Hilfe, die Perchten kommen!

Volksbräuche um die Weihnachtszeit im Salzburger Land
Text und Fotos: Uwe Lexow
Ohrenbetäubender Lärm dringt von draußen herein, finstere Gestalten in stinkenden Fellen und Furcht erregenden Masken stürmen unter Schellengeläut und Peitschenknallen heran, und der Dorfplatz versinkt im Chaos: Die Mädchen kreischen und versuchen wie auch die Kinder vergeblich vor den monsterhaften Wesen im Schein der Fackeln zu fliehen. Unbarmherzig schlagen die finsteren Gestalten mit Pferdeschweifen um sich. - Die Perchten sind da!
Eine Szene aus einem Horrorfilm? Nein, wir sind im Salzburger Land, wo uraltes Brauchtum um die Weihnachts- und Silvesterzeit noch lebendig ist, und was da so finster aussieht, ist ein Perchtenlauf, eine volkstümliche Darstellung der „Wilden Jagd Odins“. Natürlich hat der Auftritt der Perchten auch folkloristischen Charakter, aber das Perchtenlaufen einfach in die Schublade für „touristische Show“ zu packen, wird der Sache und der Tradition nicht gerecht.

Schon seit Menschengedenken kam der Zeit zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar im Glauben der Menschen eine besondere Bedeutung zu: Am 21. Dezember beginnen die „Raunächte“, auch „Rauchnächte“ genannt. Mit ihnen beginnt die geheimnisvollste Zeit des Jahres. In vielen Kulturen kennzeichnen die 12 Tage vor und nach Neujahr einen entscheidenden Höhepunkt des gemeinschaftlichen Lebens. Zu dieser Zeit suchen die Seelen der Toten die Lebenden auf, findet eine Initiation der Heranwachsenden statt und haben die finsteren Mächte nach uralten Überlieferungen große Gewalt. Die Raunächte sind eine Zeit der Wiederkehr der Seelen und das Erscheinens von Geistern.

Odin und seinem Heer werden Opfergaben dargebracht. Auch für Frau Holle und die Ahnengeister werden oft bis zum Ende der Julzeit Opfergaben bereit gestellt: Als überlieferte Speisen galten Brot, Gebäck, Kuchen, Schweinefleisch, Grütze, Fischrogen und Mohn. Alle Reste des Julessens wurden im übrigen, so die Überlieferung, nach den Raunächten unter die Obstbäume gelegt, damit diese im neuen Jahr reichlich Früchte tragen sollten.
Orakel um Mitternacht
Das „Wilde Heer“ tobt durch die Nacht, angeführt von Frau Holle und Wotan (Odin), das jeden mitreißt, der sich ihnen in den Weg stellt. Orakel erlauben einen Blick in die Zukunft. Druden Hexen und Kobolde lassen sich gerne in Unrat und Unordnung nieder. Um sie zu bekämpfen und unschädlich zu machen, nimmt der Hausvater die Räucherpfanne mit heller Glut und viel Weihrauch (früher Kräuter und Zweige) und geht Weihwasser sprengend durch Haus, Stall und Hof. Auf diese Weise sollen Mensch, Vieh und Hab und Gut vor dem Einfluss der Dunkelheit geschützt werden. Die Raunächte verkörpern den Übergang von Chaos in Ordnung.

Bei den Kelten und Germanen war der Zeitraum um Neujahr herum zugleich die Zeit der „Losnächte“. Um die Zukunft vorauszusagen, ging man um Mitternacht in den Raunächten schweigend zu einer Wegkreuzung und lauschte („loste“, daher Losnächte ) auf Zeichen, die sowohl das Wetter als auch Ereignisse deuten ließen. So stand für jeden Monat eine Nacht. Auch dem Sonnenschein am Folgetag wurde eine orakelhafte Bedeutung zugemessen: So bedeutete Sonnenschein am 1. Lostag ( 26.12.) ein glückliches, neues Jahr, stand Sonnenschein am 2. Lostag für ins Haus stehende Preiserhöhungen, und Sonne am 5. Lostag ließ auf eine gute Obsternte hoffen.

In den Alpenländern hat sich die Tradition der „Perchtenläufe“ über Jahrhunderte erhalten. Am Vorabend des „Öberschten“ (6. Januar) zogen die schiachen Perchten durch Dorf und Flur. Ursprünglich handelte es sich dabei um 12 Burschen, die in dunkle Felle und Vermummungen gekleidet waren und altüberlieferte, kunstvoll geschnitzte Holzmasken trugen. Ihnen folgte im Licht von Fackeln meist eine Anzahl vermummter Gestalten mit Trommeln und Kuhglocken. Offensichtlich versinnbildlichte das Perchtenlaufen das ewige Naturgeschehen der Ablösung des alten Jahres durch das neue.
Die Percht als weibliche Masken- und Sagengestalt galt im alpenländischen
Gebiet und Süddeutschland als Schicksalsfrau und war fester Bestandteil
der „wilden Jagd“ Odins. Sie übte soziale Kontrolle aus
und strafte. In dieser Funktion erscheint die Percht bereits in der Antike.
Mit der Christianisierung im Mittelalter wurde die Percht zunehmend zur
Gestalt der „domina Berchta“, einer Personifizierung von Trägheit
und Verschwendungssucht. Vom 16. Jahrhundert an wurde ihr Name auf die
sie begleitenden Teufelsgestalten übertragen, deren wildes Treiben
die Kirchen im 17. und 18. Jahrhundert als unchristlichen Aberglaube zu
unterbinden suchten.
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