hochzeigers

Blick auf Jerzens am Fuße des Hochzeigers

Für die meisten ist dort, auf 3.440 m Schluss. Nur wenige wollen und können sich auf den Weg zur Wildspitze machen, die mit ihren 3.774 einen fantastischen Blick über die Alpen bereit hält. Aber das muss auch nicht sein. Bereits dort, wo die Wildspitzbahn „aufgibt“, entschädigt der Blick für den „Kräfte zehrenden“ Aufstieg. (Den geübte Gebirgswanderer auch im wahrsten Sinne des Wortes ersteigen können.)

So reizvoll all das ist und so verständlich besonders der Drang der Pistenfreaks nach oben auf den Gletscher ist, das Herz des Tals schlägt auch in tieferen Regionen. Nämlich dort, wo zwischen 1.400 und 2.500 m die Zirbe zu hause ist. Der von vielen nur am Rande wahr genommene Baum, der sich den Lebensraum zum Teil mit Krüppelkiefern teilt, birgt ein großes Geheimnis. Sepp Reinstadler, Zirbenpionier und wesentlich verantwortlich für die große Rolle, die die Zirbe mittlerweile im Pitztal spielt, kann stundenlang darüber reden. „Es sind ganz besondere ätherische Öle, die der Baum produziert“, so Reinstadler, „die sorgen dafür, dass unser Herz zwar für die Zirbe schlägt, durch diese aber langsam. Wissenschaftler haben errechnet, dass Menschen, die in einem Zirbenholz-Schlafsystem ruhen, täglich bis zu 3.500 Herzschläge sparen. Die Schlafqualität verbessert sich merklich.“ Ein Plus, das schon die Altvorderen, wenn auch unbewusst, genossen. In vielen der alten Häuser spielt das Zirbenholz eine große Rolle. Und seine Renaissance hat bewirkt, dass heute wieder so manches Hotel damit wirbt, dass man sein Haupt in Zirbenholzzimmern niederlegen kann. Auch wer sich im Tal ganz privat ein neues Haus baut, greift besonders für die Schlafräume, gern auf das Zirbenholz zurück. Und, auch das sei nicht vergessen, eine schön gewachsene, alte Zirbe hat auch unbestritten ihren optischen Reiz.

Österreich - Pitztal - Im Sägewerk bei Sepp Reinstadler

Im Sägewerk bei Sepp Reinstadler

Sepp Reinstadler hat sich in seinem Sägewerk ganz der Zirbe verschrieben. Dabei gelingt es ihm in einem recht aufwändigen Prozess, dem Holz sein gesundes Geheimnis zu entreißen. Läuft seine Apparatur, die ein wenig an eine Brennblase erinnert, aber mit heißem Dampf arbeitet, fällt Tropfen für Tropfen des kostbaren Zirbenöls in den Sammelbehälter. Der Geruch ist betörend, die Wirkung des in Miniflaschen verkauften Öles potenziert den des Holzes. Dazu gibt es dann die echten Pitztaler Zirbenkissen. Einer optimale Nachtruhe steht damit nichts mehr im Weg. Aber bei Sepp Reinstadler gibt es noch mehr rund um die Zirbe. Manch kleines oder auch größeres Souvenir schneiden er und seine Männer aus den Stämmen. An gesunden Mitbringseln für die Lieben zu hause mangelt es also nicht im Tal. Dazu gehört der Zirbenlikör, der, unter anderem, auch bei Sepp Reinstadler in die Flasche kommt.

Österreich - Pitztal - Im Zirbenpark kann  man ich auch ein Bild davon machen, wie langsam die Zirbe wächst

Im Zirbenpark kann man ich auch ein Bild davon machen, wie langsam die Zirbe wächst

Doch es ist nicht nur Sepp Reinstadler, der sich ganz der Zirbe widmet. Auch der Chef der Hochzeiger Bergbahnen hat das Potential des Baumes erkannt, gemeinsam mit seinen Kollegen richtig Geld in die Hand genommen und an der Mittelstation der Hochzeiger Bergbahn eine wahres Zirbenparadies aus dem Boden gestampft. Im 2015 neu eröffneten ZirbenPark können sich große und besonders auch kleine Besucher auf die Spuren der „Königin der Alpen“ begeben.

Zwar ist der Rundweg nur einen guten Kilometer lang, doch an zahlreichen Stationen gibt es viel zu erleben und so ganz nebenbei auch eine Menge zu lernen über den Baum, der im Durchschnitt zwischen 200 und 400 Jahre alt wird. In der kleinen Zirbenbaumschule sieht man, wie lange die Pflänzchen brauchen, um ein Baum zu werden. Beim Zirbensprung ins frische Heu ist Spaß ebenso vorprogrammiert wie in der 16 m langen Röhrenrutsche, die von der Aussichtsplattform des Zirbenzapfenturms hinunter führt.

