Reisemagazin schwarzaufweiss

Die nördliche Wachau

Mit dem Fahrrad durch eine Kultur-Landschaft

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Österreich - nördliche Wachau

Wein, Weib und Gesang prägten das nostalgische Image der Wachau. Aber dieses Donau-Durchbruchtal eine Autostunde westlich vor Wien kann auch anders. Unser Autor Winfried Dulisch radelte am Nordufer der Donau entlang.

Als Bild von einem Weib brannte sich die Kaiserin Elisabeth – zur „Sissi“ verniedlicht von Romy Schneider – in den 1950er Jahren in das Bewusstsein der Österreich-Fans ein. Vor allem diese Szene rührt immer wieder zu Tränen der Rührung und Freude: Die junge Braut fährt aufrecht in einem Kahn stehend von Bayern nach Wien – vorbei an romantischen Burgen und freundlich winkenden Untertanen.

Österreich - nördliche Wachau - Kaiserin Elisabeth alias Sissi

Kaiserin Elisabeth alias Sissi

Zahlreiche Agfacolor-bunte Herz-Schmerz-Spielfilme machten das kitschige Wachau-Trugbild endgültig komplett. Aber zum Glück wurde dieses Fleckchen Erde im Jahr 2000 rehabilitiert: Die UNESCO nahm die Wachau in ihre Liste der schützenswerten Kulturlandschaften auf. Da stört es nun überhaupt nicht mehr, wenn aus den Lautsprechern der Ausflugdampfer immer noch dieser Schlager-Refrain ertönt: „Mariandl-andl-andl aus dem Wachauer Landl-landl“.

Für die Pop-Generation strickte der Musical-Komponist Tim Rice („Evita“, „Jesus Christ Superstar“) weiter an einer Wachauer Sänger-Legende, deren Wahrheitsgehalt kein englischer Reiseunternehmer anzweifeln mag. 1983 war Premiere des Rice-Bühnenwerks „Blondel“. Die Titelfigur ist jener Troubadour, der von 1192 bis 1194 in Europa von Burg zu Burg gewandert sein soll, um den gefangen gehaltenen König Richard Löwenherz zu finden.

Österreich - nördliche Wachau - Burgruine Dürnstein

Burgruine Dürnstein

Blondel soll seinen königlichen Freund aufgespürt haben in Dürnstein. Deshalb pilgern heute die Blondel-Fans durch die Weingärten hinauf zur dortigen Burgruine – und durch mittelalterlich enge Gassen wieder hinunter zur hellblauen Barockkirche, die eines der meistfotografierten Motive in Österreich ist.

Österreich - nördliche Wachau - Der blaue Turm der Stiftskirche: Dieses architektonische Symbol der Wachau überragt alle Gebäude in den Gassen von Dürnstein

Der blaue Turm der Stiftskirche: Dieses architektonische Symbol der Wachau überragt alle Gebäude in den Gassen von Dürnstein

Liebhaber von klassischer Musik könnten ein paar Kilometer weiter donauabwärts auf den Spuren von Ludwig Alois Ferdinand Ritter von Köchel (1800-77) wandeln, der in Krems geboren wurde. An seinem Geburtshaus – leicht zu finden, einfach nach dem Ludwig-Von-Köchel-Platz fragen – hängt eine Gedenktafel, die an den Mozartforscher erinnert. Aber nicht einmal im Mozartjahr 2006 schlachteten die Kremser das Andenken jenes Mannes aus, der das kompositorische Schaffen eines Wolfgang Amadeus Mozart katalogisierte in seinem Köchel Verzeichnis.

Stattdessen mausert sich die 995 urkundlich erstmals erwähnte Wachau-Metropole zu einer Pilgerstätte für die Freunde – und natürlich auch für die Feinde – der Karikaturisten Gustav Peichl (Pseudonym: „Ironimus“) und Manfred Deix. Das Karikaturmuseum in Krems wurde nach Peichls Plänen gebaut und 2001 eröffnet. Seitdem ist hier die größte Sammlung von Deix-Cartoons zu sehen. In Sonderausstellungen präsentiert das Karikaturmuseum Originalgrafiken der Sparten Bildsatire und Humorzeichnung des 20. Jahrhunderts aus aller Welt.

Österreich - nördliche Wachau - Vor dem Karikatur-Museum in Krems: Skulptur nach einer Vorlage vom Star-Karikaturisten Manfred Deix

Vor dem Karikatur-Museum in Krems: Skulptur nach einer Vorlage vom Star-Karikaturisten Manfred Deix

Schräg gegenüber vom Karikaturmuseum steht die Kunsthalle. Dieses Gebäude erhebt Krems endgültig in den Rang einer Kunst-Metropole. Sogar ohne Exponate an den Wänden wäre das vom Licht durchflutete Haus einen Besuch wert. Aber mit jeder neuen Bilderschau, die hier präsentiert wird, entstaubten die Ausstellungsmacher endgültig das Biedermeier-Image der Wachau.

Aber die Kunst geht in Krems noch weiter. Von der Kunsthalle führt eine Museumsmeile hinein in die Altstadt – vorbei an Kunstgalerien und zwei Spiegeln, die einander gegenüber stehend an Häuserwänden angebracht sind. Kaum ein Tourist schafft es, an diesem Kunstwerk vorbei zu schlendern, ohne davon ein Foto zu knipsen.

Österreich - nördliche Wachau - Spiegel-Installation in der Kunstmeile von Krems

Spiegel-Installation in der Kunstmeile von Krems

Die Altstadt von Krems rangiert in der Weltkulturerbe-Liste der Unesco gleichberechtigt neben der gesamten Kulturlandschaft Wachau, die sich diesen Titel mit ihren terrassenförmig angelegt Weinbergen verdient hat. Das Klima verwöhnt hier den Wein – und damit auch die Menschen – in besonderer Weise: Als enges Tal liegt die Wachau zwischen den Höhen des Waldviertels und des Dunkelsteiner Waldes und ist bestens geschützt gegen Winde aus dem kälteren Norden und Westen.

Aber nicht nur deshalb bevorzugten Langstrecken-Radwanderer das linke Ufer – also die nördliche – Seite der Donau, wenn sie auf dem Weg vom bayrischen Passau nach Budapest die Wachau durchqueren. Denn viele von ihnen schwören, dass hier die landschaftlich schönste Etappe des gesamten Donauradwegs entlang führt.

Österreich - nördliche Wachau - Ausflugsdampfer

Am allerschönsten ist natürlich immer noch diese Kombination: Wer als Radwanderer in der Wachau einen Ruhetag einlegt, kann morgens zu einer Bike-Tour durch die Weinberge aufbrechen und nachmittags mit dem Schiff zurück ins Quartier fahren. Der legendäre Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän arbeitet heute zwar für Reedereien mit solch profanen Namen wie „Blue Danube“ oder „Brandner“. Aber die Schönheiten der Wachau erschließen sich aus keiner Perspektive so gut wie vom Deck eines Donau-Fahrgastschiffes.

Und auch diese liebliche Schönheit kommt nicht von ungefähr. Das an einigen Stellen recht enge Tal der Wachau ist auch bestens gegen Eindringlinge gewappnet. Einst schützte dieser Standortvorteil vor den osmanischen Heeren und anderen Gefahren. Und heute kann der Tourismus hier keine große Unruhe stiften. Die Donau-Uferstraße erlaubt zwar inzwischen, die nördliche Wachau bequem zu durchfahren. Aber die meisten Ortsdurchfahrten sind hier immer noch ein Reservat für Radwanderer.

Sogar in dem verkehrstechnisch und gastronomisch bestens erschlossenen Dürnstein verhindern die verwinkelten Gässchen und fehlende Parkplatzmöglichkeiten einen touristischen Massenansturm. Weil also die Wachau als Donau-Durchbruchstal über keine Ausdehnungsmöglichkeiten verfügt, ist hier kein Platz für Bettenburgen.

Österreich - nördliche Wachau - Idyllische Gasse in Dürnstein

Idyllische Gasse in Dürnstein

Das Übernachtungsangebot wird geprägt von kleinen Häusern mit jeweils eigenem Charme. Das reicht vom Wohnen beim Weinbauern bis hin zur Fünf-Sterne-Adresse. Und auch die Gastronomie orientiert sich eher an Klasse statt Masse und verführt den Gast dazu, sich auf ein gemächliches Genießer-Tempo einzupendeln.

Immer wieder lädt ein Buschenschank (so nennen die Österreicher jene Weinlokale, in denen die Winzer ihre eigenen Produkte ausschenken) zur Rast ein. Und sogar der architektonisch nur mäßig Interessierte steigt gern vom Rad, um die niedrigen Weinbauernhäuser oder ein hoch aufragendes mittelalterliches Gemäuer zu bewundern. Vor allem in St. Michael und Weißenkirchen erzählen die Wehrkirchen, in welche die Menschen einst vor dem Hochwasser und anderen Gefahren flüchteten, eindrucksvoll ihre eigenen Entstehungsgeschichten

Österreich - nördliche Wachau - Wanderweg durch Weißenkirchen

Wanderweg durch Weißenkirchen

Auf die Saison muss der Gast hier keine Rücksicht nehmen. Die Wachau ist ganzjährig geöffnet. Einige Beherbergungsbetriebe zählen zu ihren Stammkunden jene Wachau-Liebhaber, die den Anblick von schwarz-weiß gemusterten Weinterrassen lieben; statt Après-Ski-Jagertee mit Party-Lärm wird in diesen Häusern in kleiner geselliger Runde der erste Jungwein verkostet.

Beim Wachauer Wein denken viele zwar immer noch an süffigen Riesling oder Grünen Veltliner. Aber vor allem die Jungwinzer profilieren sich zunehmend als Erzeuger von anspruchsvollen Rotweinen. Stolz verweisen sie auf eine Tradition: Neuere Ausgrabungen belegen, dass die Kelten schon vor den Römern an den sonnenreichen Berghängen der Wachau Reben anbauten.

Im Frühjahr lockt die Wachauer Marille, eine von der EU als regionale Besonderheit anerkannte Aprikose, mit ihrem Blütenduft. Die Donaustrände laden als Sommerfrische-Klassiker zum Schwimmen und Sonnenbaden ein. Und wenn der Weinlese-Duft über dem Nordufer der Donau liegt, verfärben sich die Weinberge und Mischwälder zu einem Kulturlandschaftsgemälde mit dem Titel „Wachau“.

Österreich - nördliche Wachau

 

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