Österreich - Pitztal - Impression von der Zirbenerlebniswelt

Zirbenzapfenturm mit Aussichtsplattform und Rutsche

Apropos hinunter führt. An der Bergstation der Hochzeigerbahn, unweit des Sechszeigers, beginnt für all jene, die lieber ab- als aufsteigen, ein gemütlicher, gut ausgeschilderter Wanderweg über 1.000 Höhenmeter hinab nach Jerzens. Sein großes Plus, das Mittelstück, der Zirbensteig, führt durch einen der schönsten Zirbenwälder der Alpen. Auf halber Höhe lohnt dabei eine kleiner Schwenk zur Kalbenalm. Nicht nur, das man hier bei einer zünftigen Brotzeit Kraft für den weiteren Weg tanken kann. Auch hier kommt man um die Zirbe nicht herum. Bei einem Zirbenschnaps kann man zahlreiche geschnitzte Meisterwerke bewundern, die Almhirte Klaus Schrott in seiner Freizeit dem Zirbenholz entlockt. Dabei hat es ihm der Herrscher der Lüfte, der Steinadler, ganz besonders angetan, doch auch andere Motive unterstreichen seine Meisterschaft beim Umgang mit dem Schnitzmesser. Wobei sich die Zirbe ähnlich der Buche zum Schnitzen ganz besonders gut eignet, wie er unterstreicht.

Österreich - Pitztal - Hier stehen viele der kleinen Kunstwerke, die Almhirte Klaus Schrott aus Zirbenholz zaubert

Hier stehen viele der kleinen Kunstwerke, die Almhirte Klaus Schrott aus Zirbenholz zaubert

In Jerzens wartet eine kleine, aber feine Ausstellung, die, wir sollte es anders sein, im Zeichen der Zirbe steht. Auch abseits der Ausstellung trifft man im Ort auf „Zirbisches“. Weniger mit den Zirben, dafür aber mit dem leiblichen Wohl hat das zu tun, was die Frauen des örtlichen Tourismusbüros Woche für Woche zelebrieren. Da wird schon früh am Morgen der Backofen mit mächtigen Holzscheiten auf die richtige Temperatur gebracht und dann am Nachmittag verlassen ihn leckere Brote, auf die Touristen und Einheimische gleichermaßen mit viel Appetit warten. Zusätzlich gibt es, besonders für Süßmäuler, Bauernkrapfen aus dem Ölbad. Wer will und vielleicht gleich den Kalorien ans Leder möchte, kann dann von hier eine kleine Wanderung zum Stuibenfall anschließen.

Österreich - Jerzens im Pitztal Tirol - Brot wird gebacken

Frisches Brot direkt aus dem Ofen

Erneut ganz in die Natur entführt ein Abstecher ins Naturparkhaus Kaunergrat. Im und rings ums Haus steht das Erlebnis Fauna und Flora im Mittelpunkt. Dabei hat man ebenfalls gleichermaßen an kleine und größere Besucher gedacht. Kinder und Eltern können gleichermaßen mit viel Spaß an der Sache so manch Interessantes entdecken. Unweit davon lädt das Piller Moor in eine ganz andere, in eine recht herbe Welt ein. Das sogar rollstuhlgerecht. Gut befahrbare Stege aus Lärchenholz führen auf 700 m durch das einzigartige Biotop. Rund 150 Blütenpflanzen und Moose gedeihen hier, wo die letzte Eiszeit ihre Spuren hinterließ.

Österreich - Pitztal - Kaunergrat - In der Ausstellung des Naturparkhauses

In der Ausstellung des Naturparkhauses

Für all jene, die nach Produkten aus der Region suchen, ist „Ander´s Hofladen“ im kleinen Dörfchen Wald am Taleingang die richtige Adresse. Karoline und Johannes Gabl betreiben dort einen Hof aus dem 18. Jahrhundert, in dem auch eine Brennerei ihren Platz gefunden hat. Schon der Großvater brannte aus dem heimischen Obst leckere Schnäpse. Die jungen Leute führen diese Tradition fort. Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Himbeeren… Das Obstangebot ist reichlich. In dieser Region wächst es ganz besonders gut. Nicht alles wird „verbrannt“. Moste und Marmelade ergänzen das Angebot ebenso wie frische Milchprodukte, Käse und Bauernspeck. Das meiste, was über den Ladentisch geht, stammt aus eigener Produktion. Für Gruppen ab 20 Personen öffnet auch der Hofschank unter einer großen Weinrebe.

Reiseinformationen

Allgemeine Informationen zur Region inklusive interessanter Broschüren und Übernachtungsverzeichnisse erhält man beim
Tourismusverband Pitztal
A-6473 Wenns/Pitztal
Tel.: 0043/5414/86999
www.pitztal.com

Anreise über München weiter auf der A8 bis Dreieck Inntal von dort auf der A12 in Richtung Innsbruck, weiter auf der A12 Richtung Imst. Dort die Abfahrt in Richtung Pitztal nutzen. Alternativ bietet sich auch die Anreise über die A7 Richtung Füssen an. Von dort auf der B179 über den Fernpass Richtung Imst und weiter ins Pitztal. Auf diesem Weg kann man sich auch das „Pickerl“ für Österreich sparen.

In den Gemeinden des Pitztals warten zahlreiche gute Hotels und gemütliche Pensionen. So unter anderem, ganz speziell auch für Familien, das Familienhotel Sailer in Wenns, (www.sailer-und-stefan.at). Eine Topadresse in Jerzens ist der Jerzener Hof. (www.jerzenerhof.at)

 

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